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02.01.14

Konformismus im Netz: Die Meinung der Anderen

Bei Twitter und in anderen Teilen des sozialen Netzes herrscht ein Konformitätsdruck, der durch die Furcht ausgelöst wird, am virtuellen Pranger zu landen. Die Entwicklung gefährdet langfristig die Demokratie.

konformismusWas ist der Unterschied zwischen einem geschmacklosen, verletzenden oder missverstandenen Kommentar, der beim Kaffee oder Abendessen mit Bekannten fällt und die Runde nicht verlässt, und einem, der in Form eines Tweets, Facebook-Eintrags oder Blogartikels schriftlich Ausdruck findet? Im erstgenannten Fall folgt vielleicht eine peinliche Pause oder ein mahnender Einwurf eines Gesprächspartners. Lässt sich die Aussage jedoch öffentlich im Netz einsehen, drohen weitreichendere Konsequenzen: 2013 führten unbedachte Äußerungen, die per Twitter-Nachricht verbreitet wurden, mehrfach zu Entlassungen der verantwortlichen Urheber durch ihre Arbeitgeber. So erging es zwei Besuchern der Entwicklerkonferenz PyCon (eine Geschichte mit mehreren Ebenen), dem einstigen Technikchef des Onlinemagazins Business Insider Pax Dickinson sowie der PR-Beraterin Justine Sacco. Glimpflicher davon kamen der Professor Geoffrey Miller, der für einen als beleidigend empfundenen Tweet von seiner Universität "nur" mit einer Reihe von Sanktionen belegt wurde, sowie der amerikanische Startup-Guru Paul Graham, der sich in den vergangenen zwei Monaten gleich zweimal mit provokativen Aussagen in die Brennnesseln setzte und daraufhin in sozialen Medien kräftig in die Kritik geriet. Das soziale Netz, ein gefährliches Pflaster

Die Medienaufmerksamkeit, die diese und ähnliche Vorfälle nach sich zogen, garantiert, dass die meisten sich aktiv am Geschehen im Netz beteiligenden Menschen heute wissen, dass auf das schnelle Publizieren von Meinungen und Gedanken ausgelegte Onlinekanäle zu einem gefährlichen, mitunter existenzbedrohenden Pflaster werden können. Die Rache des Mobs ist gnadenlos und kaum kontrollierbar, kommt ein "Shitstorm" erst einmal so richtig ins Rollen. Schnell ist dann seitens eines Unternehmens eine Kündigung ausgesprochen - als durchaus nachvollziehbare Maßnahme und einzige Lösung, um sich vor einer Kollektivbestrafung der aufgebrachten Netznutzer zu schützen. Ob angemessen oder nicht, danach fragt in dieser Situation niemand.

Ungeachtet der Dummheit und Primitivität, die ich der ein oder anderen oben verlinkten Twitter-Entgleisung attestieren möchte, ist diese Dynamik der reflexartigen Empörung in Gruppen und daraus folgenden unverzüglichen Eskalation ein Problem, welches weit über die kleinen Filterblasen der Netzgemeinde hinausgeht. Bedenklicher als der aus der Sorge um die persönliche Reputation geborene grundsätzliche Verzicht auf persönliche Tweets, wie vom renommierten Ökonom Paul Krugman praktiziert, ist der Konformitätsdruck, der entsteht. Denn der sicherste Weg, um sich im öffentlichen Onlinediskurs nicht die Finger zu verbrennen, ist die Übernahme aller internetspezifischen Populärmeinungen und der Verzicht auf jede Äußerung, bei der mit einer massiven Opposition zu rechnen ist.

Gruppenzwang in der Digitalära

Der Karlsruher Dozent Patrick Breitenbach bezeichnet den aktuellen Zustand als "Phase der Hyperzivilisierung durch maximale "'Soziale Kontrolle'". Der größte Druck gehe nicht von der Überwachung durch Staaten oder Machteliten aus, sondern von der Masse der Nutzer selbst. "Wir machen uns freiwillig transparent und werden von 'der Crowd' überprüft und mitunter bestraft", so Breitenbachs treffende Situationsbeschreibung. Der Blogger und Professor Josiah Neeley sinniert ebenfalls über dieses Phänomen. Er sieht die entscheidende Schwäche am Prinzip der Bestrafung durch die Masse darin, dass dabei nicht schädliche oder falsche Sichtweisen zum Verstummen gebracht werden, sondern vorrangig unbeliebte Perspektiven.

Schon länger existieren Befürchtungen darüber, dass der Gruppenzwang in der vernetzten Digitalära zunimmt. Das Streben von Millionen Nutzern nach "Likes" habe zur Folge, dass Menschen ihre im Web publizierten Inhalte daran anpassen, was ihre Kontakte am ehesten mit einem "Gefällt mir" honorieren, vermutete der Autor Neil Strauss vor zweieinhalb Jahren. Studien zeigen auch, dass Menschen ihr eigenes Handeln und Denken stark an den Haltungen anderer, ihnen nahestehender Personen ausrichten. Trotz aller nach außen getragener Differenzierungsversuche besitzen Menschen demnach einen Mechanismus, der sie dazu animiert, sich möglichst nicht zu stark von anderen Individuen in ihrer Gruppe zu unterscheiden. In sozialen Netzwerken, in denen Nutzer permanent darüber im Bilde sind, was ihre Freunde und Bekannten gerade treiben und was sie bewegt, wird diesem Konformitätsdrang reichlich neues Futter geboten.

Das in den meisten von uns verankerte Verlangen, gemocht zu werden, und die Furcht, zum Hassobjekt der Social-Media-Sphäre zu avancieren, setzen bedenkliche Anreize für ein kategorisches Mit-dem-Strom-schwimmen und eine verbreitete Selbstzensur, die im Endeffekt zu einem völlig verzerrten Bild der öffentlichen Meinung führt. Dies ist insofern kritisch zu beurteilen, als dass klassische Medien heutzutage gerne die Stimmung im Netz als gesamtgesellschaftliche Trendindikatoren verwenden und damit eine Verstärkung von Tendenzen verursachen, wodurch letztendlich auch politische Entscheidungen beeinflusst werden. Eine funktionierende Demokratie benötigt eine Bereitschaft der Bürger zur freien Meinungsäußerung - etwas, was zumindest bis zu einem gewissen Grad bedroht scheint.

Empathie als Ausweg 

Ausweglos ist die Lage nicht. New-York-Times-Kolumnist Frank Bruni schlägt analog zur "Slow Food"-Bewegung eine Verlangsamung der Debatten im Web vor - und er spricht sich für mehr Empathie aus. In eben dieser Empathie sehe ich die ultimative Lösung - und gleichzeitig eine der größten Herausforderungen. Empathie, also die Fähigkeit, die Gefühle anderer Personen nachempfinden zu können und zu verstehen, wieso sie so fühlen, sei die wichtigste Eigenschaft des Menschen, stellte der Webentwickler und Open-Source-Evangelist Ed Finkler kürzlich in einem Blogbeitrag fest. Ich glaube, er hat recht. Empathie verhindert das spontane, oft nicht hinreichend reflektierte Aufbrausen, wenn uns in unseren Social-Media-Streams eine befremdliche Aussage ins Auge sticht. Anstatt sofort in laute Empörung auszubrechen, wenn uns eine vorgetragene Perspektive gegen den Strich geht, gestattet uns Empathie eine konstruktivere, besonnenere Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt und der Frage, wieso eine andere Person sich zu der jeweiligen Handlung überhaupt bewogen sah. Ein Eintauchen in eine andere Welt sozusagen, in der nicht wir selbst der Mittelpunkt sind.

Die Effektivität von Empathie als Instrument zum besseren Konfliktmanagement und zur Akzeptanz konträrer Standpunkte beschränkt sich freilich nicht auf Social Media. In sämtlichen unserer sozialen Beziehungen kann das Vorhandensein von Empathiefähigkeit Wunder bewirken. Doch wenn Twitter, um es mit den Worten von Nico Lumma zu beschreiben, tatsächlich ein "Werkzeug der Empörung, der permanenten Kritik an allem und jedem" geworden ist, dann klingt dies, als sei eine Dosis Empathie dort besonders von Nöten.

Ich habe mir für 2014 vorgenommen, ganz generell an meiner Empathiefähigkeit zu arbeiten, und würde mir wünschen, wenn ich damit nicht der einzige bin. Der Konformitätsdruck des sozialen Netzes ließe sich vermeiden, wenn Nutzer nicht damit rechnen müssten, für einen einmalig vorkommenden unglücklichen, anstößigen oder stereotypischen Tweet umgehend an den virtuellen Pranger gestellt und dort zerfetzt zu werden. So verlockend und aus individueller Sicht gerechtfertigt eine zünftige Maßregelung auch sein mag, so leicht kann sie über das Ziel hinausschießen, wenn sie von Hunderten oder Tausenden gleichzeitig kommt. Je länger wir uns Zeit für ein Abwägen einer eventuellen Reaktion geben und je empathischer wir dem "Übeltäter" oder der "Übeltäterin" gegenübertreten, desto angemessener und konstruktiver wird eine womöglich folgende Diskussion. Einfach nur wild und emotional drauflos zu streiten, mag zwar ab und an Spaß machen. Auf Dauer sorgt es aber für ein vergiftetes Klima und einen Konformismus, der Meinungsfreiheit und Demokratie mindestens ebenso bedroht wie die Überwachung durch Geheimdienste und Regierungen. /mw

(Foto: Group Of Business People Sitting In A Line, Shutterstock)

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