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28.06.13

Kompatibilität: Der mögliche Einfluss von Sprache auf die Attitüden zum Netz

Sprecher unterschiedlicher Sprachen sehen die Welt mit anderen Augen. Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Sprachen bei ihren Anwendern eine größere Kompatibilität mit der digitalen Ökonomie und der vernetzte Welt schaffen als andere.

Wieso ist Deutschland im digitalen Bereich trotz eigentlich idealer Voraussetzungen ein Entwicklungsland? Warum scheinen die USA so viel erfolgreicher darin zu sein, Webunternehmen zum Erfolg zu bringen? Was machen kleine Nationen wie Israel oder Schweden anders als etwa Frankreich oder eben Deutschland? Wieso gelingt es ihnen, mit Internet- und IT-Innovationen global Akzente zu setzen, während die führenden Volkswirtschaften Europas in über 15 Jahren nichts Vergleichbares zustande gebracht haben?

Antworten auf diese Frage lassen sich unzählige nachlesen. Letztlich gibt es wenig Themen, die in hiesigen Netzkreisen in den vergangenen Jahren häufiger debattiert wurden als der schon fast chronisch anmutende Rückstand der Digitalwirtschaft, die Zurückhaltung der Bürger und das stetige Versagen der Politik, an der Misere etwas zu ändern. Doch obwohl momentan Hoffnung geschöpft wird, wirkt es fast so, als seien einige Länder für immer dazu verdammt, dabei zuzusehen, wie andere Kulturen scheinbar ohne Anstrengungen einen Knaller nach dem anderen hervorbringen. Über die Vielzahl der hinlänglich besprochenen Faktoren, die zu dieser Situation geführt haben, soll es an dieser Stelle nicht gehen, sondern um einen möglichen, eher subtilen Aspekt: die Sprache. Wer eine eindeutige, nicht anzuzweifelnde Antwort darauf erwartet, inwieweit einzelne Sprachen der Etablierung eines funktionierenden, einflussreichen digitalen Ökosystems förderlich sind und andere nicht, den muss ich enttäuschen: Es handelt sich um nicht mehr als einige Gedanke inklusive Hypothese, deren Validität schwer zu beweisen sein dürfte. Ganz ohne Indizien für die These, die Sprache könnte sich zumindest indirekt auf das Gedeihen von nationalen Internetstandorten auswirken, stehe ich jedoch nicht da. Um einmal bei den drei Sprachen zu bleiben, die ich beherrsche: Deutsch ist in höchstem Maße komplex, kompliziert, geprägt von Ausnahmeregelungen und einem enormen, stark nuancierten Wortschatz. Zudem müssen Sprecher auf Formalitäten achten, allen voran die Unterscheidung zwischen dem Duzen und Siezen. Englisch mag, wenn man richtig gebildet klingen und beeindrucken möchte, auch nicht gerade ein Spaziergang sein, kommt aber in der Umgangssprache, vor allem im US-amerikanischen Raum, deutlich weniger formell daher. Auch bleibt es Sprechern in den meisten Szenarien erspart, unterschiedliche pronominale Anredeform wählen zu müssen. Schwedisch wirkt auf mich wie eine deutlich vereinfachte Variante des Deutschen: Es gibt sehr viel weniger Grammatik, ein kleineres Alltagsvokabular und viel weniger unterschiedliche Begrifflichkeiten mit nahezu (aber nur nahezu) identischer Bedeutung. Im Alltag wird zudem von wenigen Ausnahmen abgesehen jeder geduzt und mit dem Vornamen angesprochen. Wo wir beim Duzen sind: Im in Israel gesprochen Hebräisch existiert gar keine Siez-Form (das weiß ich nicht aus eigener Erfahrung sondern von Wikipedia).

Betrachtet man die vier Länder Deutschland, USA, Schweden und Israel, dann lässt sich konstatieren, dass in den im Netzsegment äußerst erfolgreichen Staaten dieser Gruppe die Alltagssprache eine geringere Komplexität (Schwedisch, Englisch) aufweist und aufgrund des Fehlens von vom sozialen Status und der Beziehung zueinander abhängiger Anredepronomen weniger formell und hierarchiebetonend ist. Gegenbeispiele hierfür sind Deutschland oder Frankreich, oder auch Japan - eine andere Nation, die zwar im technisch geprägten Industriesektor glänzt, aber im Software- und Internetsegmet der globalen Speerspitze weit hinterhinkt. Die japanische Sprache ist nicht nur berühmt-berüchtigt für ihren hohen Schwierigkeitsgrad, sondern hebt noch weitaus deutlicher als etwa das Deutsche formelle Aspekte und Höflichkeitsetikette hervor.

Nun heißt eine Korrelation nicht automatisch, dass auch eine Kausalität vorliegt. Doch dass unterschiedliche Sprachen zu unterschiedlichen Handlungs- und Denkprozessen bei Menschen führen, ist eine Tatsache, die im Buch  Why The World Looks Different In Other Languages von Guy Deutscher sehr schön erläutert wird. Wie der Name verdeutlicht, schildert der Autor darin anhand von Beispielen und historischen Diskursen, wie Menschen abhängig von ihrer jeweiligen Muttersprache und des darin existenten Wortschatzes (sowie natürlich auch grammatikalischer Regelungen) die Welt mit zum Teil anderen Augen sehen.

Generell halte ich das Bewusstsein über diese Sachlage für gering bis nicht vorhanden. Offensichtlich wird sie jedoch stets bei deutschsprachigen Synchronisationen englischsprachiger Filme. Häufig enthält die übersetzte Fassung mit den verwendeten Begriffen verbundene Wertungen und mit ihnen von deutschen Sprechern verknüpfte Assoziationen, die die gesamte Stimmung beeinflussen und ihm schlimmsten Fall die Charakter von einzelnen Schauspielern in ein ganz anderes Licht tauchen, als dies in der Originalfassung vorgesehen war. Einige prägnante Beispiele aus Woody-Allen-Filmen, die in diesem Artikel zusammengetragen wurden: Aus "elderly women“ wird „uralt“, „that guy with you“ wird zum „Clown da neben dir“, „women“ werden zu „tollen Bienen“ und aus einem „You‘re going to love her“ wird ein „Da zieht‘s dir die Schuhe aus“. Wer auch nur ein bisschen sprachliche Sensibilität besitzt, wird die Unterschiede sehen.

Wäre es vorstellbar, dass Sprachen mit reduzierter Komplexität, Formalität und Hierarchiedenkweise bei ihren Sprechern Eigenschaften befördern, die in hohem Maßen kompatibel mit den Merkmalen der vernetzten Welt sind, während vielschichtige, komplexe und stark differenzierte Sprachen bei ihren Anwendern zu Verhaltensmustern, Wertebildungen und Perspektiven führen, die sich mit den Grundgesetzen des Webs und seiner Ökosysteme nicht vertragen?

Ich halte dies durchaus für möglich, ohne es beweisen zu können. Stattdessen möchte ich abschließend zu einem Gedankenspiel anregen: Wie würden sich die USA und Deutschland verändern, wenn Bürger am Montag plötzlich mit vertauschten Muttersprachen aufwachen würden? In den Vereinigten Staaten spräche man auf einen einen Schlag Deutsch, bei uns wäre Englisch offizielle Landessprache. Wer glaubt, alles bliebe abgesehen von der erforderlichen Übersetzung von Formularen und Verwaltungsprozessen so wie immer?

Nachtrag: Eine passende Ergänzung ist dieser Ted-Talk darüber, wie die in verschiedenen Sprachen unterschiedlich gehandhabte Formulierung von in der Zukunft liegenden Ereignissen das Verhalten von Menschen beeinflusst (Danke Leonardo).

(Illustration: set of language bubble with flags, Shutterstock)

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