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09.06.09

Kommunikations- und Publikationsnetzwerke: Die 2 Klassen von Social Networks

Es kristallisieren sich zwei Klassen von sozialen Netzwerken heraus: Auf private Interaktion zwischen Bekannte spezialisierte Netzwerke und solche, welche hauptsächlich für die Distribution von Inhalten verwendet werden.

Netzwerk ((c) iStockphoto.com)In den letzten Monaten und Jahren sind eine Menge soziale Netzwerke entstanden, die in ihrer Entwicklung teilweise recht unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Dabei haben sich zwei von einander mehr oder wenige abtrennbare Klassen herauskristallisiert, die wir hier vorstellen und von einander abgrenzen wollen.

Bei den beiden Ausprägungen handelt es sich zum einen um oft nichtöffentliche Netzwerke, die für die Kommunikation unter bereits anderweitig Bekannten genutzt wird: Kommunikationsnetzwerke.

Die zweite Variante ist inhaltezentrisch. Die Publikationsnetzwerke werden vornehmlich zum Veröffentlichen und Austauschen von verschiedensten Inhalten verwendet.

Im Folgenden grenzen wir die zwei Netzwerkvarianten in den wichtigen Eckpunkten von einander ab:

Kommunikationsnetzwerke:

  • Zweck: Konversation und private Interaktion unter Menschen, die sich bereits kennen

  • Soziale Objekte, um welche herum Kommunikation und Aktivität entsteht: Aktivitäten der einzelnen Nutzer

  • Sich vernetzende Teilnehmer: Freunde und Bekannte

  • Basis der Vernetzung: Soziale Beziehungen zwischen den Teilnehmern

  • Art der Vernetzung: Symmetrisch. Das heißt, die Teilnehmer sind erst miteinander verbunden und können die Aktivitäten des anderen erst sehen, wenn sie sich gegenseitig hinzugefügt haben.

  • Sichtbarkeit: In der Regel privat

Publikationsnetzwerke:

  • Zweck: Das Publizieren, Verteilen und Diskutieren von Inhalten jeglicher Art

  • Soziale Objekte, um welche herum Kommunikation und Aktivität entsteht: Inhalte, sprich Texte, Audio oder Video selbst oder Links zu diesen Inhalten

  • Sich vernetzende Teilnehmer: Sender und Empfänger von Inhalten

  • Basis der Vernetzung: Die vom Sender publizierten Inhalte

  • Art der Vernetzung: Asymmetrisch. Das heißt, man kann einem Teilnehmer folgen und seine Aktivitäten sehen, ohne dass dieser zurückfolgen muss. Symmetrische Vernetzung ist fakultativ.

  • Sichtbarkeit: In der Regel öffentlich

Weitere Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Während Kommunikationsnetzwerke nahezu immer privat sind, kommen Publikationsnetzwerke meist mit der Option, zwischen öffentlich und privat entscheiden zu können. Die Default-Einstellung ist dabei immer öffentlich.

Auf privat gestellt können Publikationsnetzwerke damit auch wie Kommunikationsnetzwerke verwendet werden. Eine Vermischung der Einsatzausprägungen findet man deshalb oft auf Publikationsnetzwerken wie Twitter. Nicht wenigen Nutzern ist auch egal, ob ihre privaten Aktivitäten öffentlich stattfinden (was bisweilen bei Beobachtern zu Verwirrung führen kann ).  Das heißt nebenbei nicht, dass ihnen ihre Privatsphäre egal wäre. Sie gehen nur mehrAktivitäten  öffentlich nach als andere (wie Menschen, die sich mit Freunden bevorzugt in Cafes und Restaurants treffen, statt in den jeweiligen Wohnungen).

Auf Publikationsnetzwerken wird der Name frei gewählt und die User können zwischen bürgerlichen Namen, Pseudonymen und Markennamen mehr oder weniger frei wählen ( lediglich ab einer bestimmten Netzwerkgröße werden vermehrt Impersonationen und unerlaubt genutzte Markennamen logischerweise geahndet).

Bei Kommunikationsnetzwerken wird in der Regel der bürgerliche Name verwendet.

Das ist auch nachvollziehbar: Kommunikationsnetzwerke werden von Privatpersonen genutzt, Publikationsnetzwerke können User neben Privatpersonen auch Publikationsteams sein.

Für alle Netzwerke gilt das Follower-Prinzip.

Business-Netzwerke

Einen interessante Mischform sind auf Geschäftsbeziehungen setzende Netzwerke wie XING und LinkedIn. Während sie im Kern Kommunikationsnetzwerke sind (Privatpersonen als User, bürgerliche Namen, symmetrisches Vernetzen), verfügen sie auch über Merkmale, die man eher bei Publikationsnetzwerken findet (mehr Augenmerk auf Öffentlichkeit der Profile, Netzwerken nicht ausschließlich mit Freunden und Bekannten, Soziale Objekte sind neben Useraktivitäten Inhalte, welche um die jeweilige Branche kreisen). Deswegen war die Übernahme der Social-News-Site Socialmedian von XING auch ein gekonnter Schachzug (die Integration dagegen lies lang auf sich warten). Obwohl auf XING als soziales Objekt hauptsächlich die Aktivitäten der User und ihre Eins-zu-Eins-Kommunikation zum Tragen kommt, geht es auch für viele Mitglieder um (Branchen-)Inhalte. Man schaue sich nur die Aktivitäten in den Foren von XING an.

Konsequenzen und Erkenntnisse

Betrachtet man die zwei Ausprägungen, werden zwei Dinge schnell offensichtlich:

1. Facebook macht bisher fast alles richtig: Facebook ist als Kommunikationsnetzwerk privat. Facebook ist darauf bedacht, dass Menschen ihre bürgerlichen Namen verwenden und nur ihnen tatsächlich Bekannte hinzufügen.

2. Die Probleme von MySpace, das wie ein Frankenstein aus Kommunikations- und Publikationsnetzwerk wirkt, hat Probleme, die tiefgehend und wohl irreparabel sind: Viele User nutzen es als Kommunikationsnetzwerk. Gleichzeitig nutzt praktisch jeder ein Pseudonym.

Auf studiVZ sieht man auch zunehmend User, welche von ihrem bürgerlichen Namen zu Pseudonymen wechseln. Gefährlich für ein Kommunikationsnetzwerk, welches vor allem von seiner Privatheit lebt. Wenn die eigenen Nutzer darauf nicht mehr vertrauen, hat das Netzwerk ein ernsthaftes Problem. Auch der Social Graph wird immer weniger nützlich für die User, wenn die Freunde Pseudonyme nutzen (das gleiche gilt für MySpace).

Gleichzeitig zeigt sich, dass Facebook einen fundamentalen Fehler machen könnte, wenn es zu sehr versucht, Twitter zu imitieren. Es würde bedeuten, wichtige Merkmale der eigenen Kategorie zugunsten der anderen aufzugeben.

Same old, same old

Neu ist das alles nur bedingt. Auch bei Blogs gibt es jene, die für Freunde geschrieben werden und jene, die im eher traditionellen Sinn Publikationen mit klar verteilten Rollen des Senders und des Empfängers sind. Wie Clay Shirky in Here Comes Everybody ausführt, ist das wesentlich Neue im Netz, dass wir jetzt verschiedene Dinge (Kommunikation, Publikation) mit ein und demselben Medium ausführen.

Die Entwicklungen bei sozialen Netzwerken, die ich in diesem Artikel versucht habe, nachzuzeichnen und zu klassifizieren, zeigen, dass die Social-Media-Landschaft sich ausdifferenziert und bessere Ausdrucksmittel für die verschiedenen Aktivitäten findet.

Trotz aller Ausdifferenzierung und Klassifizierungen sollte man aber nicht vergessen: Die Übergänge sind oft eher fliessend als konkret abtrennbar und eine Abgrenzung mehr Gedankenstütze für einige Entscheidungen und Analysen als eine abschließende Schubladisierung.

Was die Aktivitäten der Teilnehmer in den Netzwerken angeht: Kommunikation und was Sendung von Inhalten ist, entscheidet sich weiterhin von Fall zu Fall und nicht von Medium zu Medium. Egal wie ausdifferenziert die Interaktionsformen online werden.

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