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10.12.14

Kommunikations-App Wire: Wer viel verspricht, enttäuscht sehr leicht

Das Startup hinter der neuen deutsch-schweizerischen Kommunikations-App Wire rühmt sich mit seiner Branchen-Erfahrung und hat große Ambitionen. Doch das Resultat sorgt für Ernüchterung.

WireAls in der vergangenen Woche die in Berlin und im Schweizerischen Zug beheimatete Kommunikations-App Wire an den Start ging, wirkte das Ganze im ersten Moment sehr mächtig: Ein Team von 50 Leuten soll schon seit längerem an der App gearbeitet haben, die Gründung fand bereits im Herbst 2012 statt. Bei einigen der führenden Köpfe handelt es sich um ehemalige Skype-Leute. Dessen Mitgründer Janus Friis gehört zu den Geldgebern. Zudem ist zu hören, dass Angestellte dazu angehalten worden waren, bis zum Debüt nicht zu verraten, wer ihr Arbeitgeber ist. Ziel war augenscheinlich, mit einem lauten Knall, hochkarätigen Initiatoren und einer Präsenz in Europas junger Startup-Hauptstadt Berlin aus dem Stand für Furore zu sorgen.

Doch gerade weil es sich bei Wire nicht um ein Vorhaben von drei unbedarften, auf ihre eigenen Ersparnisse zurückgreifenden Gründern handelt, ist das Resultat der Arbeit dürftig. Gleich mehrfach tritt der Dienst in Fettnäpfchen, die man Neulingen durchaus noch verzeihen könnte, die bei auf ihre Erfahrung pochenden alten Füchsen und der gewählten “Big-Bang”-Launchstrategie aber negativ auffallen:

  • Wire liefert keinen überzeugenden Grund, warum man den Dienst eigentlich nutzen soll. Zwar heißt es in der Selbstbeschreibung, dass Wire ein Kommunikationserlebnis biete wie kein anderer Dienst. Doch die Realität sieht so aus: Der Markt für Chat- und VoIP-Apps ist dicht gedrängt, größtenteils verteilt, und er befriedigt die Anforderungen der User weitgehend. Diese haben in den vergangenen Jahren derartig viele Services ausprobiert, dass sie sich nicht mehr mit ein paar hübschen Worten ködern lassen.

  • Wer Wire installiert, hat aufgrund der geringen Zahl an Nutzern mitunter das Problem einer leeren Kontaktliste. Die App ist dann zu nichts zu gebrauchen. Von einem derartig ambitioniert wirkenden Vorhaben und in dem gewählten Marktumfeld müsste man eigentlich die Bereitstellung eines Single-User-Purpose erwarten - also einer Funktionalität, die einen selbst bei leerer Kontaktliste noch etwas in der App hält. Ein Bot, mit dem man sämtliche Kommunikationsfeatures einmal ausprobieren könnte, wäre eine nette Spielerei.

  • Die Benutzeroberfläche ist das Gegenteil von intuitiv. In meinen Tests mit einem Freund wussten wir beide nicht, wie man Wire überhaupt bedienen soll. Es scheint, also wurde der Fokus auf Minimalismus völlig übertrieben.

  • Wire leistet sich eine Reihe von Schwächen in puncto Datenschutz, wie David Meyer bei GigaOm erläutert. In einer Zeit, in der selbst WhatsApp Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Chats bekommt, verpasst es Wire, hier frühzeitig hohe Standards zu setzen.

  • Der Name "Wire" klingt zwar nett, erschwerte aber aufgrund der großen Zahl an Treffern zumindest in den ersten Tagen das Auffinden in den App Stores. Auch aus Sicht der Suchmaschinen-Sichtbarkeit ist die Bezeichnung nicht ideal.

Enttäuschungen sind besonders dann groß, wenn die Erwartungen extra hoch angelegt werden. Das trifft beim Launch von Wire zu. Gegenüber The Guardian beschrieb Janus Friis den Dienst als “from-the-ground-up reimagination of what communication should be”. Erfüllen kann Wire dies erst einmal nicht. Aktuell wirkt der Dienst eher wie das Resultat einer Vision, die hinter verschlossenen Türen verwirklicht wurde, nur um sich dann als untauglich für reale Marktgegebenheiten zu erweisen. Vielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, mit einem MVP anzufangen, anstatt lange im stillen Kämmerlein zu werkeln. /mw

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