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25.06.07Leser-Kommentare

Kommt jetzt der Spiegel in die Schweiz?

Spiegel Extra Schweiz, so heisst die 52seitige Beilage im Spiegel, die heute in die Schweizer Ausgabe des deutschen Nachrichten-Magazins geheftet ist. Nach der Lektüre fragt man sich, wann und wie genau der Spiegel in den Schweizer Markt einsteigt.

Spiegel Extra Weltmacht Schweiz

Die Schweizer Wochenmagazine Facts und Cash sind noch gar nicht richtig tot, schon beschäftigt sich der Spiegel mit seinen Schweizer Lesern. Zum aktuellen Spiegel gibt es diese Woche an Schweizer Kiosken als Zuckerl das Spiegel Extra Schweiz.

Das Sonderheft, für das zum Beispiel im Tages-Anzeiger Werbung geschaltet wurde, ist zwar solide, aber auch nicht herausragend. Wer regelmässig entweder den Spiegel, mehrere Schweizer Publikationen oder beides liest, kann dieses Heft kaum überraschen. Interessant und erhellend wäre das Heft vor allem für Nicht-Schweizer. Wenn sie sich denn dafür interessieren würden.

 

Das Titelbild gefällt mir, aber wer könnte schon ernsthaft von sich behaupten, beim Anblick des Matterhorns im Morgenlicht in Schreikrämpfe ausbrechen zu müssen. Es ist doch einfach ein schöner Berg, ganz egal, wo der steht. Und damit kann man auch kaum etwas falsch machen. Dass damit leicht Geld zu machen ist, wusste schon die Toblerone.

Spiegel Abo-Angebot

Im Heft geht es so weiter. Die Schweiz ist superduper: "Erfolgsmodell Schweiz", "Die beliebtesten Ausländer", "Schweizer und Deutsche mögen sich doch", so heissen die drei ersten Themen im Blatt. Was auf mich anbiedernd und wie eine redaktionelle Abonnementaktion für die Schweiz wirkt. Nicht ein schweizkritischer Artikel ist dabei - wenn man vom Zürcher Forscher absieht, der den Schweizer Kühen das Rülpsen abgewöhnen möchte. Könnte es sein, dass der Spiegel ernsthaft den Gedanken trägt, in den Schweizer Markt einzusteigen? Und vielleicht bald einen echten Schweizer Spiegel macht - um so den durch die verstorbenen Wochenpublikationen Cash und Facts etwas frei gewordenen Schweizer Markt zu beleben?

Zuerst aber gibt nur mal ein Test-Angebot des regulären Spiegels. Mit 40% Rabatt. Was einerseits grosszügig erscheint - so 40% klingen doch ganz gut. Konkret sind geht es um 12 Ausgaben für CHF 44.60 (statt CHF 74.40). Andererseits bietet der direkte Schweizer Konkurrent, die Weltwoche, zurzeit 10 Ausgaben für CHF 30. Und ein Blick in die USA zeigt, dass durchaus auch Rabatte von 78% drinliegen.

DJ Bobo HungerZum Inhalt: Blocher, DJ Bobo, Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, Deutsche vs. Schweizer, Bankgeheimnis, Schweizer Garde, Wiktor Wexelberg, Martin Heller. Nichts, das man noch nie gelesen hat. Nicht mal was, das man in Deutschland noch nie gelesen hat. Aber das würde ja auch für Schweizer Leser wenig Sinn machen. Dennoch kann man sagen, dass falls der Spiegel tatsächlich mehr als nur den deutschen Spiegel in der Schweiz herausgeben möchte, bei der Redaktion und bei der Themenwahl deutlich zugelegen werden muss. In dieser Form wird das nämlich kaum einer kaufen.

Aber gute Ansätze sind schon dabei. Der Journalist Thilo Thielke, der offenbar DJ Bobo in Äthiopien begleitet hat, hat dessen Orientierungslosigkeit und Abhängigkeit von PR-Leuten sehr schön aufgezeichnet. Aber nur auf eineinviertel Seiten. Lohnt es sich, einen Reporter nach Afrika zu schicken und danach das Ergebnis auf so wenig Raum auszubreiten?

Man erfährt auch Neues: Bundesrat Christoph Blocher zum Beispiel soll seit seiner Zeit als Bauernknecht jeden Tag um halb sechs aufstehen und dann seine 6,4 Kilometer rennen. Stimmt das wirklich? BR Blocher, schon zeitlebens ein Jogger?

EU SchweizTeilweise spannend ist die Statistik-Doppelseite: 69% aller 18-29jährigen Schweizer wären gegen einen EU-Beitritt. Ein Entscheid, für den nur 12% aller 18-29jährigen Deutschen kein Verständnis haben.

Sonst aber bleibt alles mehr oder weniger im Mittelmass. Sowohl die gegenseitigen Zahlen als auch die gegenseitigen Einschätzungen.

Links der lustigste Deutsche, Harald Schmidt, dem das "Verknöcherte und Reaktionäre" an der Schweiz gefällt. Rechts der lustigste Schweizer, Emil Steinberger. Er sagt: "In Deutschland gibt es zwei Fronten, und es geht nur darum, den anderen fertigzumachen."

Statistik Doppelseite

Nichts, dass irgendjemanden vom Hocker reissen würde.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Cyril

    25.06.07 (15:54:15)

    "Links der lustigste Deutsche, Harald Schmidt, dem das ?Verknöcherte und Reaktioninäre? an der Schweiz gefällt." eben dieses zitat von schmidt brachte "der bund" in seiner ausgabe vom 1.4. 2006. (und diverse andere schweizer medien danach; unter anderem das facts im mai letzten jahres) toll, dass die hamburger kollegen auch die archivrecherche beherrschen!

  • martin

    25.06.07 (23:14:56)

    ich persönlich hatte das heft leider noch nicht in der hand. heute habe ich allerdings gehört, dass das ganze wirklich nicht viel mehr als ein aneinanderreihen von texten über schweizer klischees sei - was dein bericht hier doch weitgehend auch besagt. leider! da will ich dann noch lieber mein facts zurück.. ;) wenn man sich den deutschen spiegel anschaut, dann sieht das ja schon ganz anders aus. aber für eine schweizer split-ausgabe müsste dann wohl doch eine richtige redaktion her - das kann dann doch nicht ganz aus der fernen hansestadt erledigt werden! à propos facts: ich hoffe mal, dass es diese woche auch noch eine rückschau auf die allerletzte ausgabe des magazins von dir geben wird. ich habe die ausgabe letzte woche wieder einmal gekauft und muss sagen, dass das heft doch auch qualitativ zugelegt hat - und das verschwindenlassen war evtl. doch etwas vorschnell. bin gespannt, was da der experte meint (vielleicht beinhaltet die letzte ausgabe aber dann nur das übliche geheule mit ausgrabungen aus dem archiv etc. - dann lohnt sich der beitrag bei medienlese sicher nicht!).

  • Jean-Claude

    26.06.07 (16:25:23)

    Aber sorry, bis man solche Stories in Schweizer Medien findet, muss man dann schon sehr weit suchen (bis auf die überflüssige Schweizer-Garde-Geschichte). Die Story zum nicht mehr existierenden Bankgeheimnis ist top, habe ich so noch nirgends sonst gelesen. In freundlichen Worten steht darin, wie wir uns von unserer eigenen Regierung haben belügen lassen, die behauptetet, das Bankgeheimnis todesmutig vor der bösen EU gerettet zu haben. Gelogen! Oder ein Herr Brabeck, Chef von Nestlé, der sich darüber freut, dass die Schweiz eine so schwache Politik hat. Sandortvorteil für internationale Konzerne! Wo lese ich das denn in Schweizer Medien? Auch die Beispiele über die Schweizer im Ausland habe ich so noch nirgends gelesen. Das Special hat schon High quality, wenn auch nach meinem Geschmack ein wenig zu viel Schmeicheleien drin sind. Aber darauf fahren wir Schweizer doch ab, wir sagen es nur nie offen. Sollte die Spiegel-Truppe eine regelmässige Sache draus machen, worauf zu hoffen ist, würden die dann schon noch einen Zahn zulegen, schätze ich.

  • Ronnie Grob

    26.06.07 (21:07:32)

    @Cyril: Ich hab meinen Tippfehler (Reaktioninäre) nachträglich korrigiert. Jetzt steht er halt bei dir falsch dir. Sorry. @Martin: Ich bin wieder in Berlin und hier kriegt man sowas wie das Facts nur an einem Hauptbahnhof. Und das kaum schon am Donnerstag. Vielleicht aber können wir Peter motivieren... @Jean-Claude: Mir ist die inhaltliche Qualität auch aufgefallen. Die Themenwahl war aber ohne eine Überraschung - das langweilt doch schon, bevor man auch nur einen der möglicherweise gehaltvollen Texte gelesen hat. Ein nicht näher spezifizierter Insider, den 20 Minuten ausgegraben hat, fand das Werk weit unter dem Niveau des Spiegels: "Chutzemischt" (was immer das ist).

  • Michèle S.

    26.06.07 (22:38:14)

    Ja, gut, der nicht näher spezifizierte Insider von 20 Minuten ist mir auch aufgefallen. Wahrscheinlich handelt es sich um Martin Kall. Oder um Marco Boselli. Sorry, aber solche anonymen Insiderzitate sind höchstens ein Zeichen dafür, wie schlecht es um den Schweiz Journalismus steht - aus dem Verborgenen irgendwelche Stinkbomben werfen, naja. Ja, das Heft ist tatsächlich thematisch nicht sonderlich überraschend, aber andererseits: na und? Die Themen sind doch auch in den Schweizer Medien meistens die gleichen und wenn ich mir anschaue, wie die Spiegel-Leute das gemacht haben, dann war es doch tatsächlich einfach alles sehr gut gemacht. Mir scheint das eher ein Problem von übersteigerten Erwartungen zu sein ? im Ernst war doch nicht zu erwarten, dass der Spiegel von Hamburg aus und ohne feste Redaktion irgendwelche Schweizer Skandale aufdeckt. Klischeehaft fand ich eigentlich nur das Titelbild. In den Artikeln wurden meiner Meinung nach keine Klischees reproduziert. So etwas wie das Doppelporträt von Botschafter und Russe habe ich jedenfalls weder in Facts noch in Weltwoche je gelesen. Und die Bankgeheimnisgeschichte war zumindest für mich News. Warum hat das eigentlich keiner aufgegriffen? Alles in allem: Natürlich wäre mir ein "richtiger" Schweizer Spiegel auch lieber gewesen, aber dafür müssten die Spiegel-Leute halt kräftig investieren. Und ich frage mich, ob die sich in so einen kleinen und gerade etwas hysterischen Markt wirklich reintrauen. Schön wärs jedenfalls.

  • Ronnie Grob

    26.06.07 (23:14:50)

    @Michèle: Mich würde es auch freuen, wenn ein anderer Wochentitel der Weltwoche, die nun am Donnerstag alleine an den Schweizer Kiosken steht, Konkurrenz machen könnte. Gut, da gibt es noch die WOZ, aber ich kann mich nicht erinnern, wann die das letzte Mal ein Thema gesetzt hat.

  • Pius

    27.06.07 (08:05:56)

    @Martin: Meines Wissens wird es tatsächlich nur ein Abschiedsgeheule geben, mit ganz vielen Fotos und kaum Text, weil dort keiner mehr Lust hat zu arbeiten. Und zum Spiegel: Ich habe das Gefühl, es ist das alte Problem - die Schweizer fühlen sich von den Deutschen nicht ernst genommen, und weil die Hamburger kaum harte Enthüllungs-News sondern einfach nette Geschichten gebracht haben, kann man sich jetzt wieder genüsslich in diesem Gefühl suhlen. Dabei ist dann egal, wie gut die Geschichten waren, da sieht man dann nur noch dass eine Kuh drin ist und Bobo. Dass das eine eine Wissenschaftsgeschichte und das andere eine Reportage aus Afrika waren, ist dann egal. Undsoweiter. Der Primeur über das Bankgeheimnis wird einfach ignoriert und gesagt: "Öu, schon wieder Bankgeheimnis." Der Tagi schrieb, das Heft sei "so deutsch wie Hitlers Schäferhund". Also bitte. Solche Reaktionen sind primitiv, aber sie waren auch zu erwarten. Ich glaube, egal was die Deutschen gemacht hätten, sie hätten sowieso zu spüren gekriegt, dass wir ein Problem mit ihnen haben. Deswegen ist es vielleicht auch besser, sie lassen das mit dem Schweizer Spiegel.

  • Jean-Claude

    27.06.07 (09:30:20)

    Michèle, du fragst, warum der Schweizer Journalismus, der so tut, als wäre der Spiegel-Split ein Schuss in den Ofen (die Verkaufszahlen sagen etwas ganz anderes), solche Primeurs wie die in der Bankgeheimnis-Story nicht aufgreift. Weil Schweizer Journalisten bei solchen Themen doch schon den Schiss in den Hosen haben, bevor sie in die Tasten greifen. Oder sie gehen zuerst lieber mal in die Badi. Bequeme Angsthasen. Klingt jetzt etwas krass, aber als Leser finde ich: der Schweizer Journalismus gibt sich selber auf. Jetzt soll dann die sechste Gratis-Tageszeitung kommen. Das ruiniert den Journalismus. Aber es scheint kaum jemanden zu stören.

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