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28.01.08Leser-Kommentare

Kommt die Internet-Krise 2.0?

Die Nachrichten aus der Wirtschaft sind derzeit alles andere als erfreulich. Die Banken werden geschüttelt von der Kreditkrise, die Börse fährt Achterbahn. Eine Rezession in den USA gilt als so gut wie sicher, und erfahrungsgemäss breitet sich so eine Krise kurze Zeit später auf Europa und Asien aus. Branchenbeobachter erwarten darum schon bald deutlich härtere Zeiten für Werbe- und Technologieausgaben.

Gleichzeitig werden die Bubble-Meldungen aus dem Silicon Valley ständig noch absurder. Beispiel: Letzte Woche erhielt die Firma Slide.com $55 Mio. frisches Kapital zu einer Bewertung von satten $500 Mio. Dieses Unternehmen produziert nicht etwa, wie man bei diesen Summen denken würde, ein hochkomplexes technologisches Produkt, sondern lustige Widgets und Applikatiönchen für Facebook und MySpace. Die Benutzerzahlen sind beeindruckend, die Umsätze (die dem sehr dünnen Businessmodell nach zu schliessen irgendwo in der Nähe des Nullpunktes liegen) deutlich weniger. Und trotzdem schlucken Investoren willig solche Bewertungen.

Wer wie ich alt genug ist, um schon bei der letzten Bubble 2000/2001 dabei gewesen zu sein, fühlt sich unangenehm an die damalige Zeit erinnert. Die aktuelle Lage fühlt sich sehr an wie ca. Spätherbst 2000: Die Wirtschaft bröckelt schon sichtbar, trotzdem sind alle in der Internetbranche noch bester Dinge und investieren in "Sticky Eyeballs", wie das damals hiess (heute nennt man das wohl eher "highly engaged social network users"). Die Fortsetzung der Story war beim letzen Mal äusserst unerfreulich, ja für viele in der Internetbranche geradezu traumatisch: Erst kamen abgesagte Kundenprojekte, schnell sinkende Werbeausgaben und dramatisch fallende Börsenkurse. Dann Massenentlassungen, Pleiten, versiegende Kapitalströme und schliesslich ein "nuklearer Winter" für den Technologiesektor, der bis 2004 anhielt. Gut, man hat es irgendwie überlebt, aber nochmal so eine Phase will wohl niemand durchmachen.

Steht uns wieder so eine Krise bevor? Hier ein paar Pro- und Contra-Argumente:

Die Schmarzmaler-Perspektive: Ja, es kommt wieder eine massive Internet-Krise

Alle Indikatoren, wohin man auch schaut, zeigen nach unten. Die globale Wirtschaft wird unweigerlich in eine Rezession rutschen. Erfahrungsgemäss sind Werbung und Technologie die ersten Bereiche, die davon hart betroffen werden. Und das schlägt direkt auf die Internetbranche zurück, die viel zu sehr auf volatile Werbeumsätze setzt.

Die meisten Internet-Startups (und selbst etablierte Firmen wie Google) haben keinen Plan B. Wenn die Werbeumsätze zurückgehen -- was in einer Wirtschaftskrise immer passiert --, werden sie in kürzester Zeit in grosse Schwierigkeiten kommen. Und einfach neues Kapital zur Überbrückung aufzunehmen, wird fast unmöglich werden. Schon in der letzten Krise sassen die VCs lieber auf ihrem Cash, statt bei notleidenden Startups einzusteigen. Mit der ganzen Kreditkrise wird dieser Effekt noch schlimmer werden. Blasen-Businessideen wie die von Slide.com & Co. werden in kürzester Zeit implodieren. Eine neue Firma in dieser Phase aufzuziehen, wird fast unmöglich.

Aber auch für Dienstleister und Hardwarehersteller wird es eng: In einer Wirtschaftskrise müssen sich alle Unternehmen auf das Nötigste konzentrieren. Investitionen in Internet- und IT-Projekte werden daher zur Nebensache, gut verschiebbar bis zum nächsten Aufschwung. Und auch die Konsumenten werden sparen, und daher stehen PC-Herstellern, Telekommunikationsunternehmen und E-Commerce-Anbietern deutliche Umsatzeinbrüche bevor.

Mit anderen Worten: Die Zeiten werden schon bald sehr, sehr hart werden. Wie immer überleben nur die Stärksten. Etablierte Grosskonzerne mit tiefen Taschen werden sich die besten jungen Firmen zu niedrigen Bewertungen kaufen können. Von dem zarten Pflänzchen "Web-2.0-Startupszene" wird nach der Krise nicht viel übrig sein.

Die Optimisten-Perspektive: Die kommende Phase wird vielleicht etwas ruhiger, aber man kann nicht von Krise sprechen

Dass der Finanzsektor in Schwierigkeiten steckt, ist klar. Aber dem Rest der Wirtschaft geht es immer noch gut, und vor allem die Technologiebranche blieb von der Bankenkrise bemerkenswert unberührt. Die Geschäftsergebnisse von IBM, Microsoft, Apple und Co. sind spektakulär, und die Aussichten bleiben gut -- nicht zuletzt dank stark wachsender asiatischer Märkte, die von amerikanischen Hypotheken-Problemen nicht viel merken.

Die Werbeausgaben verschieben sich global schneller denn je in Richtung Internet. Eine Krise wird daran nichts ändern, sondern diesen Trend noch beschleunigen. Denn wenn die Firmen weniger für Werbung ausgeben, wollen sie maximale Wirkung erzielen, und die kriegt man halt nun mal nicht im Fernsehen oder der Zeitung, sondern nur im Netz. So oder so hat Internetwerbung starke Jahre vor sich, und die darauf aufbauenden Businesspläne werden grösstenteils aufgehen.

Selbst wenn einige Branchen weniger in IT investieren, ist die Web-Technologie der grosse Gewinner. Denn mit Web-2.0-Konzepten, Software-as-a-Service und Cloud Computing kann man IT-Lösungen zu einem Bruchteil dessen bauen, was normale IT-Infrastruktur kosten würde. Die schon seit einiger Zeit spürbare Verschiebung der IT ins Netz wird darum zu einem immer stärkeren Trend werden. Als traditioneller IT-Anbieter muss man sich da sicher Sorgen machen, nicht aber als Internet-Firma.

Auch die Investment-Bubble im Internet-Bereich wird nicht platzen, weil es gar keine gibt. Natürlich sind die VC-Bewertungen derzeit relativ hoch, aber im historischen Vergleich nicht dramatisch. Ausserdem sind solche VC-Finanzierungsrunden begrenzte Investments privater Firmen, in keiner Weise vergleichbar mit der Börsenhysterie anno 2000. Selbst wenn der eine oder andere Businessplan nicht aufgeht, werden keine Kleininvestoren getroffen, sondern nur ein paar institutionelle Anleger, die das leicht verschmerzen können. Der Effekt auf den Rest der Wirtschaft bleibt minimal.

Aber vor allem: Das Internet ist heute ungleich wichtiger für die Gesellschaft und Wirtschaft, als das noch 2000 der Fall war. Darum ist es keine optionale Nebensache mehr, die in einer Rezession einfach weggespart werden kann, sondern ein essentieller Teil unseres Lebens. Schauen wir nur die Liste einiger Dinge an, die es 2000 noch gar nicht oder nur als Nischenphänomen gab: Breitband in der Mehrheit der Haushalte, MP3 und iPods, Online-Fotosharing, Youtube, Filmdownloads, Online-Textverarbeitungen, elektronische Behördenschalter, mobile E-Mail, Facebook/MySpace/XING, Blogs, Wikipedia, usw. usw. Das Internet ist so zentral geworden, dass Firmen und Konsumenten garantiert zuerst woanders sparen werden.

Und wer hat jetzt recht?

Wie immer, wenn man über die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse nachdenkt, spielen die dahintersteckenden Annahmen eine grosse Rolle. Wenn man sich die diversen Analysen durchliest, findet man einige Dinge, über die fast durchgängiger Konsens besteht:

1. Mit einer wirtschaftlichen Abkühlung ist zu rechnen, auch wenn man nicht weiss, wie stark die sein wird.

2. Deutlich am schlimmsten betroffen ist der Finanzsektor. IT und andere Branchen werden nur in zweiter Linie leiden.

3. In Aktienkursen und Startup-Bewertungen ist einiges an Abwärtspotential drin, aber bei weitem nicht so viel wie damals im Jahr 2000.

Vor allem Punkt 2 ist ein fundamentaler Unterschied zur letzten Krise. Damals geriet der Internet-Sektor in einen gleichzeitigen dramatischen Abschwung der Branchen IT, Medien und Telekommunikation. Die Online-Branche wurde im Schnittpunkt dieser drei Bereiche besonders hart getroffen. Während aber der Technologiesektor die schlimmste Krise der letzten 30 Jahre durchmachte, war die Rezession für andere Branchen vergleichsweise mild. Diesmal wird die Internet-Branche sicher nicht zu den primären Verlierern gehören. Als Bankangestellter wäre ich hingegen jetzt ziemlich nervös.

Über die weiter zu erwartenden Auswirkungen besteht viel Unklarheit. Wenn in einer schwächeren Konjunktur allgemein weniger für Werbung ausgegeben wird, leidet da die Online-Branche gleichermassen wie andere Medien, oder profitiert sie gar vom Streben nach mehr Messbarkeit und ROI? Wie reagieren die Kapitalgeber? Ziehen sie sich von risikoreichen Geschäften ganz zurück, oder sieht vielleicht gar ein Investment in ein Internet-Startup angesichts verheerender Ergebnisse in anderen Bereichen plötzlich besonders attraktiv aus? Das alles ist kaum vorherzusagen und kann von scheinbar kleinen Ereignissen stark beeinflusst werden.

Eins halte ich für fast garantiert sicher: Wenn der wirtschaftliche Abschwung einigermassen deutlich spürbar wird, kommt es auch in der Internet-Branche zu einer gewissen Konsolidierung, zu einer Rückbesinnung auf solide Geschäftsmodelle und zu einer Flucht zur Qualität. Und das wird der ganzen Branche nur gut tun. Die besten (auch kleinen) Unternehmen gehen aus Krisen gestärkt hervor, Bullshit-Businesspläne hingegen verschwinden. Das erlaubt neue Fokussierung, eine bessere Nutzung der Ressourcen, und damit entsteht eine starke Plattform für weiteres Wachstum.

Kommentare

  • FFD

    28.01.08 (10:43:49)

    Es wird viel zu viel über die Geschäftsmodelle im Web lamentiert, statt über die Bedeutung des Web x.x für die Geschäftsmodelle der klassischen Medien zu sprechen. Die Musikindustrie hats schon getroffen. Was ist mit Print? Und mit TV? Wo ist künftige Existenzberechtigung für Premiere&Co.? Was ist mit den Kabelbetreibern und Telcos? Alles Bereiche, in die Investoren mehr Geld gesteckt haben als in alle Internet-Startups zusammen, und die sich ernsthaft fragen, wo ihr Cash Flow herkommen muß, wenn eine aufgeklärte nachwachsende Generation sich im Internet bedient.

  • Gründernet

    28.01.08 (15:25:31)

    Hi Andreas, mMn alles halb so wild, wer den richtigen Businessplan hat, wer also einen Nutzen stiftet, einen Mehrwert für den User schafft, wird auch überleben. Das war in der Wirtschaft schon immer so und wird auch immer so sein. Dass die überzogenen Bewertungen von Unternehmungen, die kein klares Konzept zur Monetarisierung haben, auf normales Niveau zurückgehen, ist auch normal. Wenn es aktuell zu überzogenen Bewertungen kommt, weil Investoren zuviel Liquidität oder zuwenig Verständnis für den Businessplan der jeweiligen Gründer haben, dann ist das ein normaler und gesunder Prozess. Das war vor 7 Jahren nicht anders, VG, René

  • LD

    29.01.08 (01:47:49)

    An Geschäftsmodellen mangelt es nicht unbedingt. Nur haben neu Ideen zur Zeit fast keine Chance, Risiko-Kapital zu bekommen. Alles setzt auf Web 2.0, wie wir es heute kennen. Wir verharren in der Paradigma-Paralyse bis wir von der Realität eingeholt werden. Die Kleveren mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit werden überleben. Jemand wird schliesslich immer überleben. Das Web ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Gruss, LD

  • Ralf

    29.01.08 (10:57:45)

    Zu allererst muss ich mal einwerfen, dass wir als Beobachter Transaktionen wie die genannte von slide.com das Geschäftsmodell ja von außen vielleicht gar nicht 100% überblicken, weil uns die Details fehlen. Hätte man z.B. Google beim Start eine solche Entwicklung zugetraut? (Ohne slide.com mit Google vergleichen zu wollen). Aber es ist wahr: Von außen betrachtet gibt es Anzeichen dafür, dass es vielleicht bald "plopp" macht und die Blase platzt. slide.com ist ja nicht das einzige Beispiel für offensichtlich überzogene Bewertungen - und gerade heute morgen habe ich noch gelesen, dass das Private Equity Transaktionsvolumen in Europa von 44Mrd (im dritten Quartal) auf 24Mrd Euro (im vierten Quartal 2007) gesunken ist. Ich denke aber nicht, dass es grundsätzlich schlecht ist, wenn es zu einer Marktbereinigung kommt. Ich sehe das eher als "Aussieben" der guten von den weniger guten Businesses. Und die guten, nachhaltigen haben eine gute Chance zu überleben. Auch wenn es für alle Beteiligten schwieriger wird (z.B. um Markteintritt und Wachstum zu finanzieren).

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