<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

04.04.12

Klonfabrik Rocket Internet: Auch die Samwer-Philosophie hat eine gute Seite

Strategie und Geschäftsgebaren der Samwer-Brüder sorgen immer wieder für berechtigte Kritik. Doch der Vorgehensweise des Unternehmertrios lässt sich manchmal auch etwas Positives abgewinnen.

 

Regelmäßige Leser werden sich angesichts dieser Überschrift ungläubig die Augen reiben - netzwertig.com verteidigt die Samwer-Brüder?! In der Tat vertreten wir sonst eher eine kritische Meinung zu dem berühmt-berüchtigten Trio und ihrer Copycat-Schmiede Rocket Internet.

Doch auch das Treiben Oliver, Marc und Alexander hat eine positive Seite. Die jüngste Meldung zu Plänen eines Square-Konkurrenten aus dem Hause Rocket Internet verdeutlicht diese.

Laut einem Bericht von deutsche-startups.de plant der Berliner Inkubator den Launch eines Kartenreader- und Paymentdienstes für Smartphones nach dem Vorbild von Square, dem kalifornischen Startup von Twitter-Gründer Jack Dorsey, das sich immer mehr zu einer Art iTunes für den lokalen Handeln entwickelt.

Details zu dem neuesten Samwer-Projekt sind rar. Angeblich soll es Zenpay heißen und wie üblich schnell international etabliert werden.

Und genau die Internationalisierung ist es, mit der sich Square bisher Zeit gelassen hat. Zwar ist für 2012 ein Auslandsengagement angekündigt, aber schon allein die Inkompatibilität der derzeitigen Square-Hardware mit dem bei europäischen Kreditkarten üblichen Chipverfahren stellt eine Hürde für den Eintritt in hiesige Märkte dar. Hinzu kommen eine Vielzahl regulatorischer und bürokratischer Aspekte, die von Land zu Land unterschiedlich sind. Und in manchen Regionen - wie Deutschland - sind statt Kreditkarten vorrangig Girokarten verbreitet, was bei der Expansion ebenfalls berücksichtigt werden muss.

Kurzum: Einen in möglichst vielen Ländern funktionierenden Kartenleseaufsatz für Mobiltelefone anzubieten, ist eine Herkulesaufgabe. Auch iZettle, Europas Antwort auf Square, beschränkt sich derzeit auf die relativ homogenen nordischen Länder und schielt außerdem auf Großbritannien. Seit neuestem will zudem PayPal in dem Segment mitmischen und verspricht für sein angekündigtes Kartenlesegerät eine internationale Einsatzfähigkeit. Dass der Kartenadapter aber sofort weltweit ausgeliefert wird, ist nicht garantiert. Weitere aus den USA stammende Square-Nachahmer heißen PAYware , GoPayment oder ROAMpay.

Sollte es den Samwers tatsächlich gelingen, trotz der beschriebenen Unwegbarkeiten Zenpay nach dem typischen Rocket-Internet-Muster in kürzester Zeit in einer Vielzahl von bisher mit dem Originalprodukt unterversorgten Märkten verfügbar zu machen, dann verdient dies nicht nur Respekt, sondern wäre eine erfreuliche Nachricht für alle diejenigen, denen die bisher angebotenen Kartenlesegeräte aufgrund ihres Wohnortes nicht zur Verfügung stehen.

Zenpay würde nicht der erste Fall sein, in dem die Samwer-Nachahmung eines in den USA erfolgreichen Internetunternehmens für Nutzer positive Konsequenzen hätte: Als die Brüder mit Zalando den Onlineschuhversender Zappos inklusive dessen besonders kundenfreundlicher Servicebedienungen nachbauten, machten sie zahlreichen Schuhliebhabern in Deutschland und anderen Ländern mit kostenlosem Versand und Rückversand, 100 Tage Rückgaberecht und einer Gratis-Hotline eine große Freude. Hätte es Zalando nicht gegeben, wäre das Einkaufen von Schuhen im Internet womöglich auch heute noch umständlich und teuer. Zumal dann vielleicht später entstandene, lokale Zalando-Konkurrenten wie Javari und Mirapodo gar nicht existieren oder weniger kundenfreundliche Konditionen bieten würden.

Auch in Hinblick auf die Rocket-Kopie der aus Schweden stammenden Geschenkkarten-Applikation Wrapp profitieren am Ende die Konsumenten: Denn ursprünglich wollte sich das Stockholmer Startup nach der Eroberung der skandinavischen Länder erst einmal auf den US-Markt konzentrieren und dort in Kooperation mit Einzelhandelsketten (teilweise auch kostenfreie) Geschenkgutscheine anbieten. Doch dann begannen die Samwers, ihre Imitation DropGifts in einer Reihe europäischer Länder zu lancieren. Und schwupps wurde im Hause Wrapp die Expansionsstrategie modifiziert. Jetzt will Wrapp deutlich schneller eine große Zahl ausländischer Märkte erobern. In Deutschland, Österreich und der Schweiz geht es demnächst los.

Mit ihrer unglaublichen Fähigkeit, neue Konzepte blitzschnell in internationalen Märkten verfügbar zu machen, füllen die drei Unternehmer regelmäßig Lücken, die zwar aus nachvollziehbaren Gründen von den "originalen" Startups über einen längeren Zeitraum nicht belegt werden, die aber in einer globalisierten, vernetzten Welt von den Nutzern und Konsumenten nicht länger toleriert werden.

Ihren schlechten Ruf verdanken die drei Geschäftsmänner der Tatsache, dass sie regelmäßig Grenzen überschreiten. Sei es, indem sie nicht nur ein Konzept kopieren (legitim), sondern gleich das gesamte Design . Sei es, dass sie Startups klonen, bei denen die Schaffung einer "lokalen" Version überhaupt nicht sinnvoll ist (Beispiel Pinterest/Pinspire). Sei es, dass sie sich zweifelhafter Maßnahmen bedienen, um auf sich aufmerksam zu machen. Oder sei es die ungebändigte Aggressivität, mit der sie intern und extern ihre Ziele durchzusetzen versuchen.

All diese Praktiken gehören zum Erfolgsmodell Samwer, das wahrscheinlich für die Beteiligten nur deshalb so gut funktioniert, weil regelmäßig auf teilweise problematische Art mit Konventionen und allgemein als ethisch korrekt geltenden Verhaltensweisen gebrochen wird.

Manchmal sind dabei nur die Samwers und ihre Kapitalgeber die direkten Nutznießer. In einigen Situationen jedoch beschleunigen Oliver, Marc und Alexander die Ausbreitung neuer Konzepte und Geschäftsmodelle, die sonst über einen langen Zeitraum vielen Menschen nicht zugänglich gewesen wären. Die Mittel, die dafür zum Einsatz kommen, sollte man nicht gutheißen. Aber aus Sicht der Nutzer stimmt das Resultat in Einzelfällen trotzdem. Bei Zalando war dies so. Und bei Zenpay könnte es erneut so kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer