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01.11.13

Kino in den eigenen vier Wänden: Die Zukunft des Zuschauers

Das Kino erscheint angesichts der Vielfalt an hochwertigen Bewegtbildproduktionen, die in den eigenen vier Wänden konsumiert werden können, zunehmend antiquiert. Die komplexesten Geschichten gibt es längst nicht mehr im Filmhaus zu sehen.

Kino"Ich habe den Verdacht, dass in 50 Jahren alle Filme schrecklich angestaubt sein werden... Ich vermute, dass das Kino um 2020 endgültig verschwunden sein wird... dann wird es nichts anderes als das Fernsehen geben."

Diese Einschätzung wurde vom französischen Filmemacher Jean-Pierre Melville getroffen; 1971 wohlgemerkt, als von der Digitalisierung, dem Internet und den Streamingdiensten, also kurzum von allem, was das Kino jetzt in Bedrängnis bringt, noch lange keine Rede war. Mehr als 40 Jahre nach dieser Voraussage ist das, was Melville mit "Fernsehen" bezeichnete (nämlich alles, was nicht im Kino sondern daheim statt findet) zudem in eine Vielfalt explodiert, die nicht absehbar war: Neben herkömmlichem Fernsehen gibt es DVDs, BluRays, Video On Demand, Youtube, illegale Streamingdienste, Torrentportale, et cetera. Egal aber auf welchem Wege die Unterhaltung zum Publikum gelangt, immer funktioniert es über einen Bildschirm, möglichst laute Lautsprecher und bevorzugt in den eigenen vier Wänden. Kino bedeutet heute ungewohnte Ohnmacht

Die Gründe, das eigene Haus zu verlassen, um einen Film im Kino anzusehen werden immer rarer. Wieso nicht die paar Wochen warten, bis der Film auf BluRay zu hause genossen werden kann?! Digitale Technologie hat dem Konsumenten schließlich Kontrolle verliehen, wann, wo und wie ein Film angesehen wird. Vor- wie Zurückspulen, Pausieren oder gar Kommentieren ist problemlos möglich, ohne andere zu belästigen; im Gegenzug stören keine Essgeräusche, unbequeme Sitze oder unförmige Kopfsilhouetten die Konzentration auf den eigens ausgesuchten Film. Ins Kino zu gehen bedeutet in Zeiten digital ermöglichter Allmacht immer ein Stück ungewohnte Ohnmacht; bedeutet, nicht unbedingt willkommenen Einflüssen ausgesetzt zu sein. Die Produzenten großer Filme versuchen deswegen, ihr Publikum mit immer aufwendigeren Spektakeln, immer bombastischeren Feuerwerken oder Gimmicks wie der Dreidimensionalität bei der Stange zu halten, aber Ratlosigkeit schleicht sich merklich ein: Remakes und endlose Fortsetzungen à la "SAW", "Transformers" oder "The Fast & The Furious" versprühen nicht gerade eine Aura der Originalität.

Selbst wenn die Einnahmen aus solchen Blockbustern noch unverändert gigantisch sind, zeichnet sich immer deutlicher der Eindruck ab, dass sich das Kino in seinem Wesen verändert hat und schleichend an Bedeutung verliert. Der Großteil der Filme, die heute die meisten Einnahmen verbuchen, erinnern eher an Attraktionen eines Vergnügungsparks denn an das, was einst das Kino dominiert hat. Trotzdem scheint das üblicherweise an dieser Stelle einsetzende Untergangsgetöse im Hinblick auf unsere Filmkultur ein wenig unangemessen.

Neue Formen von "Filmen"

Das Erzählen von Geschichten findet dank digitalen Möglichkeiten in anderen Sphären abseits des Kinos statt und auch wenn der Abstieg des narrativen Kinos bedauerlich ist, so florieren komplexe Geschichten insbesondere in der Welt der Serien. "Breaking Bad", "Mad Men", "Game Of Thrones" und alle anderen permanent durch die Medien geisternden Namen sind die Spitzenreiter einer Gattung von Serien, die sich momentan in Hochkonjunktur befindet. Viel mehr als gängiges Fernsehprogramm stehen sie Kinofilmen in nichts nach und übertreffen diese gar in Komplexität und Dichte, ja die Serien sind so filmähnlich, dass der Begriff "Film" ausgeweitet werden sollte und das Kino das Vorrecht auf alles Filmische aufgeben muss. Film passiert heute überall, auf Youtube oder dessen bösen Zwilling Youporn, via Netflix, LoveFilm, Mubi, Piraterieseiten oder einfach im Fernsehen; ins Kino zu gehen ist schon fast zur Ausnahme verkommen.

Zuhause sitzend entfaltet sich zudem das Phänomen "Binge Watching": Abgeleitet vom englischen Ausdruck für Komasaufen, „binge drinking“, wurde es durch Serien wie „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ zu einem stehenden Begriff, der das immer häufiger auftretende Verhalten bezeichnet, ganze Staffeln einer Serie in marathonartigen Sitzungen anzusehen. In der Tat ist dieses Konsumverhalten so brisant, dass die Serie „House Of Cards“, oder zuletzt auch "Derek" primär als komplette Staffel veröffentlicht wurde, anstatt, wie sonst üblich, in einwöchigem Abstand kapitelweise zu erscheinen. Binge watching scheint sich allerdings nicht nur auf Serien zu beschränken; sieht man sich beispielsweise Statistiken an, wie viele Stunden an Videomaterial pro Monat auf Youtube konsumiert werden, beschleicht einen der Verdacht, dass wir zu einer Zivilisation von Zuschauern geworden sind. Und wie könnte es auch anders sein, in unserer so von verlockenden Bildern dominierten Zeit?

Kampf um die Aufmerksamkeit

Eine Schattenseite dieses verwirrenden Überflusses besteht allerdings in der schnell eintretenden Überforderung, die jede Orientierung innerhalb dieses Bildersturms unmöglich macht. Es entsteht ein extrem hoher Rauschpegel, in dem es mitunter schwer ist, seine eigenen Gedanken und Präferenzen wahrzunehmen und das Dickicht an Videos, Filmen, Serien zu durchsieben. Genau aus diesem Grund ist ein regelrechter Kampf um die kostbare Aufmerksamkeit des Zuschauers entbrannt, der insbesondere für die Produzenten kleinerer Projekte problematisch ist, da Marketing horrende Summen verschlingt.

Zudem hängt der Erfolg eines Films oder einer Serie heute nicht nur von der Qualität ab, sondern auch von der Verwertbarkeit in den Massenmedien, der Eignung, den Massenmedien als Thema zu dienen und von der Bedeutung, die dem Film oder der Serie in weiterer Folge von den Medien beigemessen wird. Der Einzelne hat inmitten des medialen Lärms schlichtweg keine Möglichkeit, neutral zu bestimmen, was er sich demnächst vielleicht im Kino oder zu Hause ansehen wird. Dominiert von Werbereizen hängt die Entscheidung in den meisten Fällen davon ab, wer die effektivste Marketing Kampagne oder die offensivsten Publicity Stunts hat.

Ohne Entscheidungshilfen wird es schwer

Doch das Internet birgt ein Potential in sich, den Einzelnen auch dahingehend zu ermächtigen; ihm Filter zu liefern, mit Hilfe derer der persönliche Geschmack besser bedient werden kann. Anstatt den Zuschauer wie üblich mit Werbemaßnahmen zu blenden, gibt es beispielsweise beim Streamingdienst Netflix Algorithmen, die, basierend auf dem Konsumverhalten des Benutzers, Vorschläge für weitere Filme oder Serien machen. Da die Firma schätzt, dass 75 Prozent der Zuschauer-Aktivität von diesen Empfehlungen geprägt ist, beschäftigt sie Leute, die das gesamte Angebot kategorisieren und mit Stichworten versehen, um dem Nutzer möglichst treffende Vorschläge zu machen. Auf Youtube gibt es eine ähnliche Funktion, die allerdings oft an der falschen Kategorisierung der Uploader scheitert. Die Website allrovi.com bietet darüberhinaus eine Funktion, geeignete Filme zu finden, indem man eine Serie von Kategorien anklickt, das Produktionsjahr eingrenzt, seine eigene Stimmung festlegt und ein Genre wählt. Tatsächlich funktioniert dies ganz gut, jedoch ist unklar wie groß die Datenbank der Website ist und wie oft sie aktualisiert wird.

Diese Algorithmen ermöglichen es aber auf jeden Fall auch kleineren oder etwas älteren, in Vergessenheit geratenen Filmen zu einem Publikum durchzudringen. Und nicht zuletzt gibt es immer noch die Filmkritiker, deren Aufgabe es schließlich ist, die Masse an Angeboten vorzusortieren und zu ordnen und so für den Einzelnen erfassbar zu machen. Insbesondere Leute wie Roger Ebert, der zu Lebzeiten 20000 Filme gesehen und kritisiert hat, scheinen dahingehend von großer Bedeutung, und dank dem Internet ist jede seiner Kritiken online verfügbar.

Solche Entscheidungshilfen scheinen für die medial getränkte Zukunft und das Ideal vom mündigen, souverän manövrierenden Konsumenten essentiell zu sein, denn die Masse an Angeboten wird nur noch größer werden, das Bombardement mit Bildern nur noch stärker und die Abstimmungsmöglichkeiten auf das Individuum nur noch ausgefeilter. Voraussetzung für einen sinnvollen Konsum ist allerdings eine grundsätzliche Medienkompetenz, womit nicht (nur) gemeint ist, dass man wissen sollte, wann welcher Knopf auf der Fernbedienung zu drücken ist. Es geht vielmehr um einen kritischen Umgang mit kulturellen Produkten, um nicht in unseren luxuriös ausgestatteten Multimediatempeln wie in der platonischen Höhle zu verenden. Denn ins Kino werden wir kaum mehr gehen; die meiste Zeit werden wir zu Haus vor unseren Bildschirmen verbringen.

(Foto: Empty comfortable red seats with numbers in cinema, Shutterstock)

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