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26.11.13

"Killer-Applikation" des Internets: Die Pornoflut und ihre Auswirkungen

Pornographie ist eine der "Killer-Applikationen" des Internets. Doch darüber sprechen möchte niemand.

Pornographie30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet entfallen auf pornographische Inhalte. Die größten Portale dieser Art werden bis zu 4,4 Milliarden Mal pro Monat aufgerufen. Allein YouTubes Rotlichtzwilling Youporn macht zwei Prozent des gesamten täglichen Internetgebrauchs aus und übermittelt pro Sekunde bis zu 100 Gigabyte an Daten. Nur Firmen wie Google oder Facebook überbieten diese Werte. Ob man es zugeben will oder nicht: Pornographie spielt dank dem Internet eine größere Rolle als je zuvor, sie ist ein Teil des gesellschaftlichen Fundaments geworden, und niemand möchte so wirklich über sie sprechen.

Wenn in den Medien über Pornos berichtet wird, so geschieht das meistens im Stile einer Reportage aus einem fremden, unbekannten Land, das einer unbedarften Gruppe näher gebracht werden muss. Dass Pornographie ein Massenphänomen darstellt, das für jeden nur Mausklicks entfernt ist, das auf alle eine subtile Gravitation ausübt und nicht bloß das Problem einer marginalisierten Randgruppe ist, fällt oft unter den Tisch. Mit Pornos will niemand in Verbindung gebracht werden, niemand will sie „brauchen“. Und doch greifen so viele darauf zurück. Am Kern der Internet Pornographie scheint ein wahrnehmungspsychologischer Mechanismus zu stehen: Aufgrund einer oftmals an Dokumentarfilme erinnernden Bildersprache behandeln wir die Pornofilmchen und insbesondere den expliziten Geschlechtsakt als Dokument von Wirklichkeit, als etwas, das tatsächlich so passiert ist. Die beteiligten Personen sind in dem Moment fleischlich echte Menschen, die in der Wirklichkeit agieren und nicht Darsteller, die Wirklichkeit kreieren. Niemand sieht sich einen Porno wie einen Spielfilm an; der Zuseher verhält sich zum dargestellten Geschlechtsverkehr wie zu einem Stück Dokumentarfilm, sei das darum herum stattfindende Szenario noch so miserabel erfunden und offenkundig inszeniert.

Authentizität zieht an

Die Pornoindustrie betreibt zudem extrem hohen Aufwand, professionelle Filme mit bezahlten Darstellern wie dokumentarische Aufnahmen wirken zu lassen: Neben den Massen an Amateurpornos stechen viele professionell gefilmte Pornos visuell nicht besonders hervor; alles wirkt ‚echt‘; keine miserabel eingesprochenen, platten Dialoge, keine Kulissen und Kostüme, und keine offenkundig vorgetäuschten Höhepunkte. Die perfekte Simulation. Denn nur Realität erregt; nicht zuletzt deswegen weil sie dem Zuseher suggeriert: Das hier ist keine Show. Das ist echt. Was in diesem Porno passiert, könnte dir genauso gut widerfahren. Nicht umsonst sind die drei am meistes angesehenen Youporn-Videos (darunter das berüchtigte "Paris Hilton Sex Tape") auf genau diese Weise produziert; nicht der Inhalt ist besonders erotisch, sondern die Authentizität, die von einer Bildsprache suggeriert wird, die normalerweise auf YouTube, Reportagen oder Dokumentarfilmen zu finden ist.

Ohne Frage sind die meisten dieser Pornos aber alles andere als ‚real‘; viel mehr sind sie ein perfekter Wirklichkeitsersatz, ein Simulakrum, das auf eine Wirklichkeit verweist, die es nicht gibt; sozusagen eine Imitation ohne Original. Die perfekten, stets ekstatischen Frauen sind genauso wie die gestählten aber stumpfen, mechanisch agierenden Männer nicht Abbild einer tatsächlichen Realität sondern fabrizierte Fantasie. Weil die Pornos aber dennoch als wahrhaftig wahrgenommen werden (müssen), entsteht ein Druck auf das Reale, sprich auf das tatsächliche Sexualverhalten.

Das virtuelle beeinflusst das tatsächliche Sexualverhalten

Frauen - auf deren Körper sich die zumeist auf Männer ausgerichtete Mainstreampornographie konzentriert - stehen in der Folge unter Zugzwang, in einem ständigen Optimierungsmodus den eigenen Körper dem pornographischen Ideal schrittweise anzunähern, um irgendwann vielleicht ‚gut genug‘ für die Männer zu sein. Sie kommen unter Druck, all die erniedrigenden Dinge zuzulassen, die Frauen in Pornos mit sich machen lassen. In den schlimmsten Varianten der Internet Pornographie werden Frauen zu einem Stück Fleisch degradiert, dass nur zur Befriedigung des Mannes existiert. Völlig objektiviert und herabgewürdigt, sind sie nichts als Körper und Reizlieferant, völlig auf den Mann ausgerichtet. Wie sollen reale Frauen gegen diese verlockende Verfälschung antreten? Unter Umständen erfordert es viel Energie, den illusionären Männern zu erklären, dass Frauen es gar nicht so genießen, wenn der Mann dieses oder jenes mit ihnen anstellt, was Pornos zur Normalität erklärt haben. Darüberhinaus haben reale Frauen nicht nur meist weniger perfekte Körper; sie haben auch noch unbequeme eigene Bedürfnisse und Emotionen, mit denen die Pornographie-versessenen Männer umgehen müssten.

Das ist für Männer, die viel Pornographie konsumieren, allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt zu viel. Sie verlieren das sexuelle Interesse an ihren Partnerinnen, weil diese niemals derart akrobatisch ihren Körper zum Lustgewinn einsetzen und somit niemals den fiktiven Sexgöttinen aus den Pornos gleichkommen werden. Diese offenbar spezifisch männliche Frustration beginnt heute in jungen Jahren , da Pornographie für ganze Generationen die Aufgabe der sexuellen Aufklärung übernommen hat, Jungen mitunter schon mit zehn Jahren den Reiz der Pornografie verspüren und darin eine Schablone für ihr zukünftiges eigenes Sexualverhalten sehen. Der dadurch entstehende Missmut darüber, dass das andere Geschlecht nicht den eigenen Erwartungen entspricht beziehungsweise man selbst nicht den Erwartungen des anderen Geschlechts, führt nur zu Distanzierung und in der Folge zu mehr Pornokonsum. Realer Sex zahlt sich nicht aus, ist vergleichsweise mühsam, weniger hygienisch und mit emotionaler Investition verbunden. Viel einfacher ist es, seinen Trieben auf Youporn Abfuhr zu verschaffen.

Drohendes Abhängigkeitsverhalten

Auf Dauer kann diese hürdenlose Befriedigung jedoch auch in ein Abhängigkeitsverhalten münden: Evolutionär gesehen ist das Gehirn nicht ausgerüstet für den Ansturm von Schlüsselreizen, dem es auf Youporn und Co. begegnet. Unsere Vorfahren haben in ihrer gesamten Lebenszeit nicht so viele paarungsbereite Partner gefunden wie wir in einer Minute auf Pornoseiten. Ergab sich dereinst aber dennoch ein überdurchschnittliches Angebot an Sexualpartnern, kam ein von der Natur eingerichteter Mechanismus zum Zug, der ein momentan überdurchschnittliches Verlangen nach Sex hervorrief, um möglichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen, solange sich Gelegenheit dazu bot. Dieser Mechanismus führt in Zeiten, da die Paarungszeit dank digitaler Schlüsselreiz-Anreicherung zu keinem Ende mehr kommt, zu einem unstillbaren Bedürfnis nach immer mehr, bis es zur Überladung kommt, die für Männer sogar bis zur Impotenz führen kann.

Das Problem ist jedoch nicht unbedingt die Pornographie per sé (abgesehen von den erniedrigendsten Ausprägungen); das Problem ist das Wegfallen des Unterschieds zwischen pornographischem und realem Sex. Diese Differenz zwischen dem Realen und der Repräsentation ist uns abhanden gekommen, mehr noch: die Repräsentation hat sich in den Vordergrund geschoben und das Reale angenagt und zersetzt, bis nichts als Repräsentation übrig blieb. Für von Pornos erzogene junge Leute gibt es keinen anderen Sex als jenen der Pornographie.

Filme thematisieren die Pornoflut

Hinter der dünnen bürgerlichen Fassade scheint dies vor allem jüngere Menschen vor ein ernsthaftes Dilemma zu stellen. Ersten Ausdruck findet das bisweilen in Spielfilmen: 2011 war es Steve McQueens Film „Shame“, der das Abhängigkeitspotenzial und die Virulenz von Pornographie thematisierte; und vor kurzem erst kam in Deutschland „Don Jon“ in die Kinos, der zu verstehen versucht, wie sich junge Männer und Frauen in dieser Welt ohne Unterschied zwischen Abbild und Abgebildetem verhalten. Für Don Jon, gespielt von Joseph Gordon Levitt, entstand der entscheidende Schritt aus diesem Dilemma durch die romantische Begegnung mit der Figur von Julianne Moore, einer Frau mittleren Alters, die Don Jon den Unterschied zwischen Pornographie und realem, emotional befriedigendem Sex vor Augen führt. Zur selben Zeit macht der Film klar, dass es sich bei dieser Begegnung um einen absoluten Zufall handelt, der nicht die Patentlösung für alle von Pornos verblendeten jungen Männer sein kann.

Die Videos zu meiden mag die Lösung für besonders schwer im Bann der Pornos stehende sein. Für die breite Masse scheint jedoch ein Bewusstwerdungsprozess und in der Folge ein gewissenhafter Umgang der effizientere Weg. Wie solch ein Prozess allerdings eingeleitet werden kann, scheint bis auf einige vage Versuche wie makelovenotporn.com unklar, zumal es doch so sehr zum guten Ton gehört, von solch obszönen Blüten wie Youporn gar nichts zu wissen.

(Shutterstock: Word Porn written in search bar on virtual screen, Shutterstock)

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