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28.03.14Leser-Kommentare

Kickstarter-Unterstützer sind sauer: Facebooks Kauf von Oculus VR ist ein Argument für Crowdinvesting

Das von Facebook für zwei Milliarden Dollar übernommene Startup Oculus VR entstand im Zuge eine erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne. Manche der damaligen Unterstüzter sind verärgert über den frühen Exit. Rückblickend wäre aus ihrer Sicht eine Finanzierung per Crowdinvesting attraktiver gewesen.

Oculus

Die überraschende Akquisition des Virtual-Reality-Startups Oculus VR durch Facebook für zwei Milliarden Dollar bringt eine ebenso unerwartete Nebendebatte mit sich: Diese dreht sich um die Frage, ob es angemessen ist, dass ein Unternehmen, dessen Anfangsfinanzierung per Crowdfunding und damit durch die Unterstützung von privaten Förderern zustande kam, entgegen der Interessen seiner initialen Fürsprecher frühzeitig an eine andere Firma verkauft wird.

Im Zuge der Medienbewachung des Deals tauchten allerlei Berichte auf, die den Missmut einiger der Geldgeber schildern, die im Jahr 2012 zusammen fast 2,5 Millionen Dollar für die Realisierung des VR-Headsets Oculus Rift bereitstellten. Die Kampagne gab den Initiatoren neben den erforderlichen ersten Mitteln auch das Selbstbewusstsein, eine Vision unternehmerisch anzugehen, die von Tausenden geteilt wird. Die initiale Nachfrage dürfte dem Startup auch in den Verhandlungen mit institutionellen Investoren geholfen haben, die 2013 fast 100 Millionen Dollar in die aufstrebende Firma gepumpt hatten. Crowdfunding ist keine Unternehmensbeteiligung

Nun aber wird Oculus VR Teil von Facebook, was bei den Fans sicher nicht ganz unberechtigte Befürchtungen weckt, dass der Entwicklungsfokus in eine andere Richtung gehen könnte als ursprünglich vorgesehen. Während die Gründer sowie die beteiligten Venture-Capital-Firmen sich über neuen Reichtum beziehungsweise eine ansehnliche Rendite freuen können, fühlen sich einige der Crowdinvestoren betrogen und hinters Licht geführt. Schließlich hofften sie, durch ihre Beteiligung an der Kickstarter-Aktion einen Beitrag zum Vorankommen von Virtual Reality im Gaming-Segment beizutragen. Doch zwei Jahre später sehen sie sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr finanzieller Beitrag im Endeffekt ganz andere Spätfolgen haben und ausgerechnet einem Webkonzern dienen könnte, der von vielen bewusst agierenden, innovations- und technologie-orientierten Webusern mit einem gewissen Misstrauen gesehen wird. Fair oder nicht?

Ich denke, das Problem liegt in der falschen Annahme, die Partizipation an einer Crowdfunding-Kampagne sei eine Art Investment, das Spendern zumindest moralische Mitspracherechte einräume. Doch die Realität sieht anders aus: Wer sich bei Kickstarter, Indigogo oder Startnext mit 25, 50 oder auch 200 Euro an einem Kreativ-, Technologie- oder Tüftler-Projekt beteiligt und sich damit ein Anrecht auf die Zusendung eines frühen Prototyps oder Beta-Produkts sowie eventuelle zusätzliche Gimmicks wie T-Shirts oder eine Büro-Führung (für große Summen) sichert, der bekommt genau das und nicht mehr.

Moralisch mag man es kritisieren, dass ein dem Anschein nach einer steilen Aufwärtskurve folgendes, von fast zehntausend Personen finanziell "angeschobenes" Startup frühzeitig einen Exit an einen branchenfremden Akteur wählt. Der grundsätzliche Fehler aber liegt auf den Seiten einiger Unterstützer von Oculus VR, die dem Irrtum unterliegen, dass das durch sie auf den Weg gebrachte Projekt für alle Zeit in ihrer Schuld stehe.

Mit Crowdinvesting wäre es anders gekommen

Genau aus diesem Grund unterscheiden wir seit jeher pedantisch zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting. Beim klassischen Crowdfunding à la Kickstarter erwerben sich Unterstützer in der Regel schlicht ein frühzeitiges Nutzungsrecht, und zumeist werden kreative Projekte und nicht kommerziell motivierte Startups gefördert (die Grenzziehung ist natürlich manchmal, wie im Falle von Oculus VR, schwierig). Crowdinvesting hingegen stellt eine renditeorientierte Form der Privatbeteiligung an unternehmerischen Projekten dar. Crowdinvestoren werden im Verlaufe der Firmenhistorie an eventuellen Gewinnen oder den Erlösen aus einem etwaigen Börsengang oder Verkauf beteiligt. Wir hatten letztens einen Statusbericht über den Stand des deutschen Crowdinvesting-Marktes und seiner wichtigsten Anbieter gegeben.

Bislang existiert auf internationaler Bühne keine Crowdinvesting-Plattform mit ähnlicher Reichweite und Bedeutung wie Kickstarter, was unter anderem auf den Nischencharakter sowie strenge gesetzliche Regulierungen zurückzuführen ist. Der US-Anbieter FundersClub gibt an, innerhalb von 18 Monaten zwölf Millionen Dollar an 60 Startups ausgeschüttet zu haben. Mit einem Minimalinvestment von 2.500 Dollar und hohen Anforderungen an Investoren ist der Service aber im Prinzip eher ein Zusammenschluss aus Business Angels statt ein Crowdinvesting-Angebot für alle.

Im Hinblick auf die Erfolgschancen-Maximierung der Crowdfinanzierung war es für die VR-Enthusiasten sicherlich klug, ihr Vorhaben über Kickstarter durchzuführen. Aus Sicht der Unterstützer, die jetzt die Mundwinkel nach unten ziehen, wäre es rückblickend aber augenscheinlich sinnvoller gewesen, hätten sie einen kleinen Anteil an der Firma kaufen können. Dann würden sie jetzt zumindest finanziell von dem für sie unerfreulichen Deal profitieren.

Private Förderer schauen künftig zweimal hin

Es ist vorstellbar, dass der Aufruhr der Kickstarter-Nutzer den internationalen Markt für Crowdinvesting in Bewegung bringt, weil private Geldgeber dazu übergehen, sich bei künftigen Unterstützungen neuer Technologielösungen angesichts der ungebremsten Kauffreudigkeit der Netzgiganten nicht mehr allein mit dem Beta-Produkt abspeisen zu lassen. Klar ist: Wenn das nächste Mal ein junges Team voller Tatendrang die Mittel zur Vollendung einer bahnbrechenden Technologie per Crowdfunding einzusammeln versucht, werden manche potenzielle Förderer sich zweimal überlegen, ob sie bereit sind, ein Produkt zu unterstützten, das sich später ein milliardenschwerer Webriese einverleibt.

Was ursprünglich nach einem Erfolg für Kickstarter aussah, könnte sich am Ende negativ auf die Akzeptanz von Crowdfunding auswirken und sich zu einem Argument für das Vorantreiben von Crowdinvesting entwickeln. /mw

Kommentare

  • Hermann

    29.03.14 (23:11:43)

    CrowdINVESTING + Genossenschaft = Faire Partizpation Genau richtig !!! Eine „Förderungen“ von Unternehmen sollte nur mit entsprechender Teilhabe an zukünftigen Gewinnen und einem gewissen EInfluss auf die Geschäftspolitik erfolgen. Die Rechtsform der „Genossenschaft“ bietet beides, eine Beteiligung an Gewinnen auf Basis der individuellen Investition und gleichberechtige Mitbestimmung ab dem ersten Anteil. Über Startnext sind erste Projekte dieser Art gestartet. Aktuell brabbl ein Online Diskussionswerkzeug und vergangenes Jahr bereits sehr erfolgreich Fairnopoly eine Art faires Amazon.

  • Frank Bechstein

    30.03.14 (13:49:19)

    Schade das es keine Kontrollmittel Seitens der Crowdfunding Platformen gibt. Bei vielen Projekten scheint es wirklich so zu laufen das Geld zum Fenster rausgewrfen wurde von den Interessenten. Dieser Zustand ist wirklich schade da die Ideen ja meisten ganz Gut sind.

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