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27.01.14Leser-Kommentare

Kernkompetenz in der digitalen Welt: Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

Wir Menschen würden in einer vernetzten, komplexen Welt davon profitieren, uns selber besser zu verstehen. Damit Maschinen nicht die einzigen mit dieser Kompetenz sind.

PsychologieJeder Mensch sollte in Zukunft grundlegende Programmierkenntnisse besitzen, so lautet eine häufig aus der IT- und Netzbranche zu vernehmende Parole. Diese Empfehlung ist grundsätzlich sinnvoll, selbst wenn man darüber diskutieren kann, ob sich wirklich jede und jeder von ihr angesprochen fühlen muss. Ich glaube aber, dass in der vernetzten Digitalära noch eine andere, nicht durch eine Lobby vorangetriebene Disziplin mehr Beachtung in der Bevölkerung erhalten sollte: Psychologie. Ein grundlegendes Verständnis über das eigene Verhalten und Empfinden ist meines Erachtens nach eine wichtige Kenntnis, um in einer zunehmend von hyperintelligenten Maschinen gesteuerten Welt eine Autonomie über Entscheidungen zu behalten. Oder um sich wenigstens im Klaren darüber zu sein, warum diese Autonomie gerade den Bach heruntergeht. Big Data und schlaue Maschinen durchleuchten uns

Ich basiere diese Feststellung unter anderem auf der ín diesem Artikel erläuterten zunehmenden Manipulation, der Konsumenten ausgesetzt sind. Die Millionen Datenpunkte, die Unternehmen heute über rund um die Uhr mit dem Netz verbundene Verbraucher besitzen, erlauben tiefste Einblicke in ihre Seelenzustände, Befindlichkeiten, Wünsche - und Schwächen. Demnächst werden Smartphones Entscheidungen ihrer Besitzer antizipieren und vorweg nehmen können. Die Entwicklung macht Konsumenten zu vollständig durchleuchteten, vorhersagbaren Wesen. Sie merken, dass sie trotz ihrer Abnehmambitionen immer wieder Riesenportionen an Junkfood hin sich hineinstopfen, dass ihre Geldsparpläne regelmäßig durch Impuls-Kleidungskäufe unterlaufen werden, und dass es ihnen einfach nicht gelingt, die durch verlockende Artikel-Überschriften und YouTube-Videos ausgelöste Prokrastination zu unterbinden, die sie am pünktlichen Abschließen ihrer Arbeit hindert. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie konträr zu ihren ursprünglichen Zielen handeln. Das Bewusstsein und Verständnis für die Ursachen und die Prozesse, die sich in ihrem Gehirn abspielen, aber fehlt ihnen. Über dies zu verfügen, wäre Voraussetzung, um die zumeist subtile Beeinflussung durch Dritte sowie die neurologischen und psychischen Vorgänge, die diese auslöst, zu entlarven. Dan Arielys Onlinekurs "A Beginner's Guide to Irrational Behavior" sowie die Bücher "The Willpower Effect" und das jüngst bei uns vorgestellte Werk "Hooked: How to Build Habit-Forming Products" eignen sich, um in das Thema einzusteigen.

Der emotionalen Debatte hoffnungslos ausgeliefert

Auch in den allgegenwärtigen öffentlichen Diskussionen, die an jeder Ecke des Webs geführt werden, macht sich zumindest ein rudimentäres Wissen über die den Dynamiken von Schlagabtauschen und Argumentationskämpfen zugrunde liegenden Prozessen gut. Im Gegensatz zu semi-privaten Stammtischdebatten kann das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Sichtweisen, Wertemustern und Moralvorstellungen online schnell aus dem Ruder laufen, zu weitreichenden Konsequenzen führen und die Massen beschäftigen. Soziale Medien geben dem menschlichen Erregungspotenzial eine große Bühne. An einer konstruktiven Diskussionskultur sowie Empathiefähigkeit mangelt es jedoch oft. Ich sehe eine Ursache hierfür darin, das viele Protagonisten ihren spontanen Instinkten, Emotionen und Affekten freien Lauf lassen, anstatt sorgfältig zu reflektieren. Ich lese gerade das Buch "The Righteous Mind" von Jonathan Haidt. Der US-Sozialpsychologen beschreibt darin ausführlich, wieso politische oder religiöse Fragen so oft zu bitteren Auseinandersetzungen führen, und wieso die involvierten Parteien felsenfest davon überzeugt sind, dass ihre Haltung die richtige ist. Jeder, der twittert, bloggt oder beim Kaffee oder Bier mit Freunden polarisierende Themen anspricht, kennt das.

Mein Vorschlag, dass jeder Mensch Basiskompetenzen im Bereich Psychologie besitzen sollte, kommt wohlgemerkt von einem Laien, der selbst nur ein paar Bücher und Artikel gelesen hat. Auch fehlt der Empfehlung, sich näher mit dem Erleben und Verhalten zu befassen, ein unmittelbarer wirtschaftlicher Anreiz. Im Gegensatz zu dem Ruf nach mehr Programmierkenntnissen lässt sich weder für Firmen noch für Volkswirtschaften unmittelbar viel gewinnen, wenn Bürger sich mit Erkenntnissen der Psychologie befassen. Und nicht zuletzt mangelt as an einem eindeutigen Meilenstein, der während des Lernprozesses als Motivation dient. Wer Java, C++ oder Python lernt, der ist nach ein paar Jahre in der Lage, Software zu schreiben. Sich Know-how über die Psyche und ihre Funktionsweise anzueignen, bietet kurzfristig weitaus weniger eindeutig mess- und erlebbare Resultate.

Doch ich denke, in einer komplexen und polarisierten Welt, in der Maschinen sukzessive das Verhalten von Menschen beeinflussen und steuern, ist es sinnvoll, hinter die Routinen, Handlungsweisen und Reaktionen zu blicken, die dabei ausgelöst werden. Denn Computer werden immer besser darin, uns zu verstehen. Wir sollten sicherstellen, dass sie mit dieser Eigenschaft nicht alleine sind. /mw

(Grafik: smart thinking concept with face silhouette and gears, Shutterstock)

Kommentare

  • Heiko

    27.01.14 (23:33:44)

    Heutzutage wird fast in allen Bereichen des Lebens versucht den Menschen zu beeinflussen. Das hängt größtenteils damit zusammen das man sich selbst Vorteile schaffen möchte. Es geht dabei nicht immer um Geld, sondern auch einfach um Anerkennung. Ich finde wir hätten viel mehr Vorteile, wenn wir uns untereinander mehr helfen würden und somit auch größere Probleme beseitigen könnten. Das heißt aber auch das jeder Mensch auf den anderen eingehen muss. Man muss auch mal etwas geben um etwas Schönes zurück zubekommen. Es wird noch sehr lange dauernbis der Bereich der Kommunization so groß ist das wir uns untereinander so gut verstehen können wie wir es wollen. So kann jeder profitieren und keiner wird mehr benachteiligt. Es ist eines der wichtigsten Punkte um gemeinsam erfolgreich zu sein.

  • Robert Frunzke

    29.01.14 (06:28:28)

    Och Martin, da ist ja schon wieder diese total fehlgeleitete Empathie-Thematik drin. Mehrere Kommentatoren des Empathie-Artikels (nicht nur meiner einer) hatten ja festgestellt, dass die "fehlende Empathie" ganz und garnicht das Problem wären. Naja... wieauchimmer. "Ein grundlegendes Verständnis über das eigene Verhalten und Empfinden ist meines Erachtens nach eine wichtige Kenntnis, um in einer zunehmend von hyperintelligenten Maschinen gesteuerten Welt eine Autonomie über Entscheidungen zu behalten." Sehr schön geschrieben! Kleiner Haken: Du implizierst, dass Du diese hier angesprochene Autonomie aktuell noch hast, und schreibst davon, diese zu "behalten". Hast Du diese denn überhaupt? Wie weit geht Deine Autonomie? Wie weit ist diese jetzt schon durch Deine wirtschaftliche und/oder soziale Bindung und Verantwortung eingeschränkt? Ich vermute mal, dass Deine ökonomische Abhängigkeit Deine Autonomie recht stark einschränkt, sicherlich mehr als alle Maschinen und volkswirtschaftlichen/politischen Faktoren. Du musst lernen, zuerst Deine eigene Rolle im System zu begreifen. Oder? Ansonsten: ein paar allgemeine Aspekte der "grundlegenden Programmierkenntnisse" werden in den nächsten Jahrzehnten immer stärker ins globale Bewusstsein durchsickern, ohne Zweifel. Aber - auch wenn ich selbst meine Zeit primär mit "programmieren" verbringe - es ist immer nur Konstruktion, basierend auf Mathematik und Logik. reasoning. In letzter Zeit wird der allgemeine Programmierer immer wieder gerne in den Stand eines weltvergessenen Magiers gehievt. Aber das ist Unsinn. Das hilft leider nur unterbemittelten Programmierer-Darstellern bei ihrer Selbstdarstellung. Aber das führt jetzt wohl zu weit... ;)

  • Ralf Wienken

    18.02.14 (08:27:51)

    Hallo Martin, Du schreibst: “Soziale Medien geben dem menschlichen Erregungspotenzial eine große Bühne.” Das ist der einzige Unterschied in der heutigen Gesellschaft: die Aufmerksamkeit, die das ganze bekommt. Alle anderen psychologischen Phänomene, die du beschreibst – nun ja, man hat immer schon gerne abgeschlachtet und gefoltert, wenn man glaubte, das der andere Unrecht hat. Insofern hast du sehr Recht wenn du meinst, dass die Menschen sich selber besser kennen sollten. Das ist ist aber nun wirklich keine Forderung speziell für die Computergesellschaft, sondern allgemeingültig. Gruß Ralf

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