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23.10.13

Keine Machtkonzentration: Im Messenger-Markt bleibt für alle ein Stück vom Kuchen

Facebook steht sinnbildlich für das typische "Winner-Takes-It-All"-Phänomen der Webökonomie. Doch im Boom-Segment der Smartphone-Messenger gelten andere Regeln. Hier bleibt für alle ein Stück vom Kuchen.

KuchenVielleicht kennt ihr das auch: Ihr tauscht euch per Smartphone-Chat-App - beispielsweise Kik - mit einem Freund oder einer Freundin aus. Die Konversation endet irgendwann. Stunden später schickt euch die gleiche Person einen "interessanten Link" - über eine andere Messenger-App, in der sich dann die weitere Kommunikation abspielt. Etwa im Facebok Messenger. Parallel plant ihr in einem WhatsApp-Gruppenchat eine gemeinsame Unternehmung. Auch dort ist euer vorheriger Gesprächspartner dabei, zusammen mit zwei anderen guten Bekannten. Später erhaltet ihr von einer dieser Personen ein sich selbst zerstörendes Foto via Snapchat.

Immer wieder erlebe ich im Alltag solche Szenarien. Dabei erfolgt die Wahl der jeweiligen Messenger-Anwendung scheinbar willkürlich. Manchmal basiert sie aber auch auf den aktuellen Umständen, unter denen das Gespräch erfolgt. Wenn sich der Chatpartner gerade bei Facebook aufhält, liegt es für ihn nahe, den dort gefundenen Artikel direkt per Facebook-Nachricht zu verschicken. Oder die Gruppenkommunikation findet deshalb bei WhatsApp statt, weil eine der Beteiligten wegen nur für WhatsApp aktivierten Push-Mitteilungen üblicherweise dort am schnellsten erreichbar ist.

Schon mehrfach habe ich mir über das beschriebene Phänomen Gedanken gemacht. Erst dieser Blogbeitrag des in San Francisco beheimateten Investors und Entrepreneurs Charles Hudson öffnete mir aber die Augen, was dieses spezifische Nutzungsverhalten eigentlich bedeutet: nämlich dass der Markt des mobilen Messagings nicht den gleichen "Winner-Takes-It-All"-Tendenzen unterliegt, die sich in vielen anderen Bereichen der Internetökonomie beobachten lassen. Die Rolle der Push-Mitteilungen

Eine ganz entscheidende Rolle spielen bei dieser Überlegung die oben bereits erwähnten Push-Mitteilungen, die auf dem Smartphone-Display über neue Nachrichten informieren: Solange diese aktiviert sind, ist es für Nutzer im Prinzip völlig egal, ob sie mit ihren Bekannten über eine einzige oder fünf unterschiedliche Messenger-Apps kommunizieren. Wo das manuelle Aufrufen von fünf Social-Networking-Websites aus Anwendersicht großen Zusatzaufwand verursacht und im Zeitverlauf zu einer Konzentration der Aktivität bei einem oder maximal zwei Anbietern führt (Facebook, Twitter), ist die Verwendung multipler Messenger dank Push überhaupt kein Problem. Als praktikabel kann die parallele Nutzung mehrerer derartiger Anwendungen auch deshalb bezeichnet werden, weil sie in erster Linie für den direkten persönlichen Austausch zwischen einzelnen Personen und nicht für die "One-to-Many"-Kommunikation mittels Statusmeldungen und ausführlichen Profilen ausgelegt sind. Letztere erfordert aktives Agieren des Nutzers ("Pull"), um Informationen über den Newsfeed zu erhalten. Chat-Apps hingegen melden sich, wenn sie Mitteilungen aus dem Kontaktnetz haben, oder werden zielgerichtet aufgerufen, wenn eine Konversation eingeleitet werden soll. Anwendern bleiben dadurch die mentalen Kosten erspart, die mit dem Pull-Konsum verbunden sind. Das Aufrufen von Messengern erfolgt als dem Kontaktbedürfnis zu spezifischen Menschen nachgelagerte Aktivität. Social Networks hingegen wollen User dazu bringen, ohne spezifische Kommunikationsintention in ihre Welt einzutauchen.

Sollte die These zutreffen, dass es im Messenger-Markt nicht zu einer Winner-Takes-It-All-Entwicklung kommt - was ich basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen glaube - ergeben sich daraus eine Reihe von Implikationen:

  • Der Messenger-Markt bleibt fragmentiert und vielfältig, jedoch ohne dass Nutzer darunter leiden (abgesehen davon, dass sie ihren Homescreen mit verschiedenen Chat-Apps zupflastern müssen)
  • Netzwerk- und Lock-In-Effekte sind schwächer, da Anwender nicht sukzessive dazu gezwungen werden, den Großteil ihrer Aufmerksamkeit dem als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehenden Dienst zu widmen
  • Das Fehlen einer Winner-Takes-It-All-Dynamik verringert die Bewertungen und das von Investoren antizipierte wirtschaftliche Potenzial. Mega-Börsengänge wie von Facebook oder Twitter sind nicht zu erwarten.
  • Messenger werden deshalb die Versuchung verspüren, ihre Apps so zu konzipieren, dass sich Netzwerk- und Lock-In-Effekte verstärken. Line zum Beispiel besitzt bereits zahlreiche Features, die über die Kernfunktionalität der Chats hinausgehen.

Seit Jahren wünschen sich Kritiker der Konzentration im Segment sozialer Netzwerke offene Standards und Datenportabilität, um mehr Anbietervielfalt zu erreichen und die Macht einzelner Webkonzerne zu verringern. Bisher vergeblich. Im boomenden Bereich der mobilen Messenger erübrigt sich diese Forderung eventuell: Hier sorgen die Spielregeln des mobilen Webs dafür, dass für alle ein Stück vom Kuchen übrig bleibt. Selbst wenn dies für manche etwas größer ist: WhatsApp hat uns gerade wissen lassen, dass es in Deutschland mittlerweile 25 Millionen monatlich aktive Nutzer hat. /mw

(Foto: chocolate cake, isolated on a white background, Shutterstock)

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