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19.08.06

Kauf der Weltwoche von Bundesrat Blocher finanziert?

Als Ende Juli bekannt wurde, dass Roger Köppel die Weltwoche aus der Jean-Frey-Gruppe herauskauft, fragten sich einige, wie ein 41jähriger Journalist geschätzte 20 Millionen Schweizer Franken auftreiben kann. Sie hätten ihm ein "attraktives Angebot" gemacht, war die Antwort. Er habe den geforderten Preis bezahlt, mit seinem gesamten Privatvermögen und mit Bankkrediten. Tito Tettamanti, auf den der erste Verdacht einer finaziellen Hilfestellung fiel, sagte: "Nein, und ich bin dazu auch nicht gefragt worden."

Nun bringt Klaus J. Stöhlker, Zürichs omnipräsenter Öffentlichkeitsarbeiter, im Weblog seiner Firma einen zwar ganz unbegründeten, aber zumindest plausiblen Verdacht ins Spiel. Christoph Blocher, Schweizer Bundesrat im Justiz- und Polizeiministerium, soll Roger Köppel unter die Arme gegriffen haben. Dass sich Köppel und Blocher bestens verstehen, ist kein Geheimnis. Ohne das jetzt nachzuprüfen, bin ich mir sicher, dass in den letzten Jahren kein anderer Politiker so oft in der Weltwoche interviewt wurde wie Blocher. So ist, kaum wird Köppels Rückkehr zur Weltwoche bekannt, auch schon wieder ein neues Gespräch im Blatt. Köppel sprach eine persönliche Wahlempfehlung für Blocher aus. Blocher war an Köppels Geburtstagsparty in Berlin. Und wo bloss hab ich gelesen, dass Blocher von Köppel Weihnachtskarten erhält? Oder waren es Neujahrswünsche?Aber das sollen sie auch, sie sind freie Menschen. Das Problem ist nicht, dass sich Politiker und Journalisten gut verstehen und miteinander Parties feiern, das Problem ist, wenn finanzielle Abhängigkeiten entstehen, die die publizistische Unabhängigkeit in Frage stellen. Bei Exekutivpolitikern mit eigenen Medien, da erinnern wir uns schnell mal an Silvio Berlusconi. An die Frage, ob es noch immer ein Rechtsstaat ist, in dem die Exekutive und die vierte Macht im Staat, die Medien, von den gleichen Kräften beherrscht werden. Ein Geldgeber mit klaren politischen Zielen kann ganz und gar unabhängig von den Inhalten agieren, macht er das aber auch?

Medien, die solche Interessenskonflikte kritisieren, vergessen oft, dass sie selbst abhängig sind von Geldgebern, denn abhängig sind alle Medien auf eine Weise. Wenn neben einem freundlichen Text, sagen wir über Hotels, Anzeigen für Hotels abgedruckt sind, dann darf sich der Leser auch fragen, wieso er denn gerade jetzt einen freundlichen Text über Hotels lesen darf. Von keinerlei Werbung unterstützte Weblogs sind so gesehen die wahre publizistische Unabhängigkeit. Sie sind in der Regel kostenlos im Betrieb oder eigenfinanziert.

Wie dem auch ist, wir sind erst bei einem Verdacht, ausgesprochen von einem, der sein Geld mit reden verdient. Und wer könnte es Roger Köppel nicht zutrauen, nie etwas von seinem verdienten Geld ausgegeben zu haben? Wann schon hätte er Zeit gehabt, bei den vielen Zielen, die er sich ständig setzt?

Der Tagesspiegel vermutete schon 2004 eine solche Finanzierung:

    Blocher soll selbst Anteile an der "Weltwoche" besitzen, zunächst hat er sogar damit kokettiert, dass ihm "höchstens das Kreuzworträtsel gehört". Heute lässt er verlauten, er sei weder direkt noch indirekt an dem Blatt beteiligt. Kann es aber vielleicht wirtschaftlich für eine Zeitung von Interesse sein, eine gewisse Nähe zu den Konzernen zu suchen? Köppel sagt, er sei zwar ein Vollblutjournalist, aber er möchte nicht völlig ausschließen, einmal auf die Seite der Wirtschaft zu wechseln.

Dito. die Sonntags-Zeitung, in einem leider undatierten Text. Viele andere, privat oder öffentlich, schlossen sich damals den Vermutungen an. Anders als 2004 wird 2006 den Aussagen geglaubt. Wir schliessen uns dem an: bis zum Gegenbeweis gilt die Unschuldsvermutung.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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