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24.02.11

"Kartellrechtliche Bedenken": Der Traum vom deutschen Hulu zerplatzt

Das Bundeskartellamt will die geplante Onlinevideoplattform von RTL und ProSiebenSat.1 aufgrund wettbewerbsrechtlicher Bedenken nicht genehmigen. Der Traum von einem deutschen Hulu scheint damit vorerst zu platzen.

 

Aktualisiert mit einer Stellungnahme der Mediengruppe RTL Deutschland am Artikelende.

Das vorläufige Aus für die Idee eines deutschen "Hulu" - so muss man die gestrigen Meldung der Financial Times Deutschland interpretieren, nach der das Bundeskartellamt bei der von RTL und ProSiebenSat.1 gemeinsam geplanten Onlinevideoplattform wettbewerbsrechtliche Probleme sieht. Laut dem Bericht hat die Bonner Behörde den zwei Unternehmen signalisiert, dass es das Vorhaben nicht genehmigen wird.

Publik wurden die Pläne zu einem gemeinsamen Videoangebot der zwei führenden deutschen Privatsendergruppen im Sommer vergangenen Jahres. Nach dem Vorbild des US-Dienstes Hulu sollten auf der Plattform Nachrichten, Serien, Filme und Shows von verschiedenen TV-Stationen bis zu sieben Tagen nach Ausstrahlung im Fernehen abgerufen werden können.

Auch andere Sender aus dem privaten und öffentlich-rechtlichen Bereich wollten RTL und ProSiebenSat.1 auf dem angestrebten Portal willkommen heißen. Sämtliche Inhalte sollten kostenfrei und werbefinanziert angeboten werden. Das Projekt war als neues Joint Venture angedacht, ähnlich wie dies beim US-Vorbild Hulu der Fall ist, an dem NBC, Fox (News Corp.) und ABC (Disney) beteiligt sind.

Zwar wurde schon wiederholte Male über eine internationale Expansion von Hulu spekuliert, aber das komplexe System der länderspezifischen Ausstrahlungsrechte in Kombination mit unterschiedlichen Nutzerpräferenzen und sprachlichen Hürden (Stichwort Synchronisierung) macht einen baldigen und umfangreichen Vorstoß von Hulu auf das europäische Festland äußerst unwahrscheinlich.

Eine anbieterübergreifende Webplattform, auf der eine möglichst große Zahl an populären Programmen wenigstens für einige Tage gesammelt abrufbar ist, wäre aus Zuschauersicht eine enorme Verbesserung und eine konsequente Anpassung der Sender an sich verändernde Muster des Medienkonsums. Die Nachfrage und Bereitschaft der User für ein deutsches Hulu scheint zweifellos vorhanden zu sein. Bisher fehlt jedoch das richtige Angebot. Sofern RTL und ProSiebenSat.1 die Bedenken des Bundeskartellamtes bis zum 10. März nicht noch aus dem Weg räumen können, scheint dies auch vorerst so zu bleiben.

Als Nicht-Jurist verzichte ich auf den Versuch, die wettbewerbsrechtlichen Bedenken zu analysieren oder in Frage zu stellen - eine umfassende kartellrechtliche Betrachtung hat Kai Simon im August 2010 bei telemedicus.info veröffentlicht. Tatsache ist jedoch: Sofern die Vision eines deutschen Hulu aufgrund nicht realisierbarer Auflagen der Bonner Behörde an die zwei TV-Konzerne am Ende begraben werden muss, gibt es viele Verlierer:

Konsumenten, die weiterhin mühselig auf den unterschiedlichsten senderspezifischen Plattformen sowie unabhängigen Videoportalen nach ihren Lieblingssendungen suchen oder diese gar über unautorisierte Wege beziehen müssen; die Sender und ihre Werbekunden, die Gefahr laufen, ohne eine offene, zeitgemäße und benutzerfreundliche Onlinevideoplattform den Kontakt zur jungen Zielgruppe zu verlieren, und schließlich auch die Produktionsfirmen, die durch geschwächte Privatsender automatisch ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden.

Zugeben: Diese Sichtweise mag einseitig klingen und klammert die Konsequenzen aus, die eine zu dominante Marktstellung von RTL und ProSiebenSat.1 mit sich führen könnte.

Das ändert jedoch nichts daran, dass eine zentrale Videoplattform eine große Bereicherung für die deutsche Fernsehlandschaft und auch ein effektiver Weg wäre, den Markt vor einem eines Tages eventuell doch stattfindenden Eintritt eines US-Players zu schützen. Denn spätestens dann wäre wieder das Gejammer hiesiger Politiker und Medienbeobachter groß, dass ein US-Dienst die Rolle des tonangebenden Premium-Videodienstes in Deutschland inne hat und nicht einer von hier. Darüber wundern sollte sich dann allerdings niemand.

Update: Hier eine Stellungnahme der Mediengruppe RTL Deutschland:

"Die vom Bundeskartellamt geforderte Offenheit hätte die Qualität des Angebots konterkariert. Die Plattform war von Anfang als ein senderoffenes Angebot zur zeitversetzen Nutzung von linearen und professionellen Inhalten geplant. Erst am Ende der Gespräche hat das Amt die Erweiterung des Angebots ins Unendliche verlangt."

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