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06.06.11

Kartellbeschwerde gegen Apple: simfys genialer PR-Coup

Der Kölner Musikdienst simfy hat wegen einer Blockade seiner iPad-App beim Bundeskartellamt Beschwerde gegen Apple eingereicht. Das Startup sieht einen Zusammenhang mit Apples iCloud-Plänen - die heute Abend vorgestellt werden sollen. Aufmerksamkeit ist simfy damit gewiss.

 

Heute Abend um 19:00 Uhr unserer Zeit veranstaltet Apple in San Francisco seine jährliche WWDC-Entwicklerkonferenz, und Apple-Beobachter überschlagen sich im Vorfeld mit Überschwänglichkeiten zum erwartenden Cloud-Dienst iCloud. Dieser soll unter anderem das Streamen der persönlichen iTunes-Musiksammlung aus dem Web ermöglichen.

Während Apfel-Anbeter vor Aufregung und Vorfreude vermutlich die ganze Nacht kein Auge zugemacht haben, ist man beim Kölner Dienst für kostenfreies On-Demand-Musikstreaming simfy weniger begeistert über Apples Vorstoß. Denn simfy hat vor vielen Wochen eine iPad-Applikation an Apple übermittelt und bis heute weder eine Freigabe noch eine Antwort erhalten.

Zwar sind längere Wartezeiten bei der Freigabe für den App Store ein bekanntes Phänomen, aber bei simfy hält man die Nicht-Reaktion von Apple dennoch für ein bewusstes Manöver. "Wir glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen den iCloud-Plänen und der Bockade unserer App gibt", wird simfy CEO Gerrit Schumann bei The Next Web zitiert.

Das Startup, das erst kürzlich eine umfangreiche Finanzierungsrunde bekannt geben konnte, hat daher beim Bundeskartellamt eine Beschwerde gegen Apple eingereicht.

simfy-Gründer Christoph Lange erklärte uns auf Anfrage, dass sich durch diesen formellen Schritt die App wahrscheinlich nicht innerhalb von wenigen Tagen aufs iPad bringen lassen wird. "Aber einfach stillschweigend zu schlucken, dass Apple hier offensichtlich seit Monaten eine (aus unserer Sicht rechtswidrige) Hinhaltetaktik fährt, ist nicht unsere Art", so Lange.

Ob nun die Beschwerde tatsächliche Sanktionen gegen das US-Ausnahmeunternehmen nach sich ziehen wird, und wenn ja wann, sei dahingestellt. Den Vorstoß aber an dem Tag zu verkünden, an dem die ganze Technologie-, Lifestyle- und IT-Welt auf Apple und iCloud blickt, ist in jedem Fall ein frecher PR-Coup, der dem in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbaren und eine weitere Europa-Expansion planenden Musikdienst garantiert einige Aufmerksamkeit verschaffen wird.

Eine von Apple akzeptierte Applikation für das iPhone gibt es von simfy bereits. Hier waren die Kölner im Gegensatz zur iPad-App aber nicht Vorreiter. Der erste kostenfreie Streaming-Service für On-Demand-Musik, der es in den App Store schaffte, war Spotify. Auch damals befürchteten viele, dass Apple ein Konkurrenzprodukt zum eigenen iTunes-Store nicht dulden würde.

Spotify, das schon damals über Millionen loyale Anhänger verfügte, versuchte die Wahrscheinlichkeit einer Apple-Freigabe zu erhöhen, indem es vorab öffentlichen Druck aufbaute. Diese Taktik ging auf, das Team um Steve Jobs gab für die App nach rund einem Monat grünes Licht.

Weder Spotify noch US-Konkurrenten wie Rdio oder MOG bieten bisher eine iPad-Applikation - warum nicht, ist unbekannt. simfy leistet mit seinem Versuch, mit einer nativen App auf das Apple-Tablet zu gelangen, Pionierarbeit. Der Zeitpunkt, um auf das Freigabe-Dilemma hinzuweisen, hätte mit dem 6. Juni nicht besser gewählt sein können.

Update 14:30 Uhr: Eine Nachfrage beim Bundeskartellamt ergab, dass simfys Beschwerde dort bisher noch gar nicht eingegangen ist. Kartellamts-Pressesprecher Kay Weidner zum weiteren Verfahren bzw. den Erfolgschancen:

"Sollte eine Beschwerde eingehen, werden wir sie natürlich prüfen. Ich kann Ihnen noch nicht sagen, welche Folgen eine solche Prüfung haben wird. Insbesondere wäre dann noch immer nicht klar, ob das Bundeskartellamt auch ein Verfahren einleitet."

Eine erneute Nachfrage im simfy-Umfeld ergab, dass die Beschwerde aber heute tatsächlich abgeschickt wurde, d.h., sie müsste beim Kartellamt demnächst eintreffen.

Update 15:20 Uhr: Hier ist die offizielle Pressemitteilung von simfy .

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