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07.09.12 11:42

, von Martin Weigert

Junges Startup aus Schweden: Magine will TV-Konsum neu definieren

Magine heißt ein gerade in geschlossener Beta-Phase lanciertes Startup aus Schweden, das mit der TV-Branche das anstellen möchte, was Spotify mit der Musikindustrie getan hat. Bis dies auch in Deutschland geschehen kann, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.

Als ich mich 2006 nach dem Studium dazu entschloss, nach Stockholm zu ziehen, wusste ich noch nicht, dass mir dies eines Tages einen gewissen strategischen Vorteil in meiner künftigen Tätigkeit als Tech-Berichterstatter verschaffen würde. Denn in den vergangenen Jahren hat sich Schweden zu einem angesagten Zentrum innovativer Startups entwickelt - die sich angesichts des vergleichsweise kleinen Marktes oft schnell auf einen Expansionskurs ins Ausland begeben. In meiner Rolle als netzwertig.com-Redakteur heißt dies, dass ich frühzeitig von neuen Anbietern erfahre und über diese berichten kann, noch bevor sie außerhalb des schwedischen Marktes wahrgenommen werden. Bei Spotify, iZettle, Voddler und Wrapp (dort allerdings etwas spät) nutzte ich diese Gelegenheit schamlos aus. Nun eröffnet sie sich mir erneut.

Mit Magine macht sich ein Stockholmer Startup bereit, die TV-Landschaft zu revolutionieren. Große Worte, die nicht von mir stammen, sondern von den Gründern Erik Wikström, Mattias Hjelmstedt, Håkan Tranvik och Michael Werner. Der Dienst hat in den letzten Tagen in Schweden einiges an Medienaufmerksam erhalten und wurde - vielleicht etwas klischeehaft - mehrfach als "Spotify für Fernsehen" bezeichnet. Zwei Jahre hat das Gründerquartett an dem Angebot gefeilt, seit Montag ist es in geschlossener Beta-Phase und mit einer restriktiven Invite-Only-Policy online. Selbst warte ich noch auf eine Einladung, weshalb ich einen persönlichen Erfahrungsbericht bisher nicht bieten kann.

Bei Magine handelt es sich um eine Kombination aus einem Streamingdienst für lineares Fernsehen, ähnlich Zattoo und den nur in der Schweiz verfügbaren Anbietern Wilmaa und nello, sowie einer Video-On-Demand-Flatrate im Stile von Netflix oder Lovefilm. Für eine monatliche Pauschale von etwa 200 Kronen (ungefär 25 Euro) sollen Nutzer nach dem Ende der Beta-Phase vollen Zugriff auf alle schwedischen TV-Kanäle sowie ein breites Angebot an On-Demand-Content erhalten - über jede nur erdenkliche Plattform. In einem Video führt Joakim Jardenberg, eine Art schwedischer Robert Scoble, Magine vor und zeigt dabei, wie sich eine Live-Sendung im linearen TV problemlos "zurückspülen" lässt. Derartige "Timeshift"-Funktionen kennt man etwa von Festplatten-Videorekordern oder PC-TV-Karten. Wer will, kann bei Magine auch zu einem Punkt in der Vergangenheit springen, um eine verpasste Sendung nachträglich anzuschauen.

Schweizer Lesern wird dies von den beschriebenen TV-Apps bekannt vorkommen, welche nicht nur Livestreams, sondern auch die "Aufnahme" sämtlicher linearer Fernsehsender erlauben. Aufgrund einer deutlich komplizierteren Rechtslage in Deutschland und einer Blockadehaltung der Sender fehlen Zattoo hierzulande entsprechende Funktionen, und explizit zur Aufnahme von Free-TV-Kanälen geschaffene Dienste wie Save.TV und Onlinevideorekorder sehen sich immer wieder juristischen Attacken der TV-Konzerne ausgesetzt.

In Schweden hat Magine laut eigener Aussage bereits eine Reihe wichtiger Fernsehstationen und Filmverleiher als Kooperationspartner an Bord, die nach dem offiziellen Launch anteilig an den Umsätzen aus den Monatsabos beteiligt werden. Im Herbst soll die Beta-Phase ausgeweitet werden, der offizielle Start ist für das erste Quartal 2013 vorgesehen. Der schwedische TV-Markt steht damit vor großen Veränderungen, immerhin wollen auch Netflix und der US-Fernsehanbieter HBO noch in diesem Jahr in den nordischen Ländern On-Demand-Plattformen lancieren.

Zu Pänen der Internationalisierung äußern sich die Magine-Macher noch nicht. Angesichts der von Land zu Land unterschiedlichen, aber zumeist hochkomplexen Rechtelage wird eine Verfügbarmachung von Magine in anderen Märkten einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Spotify benötigte nach seinem Debüt in Schweden dreieinhalb Jahre, um in Österreich, der Schweiz und Deutschland seine Zelte aufzuschlagen - zumal in Deutschland die Verhandlungen mit der GEMA noch immer nicht abgeschlossen sind.

Doch wenn die Geschichte der vergangenen 15 Jahre den etablierten Akteuren der TV-Landschaft etwas gelehrt haben sollte, dann, dass sich die Entwicklung zu einem rein IP-basierten, plattformübergreifenden und nicht zwangsweise an feste Zeiten gebundenen Medienkonsum bremsen, aber nicht aufhalten lässt. Bedenkt man, wie sich RTL und ProSieben nach wie vor dagegen wehren, in das deutsche Zattoo-Programm aufgenommen zu werden, und wie das ZDF sich vor Smart-TV fürchtet, dann entsteht zwar der Eindruck, wieder einmal verschließe sich eine Branche den unaufhaltsamen Veränderungen des Digitalen. Aber vielleicht muss ja wieder erst ein schwedisches Startup kommen, um einen Sinneswandel zu erzwingen.

Und wer sich fragt, wie es Skandinavien geschafft hat, zu einem weltweit anerkannten Startup-Exporteur aufzusteigen, der sollte sich folgenden Artikel zu Gemüte führen: "The Secret Scandinavian Ingredient That Makes Their Tech Good For The World"

Link: Magine

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