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07.08.08

Journalistische Einfallslosigkeit: Mehr Format wagen!

Blogger werden belehrt, dass sie erst journalistischen Stilformen pauken möchten, bevor sie sich einzumischen wagen – dabei brauchen neue Medien neue Formate.

Ob Buchdruck, Rundfunk oder TV - neue Medien brauchen neue Formate. Kaum ein Satz erscheint einleuchtender. Und kaum ein Satz wird im Falle des Web 2.0 weniger befolgt. Blogger müssen sich hier von Journalisten im Netz belehren lassen, dass sie doch - bitteschön! - erst einmal die grundlegenden journalistischen Stilformen aus der Holzhausener Schule pauken möchten, bevor sie sich in den Diskurs der Granden einzumischen wagen. Insofern treffen jene Peitschenhiebe, die der Kollege Jakubetz dort in seinem JakBlog an die realitätsverweigernden 'Angehörigen der Holzklasse' austeilt, in meinen Augen einfach nur die Richtigen. Hier ein Auszug aus der Philippika:

 

"Trotzdem bleibt leider mein Eindruck, dass sich viele (auch jüngere) Journalisten dieser Realität nicht stellen wollen. Dass sie immer noch glauben, es reiche aus, sich einen gmx-Account zuzulegen und zweimal am Tag nachzuschauen, was Spiegel Online so schreibt. Man muss einfach ein paar Schritte weiterdenken und eventuell mal begreifen, dass die Auswirkungen des Netzes als Medium viel mehr und ganz andere sind, als dass man Texte jetzt auch auf einem Bildschirm lesen kann. Dass man dadurch beispielsweise jetzt ein Stück weit befreit ist von diesen ganzen entsetzlichen Formatzwängen und den grauenvollen Kompromissen, die man vielleicht noch machen musste, als Henri Nannen den ?Stern? gründete und eine ?Wundertüte? auf den Markt brachte, in der gefälligst für jeden etwas drin zu sein hatte'.

Neue Formen braucht das Land!

Ich habe einfach mal die Probe aufs Exempel gemacht, um dem wahren Rezeptionsverhalten der Leser im Netz ein wenig näherzukommen. Viele 'unumstößliche Wahrheiten' haben sich dabei für mich schlicht als Medienmythen entpuppt. Da ich begreiflicherweise valide Daten am ehesten dort erhalte, wo ich sie selbst im Zugriff habe, betrachte ich hier einfach jenes Blog, das ich unter dem nom de guerre Chat Atkins als Linkabwurfstelle eingerichtet habe. In dieser Sargnagelschmiede probiere ich seit zwei Jahren alle möglichen Stilformen einfach mal aus, vom Artikel über die Polemik, vom Gedicht über den fingierten Dialog, von der Satire über die Rezension, von der Erzählung über den Aphorismus, bis hin zu Stilformen, für die ich noch gar keinen Namen habe.

Ein Unikum führt in dieser Kasperbude unter etwa 2,500 Beiträgen die ewige Bestenliste an. Am ehesten könnte ich den Text als 'Reprozension' bezeichnen. Ich hatte damals einfach einen Text aus einem Gemeinschaftsblog 'reproduziert', das mich deshalb unwiderstehlich zum Spott reizte, weil es sich verwegenerweise 'Die literarische Zukunft Deutschlands' nannte. Ohne diesem Anspruch auch nur ansatzweise nahe zu kommen. Parallel zur Reproduktion 'rezensierte' ich dann den Text, indem ich einen 'fortlaufenden inneren Kommentar' einschob. Unter den 'Most Read Stories' steht die neue Textform, die in keine Schublade des klassischen Journalismus mehr passt, einsam an der Spitze. Das muss noch keine Regel sein, ich weiß, aber zum Indiz taugt das Faktum allemal.

KILL statt KISS: Keep it Long & Lovely

Weiter im Text: Die KISS-Regel ('Keep it Short & Simple') lernt jeder Volontär, sobald sich erstmals eine Redaktionstür hinter ihm schließt. Vor allem dann, wenn er 'Online' schreiben muss: 'Kein Mensch liest lange Texte am Bildschirm', wird ihm dort auf der Stelle beigebimst, man dürfe die Geduld des eiligen Lesers nicht überstrapazieren. Ach, wirklich?

Der meistkommentierte Text in meinem Blog ist dieser hier: Er steht auf Platz 8 der Bestenliste und umfasst - zählt man die 44 Kommentare mit - schlappe 28.000 Zeichen. In dieser Länge dürfte ein Text sogar die Geduld des engagiertesten ZEIT-Feuilletonlesers ermüden. Die Kommentatoren aber - von 'wonko' über 'donalphons' bis 'mark 793' - schlugen sich allesamt durch den kilometerlangen Rattenschwanz aus Meinungen und Gegenmeinungen hindurch, der sie zusätzlich noch mit widersprüchlichen Ansichten konfrontierte.

Übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass Texte im Web 2.0 mehrere Autoren haben können (oder sollten) und dass dieser 'Dialog' - besser wohl: 'Multilog' - die Form künftig entscheidend prägt. Kurzum: Auch die KISS-Regel kann der 'Journalist der Zukunft' getrost (mitsamt der AIDA-Regel) in die Tonne treten. Im Netz darf jeder gern auch lange Texte schreiben, Hauptsache, sie sind nicht langweilig: Keep it Long & Lovely! Und er muss lernen, dass seine Leserschaft dabei ein Wörtchen mitredet ...

SEO ins Klo!

Die Überschrift über dem ersten der erwähnten Texte lautete: 'Hannibal Lektor', die zweite 'Zoff auf dem Kiez'. Beides stilistisch recht gute Überschriften, aber wahrlich keine Headlines im Sinne jener Google-Anbeter, die da meinen, das alles einer 'Search Engine Optimization' bedürfe. Die anderen meiner Texte verfahren ähnlich - mit anderen Worten: Mir ist SEO völlig humpe! Die Sargnagelschmiede steht trotzdem in Dirk Olbertz' Non-Commerce-Blogimperium derzeit auf dem sechsten Platz (wenn man Alexa mal trauen will), hinter Lanu, Rebellen ohne Markt, Powerbook-Blog, dem Community-FAQ-Blog von blogger.de und Ahoi Polloi.

Lanus 'Heul nicht - sag was!', das führende Blog auf dieser Liste, geht sogar noch viel radikaler und kryptischer vor, als ich dies tue: 'Wird eng' heißen die Headlines, 'Ist alles wieder total supi in Deutschland' oder 'Gotteslästerung'. Bei ihr haben die folgenden Copy-Texte dann oft den Charakter einer antiken Papyrusrolle, wo der Leser mit Hilfe der angeführten Links und mit viel archäologischem Blogwissen erst einmal halbwegs zu begreifen trachtet, was die Frau möglicherweise mal gemeint haben könnte. Der Aha-Effekt ist nach der Übersetzung dann umso größer - auch rollt dem geneigten Leser nur hier unversehens Hademar Bankhofers Kopf vor die Füße.

Anders ausgedrückt: Hier, wo der Leser erst einmal nur Bahnhof versteht, steht er zugleich ganz vorn auf der Lokomotive - mit der Nase im Blogwind. Noch anders ausgedrückt: Blogtexte sind keineswegs simpel, den angeblichen Tagebuchstil und den Katzen-Content, den pflegen eher die Journalisten im Netz, denen die Offline-Kollegen etwas vom Bloggen vertellten, bevor jene an die Online-Front abkommandiert wurden.

Kurzum: SEO ist nur da wirksam, wo nichts Eigenes existiert, wo jemand mit billig zusammengeklaubten Fremdtexten und mit Themen, die überall schon lang und schlapp durchgehechelt wurden, noch ein wenig Restklickrate abstauben will. Denglish formuliert: 'SEO is for Sissies and Late Adopters!' Ein echtes Me-Too-Instrument im Marketing-Mix ...

Platz ist immer genug da!

Das Internet aber ist und bleibt unendlich groß. Daher dürfen wir auch mit Texten exzessiv verfahren. Es gibt hier keinen Seitenumbruch mehr, keinen Platzmangel, keine Themen, die geschoben werden müssen. Raus damit - das ist, was zählt. Nur Ödnis steht einem Erfolg im Wege. Ein Text sei daher vor allem anderen 'lesenswert'!

Hier greift dann die letzte Regel, die im neuformatierten Medienuniversum künftig Gesetzescharakter haben wird: Sei niemals langweilig. Schluss mit dem Objektivitätsstil, mit dem Ideal des 'neutralen Berichterstatters'. Für den Restbedarf an Langeweile - pardon: Seriosität, dafür gibt es längst SpOn, gewissermaßen das 'Google' unter den deutschsprachigen Tageszeitungen im Web 2.0. Einen weiteren Klon davon, den braucht kein Mensch. Eigenes ist daher gefragt, weit ab von reuters und dpa, dazu Ausprobieren und mit Formen spielen, fast so, wie das Kind mit den Backformen. Für junge Journalistikstudenten heißt dies alles aber, Richard Dehmel paraphrasierend:

'Wenn dein alter Professor spricht,

Glaub' ihm nicht! Glaub' ihm nicht!'

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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