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13.06.13Leser-Kommentare

Journalisten und soziale Medien: Eine irrelevante Studie regt zum Nachdenken an

Eine Studie behauptet: Journalisten aus Deutschland sind besonders zurückhaltend, was Bloggen und Twittern angeht. Die Untersuchung ist methodisch fragwürdig, legt aber dennoch den Finger in eine Wunde.

Am heutigen Vormittag machte eine Studie zur Nutzung sozialer Medien durch Journalisten die Runde durch die deutschsprachige Netzsphäre. Kein Wunder, skizziert die Überschrift des sie thematisierenden Artikels beim Medienblog paidContent.org doch eine Aversion deutscher Journalisten gegenüber Social Media. Anlass dafür ist eine Statistik aus der sechsten "Oriella Digital Journalism Study" (PDF), in der die Verwendung sozialer Medien durch Journalisten in 14 Ländern gegenübergestellt wird. Deutschland ist demnach von sämtlichen verglichenen Nationen das Land, in dem die wenigsten Medienleute ein eigenes Blog betreiben, ein persönliches Twitter-Konto besitzen sowie ein Google+-Profil vorweisen können.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass es der Untersuchung des PR-Agenturnetzwerks Oriella an Aussagekraft mangelt, was die Vergleiche der Attitüden und Praktiken in einzelnen Ländern angeht. Denn für die Studie befragte das Unternehmen 553 Journalisten, durchschnittlich 37 pro Land, per Onlineumfage. Es geht nicht hervor, wie diese ausgewählt wurden, weshalb auch für die übergeordnete Statistik keine Repräsentativität zu vermuten ist - die üblicherweise ohnhine etwa 1000 Teilnehmer einer Untersuchung voraussetzt. Die Ergebnisse dazu noch auf einzelne Länder herunterzubrechen, macht die Sache noch sinnloser. Zu sehr verzerren individuelle Merkmale und Sinneshaltungen Einzelner das Ergebnis, wenn nur knapp 40 Personen für jedes Land herangezogen werden. Das heißt im Klartext: Die Methodologie ist zu schwach und unwissenschaftlich, um die Studie ernst nehmen zu können. Social Media

Aber wie das manchmal so ist, kann auch eine gegen alle Regeln der Statistik verstößende Untersuchung ein realitätsnahes Bild liefern. Genau dies dürfte der Grund sein, warum die Zusammenfassung des Oriella-Reports gerade fleißig herumgeschickt wird: Netzaffine Journalisten und Medienbeobachter in Deutschland ahnen instinktiv, dass die schreibende Zunft (und ihre Mitstreiter von TV und Radio) in Deutschland tatsächlich Kollegen in den meisten anderen Ländern hinterherhinkt, was die Präsenz in sozialen Medien angeht.

Eigentlich ist es auch offensichtlich: Journalisten sind gewisserweise ein Spiegel der Gesellschaft. So wie die Deutschen im internationalen Vergleich generell eher zurückhaltende "Sharer" sind und Twitter vernachlässigen, gilt dies auch für die Gruppe der Journalisten. Zwar zeigen mittlerweile viele Medienleute in Deutschland Präsenz bei Twitter, aber über die Zahl derjenigen, die sich dem Microbloggingdienst verschließen, sagt dies wenig aus. Und regelmäßig privat bloggende Journalisten wie Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr, Martin Giesler, Daniel Bröckerhoff, Carolin Neumann, Thomas Wiegold sowie einige weitere sind eine Seltenheit - und häufig jung genug, um schon vor dem Beginn ihrer beruflichen Laufbahn aktiv das Netz mitgestaltet zu haben. Meist handelt es sich außerdem um freie Journalisten. Bei den bloggenden Journis mit Festanstellung wird es noch übersichtlicher. Und schaut man auf die älteren Jahrgänge, also auf die journalistisch Elite mit jahrzehntelanger Erfahrung, sucht man vergeblich nach vorzeigbaren, wenigstens sporadisch gepflegten privaten Blogs. Wobei es nicht allein eine Generationenfrage ist: Kürzlich berichtete mir ein junger freier Journalist (aus Österreich), er bevorzuge eine geringe Sichtbarkeit im Netz.

Die Gründe für die Zurückhaltung hiesiger Journalisten sind zweifelsohne vielseitig. Neben dem grundsätzlichen Fehlen einer ausufernden Begeisterung über die Möglichkeiten sozialer Netzwerke und Blogs in Deutschland könnten auch vertragliche Regelungen mit Auftraggebern sowie die Furcht vor dem Verlust von Aufträgen sowie dem Publizieren eigener Meinung in eigener Verantwortung eine Rolle spielen. Zudem scheint der Gedanke, ständig in eigener Mission unterwegs zu sein und eine persönliche Marke zu schaffen, vielen hiesigen Journalisten nicht zu behagen - sonst würde man es häufiger beobachten. Ich vermute, dass auch die negative Sicht auf in unseren Breitengerade verpöhnte "Selbstdarsteller" manche Mitglieder der schreibenden Zunft und anderer Medienbereiche davon abhält, sich selbst stärker in den Vordergrund zu rücken. Und der eine oder die andere hat vielleicht auch ganz einfach ein Problem damit, Wissen und kreative Arbeit mit der Öffentlichkeit zu teilen, ohne dafür bezahlt zu werden.

Befände sich der Journalismus nicht gerade in einem weitreichenden Wandlungsprozess (ich vermeide bewusst den Begriff "Krise"), wäre die Social-Media-Muffeligkeit der Presseleute egal. Doch der fortschreitende Strukturwandel sowie die dadurch verursachte Instabilität in Bezug auf Anstellungsverhältnisse und Auftragslage wird zum Problem für diejenigen, die sich über das persönliche Kontaktnetzwerk hinaus keine neuen Kanäle eröffnen, über die sie - eher selten direkt, häufig aber indirekt, ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Als Journalist den eigenen Namen und die besonderen Schwerpunktgebiete und Stärken gut sichtbar zu präsentieren, entwickelt sich speziell für junge, mit wenig Referenzen und nur begrenzten Zugängen zu etablierten Redaktionen ausgestattete Journalisten zu einer ökonomischen Notwendigkeit.

Solange vergleichsweise wenige hiesige Journalisten diesen Weg gehen, kann die Situation ihrer Branche also eigentlich gar nicht so schlecht sein. /mw

Kommentare

  • barlun

    25.06.13 (19:07:06)

    Also mal ehrlich Leute man muss nicht diesen social ich stelle mich zur schau und mach es der Industrie und der Überwachung einfacher Misst beteiligen die masse davon ist so nützlich wie Kiemen bei Menschen. Da Masse der aktiven dort sind die Möchtegerns und die Leminge aber wer es braucht.

  • Michael

    25.06.13 (21:50:02)

    Journalismus via sozialen Medien ist ein noch viele neueres Ding als das Internet insgesamt. Er wird sich dort nur insoweit verbreiten, wie sich Journalismus im Internet insgesamt etabliert. Ein weiterer Zusammenhang ist der Tat, Journalismus, der sich nicht auch in Sozialen Medien verbreitet, wird sich überhaupt nicht im Internet verbreiten. Sicher ist auch das ein Problem der Verwertungsprobleme von Journalismus im Internet, dass er die Sozialen Medien wenig zu nutzen versteht. Man könnte meinen, die Alten Medien haben bis auf bekannte Ausnahmen wenig Feeling fürs Netz und seine Chanchen, insbesondere nicht für sein viel höheres Vernetzungs- und Interaktionsniveau. Journalismus wird im Internet in Tat nur zusammen mit Sozialen Medien groß werden können, weil sie alles bieten, was Journalismus im Internet benötigt: Detail-und Mikroinformationen en masse aus aller Welt und sämtlichen Regionen, zu sämtlichen Themen, Vernetzung, Kommunikation mit Lesern, Informanten und anderen Medien. Fast völlig ungenutzt liegen bisher eigene mögliche Kommunikationsplattformen über Foren hinaus brach. Selbst Foren werden bisher meist nur uninspiriert an einzelne Artikel gehängt, anstatt sie richtig in großen Foren zusammenzufassen. Aber warum nicht auch richtige eigene Communities in großen Onlinemedien zu einem pointierten persönlichen Interessensgebiet wie der persönlichen Information. Information ist eine der wichtigsten Betätigungen im Internet - um so leichter könnten Onlinemedien darum herum eigene Communities aufbauen und ihre Plattformen damit um ein weiteres zu "Leib- und Magenblättern" im Netz machen.

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