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06.02.08Leser-Kommentare

Journalisten-Selbstkritik: Ein Versuch, immerhin

Frank A. Meyer, "Konzern-Chefjournalist" im Ringier-Verlag, hat eine Handvoll Journalisten in die Sendung "SonntagsBlick Standpunkte" eingeladen, um zusammen etwas selbstkritisch zu sein. Wie fast immer bei freier Rede sind interessante Aussagen zustande gekommen. Wir liefern die besten Zitate aus der Sendung.

Wie aus der Schweiz zu hören ist, lässt sich Frank A. Meyer (Ringier-Verlag, Stabsstelle ohne konkrete Aufgaben, siehe Grafik) seit einigen Wochen im hauseigenen SonntagsBlick wöchentlich von Marc Walder (Ringier-Verlag, Chefredaktor SonntagsBlick, Redaktionsdirektor Zeitungen) befragen. Angelehnt an die wöchentliche Zigarette zwischen Giovanni di Lorenzo und Helmut Schmidt im Zeit Magazin Leben heisst die Rubrik "Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer".

Journalisten-Runde

Wer das als royale Geste missverstanden hat, wird nun von Frank A. Meyer geläutert. In den SonntagsBlick-Standpunkten (Video, 57:19 Minuten) diskutiert er mit

- Lutz Hachmeister, Kommunikationswissenschaftler und Buchautor

- Jürgen Busche, Journalist, Cicero

- Constantin Seibt, Journalist, Tages-Anzeiger

- Markus Spillmann, Chefredaktor, NZZ

und entlockt so der durchaus hochkarätigen Runde einige interessante Aussagen.

Wir haben einige Zitate daraus versammelt. Den wichtigsten und besten Satz des Abends wollen wir aber unverzüglich bringen: "Entscheidend am Ende ist die Frage: Sind wir fähig als Journalisten, auch künftig Qualität zu bieten, auf den Trägern, auf den Informationskanälen, die unsere Kunden, nämlich die Leserinnen und Leser, auch konsumieren wollen."

 

Lutz Hachmeister

Lutz Hachmeister, Kommunikationswissenschaftler und Buchautor:

Manchmal hilft ja so ein Blick auf die Geschichte dieses Berufes oder wie er entstanden ist. Wenn man die ersten Hochphasen des Journalismus, in der britischen Aufklärung und in der französischen Revolution nimmt, dann ist der Journalist letzlich immer der Antagonist herrschender Machtstrukturen. Das hat nichts mit rechts und links zu tun zunächst. Aber er bricht herrschende Meinungen - sonst braucht man ihn überhaupt nicht, sonst braucht man diesen Beruf nicht. (...) Und das kippt so langsam. Mit dieser Expertokratie, die ja immer wieder verbunden ist mit den herrschenden Machtstrukturen. Diese Experten in Deutschland sitzen alle in Regierungskommissionen und man muss ja selber aufpassen, dass man nicht da irgendwie ständig hineingerät. Und damit ist man ja sehr schnell kurzgeschaltet und Teil dieses Establishments. Und das macht den Journalismus in den Augen einer zunehmenden Leserschaft übrigens auch suspekt. Diese Volatilität zum einen, dieser Stimmungsjournalismus, dass die Leser das Gefühl haben, der schreibt heute das und morgen das. Und dass man das Gefühl hat, sie sind immer doch verbandelt, in Deutschland, jetzt zumal mit ner grossen Koalition, da ist ja nich mal mehr eine Opposition in der offiziellen Politik zu beobachten.

Constatin Seibt

Constantin Seibt, Journalist, Tages-Anzeiger:

Was mir auffällt: Früher, auf Journalistenparties, hat man so ungefähr nachts um zwei gesagt: Alle Chefredaktoren Idioten, alle Verleger Verbrecher. Lass uns eine eigene Zeitung gründen. Die gleiche Konversation führt man heute eigentlich schon um zehn Uhr morgens topfnüchtern beim Kaffee. Es herrscht ein relativ grosses Missbehagen mit den Chefetagen. Es ist so, dass die meisten Journalisten eigentlich ein wenig auf der Flucht wären, wenn sie wüssten, wohin sie flüchten sollen. Nur: Dummerweise sind ungefähr alle gleich schlimm, alle Zeitungen. Man hat das Gefühl, dass man eigentlich die Topleute zu einem relativ moderaten Preise bekommen würde, wenn man ihnen ein faszinierendes Projekt geben würde. Und: Das Gleiche gilt auch für die jungen Journalisten. Da gibt es mindestens ein, zwei Dutzend, die wirklich was auf dem Kasten haben, die aber nicht wissen: Werden sie je in diesem Beruf die Strukturen haben, dass sie wirklich auf der Höhe ihres Könnens schreiben können? Das wird sich weisen: Ich glaube, die Verleger haben doch bis jetzt über das Publizistische zuwenig nachgedacht.

(...)

Das Expertenunwesen grassiert. Eigentlich könnte man ne gute Liste von Experten machen, also zum Beispiel Franz Jäger. Bei denen man weiss, sobald sie in einem Artikel zitiert sind, ist es Schwurbel.

(...)

Man könnte sich auch überlegen, mit der Redaktion zum Teil ins Internet aufzubrechen, um zu sehen: Was können Profijournalisten dort alles anrichten an interessanten Dingen? Ich glaube, man sollte sich solche Dinge überlegen.

Jürgen Busche

Jürgen Busche, Journalist, Cicero:

(...) aus der eigenen Substanz lebten. Sie hätten doch in einer Themenkonferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der 70er Jahre keinen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zitieren dürfen. Sie hätten auch nicht sagen können, das hat der Spiegel gemacht oder das hat die Süddeutsche Zeitung gemacht. Da wären sie ausgelacht worden: Ja dann gehen sie mal in ihr Zimmerchen, lesen sie die Süddeutsche Zeitung weiter und lassen sie uns hier über unser Blatt reden. Es wurden Zeitungen gelesen, man musste gelesen haben: Le Monde, Times, International Herald Tribune und Neue Zürcher Zeitung. Wer die nicht gelesen hat, war auch disqualifiziert in der Konferenz. Aber nun anzukommen und sagen: Die Süddeutsche hat einen Leitartikel gemacht und da steht das drin - der wäre ausgelacht geworden. Und aus diesem Grunde hatten alle diese Zeitungen verschiedene Aufmacher und Themen am nächsten Tag. Dass man hinguckte und sagte: Was machen denn die anderen? Was werden die anderen vermutlich morgen machen? Das gab es damals buchstäblich nicht.

(...)

Da hat der Journalismus schon die Leistung gebracht, sich manchmal am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Wir müssen einfach sagen, dass das Erscheinen der taz auf dem deutschen Zeitungsmarkt alle Zeitungen verändert hat. Und die hat alle Zeitungen verändert, auch die F.A.Z. (...) Das deutet darauf hin, dass der Journalismus schon imstande ist, sich von bestimmten negativen...

(...)

Ich bin nun ein Mensch, der neigungsbedingt in der Woche drei bis vier Abende fünf bis sechs Stunden in irgendwelchen Gasthäusern verbringt, an Tischen sitzt, wo er die Leute kennt, ...-Pils trinkt, quatscht. Dort wird immer noch sehr viel geredet, über das, was in der Zeitung stand. Über das, was bei Spiegel Online stand oder was im Internet stand, wird nicht geredet.

Markus Spillmann

Markus Spillmann, Chefredaktor, NZZ:

Ein Auslandkorrespondent [der NZZ] kostet je nach Destination und Umständen zwischen 200'000 und 300'000 Franken [jährlich].

(...)

Entscheidend am Ende ist die Frage: Sind wir fähig als Journalisten, auch künftig Qualität zu bieten, auf den Trägern, auf den Informationskanälen, die unsere Kunden, nämlich die Leserinnen und Leser, auch konsumieren wollen. Ich stelle einfach fest bei uns, wenn ich die Leserschaftsauswertungen nehme (...): Die Leserzahlen gehen zurück. Wenn ich die Nutzungsfrequenzen im Internet angucke, wo die NZZ zumindest das Zeitalter sicher nicht verschlafen hat [er deutet mit der Hand auf den Vertreter des Tages-Anzeigers]. Dann steigen die, und zwar deutlich. Und wenn ich mir dann anschaue, wer nutzt welche Angebote, dann stelle ich erstaunt fest (erstaunt, im Sinne von, das ist eine Realität), dass es eben nicht einfach Junge sind, sondern es sind durchaus auch NZZ-Leserinnen und Leser, die auch das Internet nutzen.

(...)

Qualitätsjournalismus wird auch in Zukunft Anhänger finden. Ob er in gedruckter Form oder in elektronischer Form geboten wird, glaub ich, das müssen wir letztlich unseren Leserinnen und Leser überlassen. Wir können sie da nicht zu etwas erziehen, was sie nicht haben möchten. Aber ich glaube nicht, dass wir in einen Abgesang auf die Zeitung einstimmen müssen.

Frank A. Meyer

Frank A. Meyer, ohne konkrete Aufgaben, Ringier-Verlag:

Es gibt die Journalisten (zunehmend), die auch in den anderen Medien vorhanden sind. Herr Spillmann ist auch im Fernsehmedium da - das ist eine grosse Verführung. Ich leite daraus ab, dass die Journalisten sich selber als Szene begreifen und dass dies auch eine gegenseitige Anpassung ist. Man kennt sich, man nimmt sich in die Sendung (wir ja hier auch - nur gehts gerade hier um selbstkritische Betrachtung). Du nimmst mich, Beckmann nimmt den, Kerner nimmt den, die Maischberger nimmt den, kreuz und quer. Und das entfernt sich doch vom Leser, das entfernt sich doch von der Szene, die wir treuhänderisch wiedergeben müssten, das sind nämlich die ganz normalen Leute, die ihre Fragen an die Gesellschaft haben.

(...)

Medien sind ja unglaublich mächtig, das muss man sehen. Wobei: Journalisten streiten das immer vehement ab - das ist ein Kniff.

(...)

Gehen noch genug Journalisten dorthin, wo die Menschen sind? Nicht die virtuellen, sondern die man da so packen kann, die wirklichen Menschen...

(...)

Gute Journalisten sind halt in Gottes Namen wie guter Wein - die werden mit dem Alter besser.

(...)

Wenn schon selbstkritisch - sind wir's auch, nicht?

 

Bilder: Screenshots ringier.ch / aus dem Video auf ringier02.simplex.tv

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Peter Hogenkamp

    06.02.08 (20:06:41)

    Off Topic: Unser Blockquote-Font könnte gut einen Punkt grösser sein, habe ich das Gefühl.

  • Ronnie Grob

    06.02.08 (20:10:13)

    Ja, gerade bei längeren Texten strengt die kleine Schrift an.

  • Schwurbel

    06.02.08 (22:32:22)

    Das, was die Herrenrunde da von sich lässt, strengt noch viel mehr an. Feinstes Qualitätsgeschwurbel.

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