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27.03.08

Journalisten: Einfach nicht literaturfähig?

Lügen, nichts als Lügen: In der Literatur sind Journalisten all zu oft versoffene Draufgänger ohne jeglichen Anstand. Berufsehre? Nie gehört. Wo bleiben nur die Heldenfiguren? Ein kleiner Streifzug durch die Schattenwelt der fiktiven Schreiber.

Journalist (Bild iStockphoto)
Der fiktive Reporter (Bild iStockphoto)

Fast alle Schriftsteller, die über Journalisten schreiben, steckten selbst mehr oder minder lange in der redaktionellen Tretmühle fest. Vermutlich aus Rache für erlittene Unbill kommt die Zunft der Tagesschreiber in ihren Romanen daher verdammt schlecht weg. Oder ist es bloßer Realismus, der Autoren zu solchen Invektiven treibt?

Es gar nicht notwendig, einschlägige Beispiele aus den USA heranzuziehen, dem Journalistenhasser-Land schlechthin. Dort beispielsweise zeichnet Tom Wolfe in seinem 'Fegefeuer der Eitelkeiten' mit Peter Fallow einen englischen Reporter, der den großen Finanzmogul planmäßig erlegen wird. Dieser Fallow ist eine ebenso zynische wie verkommene Drecksau, die sich an jedem Tag ihres Lebens bis ins Koma säuft. Zwar bezweifelt niemand, der mit offenen Augen durchs Leben läuft, dass Drogen im Journalistenalltag eine große Rolle spielen können. Einen solchen Gargantua der Bewusstseinsveränderung aber hat die rückfällige New Yorker Edelfeder Wolfe einfach nicht 'literarisch' genug gezeichnet, sondern eher 'journalistisch' verzeichnet. Wir bleiben daher lieber häuslich und wärmen uns am heimischen Herd.

Rings um ein Redaktionsbüro herum zentriert ist Hans Falladas Roman 'Bauern, Bonzen und Bomben', der schon im Titel eine unter Journalisten nur allzu beliebte Alliteration trägt, wohl um zu zeigen, woher im Buch der miefige Wind aus Klatsch und Tratsch und Druckerschwärze weht. Im Zusammenspiel von Medien und Politik wird in einem norddeutschen Landstädtchen ein rechtsradikaler Krawall inszeniert. Es geht um die Landvolk-Bewegung des Jahres 1929 im Raum Neumünster, die Fallada selbst als Berichterstatter und Anzeigenkolporteur erlebte. Antisemitische Kleinbürger wie der Redakteur Schnuff, der Akquiseleiter Tredup und der Verleger Schabbelt machen in diesem großartigen Roman unwilligen Anzeigenkunden mit ihren Artikeln die Hölle heiß, sie ziehen aus nacktem Eigeninteresse an allen erreichbaren politischen Strippen. Objektivität, Wahrhaftigkeit, Realismus - journalistische Leitsätze bleiben hier nicht nur auf der Strecke, sie hat es hier nie gegeben. Falladas Resumée:

 

"Das schweinischste Handwerk auf der Welt: Lokalredakteur sein in der Provinz."

Auch Heinrich Mann arbeitete als leitender Redakteur für 'Das Zwanzigste Jahrhundert' - ein antisemitisches Hetzblatt oder 'nationalkonservatives Organ' im Sprachgebrauch jener Zeit. Seine Erfahrungen mögen mit eingeflossen sein, als er in seiner großen Nietzsche-Apotheose, dem Roman 'Die Göttinnnen', den jüdischen Redakteur Della Pergola karikiert, ein kaum verhülltes literarisches Proträt Maximilian Hardens, der in seiner 'Zukunft' wenig später die homoerotischen Verwirrungen in der Kamarilla Wilhelms II. öffentlich machen wird. Meines Wissens ist dies das früheste Bild eines Alphajournalisten in der deutschen Literatur:

 

"[E]in Literat ohne Erfindungsgabe. Er kann keine Charaktere aus eigener Kunst erwachsen lassen, aber er versteht die in der Wirklichkeit gegebenen sehr geschickt zu zergliedern. Darum geriet er in Politik und treibt nun Seelenanatomie an Ministern und Finanzbaronen. ... Er erklärt sie, was ja heute nicht mehr schwer ist, aus ihrer Physis, und diese wieder aus ihrem Unterleib. Der berühmte Dichter leidet ihm zufolge an einer Neurasthenikerphantasie, befruchtet durch Verdauungsstockungen. Hochgesinnte Weltverbesserer sind nach seiner Meinung gute Kerle, zu Kongestionen geneigt, die vielleicht in einer zulange durchgeführten Enthaltsamkeit ihre Ursache haben. ... Er treibt Psychologie - allerdings eine rechte Kammerdienerpsychologie, indiskret und untergeordnet".

Eine Beschreibung, die in meinen Augen auch heute partiell zutrifft, denken wir an die medialen 'Seelenzergliederer' all unserer Sterne und Sternchen in den grünen Blättern, an Franz Josef Wagners Indiskretiönchen, oder an andere Kolumnisten, die unversehens auch 'in die Politik geraten' sind - und wie die Diplomaten am Schreibtisch ihre Allmachtsgefühle ausleben.

Weiter geht's: Auch Heimito von Doderer, der große Wiener Flaneur, kannte Feuilletonredaktionen von innen, was in ihm eine aggressive Menschengrantlerei auslöste. In 'Die Dämonen' beschreibt er die Welt der 'Allianz' - gemeint ist wohl die 'Neue Freie Presse' - als Veranstaltung von angeberisch Austauschbaren:

 

"[H]ier floß der massenhafte Strom, in welchem jede Form, jede Qualität ersoff; ersoff in petroligen Gerüchen, und bereits sich verflüchtigte aus der Hand des Redakteurs, allein schon während des Durchblätterns eines überreichten Manuskriptes. Hier war nichts notwendig, jedes einzelne, und wär' es eine Pindar'sche Ode gewesen, entbehrlich, aber das ganze gemischte Quantum zusammengenommen, das brauchte man. ... [L]eicht verfettete Männer, die da zufällig in einer Ecke oder auf einem Gange beieinander standen, daß sie wirkliche Weltleute seien und sich auskannten, auch überall schon gewesen waren ... endloser Tratsch, Geschwätz von alleräußerster Überflüssigkeit, Freundlichkeit von allergeringstem Echtheitsgrade ... all dieses mußte hier so geboten, wie ertragen werden, denn: hier war keiner notwendig, jeder einzelne, was seine Leistung und die Befähigung dazu betraf, entbehrlich und ersetzbar, nur eben die ganze gemischte Handvoll Menschen, die brauchte man, um das Blatt im Gange zu erhalten."

Ein Blick auf Erich Kästner, auch er ein unermüdlicher Beiträger vieler Zeitungen der Weimarer Republik, folgt im Reigen. Sein Moralist 'Fabian' zieht sich in dem gleichnamigen Roman den ethischen Kater allnächtlich am Tresen zu, während er in Berliner Bars mit Werbefuzzis und Redakteuren säuft. Mit vorhersehbarem Resultat: Er äußert nur noch blanken Hohn über eine Welt, die von der Zeitungswelt betrogen sein will:

 

"Die Unruhen haben nicht stattgefunden?" fragte Müntzer entrüstet. "Wollen Sie mir das erst mal beweisen? In Kalkutta finden immer Unruhen statt. ... Merken Sie sich folgendes: Meldungen, deren Unwahrheit nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, sind wahr. Und nun entfernen Sie sich blitzartig, sonst lasse ich Sie matern und der Stadtausgabe beilegen." Der junge Mann ging.

"Und so was will Journalist werden", stöhnte Müntzer und strich aufseufzend und mit einem Bleistift in der Rede des Reichskanzlers herum. "Privatgelehrter für Tagesneuigkeiten, das wäre was für den Jüngling. Gibt's aber leider nicht. ... Man beeinflußt die öffentliche Meinung mit Meldungen wirksamer als durch Artikel, aber am wirksamsten dadurch, daß man weder das eine noch das andere bringt. Die bequemste öffentliche Meinung ist noch immer die öffentliche Meinungslosigkeit".

'Jaja - das alles ist lange her!' könnten unsere Leser jetzt einwenden: 'Heute haben wir unseren modernen Qualitätsjournalismus. Seither ist jedes Wort wahr und jeder Redakteur die Objektivität auf zwei Beinen. Kein Schriftsteller könnte über Journalisten mehr ein böses Wort schreiben, ohne der Lüge überführt zu sein'. ... 'Schaun mer mal!' sagt der Kaiser.

Wir schlagen als letztes Buch dieser kleinen Reihe 'Morbus Fonticuli' von Frank Schulz auf, eines der grandiosesten lautmalerischen Werke deutscher Sprache. In ihm berichtet Schulz von seiner Galeerenzeit an Bord eines norddeutschen Anzeigenblatts der Jetztzeit, das im Roman 'Elbe Echo' heißt. Der Redaktionsleiter nordet hier gerade die neue Volontärin ein:

 

"ELBE ECHO ist nichts weiter als ein Produkt, ja?, um Profit zu machen. Im Prinzip so überflüssig wie'n Lachsack. Nicht daß du hier investigativen Journalismus zu erlernen hoffst. ELBE ECHO ist Friedland. 'n Durchgangslager, ja? Bestenfalls 'n ausgeleiertes Sprungbrett. Die Finkenwerder wickeln ihre Bücklinge darin ein, ja? Kein normalbegabter Mensch liest unser Witzblatt. Ich jedenfalls werd' nicht mehr lange bleiben. - Unsere Auflage beträgt, einschließlich Altem Land und Nordheide, um die 200.000 Exemplare. Es handelt sich um ein Anzeigenblatt. Das heißt, wir finanzieren uns ausschließlich durch die Annoncen der Koofmichs und Krämerseelen unseres Verbreitungsgebietes. Deswegen sind Bart Bartelsen und Hasy Braune und ihre Helferlein hier die Stars, ja? Nej? Wir nicht. Wir sind ephemere Büttel. Wir sind die Souffleure für die wöchentliche Seifenoper unserer Leser. Wir machen nur deshalb 32 bis 40 Seiten voll, damit die Akquisiteure was anzubieten haben, Bart und Hasy müssen wenigstens behaupten können, es stünden brisante und kurzweilige Geschichten drin, damit der königliche Kunde auch glaubt, daß das freche Freizeitmagazin gelesen wird."

Lange habe ich überlegt, ob ich unter den ernstzunehmenden Autoren nicht doch ein einziges Gegenbeispiel fände: Wo ein Redakteur endlich einmal zum Edelmenschen und positiven Helden mutiert? Mir fiel aber ums Verrecken nichts ein! Die deutsche Literatur ist unfair zu ihren kleinen Brüdern, den Journalisten. Und die Lesewelt wartet noch immer sehnsüchtig auf eine objektive Schilderung unseres modernen deutschen Qualitätsjournalismus. Wer also wagt es? Wer räumt die Lügen der Literatur endlich aus dem Weg? Wer schreibt den Roman, auf den die Medienwelt wartet?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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