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22.03.07Kommentieren

Journalisten als heimliche Cheftrainer der Fussball-Nationalmannschaft

Geht es um Fussball, wird jeder Bürger zum Teamchef. So auch die Journalisten.

Peter Studer, Publizist und Präsident des Schweizer Presserats kritisiert in der heutigen Ausgabe des Mediensatzes Kurt W. Zimmermann von der Weltwoche für seine vorvorletzte Kolumne (zugänglich nur für Abonennten). Er schrieb dort unter anderem:

Das Allgemeininteresse, die Informationspflicht, kollidiert mit dem Eigeninteresse des Journalisten, der Selbstprofilierung.

Das wissen Blogger vermutlich am allerbesten. Darum schreiben sie auch immer über Sachen, die sie selbst interessieren und über die sie darum im besten Fall sogar Bescheid wissen. Wer auch immer schon eine Bewerbung geschrieben hat für eine Arbeitsstelle, die er eigentlich gar nicht so richtig wollte, weiss, wie harzig so ein Text sein kann. So geht es auch den Journalisten. Und darum schreiben sie auch lieber "über das unbekannte Lebenswerk eines kolumbianischen Romanciers" als über "die Jahresbilanz von Nestlé".

Kurt W. Zimmermann empfiehlt daher:

Die wichtigste Arbeit von redaktionellen Führungskräften besteht deshalb darin, das permanente Eigeninteresse der Journalisten immer wieder dem Allgemeininteresse des Publikums zu unterjochen. Das ist ein harter und oft zermürbender Job. Es gibt darum keinen richtig guten Chefredaktor in diesem Land, der auf seiner Redaktion beliebt ist.

Das wird schon wahr sein, persönlich bin ich aber überzeugt, dass richtig gute Texte nur mit etwas Begeisterung (wahlweise auch Leidenschaft, Herzblut, Engagement, Interesse) geschrieben werden können.

Der ideale Chef ist natürlich der, der es schafft, die Interessen seiner Leser mit den Interessen seiner Schreiber zusammenzubringen. Manchmal gelingt das hervorragend, zum Beispiel im Sportjournalismus. Einige Schreiber über Schweizer Fussball zum Beispiel haben das Geschehen so lange verfolgt und analysiert, dass sie unterdessen selbst am Besten wissen, was zu tun ist. Und das schreiben sie auch. Und das wiederum wird wahrgenommen. Und dann umgesetzt. Oder auch nicht.

Fussball-Nationalmannschaft

Beispiel 1: Die Blick -Sportredaktion und Teammanager Jörg Stiel

Ich wills gleich zu Beginn sagen: Ich halte die Blick-Fussballredaktion für kompetent. Und vermutlich ist es eine gute Idee, der etwas unbeweglichen Führungsequipe des SFV (siehe auch den Beitrag des Fussballblogs Zum runden Leder: Jassrunde am Pool ) Vorschläge zu unterbreiten. Aber sehen wir es, wie es ist: Die Journalisten des Blicks machen damit Politik in eigener Sache. Weil sie meinen, dass der ehemalige Torhüter der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft ein idealer Teammanger wäre, schreiben sie am Tag 1: Stiel kann Köbis Problem lösen. Am Tag 2: «Wenn Köbi mich braucht, dann bin ich sofort bereit!». Und ein paar Tage später heisst es dann schon:

Klinsmann holte Oliver Bierhoff als Team-Manger ins Boot. Siegenthaler: «Ein junger Mann mit vielen

Ideen und Elan. So einer denkt halt schon anders als ein 74-Jähriger!»

So einen möchte auch Kuhn. Er weiss auch schon wen: den 39-jährigen Ex-Captain Jörg Stiel. Aber wie gesagt: Im «Haus des Fussballs» wiehert der Amtsschimmel...

Wer die Idee dazu hatte, ist nicht klar. War es Jörg Stiel, der seine Karriere pushen wollte? War es eine Bierrunde mit einer guten Idee, die "das machen wir jetzt" sagte? War es gar Teamchef Jakob Kuhn, der auf diesem Weg neue Ideen platzieren wollte? Walter De Gregorio, Neu-Blogger bei der Weltwoche, hält das Gegenteil für wahr: Der Blick soll diese Personalie mit seinem Eingreifen vermasselt und damit die Wünsche von Kuhn zerstört haben. Wer wie was wollte? Keine Ahnung, aber die Interessen hinter all den Ränken sind deutlich spürbar.

Beispiel 2: Die Absetzung von Captain Johann Vogel

Vor etwa zwei Wochen wurde, angeführt vom Blick, mit grossem Brimborium der Rausschmiss des Mannschaftskapitäns Johann Vogel verlautbart. Kurt W. Zimmermann schrieb (nur für Abonennten zugänglich), dass sowohl Blick als auch der Tages-Anzeiger schon lange im Voraus darüber informiert waren:

Die Sportredaktion des Blicks wusste schon Tage vor der Medienkonferenz, dass der Trainer seinen Captain feuern würde. Sie wusste es von Kuhn, mit dem sie die Personalie Johann Vogel diskutiert hatte. Doch der Blick brachte den Primeur nicht. Er wollte Kuhn schonen. Ein Primeur vom Boulevard hätte das gespannte Verhältnis Kuhns zum Fussballverband weiter strapaziert.

Auch die Sportredaktion des Tages-Anzeigers wusste schon Tage vor der Medienkonferenz, dass der Trainer seinen Captain feuern würde. Sie wusste es ebenfalls von Kuhn, mit dem sie die Personalia Vogel diskutiert hatte. Kuhn bat um Vertraulichkeit, der Tages-Anzeiger hielt sich daran und brachte den Primeur nicht.

Blick freute sich danach, obwohl diese Zeitung den Rücktritt oder Rausschmiss von Vogel seit Wochen und Monaten implizit oder explizit gefordert hat, sehr zurückhaltend, was vielleicht Aufschluss geben könnte über eine Involvierung in den Fall. Aus der Weltwoche, wieder in Gestalt von Walter De Gregorio, war dagegen herauszulesen, dass der Rausschmiss falsch war. Dazu wurden einige Männer aus dem Fussballgeschäft zitiert, die ein positives oder wenigstens halbwegs positives Statement über Vogel abzugeben bereit waren.

Ein weiterer Akteur in der Vogel-Geschichte ist Murat Yakin, der zuerst via Heute Johann Vogel als "kleiner, bösartiger Intrigant" beschimpfte, später dann die Verantwortung dafür auf den Redaktor, Thomas Niggel, abschob.

Aufschlussreich zur Geschichte der Beeinflussung des Fussballverbands und ihren Akteuren, namentlich Cheftrainer Jakob Kuhn, ist auch die leider nur sehr teilweise online lesbare Story aus dem Facts. André Grieder und David Wiederkehr haben darin Erwin Zogg nachgespürt, einem ehemaligen Blick-Journalisten und unterdessen persönlicher Berater von Jakob Kuhn:

Herr Zogg, haben Sie Köbi Kuhn geraten, Johann Vogel auszumustern, wie dieser in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» behauptete? Zoggs Wangen röten sich, und er sagt entgeistert: «Was für ein Interesse soll ich daran haben? Und glauben Sie denn, ich würde Köbi Kuhn jemals in fussballerischen Dingen dreinreden? Er würde mich doch sofort zum Teufel schicken. Nein, nein, ich berate Köbi Kuhn nur in Sachen Werbung. Mit allem anderen habe ich absolut nichts zu tun.» Strippenzieher? Ein böses Gerücht.

Als weiteres Beispiel kann man die ebenfalls schon Jahre dauernde Kampagne des Blicks gegen den Torhüter Pascal Zuberbühler aufführen, die bisher unerfolgreich blieb (der Teamchef in mir sagt: leider!). Vielleicht haben die Journis doch nicht so viel Macht, wie sie manchmal denken. Oder aber sie evozieren mit ihrem Handeln Trotzreaktionen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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