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05.12.12

Journalismus im Netz: Was Qualität wirklich bedeutet

Immer wieder führen Presseverlage die Rettung des Qualitätsjournalismus an, wenn sie rückwärtsgewandte Forderungen wie das Leistungsschutzrecht stellen. Doch was ist Qualität im digitalen Zeitalter eigentlich?

Kein Zweifel, die wilde, emotional geführte Debatte über die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter wird noch eine ganze Weile die Gemüter erhitzen. Aus Sicht der Verlage wahrscheinlich so lange, bis wieder jeder Leser für Inhalte Bares auf den Tisch legt. Doch da extrem unwahrscheinlich ist, dass dieser Tag jemals kommen wird, sind Medienmogule und Anhänger des bisher so schön praktizierten gebündelten Verkaufs von gedruckten Nachrichten, Analysen und Werbefläche schlicht zum Umdenken gezwungen. Mein Vorschlag: Sie sollten dabei ihren geliebten Qualitätsbegriff einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Immerhin ist es ja der die angeblich die Demokratie stützende Qualitätsjournalismus, der auf der Kippe stehe und nun unter anderem durch das überflüssige Leistungsschutzrecht gerettet werden soll (was völliger Quatsch ist).

Ich schlage den altehrwürdigen Verlagen, aber auch allen mit dem Internet entstandenen journalistisch arbeitenden Onlinemedien mit Paywall-Ambitionen ein Gedankenspiel vor: Was, wenn das Problem ganz einfach darin liegt, dass die Qualität der Inhalte schlicht nicht als hoch genug wahrgenommen wird, um Nutzer zum Bezahlen zu bewegen? Was, wenn 95 Prozent des produzierten Journalismus noch nie den hohen Ansprüchen genügte, die Verlage gerne vorgeben, an sich zu stellen, und die Leser erfüllt sehen müssen, um in der heutigen Ära massiver Ablenkung trotzdem die Brieftasche zu zücken? Was, wenn die einzig effektive Maßnahme zur Rettung des Qualitätsjournalismus darin liegt, Journalismus besser zu machen?

Qualität ist relativ

Qualitätsjournalismus ist relativ. Was in den Augen einer Redaktion ein absolutes Highlight mit einem enormen Produktions- und Rechercheaufwand darstellt, entlockt Lesern im schlimmsten Fall nur ein Gähnen. Etwa dann, wenn sie zwei Wochen zuvor Ähnliches schon an anderer Stelle gesehen haben. Relativ ist er auch, weil die Wahrnehmung von Qualität immer davon abhängt, was die Wettbewerber bieten - vom kleinen Blog bis hin zum Verlagsimperium. Je niedriger diese die Messlatte legen, desto leichter ist es, den eigenen Inhalt als Qualitätsjournalismus zu positionieren. Je mehr die Konkurrenz liefert, desto stärker müssen sich alle ins Zeug legen.

Qualitätsjournalismus muss auch nicht zwangsläufig teuer sein. Qualitätsjournalismus könnte heißen, Lesern Informationen und Ideen zu vermitteln, die für sie äußerst hohen Neuigkeits- und Nutzwert haben. Jeff Jarvis formulierte dies jüngst ganz nett, als er vorschlug, den Erfolg von Journalismus nicht daran zu messen, wie viele Klicks ein Artikel erhält, sondern wie stark die Öffentlichkeit informiert wird. Dazu braucht es intelligente und kreative Menschen, die um die Ecke denken, den Blick für das Große Ganze besitzen, empathiefähig sind und die heute wissen, was Leser morgen wirklich lesen wollen. Und natürlich stellen auch exklusive Enthüllungsgeschichten Qualitätsjournalismus dar.

Wer sich anheftet, Qualitätsjournalismus zu machen, bietet Lesern also entweder eine Mischung aus diesen Aspekten oder spezialisiert sich auf einzelne Disziplinen. Und ist dabei besser als der überwiegende Teil der Mitbewerber.

Leser zahlen nicht, wenn keine Qualität geboten wird

Würde man die Zahlungsbereitschaft einer großen Zahl an Menschen als Maßstab dafür nehmen, ob ein Medienangebot im Internet Qualitätsjournalismus anbietet oder nicht, müsste man schlussfolgern, dass die meisten Medienhäuser - von den Konzernen bis hin zu Mini-Onlinverlagen - dabei versagen.

Für einige, wie Spiegel Online, wird dies kein Problem sein, da sie mit der Werbefinanzierung und anderen indirekten Monetarisierungsverfahren zufrieden sind und gar nicht den Plan hegen, sich direkt von den Lesern vergüten zu lassen (wobei sich das natürlich auch bei SPON schnell ändern kann). Ob das, was sie machen, dann objektiv als Qualitätsjournalismus bezeichnet werden darf oder nicht, spielt da keine Rolle.

Andere wiederum werden insgeheim zustimmen und sich maximal zum Schein darüber echauffieren, dass Leser für ihren scheinbaren Qualitätscontent nicht Geld hinblättern möchten.

Bleibt die dritte Kategorie. Diejenigen, die tatsächlich glauben und dies an einzelne Beispielen auch belegen können, Qualitätsjournalismus zu machen, und trotzdem nicht in der Lage sind, dauerhaft hinreichend viele Onlineleser als zahlende Kunden gewinnen zu können. Also etwa die FAZ oder die Süddeutsche.

Qualität heißt, Quantität zu reduzieren

Fakt ist: Auch diese liefern nicht Qualität am laufenden Band (ausgehend von oben beschriebenen Kriterien), sondern mischen ihre wirklichen Meisterstücke, Exklusivgeschichten, den Leser bewegendes Gedankenfutter und hochgradig nützliche Serviceangebote mit allerlei Füllmaterial, bestehend aus kurzen Nachrichtenartikeln, austauschbaren Presseagenteur-Texten, Apple-Gerüchten, Mini-Kolumnen, TV-Kritiken, Sportberichten und Boulevard. Kurzum, mit Inhalten, die eine Halbwertszeit von zwei Sekunden haben. Sie unterhalten vielleicht im Moment des Lesens, sind danach aber schnell vergessen und würden niemals Leser dazu bringen, auch nur einen Cent zu zahlen.

Jetzt kommt eine kleine Rechnung: Welches Produkt wird in den Augen der Leser eher als hochwertiges Qualitätsmedium wahrgenommen? Eines, das täglich 100 Artikel publiziert, von denen fünf oder zehn von einem signifikanten Teil der Leser als wirklicher, einzigartiger Qualitätscontent bezeichnet werden, oder eines, das täglich zehn Artikel publiziert, von denen fünf Beiträge Leser vom Hocker reißen?

Die Antwort ist offensichtlich: Nicht die absolute Zahl der die Leser begeisternden Beiträge entscheidet über die Wahrnehmung und erfolgreiche Positionierung als Premium-Produkt, sondern der prozentuale Anteil. Vergessen wir nicht: Das Angebot an aktuellen Inhalten im Netz ist schier unbegrenzt. Wer für digitalen Journalismus zahlt, der erwartet dafür einerseits inhaltliche und funktionelle Qualität, und andererseits Rücksicht auf die eigenen begrenzten Ressourcen (= Zeit) in der Aufmerksamkeitsökonomie, in der Ablenkung immer nur einen Klick oder Swipe entfernt ist.

Ein sinnvolles Experiment für Qualitätsmedien wäre es, eine exklusive App unter einer eigenen Marke zu veröffentlichen, die einmal pro Tag oder in der Woche eine extrem begrenzte Auswahl von besonders lesenswerten Inhalten liefert, das ganze mit einer passenden, jungen Premium-Markenidentität schmückt und - anders als etwa die FAZ-iPad-App - bewusst auf die Erwähnung des falsche Assoziationen weckenden Begriffs "Zeitung" verzichtet. In etwa so wie The Magazine von Instapaper-Macher Marco Arment, nur eben für eine breitere Zielgruppe.

Qualität vor Quantität. Weniger ist mehr. Selten trafen diese Sprichwörter den Nagel besser auf den Kopf als beim Journalismus im Netz. Kurzlebigen, austauschbaren Fast Food Content sowie Nachrichten gibt es an jeder Ecke gratis, und das wird angesichts der niedrigen Einstiegsbarrieren zum Publizieren im Web für immer so bleiben. Wer mehr bieten will, muss weniger bieten: Ballast, versteht sich. Abspecken lautet die Devise.

(Foto: Flickr/dulnan, CC BY 2.0)

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