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12.09.12

Journalismus im Netz: Die Unsitte der Informationsfragmentierung

TechCrunch ist es für seine Disrupt-Konferenz gelungen, Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum ersten Interview seit dem Börsengang auf die Bühne zu holen. Interessierten Lesern wird das Folgen des Gesprächs leider schwer gemacht.

Die veränderten Rahmenbedingungen für Journalismus im Netz schlagen bekanntlich seltsame Blüten. Sinnentleerte Bildstrecken, schnell produzierte Meldungen auf Basis substanzloser Gerüchte und breit gestreute Presseagentur-Artikel, die Leser vergessen lassen, bei welchem Medienangebot sie sich gerade befinden, gehören zu den Merkmalen des von knappen Ressourcen, begrenzter Aufmerksamkeit der Leser und kurzer Haltbarkeit der Inhalte gekennzeichneten digitalen Nachrichtenwesens. In letzter Zeit lässt sich bei US-Techblogs eine neue Unsitte ausmachen: eine in viele kleine Teile zerstückelte Berichterstattung über Live-Veranstaltungen.

Man kennt das schon länger von Keynotes und Produktpräsentationen der großen Internet- und IT-Firmen: Statt einiger weniger, kompakter und mit den wichtigsten Informationen gefüllter Beiträge veröffentlichen einschlägige Tech- und Gadgetmagazine eine Vielzahl von kurzen Texten rund um einzelne Zahlen, Aussagen oder Funktionsmerkmale. Nutzer, die keine Lust haben, dieses Puzzle aus Informationshäppchen anschließend eigenhändig zusammenzusetzen, können sich darauf verlassen, dass ein Konkurrenzangebot kurze Zeit später einen listenartig Beitrag mit der der Überschrift "Alles was ihr über Event/Produkt/Nachricht XYZ wissen müsst" publiziert, der sich an einer handlichen Zusammenfassung der Neuigkeiten versucht.

Einen neuen Rekord in Sachen leserunfreundlicher Informationsfragmentierung hat in der Nacht TechCrunch aufgestellt: Im Rahmen seiner TechCrunch Disrupt-Konferenz konnte das seit vergangenem Jahr zu AOL gehörende Blog das erste öffentliche Interview mit Facebook-CEO Mark Zuckerberg seit dem misslungenen Börsengang führen. Ein Coup, der Respekt verdient. Doch ein wenig scheint TechCrunch die Euphorie zu Kopf gestiegen zu sein: Denn insgesamt 14 einzelne Artikel publizierte das kalifornische Branchenmedium während und kurz nach dem etwa einstündigen Interview über eben dieses. Die meisten Beiträge waren dabei kaum mehr als 1000 bis 1500 Zeichen lang und bezogen sich zumeist auf spezifische Zitate des Facebook-Chefs.

Die 14 Posts wurden von sage und schreibe neun unterschiedlichen Autoren verfasst. Organisatorisch handelt es sich um eine kleine Meisterleistung, immerhin müssen das Zuhören, die Abstimmung, das Anfertigen und das Veröffentlichen der Texte parallel zueinander und innerhalb kürzester Zeit erfolgen. Auch scheint es TechCrunch nicht gerade an Autoren zu mangeln, die es für diese beispiellose Vielfach-Bewachung eines Interviews heranziehen kann.

Für Leser ist diese Art der Live-Berichterstattung jedoch äußerst unpraktisch. Wer hat Lust, sich durch 14 Kurzbeiträge zu kämpfen, deren erster Satz jeweils darauf hinweist, dass Mark Zuckerberg gerade bei TechCrunch Disrupt ein Interview gibt? Allein bei einem Blick auf die Überschriften im RSS-Reader vergeht einem die Lust, die einzelnen, jeweils kurz redaktionell aufgearbeiteten Interviewfetzen zu lesen. Dabei dürften sich die meisten Branchenbeobachter durchaus dafür interessieren, wie Zuckerberg diese für Facebook turbulente Zeit beurteilt. Doch bei einer derartig leserunfreundlichen Präsentation ziehe zumindest ich es vor, auf eine kompaktere Nachbearbeitung zu warten - bei TechCrunch oder anderswo im Netz.

Der Grund für das von TechCrunch gewählte Verfahren dürfte der Livestream und die große Aufmerksamkeit für den Zuckerberg-Auftritt auch bei der Konkurrenz sein. Da jeder Journalist und Blogger den Disrupt-Stream von zu Hause oder aus dem Büro verfolgen und Zuckerbergs Aussagen in eigenen Artikeln sezieren kann, scheint man bei TechCrunch der Ansicht zu sein, nur durch eine Quasi-Echtzeit-Analyse von Zuckerbergs Zitaten die redaktionelle Texthoheit über das Interview behalten zu können. Das wahrscheinliche Kalkül: Wenn wir mit 14 Mini-Beiträgen innerhalb von weniger als zwei Stunden mehr Seitenaufrufe und Unique Visitors generieren als mit einem nachträglich verfassten, sinnvoll strukturierten und hochinformativen Text, dann ist diese Methode vorzuziehen - selbst wenn der Leser darunter leiden muss.

Werbefinanzierter und daher permanent auf quantitative Metriken schielender Journalismus im Netz stellt nicht nur die Herausgeber und Erschaffer von Inhalten vor Schwierigkeiten, sondern auch die Leser, die sich mit ineffizienten und die Geduld auf die Probe stellenden Arten der Informationsvermittlung konfrontiert sehen. Wirklich zufrieden kann damit am Ende eigentlich niemand sein.

Das von mir sehr geschätzte, von der ehemaligen TechCrunch-Redakteurin Sarah Lacy gegründete Techblog PandoDaily zerstückelt die Berichterstattung über Interviews im Rahmens des monatlichen "Fireside Chats" mit bekannten Webgrößen übrigens ebenfalls. Es handelt sich also nicht um eine TechCrunch-AOL-Krankheit.

Gute, handliche Zusammenfassungen des Zuckerberg-Interviews findet ihr bei NPR und AllFacebook.

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