<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

31.07.14Leser-Kommentare

Journalismus: Die Angst vor Veränderung ist in Wahrheit nur die Angst vor weniger Geld

Veränderungen zu fordern ist leicht, solange es nicht uns selbst betrifft. Drohen finanzielle Einbußen, dann ist es mit unserer Bereitschaft, etwas Neues zu wagen, nicht mehr weit hin.

Greedy_Bastards_FlickrIch kam recht spät ins Internet. 1998 muss es gewesen sein, gleichzeitig schrieb ich gerne - für die lokale Tageszeitung, die Abizeitung, ein satirisches Wochenblatt für unsere Fußball-Tippgemeinschaft an der Schule. Als es irgendwann darum ging, einen Beruf zu ergreifen, beschloss ich Journalismus zu studieren. Schon damals fragten mich die Leute, wofür ich denn später gerne einmal schreiben würde, Print oder Online. Ich antwortete: “Wo ist der Unterschied? Ich schreibe für beides Texte, ich bereite sie nur anders auf.” Für viele ist bis heute nicht zu begreifen, dass der Unterschied hier technisch gesehen gering ist und eher der Verdienst die beiden Lager entzweit. Während des Studiums stellte sich heraus, dass ich wohl eher in die Online-Schiene passte und der Eindruck bestätigte sich spätestens im Jahr 2010, als ich einmal bei einer lokalen Tageszeitung unterkam. Die kurze Liaison hielt genau drei Wochen. Was ich von dieser kurzen Zeit aber immer in Erinnerung behalten werde: 1. In der Redaktion herrschte eine fast schon gespenstische Weltuntergangsstimmung. Das war verständlich, denn der Verlag war gerade gegen den Wunsch der Redaktion dabei, auf einen Newsdesk umzustellen und eine andere Redaktion zu schlucken. 2. Man verdiente dort erstaunlich gut, was daran lag, dass der Verlag nach Tarif bezahlte.

Innovationsskepsis bei einem Onliner

Seit etwa zehn Jahren arbeite ich jetzt als Onlinejournalist. Reich bin ich damit bisher nicht geworden, und schaue ich mir an, was die Journalistenverbände als Tariflohn empfehlen, kann ich nur lachen. Ich wüsste kaum einen Onliner, der so viel verdient. Dennoch ging es für mich in diesen zehn Jahren immer aufwärts, finanziell wie perspektivisch. Mittlerweile kann ich ganz gut davon leben. Ich beteiligte mich früher gerne an der Kritik an den etablierten Medien und ihrer Rückständigkeit, die Online aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund verteufelten. Und ich wusste, dass ich niemals zu diesem alten Eisen gehören würde.

Falsch gedacht.

Ich bin mittlerweile 36 und gemessen an der Dauer meiner Tätigkeit gehöre ich jetzt zum diesem alten Eisen. Ich bin praktisch mit Social Media, Twitter und Facebook, aufgewachsen. Treffe ich aber heute Social-Media-Marketer, die von Kampagnen sprechen und jeden Blödsinn mit ernster Miene verbreiten, nur um Aufmerksamkeit zu erhaschen, reagiere ich mit Ablehnung. Du musst dich vernetzen, sonst wirst du als Journalist irgendwann nicht mehr wahrgenommen, lautet ihr Credo. Und ich weigere mich, nur um der Vernetzung Willen mit mehr Leuten, als ich mag, in Kontakt zu treten.

Ich bin keine 20 mehr. Ich registriere zwar, dass jüngere Leute als ich heute Snapchat benutzen, LeFloid auf YouTube abonnieren, einen Großteil ihrer Freizeit mit dem Tablet verbringen, gerne Heftig.co lesen, über das Weltgeschehen künftig lieber auf WhatsApp informiert werden statt über Facebook oder Feedly. Ich kann ihre Begeisterung dafür auch verstehen. Ich selbst aber teile sie nicht. Ich könnte mir gut vorstellen, meine Nachrichten auch auf WhatsApp zu verbreiten. Selbst dort Nachrichten lesen möchte ich aber nicht.

Komm zu uns, sei ein Vorreiter und verdiene dabei ein Drittel weniger

Neulich las ich zum ersten Mal von Tabletjournalisten. Sie seien Vorreiter und damit gefragt, heißt es. Ihre Verdienstmöglichkeiten? Nun ja, man lebt halt von der Berufung. Im Mobile Web sind Anzeigen noch nicht so akzeptiert, die Einkommen geringer als im “stationären” Onlinejournalismus, aber der Beruf sei definitiv einer mit Zukunft.

Etwas Ähnliches las ich vor rund 15 Jahren über Onlinejournalisten. Und machen wir uns nichts vor: Bis auf wenige Ausnahmen verdienen wir Onliner heute immer noch weniger als Printjournalisten. Die Kollegen aus den Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen wissen das natürlich. Kann es sein, dass ihre Angst vor dem Onlinejournalismus ganz einfach die Angst vor einem niedrigeren Verdienst ist? Genauso wie ich mich frage, ob ich als Social Media Marketer noch den gleichen Spaß hätte und ob ich als Tabletjournalist weniger verdienen würde?

Change_Flickr

Begeisterung trotz Verdienstausfalls?

Was würde ich tun, wenn alle kleinen wie großen Online-Verlage ihre Webportale schließen und verfügen würden, dass sie ab nächstem Jahr nur noch Snapchat-Journalismus betrieben? Ich könne ja gerne weiter dort arbeiten, würden sie vielleicht sagen, aber zahlen könnten sie mir dann natürlich nur noch die Hälfte. Würde ich dann nicht vielleicht auch gegen Snapchat rebellieren, das neue Medium schlecht reden?

Zumindest ein wenig Zurückhaltung habe ich mir bei dem Thema angewöhnt. Die meisten Kollegen, die ich aus dem Printbereich kenne, sind nicht innovationsfeindlich. Sie haben lediglich Angst, demnächst ihre Miete nicht mehr zahlen, ihre Familie nicht mehr ernähren zu können. Wenn ein neues Medium kommt, bei dem man weniger verdient, dann kann es ganz einfach am Verdienst liegen, dass man dagegen ist. Brächte das Neue gleich viel oder vielleicht sogar mehr Geld, dann sähe es vermutlich ganz anders aus.

Für mich selbst hoffe ich trotzdem, dass ich neuen Entwicklungen stets aufgeschlossen gegenüber stehe und einen Weg finde, damit auch immer genug Geld zu verdienen. Aber ich weiß, dass das nicht einfach werden wird.

Bildquellen: Esther Vargas, Mabi, Cogito Ergo Imago via Flickr, Creative-Commons-Lizenz BY-SA 2.0

Kommentare

  • Michael

    31.07.14 (13:09:35)

    Gut erkannt, das trifft einen wesentlichen Kern des Medienwandels. Der Medienwandel ist einer von etabliertem Print zu neuem Online, das medial und ökonomisch erst neu etabliert werden muß. Da werden in solchem neuen Medienkanal zwangsläufig erstmal kleinere Brötchen gebacken werden müssen. Und man kann es etablierten Printjournalisten auch nicht wirklich verdenken, dass sie die angestammten Print-Pfründe solange abschöpfen und die Zitrone solange ausquetschen wollen, wie es eben nur irgendwie geht. Dass die Neuausrichtung zu Online dabei auf der Strecke bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Ich halte diesen Medienwandel für einen medialen Epochenbruch, der eben einige Generationen währt. Dieser Epochenbruch wird zu großen Teilen ein biologischer sein. D.h. die Alten werden weiter Zeitung machen, solange es nur irgendwie geht. Neue Medienformen im Internet werden zu großen Teilen von sogenannten Digital Natives und geistig jung und anpassungsfähig gebliebenen Digital Immigrants entwickelt.

  • dos

    31.07.14 (13:21:43)

    Interessanter Beitrag. Bei manchen Kollegen kommt aber wohl auch die Angst vor dem Technischen dazu. Zwar sind mittlerweile die meisten, auch ältere Semester, an das Arbeiten mit dem PC gewohnt, aber viele scheuen auch die Einarbeitung. Was ich aber interessanter finde, ist der weitere Gedanke, dass ohne Veränderungen ebenfalls weniger Geld verdient werden kann. Das ist eigentlich der Knackpunkt. Und generell sollte man die Logik, dass eine Veränderung (gar ein Wechsel des Mediums) weniger Geld erbringt, nicht einfach für gegeben nehmen. Dafür gibt es doch eigentlich keine logische Begründung, oder? Wer sich nicht ändert und nicht immer wieder riskiert, wird abgehängt. Das zeigt doch gerade die Tech-Branche.

  • DL2MCD

    31.07.14 (17:47:06)

    Die Angst davor, weniger Geld zu verdienen, prägt den gesamten Journalismus, nicht nur online. Es geht ja überall bergab. Es ist schwer, vernünftig zu arbeiten, wenn der Rest der Mannschaft jeden Morgen erstmal 2 h darüber diskutiert, ob man diese Woche schon dichtgemacht wird oder erst nächste. Wenn aber Onliner davon sprechen, Print killen zu wollen und Blogger dann wieder Online killen wollen, wenn die Zerstörung gewachsener Strukturen als immer wieder neue Rettung bezeichnet wird, wenn der Neid und Haß auf Journalisten immer größer wird, obwohl die Arbeitsumstände meist so sind, daß man nur noch aus Begeisterung für das Ware, Gute oder finanzieller Not im Journalismus arbeitet, wenn Leser den Chef anmailen "ich will den Job von Herrn xxx, ich kann das besser als diese Schnarchnase und mache es umsonst", dann muß man sich nicht wundern, daß die Wut auf diese "neuen Medien" geschoben wird.

  • Gunter Haake

    01.08.14 (13:07:03)

    Genau deshalb war es in der letzten Tarifrunde den Gewerkschaften auch so wichtig, Onliner mit einzubeziehen. - Was übrigens gelungen ist dank der Mitglieder und deren Streikbereitschaft...

  • Gunter Haake

    02.08.14 (11:32:21)

    Zur Wahrheit der "zwangsweise kleinere Brötchen" gehört aber auch, dass Verlage jahrzehntelanges zweistellige Profitraten eingefahren haben (und es zum Teil immer noch tun), die Honorare und Gehälter nur einen relativ geringen Anteil an den Gesamtkosten haben und es sich um eine Brosche handelt in der die Verleger ihre Brötchen jahrelang verschenkt haben...

  • Karl-Erich Weber

    02.08.14 (11:53:58)

    Noch weniger Geld? Geht das überhaupt?

  • Gast

    03.08.14 (15:36:30)

    Nur fällt es dem DJV oder ver.di schwer für all die vielen Selbstständigen Partei zu ergreifen, die jenseits von Tarifverträgen als Externe für Verlage, Redaktionen oder Sender tätig sind. Arbeitnehmerrechte verhindern heißt das Credo der Personalpolitik in der Medienlandschaft. Selbstständige Medienschaffende brauchen eine Lobby und den Mut für ihre Rechte einzustehen.

  • Michael

    03.08.14 (15:56:02)

    @Gunter Haake Das mag sein (weiß ich nicht genau), das Grundproblem ist aber wie gesagt, dass Printmedien vorerst ihr angestammtes Printgeschäft ab- und ausschöpfen wollen und Online deshalb großteils nicht allzu energisch entwickeln. Das wirkt sich dann wohl auch finanziell in den Löhnen aus. Das Grundproblem ist das eines ganz langsamen schleichenden Medienwandels von einem alten reichen, aber schmelzenden Printmedium zu einem sich nur sehr langsam auch ökonomisch neu etablierenden Onlinemedium. Derweil ist bei Journalisten Schmalhans Küchenmeister.

  • Jürgen Diercks

    03.08.14 (19:10:45)

    Es gibt noch ein anderes Problem: Durch die Geschwindigkeit, die online in den Journalismus bringt, ergibt sich ein ungesunder Drang, unbedingt ständig produzieren zu müssen - egal, ob die Meldungen wichtig sind oder nicht. Das schlägt auf die Qualität. Im Zusammenhang mit immer weniger Einkommen wird das Berufsbild des Journalisten so immer unattraktiver. Eine gefährliche Spirale nach unten...

  • Gunter Haake

    15.08.14 (12:05:47)

    So schwer tun sich die Gewerkschaften mit dem Partei ergreifen nun auch wieder nicht... Schau mal beispielsweise unter http://www.mediafon.net und http://selbststaendige.verdi.de/ Das heißt natürlich ja nicht, dass das Tarifgeschäft nicht verteidigt werden muss, aber nur das wahrzunehmen ist mindestens ein wenig verkürzt. Kurz: natürlich kümmert sich eine vernünftige Gewerkschaft um ihre (potenzielle) Zielgruppe. Und weil bei ver.di (für den DJV weiß ich es nicht) knapp 2/3 aller journalistisch tätigen Mitglieder Selbstständige sind, sei versichert, dass das Auswirkungen hat...

  • Michael Nordmeyer

    17.08.14 (16:56:48)

    Wenn Du 1998 das erste Mail ins Internet gegangen bist, dann bist Du per Definition nicht mit Social Media aufgewachsen, auch wenn es sich für Dich vielleicht anders anfühlt. Die Leute, die mit etwas Neuem aufgewachsen sind, haben nie etwas anderes kennen gelernt, weil das Neue schon immer da war.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer