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03.02.10

Journalismus 2.0: Ist ein Umdenken bei Kommentaren notwendig?

Nachrichtensites und gut besuchte Blogs kennen das: Aus einer sachlichen Kommentardiskussion wird ein Schlachtfeld. Bringt dies den Journalismus 2.0 wirklich weiter?

Schlachtfeld KommentareAusufernde Kommentardebatten streitsüchtiger Leser haben das beliebte AOL-Technikblog Engadget gestern dazu veranlasst, die Kommentarfunktion für einige Tage zu deaktivieren. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich so einen Schritt nicht nachvollziehen kann. Jeder, der über einen längeren Zeitraum hinweg ein Blog betreibt, wird schon einmal miterlebt haben, wie eine Diskussion aus dem Ruder gerät. Je häufiger dies geschieht, desto weniger Spaß macht es, sich mit den Kommentaren auseinanderzusetzen.

Nun ist es natürlich so, dass man als Autor zu einem großen Teil selbst in der Hand hat, wie sich der Austausch von und mit Lesern in den Kommentaren entwickelt. Vertrete ich eine provokante These, muss ich mich darauf einstellen, dass schnell die Fetzen fliegen. Ist mein Artikel fehlerhaft oder meine Argumentation schwach, darf ich mich nicht wundern, wenn es Kritik hagelt. Zudem beeinflusst auch meine eigene Art des Kommentierens die Debatte. Beleidige ich Kommentatoren oder reagiere verärgert, so gieße ich Öl ins Feuer. Gehe ich auf jede einzelne Äußerung ein, entwickeln sich womöglich weitere Konfliktherde, und die Diskussion nimmt kein Ende.

Trotzdem lässt sich nicht jede Kommentarschlacht steuern. Die Anonymität des Netzes macht es zu einfach, einen kurzen, womöglich wenig durchdachten Kommentar zu verfassen, oder gerade vorhandene Aggressionen durch einen entsprechend gepfefferten Eintrag unter einem Artikel zu ventilieren. Das Resultat ist beispielsweise täglich unter den Beiträgen von Welt Online zu begutachten.

Anschuldigungen, Beleidigungen und wilde Vermutungen sowie Verschwörungstheorien wechseln sich ab. Und beschädigen dabei meiner Ansicht nach die gesamte Zeitungsmarke (unabhängig davon, ob man nun Welt-Leser ist oder nicht). Es ist kein Zufall, dass Deutschlands erfolgreichstes seriöses Nachrichtenportal Spiegel Online nicht direkt unter den Artikeln zum anonymen Mitdiskutieren aufruft.

Lange Zeit galt es als modern und zweinullig, zu allem und jedem Kommentarfunktionen anzubieten. Mittlerweile jedoch müssen sich Nachrichtenangebote und Blogs zumindest die Frage stellen, welchen Mehrwert ihnen ausfällige und beleidigende Kommentare eigentlich bringen, und ob diese ihrem Ansehen sowie der Motivation ihrer Autoren nicht eher schaden als nützen.

Welche Lösung gäbe es? Eine Rückkehr zu einem Monolog sicherlich nicht. Bei netzwertig.com bereichern die Kommentardiskussionen häufig die von uns veröffentlichten Artikel, bringen neue Sichtweisen ans Tageslicht und helfen uns Autoren, womöglich vorhandene Denkfehler zu erkennen. Zudem äußern sich meinungsstarke Leser ohnehin bei Twitter oder in ihren eigenen Blogs. Dort tun sie dies jedoch nicht mehr vollständig anonym, sondern - wenn nicht mit ihrer echten Persönlichkeit - zumindest mit ihrer Web-Persönlichkeit. Und das erhöht die Qualität der Äußerungen deutlich.

Für Inhaltenanbieter, die das Niveau der Diskussionen in ihren Kommentaren erhöhen möchte, sehe ich die Lösung in einem Zwang zum Authentifizieren durch einen der gängigen "Identitätsanbieter". Statt das anonyme Kommentieren zu erlauben, ist zuvor der Login via Facebook, Twitter, Google oder OpenID notwendig. Über diese Dienste lässt sich zwar auch anonym ein Konto anlegen, aber der damit verbundene Aufwand dürfte die meisten "Trolle" von vorn herein abhalten.

Jede Hürde, die Nutzern vor einer Aktion in den Weg gelegt wird, verringert die Wahrscheinlichkeit ihrer Aktivität. Wenn sich jedoch durch eine geringere Quantität die Qualität der Kommentare erhöhen lässt, dann könnte dies ein lohnenswertes Opfer sein. Und um das Notwendige mit dem Nützlichen zu verbinden, ließe sich so zudem ein viraler Rückkanal aufbauen, der den User nach dem Kommentieren auf Wunsch einen Tweet oder eine entsprechende Meldung bei Facebook senden lässt.

Es gibt Menschen, die meinen, völlig uneingeschränktes Kommentieren sei ein Grundpfeiler des Journalismus der Zukunft. Ich bin der Ansicht, dass eine gewisse Qualitätskontrolle notwendig ist, um aus den Kommentaren das zu machen, was sie eigentlich sein sollen: Eine konstruktive und sinnvolle, auf einem Dialog basierende Erweiterung des Artikels.

(Foto: stock.xchng)

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