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26.12.07

Hans-Ulrich Jörges: Im Zauberreich der Alphajournalisten

Wer für ein großes Medium Kolumnen und Editorials schreibt, der darf sich mit Fug und Recht zu den Alphajournalisten zählen. So auch Hans-Ulrich Jörges, Sielwärter und Zwischenrufer beim Stern. Erster Teil unserer losen Folge über Alphajournalisten.

Jörges Fans, die sich allwöchentlich zu Hunderten, vielleicht sogar Tausenden, vor dem Internet-Portal seines Magazins drängen, müssen dort allerdings eine strenge Inquisition über sich ergehen lassen. Der Verlag will erst einmal Adresse und Bankverbindung wissen, bevor sie zu den Quellen politischer Weisheit vordringen dürfen. Ein Hans-Ulrich Jörges bleibt Paid Content: Ihn gibt's nur am Stück für einen Euro.

Medienlese bietet seinen Lesern aus Anlass des Weihnachtsfestes Gelegenheit, einmal einen echten "Zwischenruf" auch ohne Obolus kennenzulernen. Wir haben höchstselbst eine Printausgabe des Stern (Nr. 52/2007) am Kiosk erstanden, um unseren Lesern im Detail zu zeigen, wie wahrer Qualitätsjournalismus sich zum wahren Wort verhält.

Unter dem Titel "Dame schlägt Springer" wirft sich in dieser Woche Hans-Ulrich Jörges für seinen Buddie Mathias Döpfner in die Bresche. Letzterer ist bekanntlich durch das Pin-Debakel in schweres Fahrwasser geraten. Verlieren wir also keine Zeit, beginnen wir gleich mit dem Lead:

 

"Friendly Fire wird im Krieg eine der verheerendsten Katastrophen genannt - wenn Soldaten von eigenen Truppen unter Feuer genommen werden. ... Friendly Fire hat dieser Tage auch Mathias Döpfner, den Vorstandschef des Springer-Verlags, schwer verwundet".

Ist das nicht ein großartiges Bild aus der allgemeinen Militärgeschichte, das Hans-Ulrich Jörges hier mit der politischen Gegenwart parallelisiert und verknüpft? Da kämpft der wackere Kommandeur Matthias Döpfner unter seinem zerbeulten Stahlhelm, pulvergeschwärzt und abgehärtet in zahllosen Schlachten, unermüdlich gegen einen finsteren Feind, als er plötzlich und unerwartet von den Etappenhengsten aus den Amtsstuben der Bundesregierung durch fehlgeleitetes Artilleriefeuer schwer getroffen wird. Während in vorderster Front seine Soldaten im großen Ringen mit dem Feind - aber, ooops, Moment mal! -- Meint Jörges denn, die Bundesregierung und Springers Redakteure, die wären von der gleichen Truppe? Und sie führten den gleichen Kampf? Möchte er, dass Medien und Regierung Arm in Arm eine große "Springer-Prozession" bilden, so wie es der Stern hier bereits vormacht?

Das sind kitzlige Fragen - beschränken wir uns, bevor wir am Ende gar noch über Demokratie reden müssen, aufs Sachlich-Stilistische: Echter Qualitätsjournalismus, das schließen wir aus dem oben zitierten Passus, zeichnet sich zunächst durch einen souveränen Umgang mit Fakten aus. Denn das Friendly Fire ist faktisch nur eine Fußnote der Geschichte, es war niemals kriegsentscheidend oder gar "verheerend". Hans-Ulrich Jörges jedoch verwendet seine grammatische Spezialdisziplin, den relativierten Superlativ ("eine der verheerendsten Katastrophen"), um dieses Ereignis ganz neu und als kriegsentscheidend zu gewichten.

Doch er gibt dem Leser keine Zeit zum Nachdenken, was vielleicht auch besser ist - höchst rasant geht's weiter über Stock und Stein: Schon verlagert sich das Geschehen vor den erstaunten Augen des Betrachters auf die Ebene eines antiken Dramas. Die Bundeskanzlerin verwandelt sich in eine Zyklopin, die im Alleingang schier Übermenschliches leistet:

 

"[Angela Merkel] bereitet dem 44-Jährigen die größte Niederlage seiner atemberaubenden Karriere, vernichtete sein teuerstes Investment außerhalb des medialen Stammgeschäfts ... und zertrümmerte Springers strategische Planungen."

"Donnerwetter", möchte man sagen, "das hätten wir der sanften Angela gar nicht zugetraut". Mittendrin blinzelt uns auch noch das Wörtchen "atemberaubende Karriere", angewandt auf Mathias Döpfner, qualitäts-ironisch aus dem Wagalaweia des großen Jörges'schen Klagelieds an. Wohl, damit das Publikum auch etwas zum Lachen findet.

Galt doch für den Springer-Verlagschef bisher eher der Italo-Western als stilprägend, nach dem Motto: Leichen säumen seinen Weg. Den Begriff der Döpfner-Kurve ersannen die Statistiker der taz einst nicht ohne Grund, um das Verhältnis von Döpfners Verweildauer bei einer beliebigen Zeitung und ihrem folgenden Auflageverlust zu bestimmen.

Zurück zum Thema: Angehenden Qualitätsjournalisten gefällt als nächstes die konsequente Personifizierung aller Probleme, das holzschnittartige Wirken eines geborenen Mythenschnitzers: Zwei Titanen sind es, die der Stern-Mann miteinander ringen lässt: Schwarz kämpft gegen weiß, Donald gegen Gaukelei, Hund gegen Katze. Die Strukturen aber, die Gesetzeslage, volkswirtschaftliche Voraussetzungen, die prekäre Lage der Sozialkassen - alles Soziologische und Politische verflüchtigt sich vor dem Blick des großen Analytikers wie Nebel in der Mittagssonne, nur die Reduktion auf das Wesentliche bleibt: Der Matthes wurde von der Angela nach Strich und Faden betrogen!

Kraftvoller greift der Barde jetzt in seine Leier, entfesselte Gefühle schwingen mit, die verletzte Moral barmt um ihr Leben: "Scham" müsse Merkel leiden, "Zorn" dürfe Döpfner hegen, "gebrochene Versprechen" seien unter Freunden unverzeihlich. Der Fluch der "Kampfblätter" und "Feindsender" wird die Lügnerin jetzt treffen. Überall im Café Einstein recken sich in Empörung die Fäuste gegen einen sturmzerzausten Hauptstadthimmel, die herrenbegleitenden Parzen beschwören Armageddon, die Kanzlerinnen-Dämmerung, auf das Babylon des Reichstags herab. Als entfesselter Kriegsgott aber dräut dem Volk ein neuer Moped-Merz:

 

"Die Zahl und die Erbitterung der Merkel-Kritiker wächst ... Nachdem Friedrich Merz abgetaucht ist, haben die nun einen Kopf: Mathias Döpfner. Er ist der erste Gegner den Merkel nicht ausschalten kann".

Derartigen Drohgebärden eines sich omnipotent wähnenden "Qualitätsjournalismus" ist eine gewohnheitsmäßige Kausalitätsumkehr nicht fremd, so auch bei Jörges. Denn Fakt ist: Erst machte Pin Riesenverluste, dann kam der erhoffte Anlass, die Notbremse zu ziehen und dabei mit dem Finger auf andere zeigen zu dürfen - und dieser Anlass war der Mindestlohnbeschluss der Bundesregierung.

Um nicht ganz durch eine meterweit klaffende Glaubwürdigkeitslücke im gesunden Menschenverstand zu fallen, muss auch Jörges erst einen Knicks vor der Realität machen, mit dieser kleinen Captatio benevolentiae - "Mag sein, dass Springers Pin-Investment von vornherein verkorkst war ..." - um mit einem eleganten Flicflac und einem energischen 'Deshalb behaupten wir das Gegenteil' über dieses Loch hinwegzusetzen, um wieder mitten im Leitmotiv seiner Friendly-Fire-Erzählung zu landen:

 

"[D]er Post-Mindestlohn, von Angela Merkel zum Gesetz erhoben, schlug in dem konservativen Verlagshaus ein wie die präzise gesetzte Granate eines eigenen Artilleristen."

Am meisten wirken unsere Alphajournalisten aber durch die unerhörte und unverbildete Strahlkraft starker Metaphern, die in ihren besten Momenten ganze Seminare von Psychologie-Studenten in analfixierte Begeisterung versetzen können. Nicht jedem aber ist eine solche Gestaltungskraft gegeben, dazu bedarf es schon eines echten Naturtalents:

 

"Dass die Kanzlerin dies in Kauf genommen hat, wird im Gedärm der Union schmerzhafter und länger wühlen als ihre Kapitulation vor dem rot-grünen Antidiskriminierungsgesetz".

Der Ansicht, dass dort draußen irgendjemand wohl an Darmverschlingung leidet, der schließen wir uns selbstredend an. Wer wären wir auch, hier zu widersprechen? Womit wir uns aber einem "meinungsstarken, aber faktenschwachen Großjournalisten" keineswegs an die Seite stellen möchten ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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