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27.08.14

Joel Kaczmarek: "Ich habe die Samwers erst spät kontaktiert, um Maulkörbe zu vermeiden"

Anderthalb Jahre hat Joel Kaczmarek an seinem Buch über die Gebrüder Samwer gearbeitet. Im Interview gibt er Einblicke in seine Vorgehensweise und erzählt, wie die Samwers auf sein Werk reagierten.

In der vergangenen Woche brachte der Blogger und Journalist Joel Kaczmarek sein lesenswertes Buch über die Samwer-Brüder auf den Markt. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass Kaczmarek eine Auszeit vom schnellen Publizieren im Netz nahm und sich stattdessen über ein Jahr lang der aufwändigen, kein stetiges Leser-Feedback beinhaltenden Arbeit an einem Buch widmete? Noch dazu über Unternehmer, die berühmt-berüchtigt für ihre zurückgezogene Art sind, wodurch eine besonders mühselige, vielgliedrige Informationsbeschaffung erforderlich sein würde? Und wie verlief der Prozess? Wir haben ihn gefragt. Joel, wie fühlt es sich an, nach Jahren als Chef eines Fachblogs zur Internetbranche ein Buch zu schreiben? Bist du erschöpft?

Nein, eigentlich geht es. Ich habe insgesamt anderthalb Jahre an dem Buch gearbeitet und irgendwann gibt es dann schon einen Moment, wo Du es einfach nur noch fertig haben möchtest. Das ist vielleicht ein wenig wie bei einer langen Abschlussarbeit. Aber an sich dominieren dann hinterher eher Freude und Erleichterung.

Joel KaczmarekWann kamst du auf die Idee, unter die Buchautoren zu gehen? War es ein schneller Entschluss oder eine Sache, die lange Zeit in deinem Kopf reifen musste?

Eigentlich ging das erschreckend schnell. Unser Investor Kolja Hebenstreit hatte mal bei einem Meeting aus Spaß angeregt, dass es doch cool wäre, mal ein Buch über die Samwers zu schreiben. Ich habe die Idee in unserem Wiki festgehalten, auf dem Dreamsheet, einer Seite mit Inhalten, die wir irgendwann mal umsetzen wollten. Und dann hatte mich zirka ein bis zwei Jahre danach ein Praktikant darauf angesprochen, wie cool das Ganze doch sei. Er hatte das Thema in unserem Wiki entdeckt und regte mich an, das Buch zu schreiben. Er wäre beinahe Co-Autor geworden, hatte dann aber doch keine Zeit. So war dann durch den nochmaligen Hinweis die Lust geweckt und ich habe einfach begonnen zu schreiben. Das Buch bot aber auch einen guten Übergang für mich, langsam die Gründerszene-Redaktion operativ zu verlassen. Ich war weniger in der Redaktion, kannte aber noch die Inhalte des Magazins. Ich wechselte in den Herausgeber und konnte gleichzeitig meiner Freude am Schreiben nachkommen, mich aber auch darauf konzentrieren, etwas zu gründen. Herausgekommen ist Sessionbird , ein Dienst für Online-Meetings, über den ich dann bald mal mehr erzähle.

Was ging dir am leichtesten von der Hand, was war am härtesten?

Am leichtesten von der Hand ging mir die grobe Struktur der einzelnen Bereiche. Ich wusste, wie ich die Geschichte der Samwers erzählen wollte und hatte für jedes Kapitel eine eigene Storyline, die sich aus den unterschiedlichen Ereignisse sehr sauber zeichnen ließ. Am aufwändigsten war derweil die ganze Detailarbeit an den Themen. Ich habe unterschätzt, wie brutal viel Stoff jedes einzelne Samwer-Thema barg. Wollte ich über Alando schreiben, musste ich auch in Ebays Geschichte eintauchen, wollte ich Rockets Copycats in den Bereichen General Merchandise, Büroartikel oder Möbel beschreiben, musste ich eigentlich auch Amazon, Staples und Hayneedle gut kennen usw. Das schluckte ungemein viel Zeit und bedeutete viel Detailarbeit. Ähnlich verhielt es sich natürlich mit den ganzen Interviews und den anschließend abzunehmenden Zitaten. Aber so anstrengend diese Punkte manchmal waren, brachten sie auch viel Spaß und lieferten mir vor allem umfangreiche Kenntnisse, die mir dann sehr halfen.

Wie sah dein Kontakt zu den Samwers vor und während dem Projekt aus? Ab und an enthält das Buch aktuelle O-Töne von Oliver. Hat er sich auf ein Gespräch eingelassen?

Ich habe sehr spät mit den Samwers Kontakt aufgenommen, weil ich vermeiden wollte, dass sie ihren aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern womöglich einen Maulkorb anlegen. Wahrscheinlich war das albern, aber es bot sich auch an, mit ihnen erst dann zu sprechen, wenn ich tief in den einzelnen Themen steckte. Ich habe Oliver Samwer dann zu einigen Detailfragen gemailt und er hatte von dem Projekt offensichtlich schon gehört. Wir trafen uns in München und sprachen etwa eine Dreiviertelstunde miteinander. Es ging viel um seine Familie und sein Selbstverständnis als Unternehmer. Natürlich war es etwas ulkig, sich nach all den Jahren einmal gegenüber zu sitzen, trennte uns ja durchaus ein gewisser Graben. Er, der Macher, der sich für Presse nicht viel interessierte und ich, der Medienmensch, der sein Vorgehen auch durchaus schon mal kritisierte. Er war aber insgesamt sehr hilfsbereit und freundlich. An diesem Tag wurde mir auch klar, dass viele wohl instinktiv schon ein Bild von Oliver Samwer haben und ihn dann mit Attributen aufladen. Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass ich dachte, er würde ständig ans Telefon gehen oder das Meeting sogar absagen. Aber er war ganz entspannt und wir sprachen ohne Unterbrechungen. Wir haben dann noch mehrfach versucht zu telefonieren, es kam bei ihm aber immer wieder zu Verschiebungen. Mit Marc Samwer habe ich derweil nicht gesprochen, mit Alexander nur ein paar Mal gemailt. Er befand sich auch zu weit weg vom Thema. Mich verbindet aber auch ein sehr konstruktives Verhältnis zu Rockets Führungsspitze, aus dem sich dann immer wieder wichtige Einsichten ergaben. Insgesamt waren die Infos der zahlreichen Weggefährten der Samwers ohnehin oft reichhaltiger und detaillierter.

Du erwähnst im Buch, dass Oliver Samwer Weggefährten und Mitarbeitern mitunter gedroht hat, diesen alle künftigen Karrierechancen in der Webbranche zu zerstören, wenn sie nicht machen was er will. Das hat dich aber nicht davon abgehalten, ein Buch zu schreiben, in dem die Brüder und vor allem Oliver auch durchaus ihr Fett abbekommen...

Nein. Zum einen haben wir ja eigentlich kaum Berührungspunkte und ich kenne viele Akteure der Szene unmittelbar selbst, zum anderen ist das glaube ich auch eher ein rhetorisches Mittel um Leute gefügig zu machen. Am Ende des Tages hat ein Oliver Samwer nichts davon, würde er anderen Leuten etwas verbauen. Vor allem fehlt ihm die Zeit für so etwas. Er fokussiert sich stets sehr stark und bei ihm stehen Dinge im Zentrum, die ihm Geld bringen. Ihm ist seine Zeit also sicher zu schade, einen kleinen Buchautor bei anderen anzuschwärzen :-). Jenseits dessen beschert ihm das Buch aber glaube ich auch sehr viel gute PR zu seinem Börsengang und so kritisch er darin angefasst wird, so lobend sind auch meine Worte für seine zahlreichen Fähigkeiten. Jamba wurde zum Beispiel aus unternehmerischer Sicht oft massiv unterschätzt.

Im Buch tauchen viele altbekannte Namen der Webbranche, aber auch Zitate von diversen Samwer-Kennern auf, deren Namen ungenannt bleiben. Hattest du in deinen Gesprächen den Eindruck, dass eine große Vorsicht oder gar Furcht herrscht?

Ja und nein. Eigentlich haben bis auf ein oder zwei Personen alle Lust gehabt, etwas über die drei Brüder zu erzählen. Und überraschenderweise auch meist eher Positives. Nur wenn es dann darum ging, dass derjenige namentlich genannt wird, konnte es vorkommen, dass Gesagtes lieber anonym verpackt werden sollte. Das finde ich aber auch vollkommen in Ordnung, zumal so mancher noch Berührungspunkte mit den Samwers haben konnte und womöglich auf ihren "Good Will" angewiesen war. Trotzdem herrschte unabhängig davon natürlich ein gewisser Respekt, manchmal vielleicht sogar Ehrfurcht, vor ihrem Schaffen.

Du hast bei Gründerszene über Jahre die Samwers im Blickfeld gehabt. Gab es Dinge, die du im Rahmen deiner Recherchen für das Buch erfahren hast, die dich richtig verwundert oder überrascht haben?

Die familiären Zusammenhänge und insbesondere die Studiengeschichten waren super interessant und oft auch sehr lustig. Zum Beispiel, dass ein Kommilitone Oliver Samwer heimlich das warme Wasser abgedreht hat, weshalb er dann anderthalb Jahre kalt geduscht hat. Aus den Geschichten seiner Jugend ergab sich nicht selten das Bild eines Einzelgängers, der anscheinend die ein oder andere schlechte Erfahrung im Umgang mit Menschen gemacht hat. Das ließ gerade Oliver Samwer sehr menschlich und sympathisch erscheinen. Inhaltlich brisant war ansonsten sicher die ein oder andere Geschichte etwa rund um TopTarif oder den Nachgang von StudiVZ. Das waren teils recht komplexe und durchaus auch abgedrehte Vorgänge, für die sich die genauere Lektüre empfiehlt.

Ist eine Veröffentlichung auf Englisch geplant? Mittlerweile interessieren sich ja auch viele internationale Beobachter für Rocket Internet.

Grundsätzlich sicher. Ich hatte erst überlegt, gleich auch eine Übersetzung anzugehen und auf Englisch womöglich nur ein E-Book anzubieten. Der typische Weg der Buchbranche liegt dann aber darin, dass der Verlag für eine gewisse Dauer die englischsprachigen Rechte zur Verfügung gestellt bekommt. Er kann dann einen international agierenden Verlag für den englischsprachigen Vertrieb suchen und wenn sich binnen einer gewissen Dauer nichts ergibt, fließen die Rechte wieder an den Autor zurück. Das erschien auch hier als bester Weg und ich kann mir gut vorstellen, dass sich dort etwas tun wird. Meine Erfahrungen mit der Münchner Verlagsgruppe waren ohnehin durchweg positiv. Grundsätzlich ist es aber so, dass es recht selten ist, dass deutsche Bücher übersetzt und großangelegt im Ausland vertrieben werden. Meist läuft dies eher umgekehrt.

Wirst du weitere Bücher schreiben oder reicht es dir erstmal?

Erstmal genügt dieses, aber es werden sicher weitere folgen. Mir kommen immer wieder Ideen wie Gründungsanleitungen und dergleichen, aber momentan habe ich sogar eher Lust auf den belletristischen Bereich, was ich mal als gelungene Abwechslung empfinden würde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir aber bei meiner neuen Gründung Sessionbird irgendwann einen Guide für gelungene Meetings oder ähnliches herausgeben.

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