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20.11.14Kommentieren

Jimdos Erfolg in Japan: "Wegen eines Website-Baukastens Autogramme zu geben, ist irgendwie verrückt"

Vor fünf Jahren ließen sich die Macher des deutschen Website-Baukastens Jimdo auf ein Experiment ein: Sie schufen mit lokaler Unterstützung einen Ableger in Japan. Dieser entwickelte sich zu einem echten Hit, mit verrückten Nebeneffekten.

Jimdo-Mitgründer Fridtjof Detzner vor Hunderten japanischen Jimdo-Nutzern

Vor einigen Wochen präsentierte mir mein Facebook-Newsfeed ein seltsames Foto: Es zeigte Fridtjof Detzner, einer der drei Gründer des Hamburger Websitebaukasten-Anbieters Jimdo, enthusiastisch vor einigen Hundert in einem großen Saal sitzenden Japanern, die mit strahlenden Gesichtern die Hände in die Höhe streckten. Was war da los?

Bei genauerem Hinschauen erfuhr ich: Das Foto stammte von den Feierlichkeiten des fünfjährigen Bestehens von Jimdo Japan. 2009 gründeten die Norddeutschen in Kooperation mt dem japanischen Telekommunikationsanbieter KDDI einen Ableger im Land der aufgehenden Sonne (unser damaliger Bericht). Das auf dem Foto festgehaltene Ausmaß des jüngsten Jubiläums-Events in Tokio verdeutlicht mehr als Worte, wie erfolgreich sich das Projekt entwickelt hat.

Ein spontaner Entschluss

Dabei befand sich eine Etablierung in Fernost zu Beginn gar nicht auf der Roadmap des damals noch jungen Startups, wie Detzner nach seiner Rückkehr aus Tokio im Gespräch erklärt. Doch nachdem der KDDI-Manager Teppei Takahata über einen TechCrunch-Artikel auf Jimdo aufmerksam geworden war, per Mail eine Zusammenarbeit vorgeschlagen hatte und kurz darauf im Büro in Hamburg vor der Tür stand, ließen sich Detzner und seine zwei Mitgründer Christian Springub und Matthias Henze auf das Abenteuer ein. Zumal sie selbst gar nicht viel tun mussten: Der Deal mit KDDI sah vor, dass Jimdo Produkt, Erfahrungen und Best Practices bereitstellen, in der Umsetzung, lokalen Adaption und beim Marketing dem Partner aber freie Hand lassen würden. Eine Lösung, die sich als gelungene Formel entpuppte, um einen europäischen Onlinedienst in Japan zu etablieren.

Traditionell ist Japan für westliche Internetfirmen eine sehr schwierige Angelegenheit. Kulturelle und sprachliche Barrieren führen dazu, dass sich selbst global dominierende Anbieter gar nicht oder nur mit großem Aufwand in dem Land positionieren können. Für Jimdo verlief die Expansion nach Asien dank der gewählten Strategie einer lokalen Partnerschaft weitaus unproblematischer. Da Takahata und sein früher Weggefährte Takeo Komai in Kanada studiert hatten, verfügten sie über die notwendige interkulturelle Kompetenz, um sowohl die Bedürfnisse der japanischen Nutzer als auch die Ziele und Prinzipien von Jimdo zu verinnerlichen und in eine passende Strategie zu überführen. Laut Detzner existierte zudem überhaupt kein Homepage-Baukasten auf dem japanischen Markt. Der Service wurde somit schnell zu einem großen Hit.

Schon der Start war für die Elbstädter ungewöhnlich: KDDI hatte zum Debüt von Jimdo Japan eine Pressekonferenz in der deutschen Botschaft in Tokio organisiert. 65 Journalisten waren gekommen, darunter viele Vertreter lokaler Medien. Simultanübersetzer sorgten dafür, dass die ausnahmsweise mal im Anzug gekleideten Jimdo-Gründer ihren Service sogar auf Deutsch vorstellen konnten. Von da an ging es bergauf.

Japan ist nach Deutschland der umsatzstärkste Markt

Heute ist Japan, was Umsatz angeht, der zweitgrößte Markt für Jimdo nach Deutschland. Von den insgesamt zwölf Millionen mit Jimdo erstellten Websites stammen zwar “nur” 800.000 aus Japan. Detzner betont aber die hohe Affinität der Japaner für die kostenpflichtigen Pro-Pakete. In der japanischen Kultur gilt es als selbstverständlich, dass für eine qualitative Leistung Geld bezahlt wird - was einem Unternehmen wie Jimdo natürlich entgegen kommt.

 

Das Team von Jimdo Japan heute

Eine andere Besonderheit stellt die Wichtigkeit persönlicher Interaktion zwischen Firmen und ihren Kunden dar. Bei Events, Kursen und in sogenannten Jimdo-Cafés treffen sich hartgesottene Anwender, gewerbliche Jimdo-Experten und Vertreter der Firma. Diese Komponente der japanischen Mentalität erklärt auch, wieso 600 Jimdo-Nutzer zu den Feierlichkeiten zum Fünfjährigen auftauchten - und dabei musste die Liste der Interessenten sogar frühzeitig geschlossen werden. Einige der in Japan entwickelten Konzepte wurden von Jimdo mittlerweile auch in anderen Märkten eingeführt, etwa Jimdo Meetups und das Evangelisten-Programm.

Verrückte Erlebnisse und lehrreiche Erkenntnisse

Einmal pro Jahr schaut Detzner in der Jimdo-Dependance im Zentrum Tokios vorbei. Sein jüngster Besuch wird ihm in besonderer Erinnerung bleiben. Die Begeisterung auf der Geburtstagsfeier sei riesig gewesen. Er habe Autogramme auf Jimdo-T-Shirts und -Taschen geben müssen. Es gebe Bücher über Jimdo, die erklären, wie man mit dem Dienst Websites baut. Es ist die für Japaner typische tiefe Verehrung von Idolen, die er zu spüren kam. Es sei surreal gewesen: “Autogramme zu geben, weil man einen Website-Baukasten geschaffen ist, ist schon verrückt”.

Abgesehen von ungewöhnlichen Erlebnissen wie diesem, diversen Inspirationen für das Produkt und Community Management sowie einem fünf Zentimeter dicken Visitenkarten-Stapel nimmt Detzner aus Japan eine für ihn erleuchtende Erkenntnis mit: “Ich weiß doch nicht, wie es funktioniert!”, so sein philosopisch angehauchtes Fazit im Hinblick darauf, wie ihm Japan die Augen dafür öffnete, wie sehr sich den Umgang von Menschen untereinander regelnde Konventionen und Normen von dem unterscheiden können, was wir im Westen kennen. /mw

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