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20.01.10

Jaron Lanier in der FAZ: Ideologien, wo keine sind

In der FAZ sind ein Interview mit Jaron Lanier und ein langer Essay von ihm erschienen. In beiden Texten setzt sich Jaron Lanier kritisch mit dem aktuellen Stand des Internets auseinander. Eine Replik.

(Foto: flickr.com/vanz)Jaron Lanier, unter anderem "Internet-Pionier" und Erfinder des Begriffs "virtuelle Realität", wurde in der FAZ interviewt und hat für sie auch einen Essay verfasst.

Die Reaktionen auf Laniers Aussagen in der FAZ sind in der deutschen Blogosphäre bisher verhalten ausgefallen . Einige meinen, das liege daran, dass Lanier anspricht, was viele nicht wahrhaben wollen. Ich glaube, es liegt viel eher daran, dass Lanier mit leicht anderer Wortwahl den Kulturpessimismus der hiesigen Konservativen eins zu eins wiederholt. Es sind die gleichen Thesen, die in der FAZ, angestossen von Schirrmachers Buch Payback, von verschiedenen Autoren vertreten werden. Aussagen, die man langsam leid ist, wieder und wieder zu widerlegen (und die Lanier teilweise bereits seit 2006 unter das Volk bringt, unter anderem bei SPON).

Nun denn, it's a dirty job but someone's gotta do it.

Musikbranche und das Internet, Teil 49

Lanier sagt im FAZ-Interview:

Das Dogma oder die Internetideologie lehrt uns: Ja, schon richtig, wir zwingen Musiker, ihre Musik kostenlos abzugeben, aber dafür bekommen sie ebenfalls kostenlose Publicity, mit deren Hilfe sie andere Sachen verkaufen können. Für bereits bekannte Künstler wie Radiohead mag die Rechnung aufgehen, für alle anderen, die sich nur übers Internet vermarkten, ist das nicht der Fall. Nach meiner Ansicht liegt das daran, dass ein Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten.

Im eben zitierten Absatz ist Folgendes falsch :

  • Musiker werden gezwungen, Musik kostenlos abzugeben.
  • Nur bekannte Musiker können online Erfolg mit kostenloser Musik haben.
  • Das einzige Produkt des Künstlers ist die Musikaufnahme selbst.

Es sind die üblichen fehlgeleiteten Argumente und Ansichten.

Stattdessen ist es so:

  • Niemand zwingt Musiker, ihre Musik kostenlos abzugeben. Sie können dafür Geld verlangen. Ob jemand den veranschlagten Preis bezahlt, liegt, wie immer in der Marktwirtschaft, beim Markt. Musikaufnahmen werden auch heute noch gekauft und sicher auch noch in der Zukunft. Allerdings viel öfter als aufwendige Limited Edition, und immer weniger in Form einer austauschbaren Plastikscheibe vom Fließband.
  • Nicht nur bekannte, sondern auch unbekannte Künstler können über das Internet bekannt werden und damit Geld verdienen. Beispiele gibt es zuhauf, zum Beispiel hier. Das Blog Techdirt zählt regelmäßig Beispiele erfolgreicher Musiker in allen Größenordnungen auf. Es könnte mehr Beispiele geben, aber die Majorlabel machen den Übergang schwerer als nötig (siehe unten).
  • Die Produkte des Musikers sind die Musik selbst und er selbst als Person. Es gibt verschiedene Wege, hiermit Geld zu verdienen. Die letzten ca. 50 Jahre war das im großen Stil einträglichste Geschäftsmodell der Verkauf von physischen Tonträgern. Es war ein Geschäftsmodell für die industrialisierte Gesellschaft. Es existierte vorher nicht und wird künftig wieder marginalisiert. Es ist kein Zufall, dass die Tonträgerindustrie zurückgeht, und gleichzeitig die Konzertveranstalter aber Rekordumsätze verbuchen.

Siehe für Geschäftsmodelle für Musiker im Internetzeitalter unseren Artikel von vor einem Jahr.

So sieht die Situation in der Musikwelt aktuell aus:

Die Musikbranche wird von Monopolen dominiert, weil das Urheberrecht ein Monopolrecht ist. Diese Monopole werden mehrheitlich von Unternehmen kontrolliert, deren Geschäftsmodell mit dem Internet nicht kompatibel ist. Diese Unternehmen nutzen ihre Monopolmacht, um zum Beispiel Musik-Startups auszuquetschen. Es ist kein Zufall, dass Spotify noch nicht weltweit durchgestartet ist. Das liegt nur zum Teil daran, dass die Tatsache, für jedes Land eigene Lizenzen einzuholen, ein kompliziertes und zeitaufwendiges Unterfangen ist. Es liegt auch daran, dass diese Lizenzen ausgesprochen hoch sind.

Was könnten die Label selbst tun, um die Situation für Musiker im Internetzeitalter zu verbessern?

Nun, zum Beispiel könnten sie Whitelabel-Streaming-Angebote ihrer Backkataloge als erschwingliches B2B-Angebot anbieten, so dass Startups dann darauf Innovationen aufbauen könnten. Es existiert ein Brachland online, wenn es um den Musiksektor geht und zwar aus dem einfachen Grund, weil man kein erfolgreiches Angebot im Musikbereich aufbauen kann, ohne die direkte Möglichkeit zu integrieren, die Musik der Musiker auch hören zu können. Genau das ist aber selten erwschwinglich.

Wäre diese Situation anders, könnten sehr viel mehr Experimente stattfinden, wie man potentielle Fans und Musiker zusammenbringt und wie man monetäre Transaktionen gestalten könnte (Lokale Nachfrage sichtbar machen, Organisationsaufwand für Tourmanagement etc. automatisieren, Merchandise, Fanclubs usw.). Aber stattdessen ist es so, dass Startupgründer und Investoren durch die immer währende Abmahngefahr abgeschreckt werden und der Onlinemusiksektor zu den eher schwierigen Feldern zählt.

Internetideologie? Wo?

Das sind Erkenntnisse, die man von Lanier nicht erhalten wird. Stattdessen spricht er von einer vermeintlichen Ideologie und die FAZ freut sich darüber, dass da einer von der gegnerischen Seite ist, der endlich das Licht sieht. Unsinn. Es geht nicht um gegnerische Bevölkerungsschichten, um "die gegen uns", auch wenn es einige deutsche Blogger mit überzogenem Bedarf nach Aufmerksamkeit in den letzten Jahren gern so dargestellt haben (und auch wenn nicht wenige deutsche Journalisten in der Angst um Job oder Deutungshoheit das Gleiche getan haben und noch tun).

Es ist intellektuell ausgesprochen faul, seinem Gegenüber einfach Ideologien zu unterstellen, ohne die tatsächlich gemachten Argumente selbst zu überprüfen.

Those are just facts, and facts are just opinions, and opinions can be wrong. - Das sind nur Fakten, und Fakten sind nur Meinungen, und Meinungen können falsch sein.

Aus der TV-Serie 'Better Off Ted'

Wenn man sich über eine Internetideologie ereifert, in der Menschen angeblich Anderen vorschreiben, wie sie ihr Geld zu verdienen haben, dann wäre das Minimum das Benennen von einzelnen Wortführern oder zumindest Publikationen, die die vermeintliche Internetideologie bestimmen oder zumindest prägen. So dass sich der Leser ein eigenes Bild von diesen fehlgeleiteten Individuen machen kann. Aber weder bei Lanier noch bei anderen selbsternannten Kritikern dieser erfundenen Ideologie wird man das vorfinden. Weil sie nicht existiert. Sie ist ein Strohmannargument.

Keine Gratiskultur

Lanier schreibt von der Gratiskultur. Ein weiteres Konstrukt, das nicht existiert . So schreibt er in seinem Essay für die FAZ:

„Informationen wollen frei sein“, heißt es. Stewart Brand, der Begründer des „Whole Earth Catalog“, eines legendären Verzeichnisses relevanter Publikationen der Gegenkultur, scheint es als Erster gesagt zu haben. Ich behaupte: Informationen verdienen es nicht, frei zu sein. Die Cyber-Totalitaristen tun gerne so, als wäre Information lebendig und hätte ihre eigenen Vorstellungen und Ziele.

Das ist ausgesprochen hanebüchen. Niemand unterstellt Informationen Vorstellungen und Ziele. Brands komplettes Zitat findet man in Chris Andersons Free:

On the one hand information wants to be expensive, because it's so valuable. The right information in the right place just changes your life. On the other hand, information wants to be free, because the cost of getting it out is getting lower and lower all the time. So you have these two fighting against each other.

Brand spricht nicht davon, dass Informationen eigene Vorstellungen oder Ziele hätten, wie es Lanier andeutet. Er spricht von den Kosten der Erstellung und der Verbreitung von Informationen. Die Kosten für die Verbreitung von Informationen (und damit auch von Informationsgütern, also Text, Audio, Video) sind mit der Digitalisierung und dem Internet dramatisch gefallen.

Dass online viel kostenfrei verfügbar ist, hat nichts mit Ideologie oder Geiz zu tun. Es ist Marktwirtschaft am Werkeln. Die Gründe für die Veränderungen liegen:

  • bei (mentalen und herkömmlichen) online gesunkenen Transaktionskosten,
  • den Kostenstrukturen digitaler Güter (niedrige bis gar nicht vorhandenene Grenzkosten)
  • und der daraus resultierenden Konkurrenzsituation ("Käufermarkt").

Der werbefinanzierte Journalismus

Lanier schreibt im FAZ-Essay:

Ironie des Schicksals: Heute hat sich die Werbung zur einzigen Ausdrucksform gemausert, die in der kommenden neuen Welt echten kommerziellen Schutz verdient. Jede andere Ausdrucksform soll bis zur Bedeutungslosigkeit neu durchgemischt, anonymisiert und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Anzeigen jedoch gestaltet man immer kontextbezogener, und ihr Inhalt ist absolut sakrosankt.

Davon verstehe ich nur den ersten Halbsatz. Was "kommerzieller Schutz" ist, was bis zur Bedeutungslosigkeit neu durchgemischt wird und warum Anzeigeninhalt sakrosankt sein soll, erschließt sich mir nicht.

Wie dem auch sei. Lanier findet Werbung nicht gut. Er schreibt:

Werbung bildete den eigentlichen Kern des schlimmsten aller Teufel, die wir zerstören würden, des kommerziellen Fernsehens.

Dass Journalismus seit sehr langer Zeit ein werbefinanziertes Geschäft ist, weiß er nicht, oder es interessiert ihn nicht. Auch die Gehälter der von ihm gefeierten Woodward und Bernstein wurden von der Washington Post mehrheitlich mit Werbung finanziert.

Die Zeitungskrise

Lanier in seinem Aufsatz für die FAZ:

Wäre die amerikanische Geschichte in den vergangenen Jahren irgendwie anders verlaufen, weniger katastrophal, wenn das Geschäftsmodell der Zeitung nicht unter Beschuss gestanden hätte? Gewiss, es gab mehr Blogger, aber zugleich weniger Bob Woodwards und Carl Bernsteins, und das in einer Zeit, in der desaströse ökonomische und militärische Entscheidungen getroffen wurden.

Hier sieht man die ganze Tragödie, wenn jemand versucht, eine Situation zu analysieren und von vornherein Ideologen am Werk sieht. Natürlich untergräbt das zerbröselnde Geschäftsmodell der Zeitung die Wirkungsmacht der vierten Gewalt. Aber woran liegt das?

  • Daran, dass die Werbetreibenden online mehr Werbefläche zur Auswahl haben, die zugleich attraktiver sein kann, als der Werbeplatz in der Zeitung.
  • Daran, das Internetdienste, Kleinanzeigen effizienter für Suchende und Anbietende umsetzen können, als Zeitung.
  • Und daran, dass, noch einmal, die grundsätzlichen Rahmenbedingungen für ein elektronisches, weltweit vernetztes Internet anders sind, als für die Auslieferung von Text auf Papier.

Also, wer hat schuld an der Zeitungskrise?

  1. Internetideologen , die alles umsonst wollen?
  2. Investoren und Shareholder , die ein Minimum an Renditen von Zeitungen auch in schlechten Zeiten verlangen und dafür auch Kosteneinsparungen auf Mitarbeiterseite in Kauf nehmen?
  3. Entscheidungsträger in den Verlagen , die auf Biegen und Brechen das auf den industriellen Rahmen zugeschnittene Vorgehen plus dafür aufgebaute Kostenstruktur in das Internet übertragen wollen?
  4. Die Digitalisierung und Internet , die neue Herangehensweisen verlangen, weil der Markt durch sie ein anderer wird?

Lanier sieht die Schuldigen bei Punkt 1. Eine bequeme Sichtweise auch für die Verlage, Redakteure und Journalisten. Meiner Meinung nach ist es eher eine Mischung aus den restlichen Punkten. Niemand kann die Verlage zwingen, ihre Inhalte online kostenlos anzubieten.

Kein Internetideologe hätte die Macht dazu. Selbst wenn er tatsächlich existieren würde.

Auf Laniers Frage, warum in den letzten für die USA desaströsen Jahren, nicht mehr durch Blogger aufgedeckt wurde, gibt es auch eine Antwort. Eigentlich zwei.

Erstens: Die Blogosphäre ist noch jung. Die ersten Zeitungen, wenige Jahre nach ihrem Entstehen, legten ebenfalls keinen investigativen Journalismus an den Tag. Nebenbei: Dass immer wieder Ausnahmen im Journalismusgeschäft, wie hier bei Lanier der Watergate-Skandal von 1972(!), herhalten müssen, zeugt von keiner so guten Datenbasis beim Qualitätsjournalismus, wie es von seinen Vertretern oft suggeriert wird. (Was ich damit meine: Der Anteil von investigativem Journalismus am Gesamtjournalismus ist bei weitem nicht so hoch, wie oft suggeriert.)

Zweitens : Die US-Blogosphäre hat innerhalb kürzester Zeit sich vor allem in den ersten Jahren des Irak-Kriegs gegenüber der etablierten Presse behauptet und mit einem Bruchteil des Budgets unzählige Missstände aufgedeckt, die sonst verborgen geblieben wären.

Jaron Lanier, Leistungsschutzrechtbefürworter?

Laniers Lösung für die von ihm festgestellten Probleme klingt arg nach dem Leistungsschutzrecht, dass deutsche Presseverlage für sich im Internet durchsetzen wollen:

Jeder könnte so Zugriff auf das Produkt jedes Anbieters haben, für eine verschwindend geringe Gebühr. Information wäre damit nicht absolut kostenlos zu haben, aber sie wäre sehr erschwinglich. Zudem gäbe es keine Trennung zwischen intellektueller oder künstlerischer Aktivität und der Wirtschaft, die beiden Sphären blieben verbunden. Und erhalten blieben auch Kreativität und Flexibilität, all die Vorzüge des Internets, die wir alle lieben, also dass alle möglichen Leute alle nur möglichen Dinge tun können. Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen.

Der einzige Unterschied: Beim Leistungsschutzrecht zahlt dann nicht der abrufende User direkt, sondern der verlinkende Internetanbieter. (Denke ich. Etwas Genaues weiß man ja nicht.)

Lanier, der, ohne sich die Mühe der Recherche zu machen (oder zumindest davon nichts erkennen lässt), indirekte Bezahlungsmethoden als generell gescheitert ansieht und damit ablehnt, sieht in der direkten Bezahlung die einzige, wahre Lösung.

Indirekte Bezahlung verstehen heißt die Internetökonomie verstehen

Die Ansicht, dass direkte Bezahlung die Lösung ist, ist weitverbreitet, weil die direkte Bezahlung jene ist, die man aus dem Alltag der industriellen Gesellschaft kennt, in der jeder von uns aufgewachsen ist.

Ignoriert werden dabei die bereits oben angesprochenen Rahmenbedingungen der digitalen Netzwerkökonomie ebenso wie direkte Bezahlung ineffizienter machende Umstände wie mentale Transaktionskosten. Was in Verbindung mit einem erbarmungslosen Wettbewerb ("Käufermarkt"!) hin zur indirekten Bezahlung führt.

Ganz zu schweigen davon, dass Jaron Lanier mit seinem Ansatz, alles direkt abzukassieren, ein komplexes Unterfangen in einem Absatz zusammenfasst. Bei so etwas liegt allerdings der Teufel im Detail. Man denke etwa an die Kulturflatrate, ein ähnliches Konzept.

Wie wenig Lanier von Wirtschaft versteht, kann man auch in dieser Aussage im FAZ-Interview erkennen:

[..] die erfolgreichsten Aspekte des Internets sind mit meinen Vorstellungen vereinbar. Amazon zum Beispiel nimmt Geld ein, indem es Autoren hilft, Geld einzunehmen. Es gibt keinen Grund, warum es im Internet keine erfolgreiche Firma geben sollte. Websites, die ich am meisten kritisiere, sind zufällig auch jene, die nicht profitabel sind. Sie bieten Mash-ups an, bei denen die individuelle Stimme nicht mehr zu hören ist: Facebook, Twitter, Wikipedia.

Er nennt Google wahrscheinlich nicht, weil er Werbung für schlecht hält und der Meinung ist, dass Google z.B. Online-Publikationen nicht beim Geldverdienen hilft. Gleichzeitig findet er Amazon gut. Facebook und Twitter dagegen wieder schlecht.

Warum? Weil Amazon aus Endnutzersicht auf direkter Bezahlung basiert. Facebook (u.A. Werbung) und Twitter (unter anderem Suchmaschinendeals) auf indirekter Bezahlung. Beide letztere übrigens seit kurzem laut eigener Aussage Break-Even (Facebook) oder höchstwahrscheinlich profitabel (Twitter).

Der Anti-Voltaire

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass Lanier Meinungsvielfalt für negativ hält:

Und statt sich einer hartnäckigen Presse stellen zu müssen, wurde die Regierung vage auf Blogger hingewiesen, die einander lautstark widersprachen und sich gegenseitig neutralisierten. Diesen oder jenen Skandal haben Blogger gewiss aufgedeckt, aber das taten auch die Blogger von der jeweiligen Gegenseite. Unter dem Strich produzierte die Blogosphäre leeres Gerede, wie es in den heute hochgejubelten flachen und offenen Systemen eigentlich immer geschieht.

Bleibt die Frage, ob Jaron Lanier auch der Meinung ist, dass die Printpresse dadurch geschwächt ist, dass es mehr als eine Zeitung am Markt gibt - und diese Zeitungen auch noch verschiedenen politischen Lagern angehören können.

Fazit

Es gebe noch mehr zu sagen. Etwa darüber, wie verquer Lanier das Prinzip der Schwarmintelligenz sieht. Oder wie er im Interview jeden Moment kurz davor scheint zu sagen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf. Oder sein Verständnis vom Mashup als ein Ding ohne eigene Aussage und dem damit verbundenen Kunstverständnis (Breaking News: Künstler nutzen Versatzstücke von anderen für ihre eigenen Werke seit Jahrhunderten. Siehe etwa Shakespeare).

Jeder, der von einer Gratiskultur oder Umsonstkultur spricht, will die von mir im Artikel angesprochenen Realitäten entweder argumentativ umschiffen oder ihm sind sie gar nicht bewusst. So oder so: Erkenntnisse erhält man auf diese Weise nicht. Das Gleiche gilt für das Konstrukt der Internetideologie. Ein Strohmannargument, mit dem man für jeden noch so komplizierten Umstand eine einfache Pseudo-Erklärung aus dem Ärmel schütteln kann.

Der Internetideologe ist für Lanier, was dem Kleinkind das Monster unter dem Bett ist.

Aussagen, wie die folgende entbehren jeder Form von Logik:

Die neue Geek-Religion, in der das Internet ein lebender Organismus ist und als vermeintliches Wesen angebetet wird, kann einen schon sehr enttäuschen. Der Markt hingegen funktioniert ja in gewisser Weise. Wenn es nach ihm ginge, wäre Twitter, wäre Facebook, wäre all das Zeug, das ich nicht mag, Vergangenheit. Die Ideologie überstimmt da den Markt.

Lanier scheint keine Ahnung von den ökonomischen Verschiebungen oder den Dynamiken im Internet zu haben. Das Gleiche gilt, so scheint es, für die Redaktion der FAZ. Das Veröffentlichen solcher Texte führt nur bedingt zu einem Erkenntnisgewinn. Um den geht es aber wohl auch gar nicht. Es geht um das Schüren von Vorurteilen bei der eigenen Leserschaft.

Es geht um das Konstruieren eines "Wir" (die Kreativen, die Journalisten, kurz: die, die Inhalte, Werte schaffen) gegen "die Anderen" (die Internetideologen, die uns entmachten und alles umsonst wollen).

An der Realität geht das alles freilich völlig vorbei.

Eines muss man der FAZ allerdings lassen. Sie gehen die Debatte intellektueller an, als es etwa seinerzeit letztes Jahr in der ZEIT stattfand (man erinnere sich etwa an den Soboczynski-Artikel (unsere Replik) oder den Artikel von Wefing (unsere Replik) ). Trotzdem: An den wahren, wichtigen Dingen gehen diese Artikel und die hinter ihnen stehende Strategie völlig vorbei. Ernsthafte Auseinandersetzung mit der Realität ist das nicht.

Warum wird man Texte von Leuten wie Yochai Benkler oder Clay Shirky nicht in der FAZ vorfinden? Weil sie nicht mit Ideologien argumentieren. Weil sich ihre Sachargumente schwerer widerlegen lassen. Weil sie tatsächlich versuchen, zu verstehen, was hier mit dem Internet und der Gesellschaft gerade passiert.

Würde man sich mit Benkler, Shirky, Lessig, meinetwegen auch Ökonomen wie Varian usw. ernsthaft auseinander setzen, dann müsste man sich am Ende mit ernsthaften Argumenten beschäftigen und würde vielleicht echte, zum Beispiel für viele Presseverlage unschöne, Einsichten erhalten.

Wahrer Erkenntnisgewinn, der allerdings schmerzt. Wo kämen wir denn da hin.

(Foto: vanz; CC-Lizenz )

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