<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

01.09.09Leser-Kommentare

JAKO und der Streisand-Effekt

Der Sportkleidungshersteller JAKO geht mit voller Härte gegen einen unbekannten Blogger vor und schiesst damit ein klassisches PR-Eigentor.

2003 wollte Barbara Streisand verhindern, dass ihr Strandhaus in einem Buch eines Fotografen neben anderen Strandhäusern abgebildet wird. Ihr Rechtsstreit mit dem Verfasser des Buches führte zu mehr Aufmerksamkeit im Internet als es das Buch selbst je erregt hätte. Streisand hat das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte: Ihr Strandhaus möglichst aus der Öffentlichkeit heraushalten.

Der Blogger Mike Masnick nannte das den Streisand-Effekt: Wenn man unliebsame Informationen mit Hilfe rechtlicher Mittel entfernen lassen will und damit eine weitaus größere Öffentlichkeit im Netz erzeugt. Das tatsächliche Ergebnis ist also das genaue Gegenteil zum eigentlich erwünschten.

Genau das ist mit JAKO heute passiert. Kai Pahl berichtet im Blog Allesaussersport über das Vorgehen von JAKO gegen einen Blogger, der sich wohl abschätzig über das neue JAKO-Logo geäußert hat.

Da Frank Baade, der betroffene Blogger, kooperativ war und den entsprechenden Artikel entfernt hat, lässt sich nicht nachvollziehen, was über JAKO geschrieben wurde.

Aber folgendes kann man schlussfolgern:

1. Wie Pahl ausführt, haben den ursprünglichen Text vielleicht 400 Leser gesehen. Für ein Unternehmen von der Größe von JAKO kann der vermeintliche Imageschaden nicht sonderlich hoch gewesen sein.

2. Der Blogger war kooperativ und hätte den Artikel wohl auch entfernt, ohne dass JAKO gleich die Anwaltskeule herausholt. Es bleibt bemerkenswert wie wenige Unternehmen in Deutschland noch an friedliche Lösungen ohne Säbelrasseln zu glauben scheinen.

3. Egal wie groß das ursprüngliche Publikum und der damit verbundene Schaden war, das was heute passiert ist, war schlimmer für JAKO. Pahls Artikel allein hat bis jetzt 16 darauf verlinkende Blogartikel Tweets nach sich gezogen. Aktuell ist der Artikel bei einer Google-Suche nach Jako auf Platz Fünf, hinter diesem Artikel von netzpolitik.org zum gleichen Thema.

Ein klassischer Streisand-Effekt.

Ausgelöst wird dieser auch durch eine vorsichtig ausgedrückt eigenwillige Ansicht der in diesem Sachverhalt JAKO vertretenden Anwaltskanzlei Horn & Kollegen: Der Blogger Frank Baade soll nun auch mit für ihn erheblichen Geldstrafen für einen automatischen Textauszug auf einem Newsaggregator geradestehen. Pahl:

JAKO und die Rechtsanwältin Sanguinette bewerten das Auffinden der Formulierung als eigene Veröffentlichung – anders lässt sich der Satz aus dem Schreiben nicht interpretieren (erst gegen Ende einer ellenlangen Argumentation lassen sie die Möglichkeit zu, dass Trainer Baade den Artikel nicht selber eingestellt hat, werfen ihm aber dann vor, es unterlassen zu haben “das Internet” (sic!) sorgfältig genug zu prüfen). Das ist eine Rechtsauffassung die diametral der Lebenswirklichkeit von Millionen von Bloggern entgegensteht.

JAKO hat sich ein klassisches PR-Eigentor geschossen.

Das hilft dem Blogger Frank Baade aber nicht, wenn Jako und die Anwaltskanzlei Horn & Partner die Angelegenheit weiter stur durchziehen.

Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Geschichten, die wahrlich nicht selten sind, bleibt es weiterhin äußerst verwunderlich, wie deutsche Politiker vom Internet als rechtsfreien Raum schwadronieren können. Und von Journalisten dafür nicht ins Kreuzfeuer genommen werden.

Kommentare

  • Michael van Laar

    01.09.09 (20:00:41)

    Immer wieder schön zu sehen was passiert, wenn Leute meinen mit Rechtsmitteln gegen Webveröffentlichungen vorgehen zu müssen, ohne die technischen Gegebenheiten der Internets auch nur halbwegs verstanden zu haben. Dass man bei Google bereits jetzt nicht gerade die reputationsfördernsten Artikel auf der ersten Suchergebnisseite findet, wenn man nach Jako sucht, ist den Verantwortlichen offenbar egal? Hauptsache Recht behalten, auch wenn’s wehtut. Oder wird jetzt als nächstes Google verklagt? ;-)

  • mike

    01.09.09 (20:38:20)

    Ich kenne den originalen Artikel zwar nicht, aber die Kanzlei hat doch kaum eine Chance vor Gericht. Fazit: Auf den Kosten bleibt die Billigmarke "Jako" sitzen und obendrein haben sie auch noch den Spott der Netzgemeinde.

  • Moritz

    01.09.09 (22:23:39)

    Haha! Krass, euer Bericht über den Eintrag hat sogar die erste Position in den organischen Suchergebnissen vor der Jako-Website. Passt auf, dass ihr nicht auch noch ne Abmahnung bekommt... ;-) Supercool! Die Jako-Manager werden sich in den ***** beissen, hoffentlich zurückrudern und die Anwaltskanzlei wechseln. Der Schuss ist wohl nach hinten losgegangen. Tolle Sache dieser Streisandeffekt :-D

  • DietmarF

    01.09.09 (22:50:10)

    Leute, die wollten eben mal bekannter werden...

  • Thies

    01.09.09 (23:58:20)

    Immerhin ist mir wieder bewusst geworden, dass Jako überhaupt existiert - trotz Trikotsponsorings etc hatte ich die Firma nämlich schon verdrängt. Nebenbei: Im vorletzten Absatz steht noch "Horn und Partner" - die Kanzlei nennt sich aber afaik "Horn & Kollegen".

  • uno

    02.09.09 (00:55:47)

    Streisandeffekt hin, PR-Häme her - der betroffene Blogger kann sich diesen - wichtigen - Prozess leider nicht leisten. Das ist das Problem! Entweder bringt man JAKO durch öffentlichen Druck zum Einlenken oder man startet eine Spendenaktion. IMHO wird sonst in Zukunft jedes halbgare Kaschemmenunternehmen kurz vorm Konkurs die Leute mundtot mahnen.

  • 3tb

    02.09.09 (02:02:19)

    Das Design Tagebuch hat sich im April diesen Jahres ebenfalls zu dem Re-Design des Logos geäußert und was ist eine “unzulässige Schmähkritik?" Kritik ist unzulässig?... Das spricht für den selbstauferlegten Sportsgeist dieses Unternehmens. Wenn die Jaku AG zum jetzigen Zeitpunkt über einen Funken gesunden Menschenverstand verfügt, zahlen sie Trainer Baade die bisherig geleisteten Abmahnkosten im vollem Umfang zurück und spenden einen fünfstelligen Betrag an "Blogger ohne Grenzen".

  • recipient

    02.09.09 (08:49:17)

    Wenn man das ganze Drumherum mal weglässt und den Kern des Problems freilegt, dann geht es hier um nicht weniger als die ernste Gefährdung eines Grundrechtes. Es kann doch nicht sein, dass Anwälte kraft finanzieller Potenz ihrer Auftraggeber darüber bestimmen, was unter Meinungsfreiheit fällt und was nicht. Es ist ein Armutszeugnis, dass solchem Gebahren derzeit nur mit Gegen-PR aus Klein-Bloggersdorf, mangels Geld aber nicht mit juristischen Mitteln begegnet werden kann. Und was machen weniger prominente Betroffene? Zahlen und Maul halten? Ich meine, es müssten jetzt auch mal politische Forderungen gestellt werden. Zum Beispiel im Hinblick auf die Regelung bei Prozesskosten.

  • T-Dog

    02.09.09 (09:42:57)

    Wow, dieser Beitrag ist schon auf Platz 1 bei Google, wenn man Jako eingibt. Die Firma sollte ihre Rechtsabteilung und ihre PR-Abteilung mal zu einer Schulung schicken: "Das Internet, so geht das". "Willst du kleine Blogger fi**en, werden viel dich gleich zwicken."

  • Karl Keule

    02.09.09 (11:26:06)

    Hallo liebe Hausmeistergemeinde, juristische Dummheit kennt leider keine Grenzen. guckst du auch hier: http://bit.ly/29ctdS hausmeisterlichen Gruß Karl Keule

  • Baderus

    02.09.09 (12:05:00)

    Naja, sollte doch allgemein Bekannt sein das sich solche "Geschichten" im Netz rumsprechen wie ein Lauffeuer. Aber scheinbar haben das einige immer noch nicht mitbekommen oder wollen es einfach nicht glauben. Gerade wenn es gegen Blogger geht sollte doch jeder sich selbst zusammen reimen können das andere Blogger das Thema aufgabeln und verbreiten. Klassischer Fall von "nicht nachgedacht" Gruß

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer