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15.06.11Leser-Kommentare

Jajah- und Talenthouse-Gründer Roman Scharf: "Wer das nächste große Ding bauen will, muss viel opfern"

Der Österreicher Roman Scharf hat nach dem Verkauf des von ihm mitbegründeten VoIP-Dienstes Jajah eine Plattform gestartet, die Crowdsourcing mit der Reichweite des Social Web verknüpft. Im Interview blickt er auf eine aufregende Zeit zurück und plaudert über sein neues Projekt.

 

Roman Scharf ist passionierter Serienunternehmer. 2005 startete er nach zwei vorhergegangenen Gründungen in Wien zusammen mit Daniel Mattes den VoIP-Dienst Jajah. Nach gut einem halben Jahr siedelten die zwei mit Jajah ins Silicon Valley um. Ende 2009 verkauften sie ihr Startup für gut 200 Millionen Dollar an den spanischen Telekommunikationskonzern Telefónica. Für Roman Scharf bedeutete dies jedoch nicht, fortan die Füße hochzulegen. Mit Talenthouse zieht der Österreicher gerade von der US-Westküste aus eine Onlineplattform auf, die Crowdsourcing und digitales Marketing revolutionieren soll.

Im Interview mit netzwertig.com erklärt Roman Scharf, wie es sich anfühlte, kurze Zeit nach dem Launch von Jajah einen Anruf von US-Investoren zu erhalten, wieso aus Jajah kein Dienst in der Größenordnung von Skype geworden ist und warum Crowdsourcing eine clevere und effektive Form des digitalen Marketings darstellt.Hallo Roman. Du bist einer der wenigen österreichischen Internetunternehmer im Silicon Valley. Fühlst du dich als Exot?

Nein nicht wirklich. Ich sehe mich als einer der Europäer im Valley - und davon gibt es gar nicht so wenige hier. Man trifft viele Skandinavier, Deutsche und Engländer. Mir liegt Multi-Kulti sehr, und es würde mir fehlen, wenn ich nicht hier wäre.

Es wirkt von außen relativ schwierig, die notwendigen Genehmigungen zu erhalten, um sich längere Zeit in den USA aufhalten zu dürfen. Wie kommt es, dass es dennoch so viele Europäer im Silicon Valley gibt?

Ich glaube, für klassische Angestellte existieren viele bürokratische Hürden. Als Unternehmer ist es aber gar nicht so schwierig, sich in den USA niederzulassen. Die Voraussetzungen zum Gründen, Rekrutieren und Erschließen von Kapital sind sehr gut. Es zählt ohnehin mehr die Persönlichkeit als die Nationalität. Wir sind damals mit Jajah aus Österreich hergezogen und haben es niemals als Nachteil empfunden, dass wir nicht aus den USA stammen. Auch die meisten US-Amerikaner im Silicon Valley sind ja nicht von hier, sondern aus anderen Landesteilen.

Wie kam es denn damals zum Umzug von Jajah von Wien nach Kalifornien?

Daniel Mattes und ich haben Jajah 2005 gegründet. Irgendwie gelang es uns, nach dem Launch sofort eine enorme Blog- und Medienaufmerksamkeit zu generieren. Schnell wurde Jajah als möglicher Skype-Killer bezeichnet. Eines Tages, etwa sechs Monate nach dem Launch, klingelte das Telefon: Jemand von Sequoia Capital war am Hörer und wollte am Folgetag eine Telefonkonferenz mit uns durchführen. Nach dem Gespräch kramte ich mein “Inside Silicon Valley-”Buch hervor und schlug Sequoia nach - erst da erkannte ich, dass es sich um einen der renommiertesten US-Risikokapitalgeber handelte. Am Tag darauf telefonierten Daniel und ich also mit den Sequoia-Partnern, und vier Tage später standen sie bei uns in Wien! Weniger als drei Wochen danach unterzeichneten wir die Verträge über eine Drei-Millionen-Dollar-Beteiligung von Sequoia an Jajah. Ein Teil des Deals war auch, dass wir unsere österreichische Firma schließen und im Valley neu gründen sollten. Das taten wir auch.

Half euch Sequoia bei dem Jajah-Umzug von Österreich nach Kalifornien?

Ja, wir waren die ersten drei Monate direkt in einem Sequoia-Gebäude untergebracht, hatten unsere eigene Sekretärin und wurden pünktlich zum Mittag gefragt, was wir denn Essen wollten. Es war wie zu Hause bei den Eltern.

Jajah ist nicht der erhoffte Skype-Killer geworden. Warum nicht?

Vorweg: Die “Killer”-Bezeichnung hat mir nie gefallen. Wir hatten nicht vor, eine Firma zu “killen”. Es gab einen Kuchen, und davon wollten wir ein Stück haben. Aber davon abgesehen: Jajah hätte deutlich mehr erreichen können als den Verkauf an Telefónica Ende 2009. Gescheitert ist dies daran, dass sich unser Board 2007 gegen umfangreiche Investitionen ins Konsumentengeschäft ausgesprochen hat. Es wären erhebliche Marketingausgaben notwendig gewesen, um Jajah mit aller Macht im Endkundenmarkt bekannt zu machen. Unser Board hat diese jedoch nicht freigegeben. Wir besaßen damals die einmalige Chance, die erste globale Telefoniefirma zu bauen. Denn im Gegensatz zu Skype harmoniert das Jajah-Prinzip mit den Netzanbietern, statt sie ersetzen zu wollen. Man sieht jetzt, wie Telefónica Jajah in das O2-Angebot integriert und damit viel Erfolg hat. Ich bin sicher, dass wir mit einem entsprechenden Marketing-Vorstoß ins Consumer Business eine Milliardenbewertung erzielt hätten.

Das heißt, der Verkauf an Telefónica - der immerhin 207 Millionen Dollar eingebrachte - war für euch kein optimaler Exit?

Er war natürlich für unsere frühen Investoren sowie für Daniel und mich trotzdem eine tolle Sache. Das Geld, das wir einnahmen, kann man im Prinzip nicht ausgeben, wenn man ein normales Leben führt. Aber Jajah hätte noch mehr Durchschlagskraft haben können.

Sollen Jungunternehmer also unbedingt darauf achten, wen sie ins Board holen?

Es gibt da zwei mögliche Antworten: Wenn man wirklich das “nächste große Ding” bauen möchte, muss man das Board mit Personen besetzen, die die gleiche Vision haben. Der alternative Ansatz ist ein eher egoistischer: Wenn ich 30 Prozent an einer Firma besitze und jemand kauft sie für 100 Millionen Euro, dann hat das für mich auch eine Qualität. Denn wer den ganz ambitionierten, die Welt verändern wollenden Weg geht und eine Milliardenbewertung anstrebt, muss einiges opfern. Man nimmt in Kauf, dass ein Teil der eigenen Privatsphäre verloren geht, und man muss fünf, sieben oder noch mehr Jahre wie ein irrer arbeiten, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das Privatleben. Und im Endeffekt bleibt unterm Strich vielleicht gar nicht so viel mehr übrig, weil man meist mehrere Finanzierungsrunden durchlaufen und somit stetig Anteil abgeben muss. Es ist also fast egal, ob man man 20 oder 40 Millionen Euro aus einem Exit mitnimmt, wenn der eine schon nach zwei Jahre geschieht und der andere erst nach acht - mit vielen zusätzlichen Risiken.

Der Verkauf fand Ende 2009 statt, trotzdem hast du bereits Anfang 2009 mit deinem neuen Startup Talenthouse begonnen...

Ja in der Tat habe ich mich 2009 bei Jajah primär auf meine Boardrolle beschränkt und meinen Teil zum Business Development beigetragen, meine Tage aber im Talenthouse-Büro verbracht.

Das klingt, als hattest du deine emotionale Bindung zu Jajah bereits vor dem Verkauf aufgegeben?

Das kann man so ausdrücken. Ehrlich gesagt geschah dies sogar schon im Herbst 2008. Denn im Sommer 2008 hatten wir die Gelegenheit auf einen Wahnsinnsexit, der deutlich größer gewesen wäre als der Telefónica-Deal.

Wer war der Kaufinteressent?

Ein großes Technologieunternehmen im Silicon Valley.

Und warum wurde aus der Übernahme nichts?

Weil unser Board sie ablehnte und der Meinung war, Jajah könnte noch mehr rausholen. Doch dann kam die Finanzkrise und plötzlich saßen wir bei Sequoias mittlerweile berühmt-berüchtigter Krisen-Veranstaltung und mussten uns anhören, dass die Welt untergehen würde und dass wir möglichst schnell Leute entlassen und Break-Even anstreben sollten. Dass die Venture-Capital-Firmen von der Sand Hill Road die Finanzkrise in keiner Weise vorhergesehen haben, ist für mich die größte Überraschung und Enttäuschung meiner Unternehmerzeit. In jedem Fall wusste ich zu diesem Zeitpunkt und angesichts der abgelehnten Akquisition vom Sommer 2008 schon, dass ich mich von Jajah verabschieden und etwas neues machen muss. Der Drang dazu war einfach zu groß. Anfang 2009 gründete ich dann zusammen mit Amos Pizzey Talenthouse.

Worum geht es bei Talenthouse?

Talenthouse ist die nächste Generation von Crowdsourcing. Klassische Crowdsourcing-Plattformen gibt es viele (von 99 Designs bis Crowdspring). Die Idee bei diesen ist, dass Kreativarbeit ins Netz ausgelagert wird und dass jeder User eigene Vorschläge einbringen kann. Auftraggeber starten ein Projekt - zum Beispiel für ein Logo oder T-Shirt-Design - und wählen anschließend aus allen Einsendungen ihren Favoriten. Der Ersteller erhält dann ein Honorar. Der Zweck ist also, dem Auftraggeber eine Auswahl und dem Künstler ein paar 100 Dollar Einkommen zu verschaffen. Talenthouse fügt diesem Ansatz durch eine Verknüpfung mit dem Social Web eine zusätzliche Dimension hinzu: Die Kreativwettbewerbe finden nämlich dank der engen Facebook-Integration vor einer enormen Reichweite statt und verändern somit die Rahmenbedingungen des Crowdsourcing-Geschäftsmodells: Denn so wird ein Kreativwettbewerb aus Brandingperspektive für namhafte Auftraggeber wie Dolce & Gabana, Naomi Cambell oder Adidas interessant, die zwar eigentlich den kreativen Input gar nicht benötigen, aber zu einer Kreativkampagne aufrufen, um Reichweite für ihre Marke zu erzielen.

Das heißt, Talenthouse ist eigentlich eine Werbeplattform für Marken?

Genau - aber die Werbung wird von außen gar nicht als solche wahrgenommen, und es ist ja eigentlich auch keine wirkliche Werbung. Ich nenne es “Crowdsourcing on Stereoids”. Wenn mein Facebook-Freund sich am Talenthouse-Voting für ein neues Schmuckdesign für Debra Shepard beteiligt und dies in meinem Newsfeed erscheint, dann ist dies typisches Word of Mouth. Und weil die Empfehlung von einem meiner Kontakte kommt, achte ich natürlich mehr darauf. Eine TV-Kampagne kann die Kaufbereitschaft bei den Konsumenten um zehn bis 15 Prozent erhöhen. Bei Talenthouse beobachten wir einen Anstieg um bis zu 45 Prozent.

Wie verdient Talenthouse Geld?

Für Künstler ist die Durchführung von Kreativwettbewerbern bei Talenthouse kostenfrei. Unternehmen zahlen hingegen - entweder für eigene Wettbewerbe, oder indem sie als Sponsor für Projekte von Künstlern auftreten. Unser Ziel ist es, jedem Künstler und jeder Band die Möglichkeit eines Sponsorings durch bekannte Marken zu erlauben. Die Vision ist dabei eine Art Self-Service-Buchungsplattform im Stil von Google AdWords, über die Firmen gezielt Projekte finden können, für die sie als Sponsor auftreten wollen, und für die sie sich gegenseitig auch überbieten dürfen. Momentan testen wir dies mit einigen Projekten. In der realen Welt kommt Sponsoring stets mit hohen Transaktionskosten. Bei Talenthouse verschwinden diese.

Hast du ein paar Zahlen zu Talenthouse?

Wir haben momentan etwa 500.000 registrierte Künstler, davon rund 10.000 bis 20.000 aus Deutschland. Talenthouse erreicht mit einer Kampagne bis zu 60 Millionen Menschen auf Facebook, und weitere auf den Websites einzelner, in einen Kreativwettbewerb involvierten Firmen. Knapp 40 Leute arbeiten mittlerweile bei Talenthouse.

Abschließend noch ein Blick auf die aktuelle Situation der Internetwirtschaft: Existiert eine Blase?

Ich denke, es gibt durchaus einen Hype, aber als Blase würde ich diesen nicht bezeichnen. Denn diese wäre mit einem Platzer verbunden, und eine solche Gefahr sehe ich momentan nicht. Besorgter bin ich über die allgemeine Finanzsituation in der Welt, z.B. über die schlechte Haushaltslage in den USA sowie die hohe Verschuldung einiger europäischer Länder. So etwas beeinflusst auch immer den Startup- und Web-Sektor.

In welchen Bereichen der digitalen Welt siehst du in nächster Zeit (abgesehen vom Crowdsourcing) besonderes Entwicklungspotenzial?

Viel wird definitiv rund um mobile Apps geschehen - egal ob native oder browserbasierte. Angry Birds ist erst der Anfang. Es war noch nie so einfach, mit zwei oder drei Personen gemeinsam etwas entwickeln, das eine globale Distribution erreicht. Weiter rechne ich mit einem sich verstärkenden Boom von Social Gaming. Und dann gibt es noch einen dritten Bereich, der demnächst ganz heiß werden könnte: Facebook ist zwar gut darin, Nutzer mit den Leuten zu verbinden, die sie schon kennen, aber ungeeignet dafür, neue Kontakte zu schließen. Diese “Nische” wird sicherlich bald von irgendjemandem belegt werden. Letztlich glaube ich, dass es nicht nur ein “Next Big Thing” sondern viele geben wird.Und genauso wie es für Microsoft bergab geht, wird dies auch für Google eines Tages der Fall sein, und danach für Facebook. Die Zyklen dürften sich beschleunigen.

Kommentare

  • André

    15.06.11 (09:13:02)

    Interessantes Interview. Ein Satz ist mir allerdings ein wenig aufgestoßen: „Dass die Venture-Capital-Firmen von der Sand Hill Road die Finanzkrise in keiner Weise vorhergesehen haben, ist für mich die größte Überraschung und Enttäuschung meiner Unternehmerzeit.“ Sind Venture-Capital-Firmen mit ihrem Selbstverständnis von Wirtschaftswachstum nicht eher Teil des Problems? (Die Frage ist ernst gemeint, vielleicht kann hier jemand Licht ins Dunkel bringen.)

  • Daniel Niklaus

    15.06.11 (19:22:28)

    Wenn Banken 25% Rendite erwirtschaften wollen, die Wirtschaft aber nur um 2-3% wächst, sollte ein Investor schon 1+1 zusammen zählen können.

  • André

    15.06.11 (22:51:54)

    Daniel, ich sehe das eher so: Wenn Banken 25% Rendite erwirtschaften wollen und sehenden Auges in die Krise rennen, warum sollte es da Investoren anders gehen? Schließlich sind deren Renditeerwartungen eher bei denen der Banken anzusiedeln...

  • Daniel Niklaus

    15.06.11 (23:17:18)

    Die Banken wussten ja, dass es nicht aufgeht. Die Frage war nur, wenn erwischt es und wer kommt glimpflich davon. Ihn störte wohl eher, dass die Investoren diese Situation nicht sahen.

  • Stefan Wehmeier

    16.06.11 (00:51:44)

    "Jede weit genug fortgeschrittene Technologie ist von Zauberei nicht zu unterscheiden." Arthur C. Clarke (3. Gesetz der Zukunft) Das gilt auch für die Technologie der Makroökonomie. Ist sie noch fehlerhaft, bedarf es der Religion, um die Fehler aus dem allgemeinen Bewusstsein zu streichen, sowie der Politik, um die sozialen Spannungen abzumildern, die durch die fehlerhafte Makroökonomie entstehen. Die Beendigung der gegenwärtigen "Finanzkrise" setzt die Überwindung der Religion voraus, und nach dem anschließenden, eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation wird die Politik obsolet. "Man bedenke, es handelt sich nur um einen Roman. Die Wahrheit wird - wie stets - weit erstaunlicher sein." (Vorwort zu "2001") Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert: http://www.deweles.de/willkommen.html

  • Michael Dreusicke

    16.06.11 (10:44:13)

    Tolles Interview :)

  • AG

    19.06.11 (11:14:54)

    ein sehr gutes Interview mit einem Interviewpartner der es verdient und reflektiert. Nachdem ich Roman schon kennenlernen durfte, ziehe ich meinen (virtuellen) Hut vor ihm und freue mich über sein neues "Baby" Talenthouse - das es ihm noch viel Freude bringt!

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