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31.10.14Leser-Kommentare

IT-Sicherheitsbericht der Telekom: Abgeordnete fordern den "Aufbau" von europäischen Google-Konkurrenten

Eine Umfrage im Auftrag der Deutschen Telekom zeigt, dass Abgeordnete und Unternehmens-Entscheider in Deutschland mehrheitlich daran glauben, dass sich europäische Alternativen zu Google und Facebook gezielt zentral aufbauen lassen. Es ist dieses Unverständnis für Marktgegebenheiten, das Europa im internationalen Vergleich der Branche so schwach macht.

Cyber Security Report 2014Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Politiker oder Vorstandschef aus Deutschland in irgendeiner Form gegen US-amerikanische Internetfirmen und ihre befürchtet bedrohliche Dominanz in Europa schießt. Oft schwingt in entsprechenden Ausführungen die Sehnsucht nach erfolgreichen europäischen Konkurrenten zu Google, Facebook und Amazon mit. Gäbe es diese, müsste man nicht zusehen, wie stattdessen Giganten aus Amerika hier massive Gewinne erwirtschaften (und wenig versteuern), und man würde sicherstellen, dass die NSA nicht Daten hiesiger Nutzer auf dem Silbertablett serviert bekäme. So in etwa fallen die Gedankengänge aus, die hinter Rufen nach einem “europäischen Google” stecken. 

Grundsätzlich ist die Idee, dass Länder Europas international tonangebende IT- und Internetfirmen hervorbringen, die der US-Hegemonie etwas entgegenstellen, aus wirtschafts- und technologiepolitischer Sicht zweifellos zu begrüßen. Das Problem ist jedoch, dass bei vielen Politikern und Firmenbossen die Vorstellung existiert, dass sich europäische Leuchttürme durch Anordnungen, politische Beschlüsse und bürokratische Prozesse verwirklichen lassen anstatt durch unabhängiges, eigenbestimmtes unternehmerisches Tüfteln und Handeln. Und das, obwohl Europa mit dieser Philosophie in der Vergangenheit sowohl bei dem geplatzten Suchmaschinen-Projekt Quaero als auch beim von Kostenexplosionen begleiteten und Flop-Gefahr bedrohten GPS-Pendant Galileo sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Wie präsent diese Haltung ist, wird bei einem Blick in den gestern von der Deutschen Telekom veröffentlichten “Cyber Security Report 2014” ersichtlich (PDF). Für den Bericht, der als repräsentativ bezeichnet wird, befragte das Institut für Demoskopie Allensbach 109 Abgeordnete und 512 Führungskräfte aus mittleren und großen Unternehmen zu aktuellen Aspekten und Herausforderungen rund um IT-Sicherheit.

Unter anderem äußerten sich die 621 partizipierenden Entscheider zu folgender Frage:

"Sollten sich die Europäer Ihrer Ansicht nach darum bemühen, verstärkt eigene Konkurrenzunternehmen zu Google, Facebook oder Apple aufzubauen, oder halten Sie das nicht für notwendig?". Das Ergebnis ist eindeutig: Von den Abgeordneten halten 78 den “Aufbau von europäischen Konkurrenzunternehmen” für notwendig. Bei den Unternehmern sehen dies 56 Prozent so.

Umfrage

Der Glaube an die Bürokratie statt den Markt

Sowohl die Fragestellung der Meinungsforscher als auch das Ergebnis sind sinnbildlich für die Misere der europäischen Strategie zur Stärkung der IT- und Internetwirtschaft: In Europa fehlt das Verständnis darüber, dass sich eine ernstzunehmende Konkurrenz zu den US-Firmen (oder den gerade im Kommen befindlichen chinesischen Giganten) nicht einfach “aufbauen” lässt. Im internationalen Wettbewerb haben IT-Großprojekt, die durch Bürokratie und Beschlüsse von nicht immer, aber manchmal mit der digitalen Welt komplett fremdelnden, im Kopf noch im analogen Zeitalter lebenden Politikern von Anfang an ganz schlechte Karten. Schon deshalb, weil Programmierer und IT-Spezialisten in den meisten Fällen einen von Flexibilität, Kreativität und Experimentierfreude geprägten Arbeitgeber einer langsam mahlenden Mühlen gleichenden, hierarchischen, mit einer Vielzahl von Verantwortlichen "beglückten" Organisation unter staatlicher Aufsicht vorziehen würden.

Im Prinzip sind die großen Netzkonzerne heute deshalb so mächtig, weil sie jederzeit die Freiheit nehmen konnten, einfach mal relativ kurzfristig von vorgegebenen Denk- und Handlungsmustern abzuweichen. Bei staatlich forcierten Projekten der Größenordnung, über die wir hier sprechen, sind starre Strukturen, träge Entscheidungsprozesse und der Zwang zum Befolgen eines dicken Regelkatalogs systemimmanent.

Falsche Antwort auf falsche Frage

Das Allensbacher Institut hat deshalb im Auftrag der Deutschen Telekom von vorne herein die falsche Frage gestellt. Besser wäre diese gewesen: "Sollte Europa der Verbesserung der Rahmenbedingungen für die IT-Wirtschaft oberste Priorität einräumen und alle im Wege stehenden heiligen Kühe schlachten, um auf diese Weise die Entstehung von Unternehmen zu begünstigen, die es eines Tages mit Google, Facebook oder Apple aufnehmen können?”.

Doch weder bei den Meinungsforschern noch bei den meisten Abgeordneten scheint das Vertrauen in den Markt größer zu sein als das in die europäische Bürokratie. Als Lichtblick ist zu werten, dass immerhin fast die Hälfte der Unternehmer nicht an die Wunschvorstellung eines unter Leitung von Brüssel "aufgebauten" Google-Killers zu glauben scheint. Wobei offen bleibt, ob sie ihre Antwort aus Desinteresse am Thema oder auf Basis sorgfältiger Reflexion gewählt haben.

Erst wenn die europäische Politik begreift, dass wettbwerbsfähige, innovative und Nutzer überzeugende IT-Dienste nicht gedeihen können, wenn der Beamtenapparat seine Finger im Spiel hat, sind die Voraussetzungen für den gewünschten Erfolg gegeben. Die Ergebnisse des Berichts legen den Schluss nahe, dass der Weg zur Erleuchtung noch sehr lang ist. /mw

Kommentare

  • Paul Zernitz

    31.10.14 (08:32:01)

    Dazu empfehlenswert: Wirtschafts- und Verbraucherschutzpolitik im Internet: Ein europäischer "Internet-Airbus" als Gegengewicht zum Silicon Valley? von Paul Zernitz ;). Auf Nachfrage gerne zusendbar.

  • Jürgen Auer

    31.10.14 (12:21:22)

    Mir scheint, daß die Politik noch gar nicht verstanden hat, was da grade läuft. Google als Suchmaschine mit Monopol. Ja, ok. Auch. Aber vielleicht ist Google in Kürze ein Autobauer, der die "großen deutschen Autofirmen" wie Dinosaurier aussehen läßt. Kürzlich in der WiWo: Autonomes Fahren: Google nimmt einfach keine Rücksicht http://www.wiwo.de/technologie/auto/autonomes-fahren-google-nimmt-einfach-keine-ruecksicht/10845862.html Mit drei Hinweisen eines Google-Mitarbeiters: > Google-Mann Redmer lächelt dazu – und stellt drei Dinge fest; erstens: „Unsere Firma gibt es erst seit 17 Jahren. Für viele Antworten, die wir heute geben, hat es vor 20 Jahren noch gar keine Fragen gegeben.“ Zweitens: „Das Fahren von Autos ist ein Informationsproblem. Genau das ist unser Geschäftsfeld.“ > > Drittens: „Autofirmen denken in Modellzyklen von fünf, sechs Jahren. Wir sind eher an neue Versionen pro Quartal gewöhnt.“ Google baut das Auto einfach um die Informationsverarbeitung drumherum. Kann Bremsen, Lenkrad usw. weglassen. Gegenüber der weltweiten Sammlung von Daten und deren weltweiter Bereitstellung (plus Ranking) wirken die "Datenverarbeitungsprobleme bei autonomen Autos" bald wie eine Fingerübung. Unbelastet von Hierarchien, von langsamen Geschäftsprozessen. Von "Fahrspaß" und Markenimage. Wenn dann alle autonome Autos kaufen, weil die günstiger und weitaus sicherer sind: Was wird dann aus den deutschen Autobauern? Aus Wolfsburg?

  • Marco

    31.10.14 (12:33:23)

    So falsch ist die Vorstellung nicht. Die chinesischen und z.T. russischen "Internetgiganten" wurden auch durch den Staat "aufgebaut" indem man einfach die amerikanischen Services verboten/behindert hat. Nicht dass ich das gut fänden würde, ich finde es aber falsch zu sagen es sei nicht möglich.

  • Alexander Stocker

    31.10.14 (13:36:28)

    Relevante Diskussion! Da Produkte immer mehr zu CPS (cyber-physische Systeme) werden nimmt der Software-Anteil in ihnen mehr und mehr zu (u.u). Darum werden viele Produktinnovationen (auch klassische Produkte wie zB Fahrzeuge) künftig durch die Software-Industrie getriggert bzw. vorgenommen. Und die sitzt bis auf wenige Ausnahmen jedenfalls nicht in der EU. LG Alexander P.S: Wer sich dafür interessiert: Habe auf meinem Blog eine Zeitschrift dazu verlinkt: http://www.alexanderstocker.at/2014/10/industrie-40-und-smart-factory-im-e.html

  • Patrick Stähler

    31.10.14 (14:51:49)

    Vielleicht sollte man die Entscheidungsträger mal daran erinnern, dass sie schon mal Millionen im Nichts versenkt haben, als sie Google & Co. nachbauen wollten. Wer kennt noch Theseus? Wer kennt noch Quaero? Eben, keiner. Aber das waren mal wieder so Ideen, für die Millionen Steuergelder vergeben wurden. Ich durfte als Gutachter mal in die Projekte schauen. Wahrscheinlich war ich zu dumm, aber ich habe die Usecase nicht verstanden, wofür die tollen Techniken eingesetzt werden sollten. Nachher wurde ich nie wieder eingeladen, um meine Meinung zu sagen. Tja, so funktioniert das System. Schade.

  • Martin Weigert

    31.10.14 (15:03:05)

    Ich würde eher sagen, dass der Stadt hier mit besonderem Nachdruck den existierenden Unternehmern Schützenhilfe geleistet hat. Aber derartige Maßnahmen kommen für Europa ja ohnehin nicht in Frage.

  • Martin Weigert

    31.10.14 (15:09:04)

    "Vielleicht sollte man die Entscheidungsträger mal daran erinnern, dass sie schon mal Millionen im Nichts versenkt haben" Deshalb steht das auch im Artikel ;)

  • Carsten Pötter

    31.10.14 (16:11:56)

    "Das Allensbacher Institut hat deshalb von vorne herein die falsche Frage gestellt." Das Allensbacher Institut hat die Frage gestellt, die der Auftraggeber Deutsche Telekom vorgegeben hat. Und Du darfst davon ausgehen, dass die Frage bewusst so und nicht anders gestellt wurde. Die Deutsche Telekom möchte nichts weiter, als neues Geld aus der Staatskasse erhalten. Und deshalb sind sowohl Frage als auch Antworten in ihrem Interesse.

  • Martin Weigert

    31.10.14 (16:50:43)

    Dem ist sicher so. Aber da nunmal Allensbach und nicht die Telekom die Umfrage durchgeführt hat, ist die Aussage trotzdem nicht falsch. Zudem lässt sich ohne Einblick in die Dokumente zur Auftragsvergabe nicht hundertprozentig festhalten, inwieweit die Fragen im Wortlaut vorgegeben wurden, und inwieweit das beauftragte Meinungsinstitut aus eigener Erfahrung und Berufsethik heraus Einfluss auf Fragestellungen nimmt/nehmen kann. Grundsätzlich ist das von dir angeführte Motiv der Telekom aber sicherlich ziemlich wahrscheinlich. Ich füge dem von dir angemerkten Satz noch ein "im Auftrag der Telekom" ein.

  • wurmli

    01.11.14 (03:39:57)

    Google wird die Autohersteller gegeneinander ausspielen, so wie sie es mit Smartphoneherstellern machen. Und dann gibt's noch ProjectCARa aka localmotors. In allen Fällen zum eigenen und, das hat Google raus, großen Vorteil der Kunden.

  • wurmli

    01.11.14 (03:45:24)

    Danke, Innovationen lassen sich nicht verordnen. Und ohne Innovationen wird wohl jemand Google und Facebook Marktanteile abnehmen können. Diese Politiker sind etatistischer, als die chinesischen Kommunisten in den entwickelten Gebieten (Shanghai, Peking, etc.)... Mir macht das langsam richtiggehend Sorgen, dahinter steckt eine Staatsvergötzung, die irgendwann wirklich unangenehm werden könnte.

  • Christian

    01.11.14 (13:01:58)

    Die Frage, ob der "Aufbau" europäischer Alternativen zu den amerikanischen Konzernen sinnvoll ist oder nicht, halte ich für durchaus legitim. Würde eine große Mehrheit der Befragten, ob Unternehmer oder Parlamentarier, von vornherein wenig davon halten, dann könnte sich eine weitere Debatte erübrigen und es könnten künftig noch mehr Daten in den USA gebündelt werden. Wenn aber (unterschiedlich große) Mehrheiten der Ansicht sind, dass dies sinnvoll wäre, dann heißt das nicht automatisch, dass sich alle über einen Weg dorthin einig sind. Zumal da neue "europäische" Projekte politisch ohnehin kaum noch möglich wären. Es bleibt also allenfalls der u.U. diffuse Wunsch in der Wirtschaft und der Politik, an den derzeitigen Strukturen etwas zu ändern. :) Ganz nebenbei: Die von manchen so hoch gepriesene Staatsferne von GoogeAppleFacebookAmazon hat bekanntlich sehr enge Grenzen. Wenn es darum geht, die lästige Zahlung von Steuern zu vermeiden, lässt man sich ja gern vom Staat (bzw. diversen Regierungen) unter die Arme greifen. Nur ist (und da stimme ich Martin Weigert zu) der Ansatz, mit hohem bürokratischen Aufwand einen europäischen Berg aufzuschütten, ihn dann kreißen und eine Maus gebären zu lassen, sicherlich der falsche Weg.

  • A. Rebentisch

    05.11.14 (11:12:37)

    Die Problematik ist, dass die europäische Offenmarktstrategie "gescheitert" ist während China, Russland u.a. sehr erfolgreich agiert haben. Die europäischen Ansätze charakterisierte handelspolitische Zurückhaltung und schwache Ordnungspolitik. Quero war vom Anfang an als Flop geplant. In den letzten Monaten treten Fragen der nationalen Sicherheit stärker ins Bewusstsein, und da werden die Datenberge vorschnell aber in der Sache durchaus richtig als Bedrohung erkannt.

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