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13.07.06Kommentieren

Ist das Internet wirklich langweilig geworden?

Ein provokativer Beitrag von Mark Cuban: "The Internet is old news and boring. Deal with it." Cuban, muss man dazu wissen, ist einer der ganz wenigen echten Dot-Com-Milliardäre, seit er zum Höhepunkt der Internet-Bubble seine Streaming-Firma Broadcast.com an Yahoo verkauft hat. Seither kümmert er sich primär um sein persönliches Basketballteam, die Dallas Mavericks -- mit beachtlichem Erfolg. Ausserdem ist Cuban einer der innovativsten Blogger zu Technologiethemen und investiert in diverse Startups. Der Mann weiss also durchaus, wovon er redet.




Cuban schreibt:


The biggest compliment I can pay to the net and to all those pioneers who got it to this point is that its boring. It works. It’s not perfect, but it works and has absolutely become a utility. [..] We havent seen anything new for the net itself for years.


Auch webbasierte Applikationen sieht Cuban nicht als besonders erwähnenswerte Innovation (gab es so ähnlich schon in Dialup-Zeiten), ganz zu schweigen von Blogging (ist im Prinzip das gleiche wie persönliche Homepages vor zehn Jahren). Am Netz selbst hat sich seit fast zehn Jahren wenig geändert.

Die einzig wirklichen Fortschrittstreiber sind die dramatisch gefallenenen Kosten für Speicher, Bandbreite und Computerleistung.




Klar, als jemand, der sich schon lange mit dem Netz beschäftigt, gerät man gern mal in nostalgisches Schwärmen über die guten alten Zeiten ca. 1994, als noch wirklich spannende Dinge passiert sind. Da erschien noch alle zwei Wochen eine komplett neue Browserversion mit so bahnbrechenden Innovationen wie dem <BLINK>-Tag. Gelegentlich wurde die ganze Szene komplett durcheinandergeschüttelt, zum Beispiel mit der Push-Technologie von Pointcast (die im Prinzip schon damals das gleiche gemacht hat, was die jungen Leute heute unter dem Namen "RSS" so toll finden).




Ist das Internet also wirklich langweilig geworden? Passiert denn gar nichts Neues mehr?




Sagen wir mal so, aus eigener Erfahrung weiss ich: Das sicherste Zeichen dafür, dass gerade etwas wirklich Interessantes passiert, ist die Tatsache, dass alle "alten Hasen" behaupten, dass es ja gar nichts Neues mehr gibt. Das war schon 1992/93 so, als mir all die erfahrenen Informatiker erzählten, dass diese neumodischen Webbrowser ja wohl überhaupt nichts Besonderes seien. Erstens gab es Hypertext-Anwendungen sowie das Internet schon lange, und praktisch die gleichen Dinge konnte man schon ewig per Telnet erledigen. Wozu also die ganze Aufregung, nur weil das ganze in Mosaic etwas bunter aussah?




Und vordergründig ist das auch heute beim Internet so ähnlich: AJAX ist technisch gesehen eigentlich ein alter Hut bzw. noch nicht reif für die Masse. Die Breitband-Verbreitung kommt voran, aber langsam. Das mobile Internet will und will nicht so recht abheben. Und wie man mit dem ganzen Web-2.0-Zeug Geld verdienen soll, weiss auch noch niemand.




Aber darum zu behaupten, dass das Internet als Gesamtphänomen langweilig sei, ist ein bisschen, als wenn man den Finanzmarkt als langweilig empfinden würde, weil schon längere Zeit keine neuen Währungen auf den Markt gekommen sind. Es ist bei jeder technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung normal, dass sich die unteren Schichten des Systems irgendwann stabilisieren und die Innovation sich auf eine neue Ebene bewegt.




Wie Cuban auch richtigerweise schreibt: "Its not the net, its the applications stupid!" Genau. Und da passieren ein paar sehr unlangweilige Dinge. Um nur einige aufzuzählen:



  • Myspace.com überholte soeben Yahoo als meistbesuchte Website der Welt, und für diese Leistung hat man nur gerade zwei Jahre gebraucht.
  • Youtube erreicht inzwischen mehr Jugendliche als MTV
  • Blogging ist nicht nur längst ein Massenphänomen geworden, sondern hat sich zu einem massgeblichen Sprachrohr entwickelt, wie dieser Tage auch ein bekannter Schweizer Nahrungsmittelkonzern erleben muss.


Nun ist dieses neue Spielfeld der Innovation leider sehr viel weniger gut greifbar als die Basistechnologie, die die erste Internet-Welle geprägt hat. Damals konnte man vor allem Geld verdienen, wenn man Router, Server oder E-Shop-Software verkaufte. Das sind inzwischen alles Commodity-Branchen mit sehr dünnen Margen geworden. Die meisten Probleme sind in diesen Bereichen hinreichend gut gelöst, bahnbrechende Innovationen sind gar nicht mehr nötig.






Damit muss man aber auch akzeptieren, dass die "Basisplattform Internet" relativ statisch geworden ist. An der Art und Weise, wie wir im Web surfen, wird sich lange Zeit nicht mehr fundamental etwas ändern. Vergleichbar ist das z.B. mit dem Windows-PC: Das User-Erlebnis heute unterscheidet sich nicht wesentlich von einer Windows-95-Maschine. Klar, alles ist etwas schneller geworden, und ein paar Anwendungen mehr sind zu vertretbaren Kosten möglich, aber im Kern ist der PC seit zehn Jahren eine fast unveränderte Plattform. Neue Formen wie der Tablet-PC haben es angesichts der riesigen installierten Basis sehr schwer, sich zu entwickeln und durchzusetzen. Und mit dem Internet wird es wohl ähnlich aussehen, bis etwas fundamental Besseres daherkommt.




Insofern liegt Cuban richtig: Das Basis-Internet ist langweilig, und das sollte es auch sein. Aber was darüber passiert, aud der Applikationsebene, unter Nutzung dieser stabilen Infrastruktur, das ist weiterhin hochspannend.

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