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24.07.14Leser-Kommentare

Israel-Gaza-Konflikt im Netz: Heute schon unbeherrscht und auf niedrigstem Niveau gestritten?

Der Israel-Gaza-Konflikt polarisiert die Kommentarspalten im Netz. Speziell dann, wenn unter Pseudonym diskutiert wird. Wieso verspüren erwachsene Menschen den Drang, richtig die Sau rauslassen zu müssen, wenn niemand sie erkennt?

Dem Konflikt zwischen Israel und Palestina kann niemand entkommen, der Zeit in sozialen Medien verbringt. Seit dem Aufflammen der Gewalt fällt es vielen Menschen schwer, ihre Empörung und ihre Parteinahme für die eine oder andere Seite für sich zu behalten. Hitzige Debatten sind die Folge; bei Twitter, Facebook und in den Kommentarspalten von Nachrichtenangeboten und Blogs.

Besonders leicht aus dem Ruder geraten die Diskussionen dort, wo Meinungsäußerungen unter frei wählbaren Pseudonymen veröffentlich werden, also nicht unmittelbar einer speziellen Person zuzuordnen sind. Das Thema polarisiert dermaßen, dass der Wille, die Contenance zu behalten, mitunter bei der ersten gefühlten Provokation aufgegeben wird. Sofern er überhaupt vorhanden war. Beim Onlineportal YourMiddleEast berichten die Verantwortlichen zweier französischer Dienstleistungsunternehmen, die für verschiedene führende Medienangebote des Landes die Kommentarmoderation übernehmen, von ihren Eindrücken. Bis zu 30.000 Kommentare könne ein reichweitenstarker Text zu Israel auslösen. Allerdings seien nur fünf bis zehn Prozent der Beiträge gesittet und konstruktiv genug für die Freischaltung - deutlich weniger als die 60 bis 75 Prozent, die es sonst durch den Filter schaffen. Eine Herausforderung seien nicht nur Artikel zu den Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Auch bei Texten zu ganz anderen Meldungen dauere es nicht lange, bis irgendjemand in einem Kommentar Israel oder Gaza erwähnt. Mit den tyischen Folgen.

Das immense Aufkommen an hasserfüllten, rassistischen, zur Gewalt aufrufenden und hitzigen Äußerungen zur Situation im Nahen Osten, das sie derzeit über das Netz ergießt, wirft bei mir zwei Fragen auf:

1. Wieso können es erwachsene Menschen nicht lassen, respektlose, verletzende, wutgeladene und feindselige Kommentare abzusondern, sobald sie das Gefühl haben, dafür nicht mit ihrem Namen einstehen zu müssen?

2. Welche Personen, die ich eigentlich sehr schätze und mit denen ich etwa bei Facebook oder Twitter vernetzt bin, schlüpfen wohl gelegentlich in eine andere, weniger beherrschte Rolle, und lassen unter erfundenem Namen irgendwo im Web mal richtig die Sau raus?

Die Antwort auf die zweite Frage möchte ich vermutlich gar nicht wissen. Auch wenn mich schon manchmal die Neugier packt. Durchaus auch dazu, wer hinter den glücklicherweise seltenen Troll-Kommentaren steckt, die ab und an unter Artikeln bei uns auftauchen. Denn auch wenn man es manchmal kaum glauben mag: Irgendwo saß ja tatsächlich jemand aus Fleisch und Blut und hat diese Zeilen getippt. Jemand, der oder die bei einem plötzlichen Gegenüberstehen wahrscheinlich ganz nett und höflich wirken würde.

Es gibt gute Gründe, Optionen zum quasi-anonymen Kommentieren und Publizieren im Netz nicht abzuschaffen - nicht zuletzt den Erhalt der Demokratie und Meinungsfreiheit in Zeiten zunehmender staatlicher Überwachung und Beschneidung von Grundrechten. Wer aber diese Freiheit dazu missbraucht, "virtuell maskiert" mit üblen Kommentaren eine kurze Pause vom zivilisierten Miteinander zu nehmen, der vergiftet das gesellschaftliche Klima und beschädigt letztlich die Demokratie, die dieses Recht erst möglich macht. /mw

Illustration: People on strike; Shutterstock

Kommentare

  • golda meir

    24.07.14 (18:07:56)

    spontan mag man wohl dieser argumentation folgen. es ist ein grundsätzliches problem des menschen, dass er die reihenfolge "erst denken, dann reden, dann handeln" häufig nicht einhält. aber wer bestimmt, welche worte noch ok sind und welche nicht? und wer ist ein troll? der der sagt, was ich nicht erwartet habe? oder der, dier eine meinung hat, die ich als nicht mehr akzeptable abweichung von meiner respektiere? der freiheitliche gedanke, dass die meinungsäusserung eben gerade nicht eingeschränkt wird, ist zwar in deutschland nicht so weitreichend umgesetzt, wie teilweise in anderen ländern (bspw. durch den tatbestand der "beleidigung"), aber er ist ein hohes gut. die erfahrungen in ländern mit langer freiheitlicher tradition zeigen, dass es ein heilmittel gibt: fundierte argumentation der besonnenen statt schweigen, ächtung oder verbot.

  • masten sonnensegel

    24.07.14 (19:43:42)

    Die Frage mit dem "was ist OK, was nicht?" gibt es doch schon seit der "Einführung" des Web 2.0. Und ich stehe dem immernoch genau so gegenüber, wie vorher. Wer virtuelle Schlammschlachten austrägt, sollte auch das Rückrad haben, sich von seiner nichtanonymen Seite zu zeigen.

  • Martin Weigert

    24.07.14 (20:35:46)

    Letztlich ist es doch ganz einfach: Man sollte sich so verhalten, wie man es auch bei einem Meinungsaustausch von Angesicht zu Angesicht machen würde. Dort haben sich ja über die Jahrhunderte recht klare Verhaltensregeln herausgebildet, und die Frage, "wer bestimmt, welche Worte ok sind und welche nicht" wird im Prinzip nicht gestellt. Weil ein Konsens existiert. Es ging mir in dem Text übrigens nicht um die Einschränkung von Meinungsäußerung sondern darum, wie die Meinung geäußert wird.

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