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05.11.14Leser-Kommentare

Irreführende Presseberichte: Was die Nutzerzahlen von SoundCloud wirklich bedeuten

Die Presse berichtet über die Einigung zwischen SoundCloud und Warner Music. Bei der Angabe der aktuellen Nutzerzahlen des Berliner Musikdienstes verzichten selbst namhafte Angebote wie das Wall Street Journal auf die gebotene Sorgfalt.

SoundCloud

Nachdem jüngste Meldungen rund um die Berliner Audioplattform SoundCloud wenig optimistisch klangen - neben weiteren Verlusten war gar die Rede von einem Abbruch der Verhandlungen zwischen dem Startup und den Musiklabels - scheint man in den Büros des Unternehmens aufatmen zu können: Laut einem Bericht des Wall Street Journal hat sich die sieben Jahre alte Firma aus der deutschen Hauptstadt mit Warner Music und damit mit einem der drei Major Labels einigen können. Entsprechende Verträge wurden notwendig, da der Dienst sich endlich ans Geldverdienen machen möchte, was ihn zum Verlassen des bisherigen rechtlichen Graubereichs zwingt.

Auffällig ist, dass im Zuge der Berichterstattung des Wall Street Journal sowie diverser anderer namhafter Tech-Publikationen, die die Nachricht aufgreifen, sehr ungenau mit Angaben zu SoundCloud-Nutzerzahlen umgegangen wird, was sachlich falsche Vergleiche mit Konkurrenzangeboten nach sich zieht.

So schreibt das Wall Street Journal:

Currently SoundCloud is free for listeners, about 175 million of whom visit the site each month. Internet radio company Pandora Media Inc., by comparison, has nearly 80 million active monthly users, while on-demand music service Spotify AB has 40 million, about 10 million of whom pay for $10-a-month subscriptions.

Bei Cnet heißt es:

SoundCloud, which lets anyone upload and listen to audio files, has 175 million unique listeners a month and hit its 250 millionth user milestone late last year. By comparison, US-based Pandora -- the Internet's biggest online radio service -- had 76.5 million active listeners at the end of September and also has more than 250 million registered users.

Businessweek wiederum schreibt:

SoundCloud’s 175 million users dwarf Pandora’s 76 million and Spotify’s 40 million. But unlike those digital music rivals, SoundCloud had done practically nothing to turn those legions of users into a real business. Now that’s starting to change with its first-ever major label deal, announced on Tuesday, with Warner Music Group.

Nüchtern ist festzustellen: Alle Paragraphen sind sachlich falsch, und ein Preis für besondere Schludrigkeit geht an Cnet.

SoundCloud selbst scheint für die Verbreitung falscher Tatsachen nicht verantwortlich gemacht werden zu können: Unsere Bitte per E-Mail, die offiziell kommunizierten Metriken zu konkretisieren und zu erläutern, wurde umgehend mit den angefragten Informationen beantwortet:

  • 350 Millionen eindeutige Nutzer kommen jeden Monat mit bei SoundCloud gehosteten Audiodateien in Kontakt - über SoundCloud.com, die mobilen SoundCloud-Apps, von der API Gebrauch machenden Drittanbieter-Anwendungen sowie in externe Websites und Blogs eingebettete Widgets.

  • Von diesen 350 Millionen hört die Hälfte - 175 Millionen - über die beschriebenen Wege mindestens eine bei SoundCloud gespeicherte Audiodatei pro Monat. Ein SoundCloud-Konto benötigen sie dazu nicht.

  • Jede Minute laden “Creators” (Musiker, DJs, Labels, Privatmenschen) 12 Stunden neuen Content bei SoundCloud hoch.

Zur Zahl registrierter Anwender schweigt sich SoundCloud aus. Vor gut einem Jahr war in einem Artikel bei USA Today von 40 Millionen die Rede.

Die von den oben aufgeführten Publikationen gemachten Vergleiche sind deshalb irreführend. Pandoras 77 Millionen aktive Hörer sind Personen, die gezielt Pandora ansteuern, um dort Musik zu hören. Dieser Wert ist ebensowenig mit den von SoundCloud genannten Metriken zu vergleichen wie die Gesamtzahl der registrierten Pandora-Mitglieder. Bei Spotifys 40 Millionen aktiven Nutzern handelt es sich um Personen, die ein Spotify-Konto besitzen und Spotifys Web-, Desktop- oder Smartphone-App bzw. eine der kompatiblen 3rd-Party-Apps aufrufen, um Musik zu hören. Diese Statistik der Zahl der User gegenüberzustellen, die irgendwo im Netz mal einen SoundCloud-Track abspielen, ist Quatsch.

Aus Sicht von SoundCloud ergibt die gewählte Kommunikationsstrategie Sinn, denn das Portal sah sich bislang auf den Pfaden von YouTube wandeln, das ähnlich verfährt und den Fokus auf die Angabe der “Views” legt. Von den Redakteuren der erwähnten Nachrichten-Sites hätte man aber erwarten können, dass sie diesen Unterschied berücksichtigen. Bei SoundCloud nachgefragt hat offensichtlich keiner. /mw

Kommentare

  • mark

    05.11.14 (11:19:11)

    Laut der deutschen Wikipedia sitzt soundcloud in London und hat lediglich eine Zweigniederlassung in deutschland.

  • Struppi

    05.11.14 (12:37:46)

    Soundcloud läßt sich ohne Account nutzen, im gegensatz dazu sind spotify und das andere für mich nicht existent, da ich keinen Account habe. Insofern macht es doch Sinn bei soundcloud die "Views" mit den Usern bei den anderen zu vergleichen oder zumindest in Relation zu setzen. Beides sind die "Hörer" des jeweiligen Anbieters.

  • eofjoewjf

    05.11.14 (14:19:35)

    "Zur Zahl registrierter Anwender schweigt sich SoundCloud aus." und auch wieviele leute sich die lieder KOMPLETT anhören :)

  • Martin Weigert

    05.11.14 (18:22:44)

    Stell dir vor ich hätte oben im Artikel ein SoundCloud-Widget mit einer Audio-Zusammenfassung des Artikels eingebunden. Du und 99 andere Leser hören das Ding kurz an. 90 von euch haben kein Konto bei SoundCloud und kommen mit dem Dienst so gut wie nie in Kontakt. Diese 100 Leute lassen sich nicht mit 100 Personen vergleichen, die gezielt Pandora ansteuern, oder die ein Konto bei Spotify besitzen. Denn die Bindung und der Customer Lifetime Value sind komplett unterschiedlich.

  • Struppi

    06.11.14 (09:19:42)

    Das ist schon klar. Aber das ist so wie die Auflagen von Zeitschriften, die werden auch miteinander verglichen egal ob du dafür 6 Euro am Kiosk bezahlst oder sie jede Woche kostenlos im Hausflur liegt. Und danach richten sich die Anzeigenpreise, am teuersten ist die ADAC Motorwelt und die ist kostenlos und landet bei den meisten ungelesen im Altpapier. Es bleiben einfach Kennzahlen und um die Größenordnungen zu vergleichen ist es auch die einzige Möglichkeit, da die Konzepte ja nicht 1:1 vergleichbar sind. Aber ich halte es für seltsam, da von "falschen Tatsachen" zu sprechen. Die Tatsachen stimmen ja und ob diese Tatsachen Qualitätiv unterschiedlich zu bewerten sind, ist Aufgabe von Statistikern oder Wirtschaftsfachleuten. Aber z.b. für Künstler und deren Vermarkter sind die Zahlen durchaus vergleichbar. Ob ein Dienst 50, 70 oder 170 Millionen Benutzer hat sind Unterschiede die eine Aussage haben, wenn es um die Reichweite geht.

  • Martin Weigert

    06.11.14 (13:38:26)

    Es scheint, als finden wir hier keinen gemeinsamen Nennern. Der Vergleich mit der Auflage ist nicht schlecht. Das "Problem" ist, dass Auflage eine seit Jahrzehnten etablierte Metrik ist, bei der jeder Mensch genau versteht, worum es geht. Und wer irgendwo liest, dass die Apotheken Umschau eine Auflage von XYZ hat, ein bekanntes 10-Euro-Magazin aber nur eine Auflage von deutlich weniger, der versteht - ohne dass es ausgesprochen wurde - dass die tatsächliche Vergleichbarkeit gering ist. Bei interaktiven Webdiensten außerhalb der deutschen Agof- und IVW-Messung ist es aber üblich, dass die Services ihre Zahlen entweder gar nicht bekannt geben, oder sogenannte "Vanity Metrics" kommunizieren - nett klingende Zahlen zu "registrierten Nutzern" oder prozentualen Anstiegen, die maximal als PR-Waffe taugen, aber sehr wenig über den tatsächlichen Erfolg aussagen. Gleichzeitig sind Geschäftsmodelle mehrschichtig und sehr unterschiedlich. Weil das so ist, und weil aus Sicht der Nutzer die standardisierte aussagekräftige Metrik, die sie intuitiv einordnen und vergleichen können, fehlt, ist es hier meines Erachtens nach nicht gegeben, unkommentiert Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Denn es provoziert Missverständnisse und Unklarheiten. Aufgabe von Journalismus sollte es aber sein, Menschen aufzuklären und zu informieren, nicht Unklarheiten zu schaffen.

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