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27.09.08

iPhone vs. Android: Apple bleibt auf halber Strecke stehen

Während das erste mit Android laufende Mobiltelefon in den USA auf den Markt kommt, sperrt Apple weiterhin nützliche Applikationen für das iPhone. Ein Lehrstück im Plattform-Aufbau.

Ich hatte bereits letzte Woche zur Verbannung der Applikation Podcaster geschrieben :

"Wenn Apple so weiter macht, sind die Tage für die iPhone-Plattform zwar immer noch reichlich, aber doch gezählt. Wenn Apple Applikationen ablehnt, nachdem sie teuer entwickelt wurden, weil sie mit eigenen Apple-Produkten konkurrieren, geht das Vertrauen in die iPhone-Plattform stückweise bei den Entwicklern verloren."

Podcaster war kein Einzelfall, das war bekannt. Diese Woche wurde Mailwranlger vom AppStore verbannt. Wieder ein Programm, das etwas ermöglichte, dass anderweitig nicht möglich war - Einloggen in mehrere GMail-Accounts gleichzeitig -, und von Apple mit der Begründung abgelehnt wurde, die Applikation 'dupliziere die Funktionalität des in das iPhone eingebauten Mail-Programms'. Auch hier wieder: Die Applikation bot wie 'Podcaster' eine zusätzliche, nützliche Funktion und wurde dennoch abgelehnt.

Interessant ist dieses Verhalten vor allem im Zusammenhang mit dem diese Woche ersten in den USA veröffentlichten Mobiltelefon, das mit Googles Android läuft: Das HTC G1 .

Relative Hässlichkeit dieses Telefons hin oder her, Gizmodo hat es auf den Punkt gebracht :

Vergiss die Hardware. Der Code ist, was zählt.

Das gilt noch mehr für Android, als für das iPhone, das durch den Appstore einen Schub an neuen Funktionen gewonnen hat.

Don Dahlmann schrieb auf unserem Schwesterblog neuerdings.com Ende August :

Google hat sich entschlossen, die zukünftigen Applikationen für das Betriebssystem unter dem Namen “Android Market” vorzustellen. Laut eigener Aussage hat man sich für den Begriff “Markt” entschieden, weil dies ein freieres Umfeld signalisieren würde, als das Wort “Store”.

Google weiß sehr wohl, was man hier macht. Der Code, die Software ist wichtiger als die Hardware. Das iPhone ist hardwaretechnisch dem G1 sicher in einigen Punkten überlegen, aber das wird es nicht bei all den anderen Mobiltelefonen sein, die mit Android im Lauf der nächsten Jahre ausgestattet werden.

Google setzt bewusst auf Offenheit, weil man dort weiß, dass so über lange Zeit die besten Ergebnisse sich am Markt durchsetzen. Apples Ansatz dagegen ist, Applikationen mit ähnlichen Funktionen der 'Übersicht' wegen oder aus anderen Gründen nicht zuzulassen. Das heißt, in den Appstore schaffen es die ersten Applikationen und/oder die, die von Apple selbst gestellt wurden. Das sind nicht zwangsläufig die bestmöglichen Applikationen.

Das Interessante dabei: Der AppStore selbst ist bereits ein Beweis dafür, das Apple falsch an die Sache herangeht. Oder warum überhaupt Drittanbieter auf das iPhone lassen, wenn man alles selbst am besten kann und von allem nur eine Applikation benötigt wird?

Märkte

Wenn ich immer wieder darauf hinweise, dass Märkte effizient sind, dann meine ich das nicht im friedmanschen Sinne. Ich vertraue nicht blind auf freie Märkte und bin nicht gegen jegliche Regulierung. Sie benötigen (schwierig: die richtigen) Rahmenbedingungen, um zu funktionieren. Aber genau darum geht es hier: Rahmenbedingungen. Und darum, dass Märkte beziehungsweise marktähnliche Systeme mit den richtigen Rahmenbedingungen einen besseren Selektionsprozess zur Folge haben, als es eine Hierarchie (hier Apple) jemals erreichen kann. Und das gilt nicht nur für den Herstellungsprozess sondern auch für die Filterfunktion.

Apple ist in zwei Punkten so gut, dass sie in diesen in ihrer eigenen Liga spielen: Userinterface-Design und Marketing. Was sie nicht begreifen, und was ihnen das Genick brechen könnte, sind die Gesetze des Netzes. Vielleicht kommt dieser blinde Fleck vom enormen Erfolg des iTunes/iPod-Gespanns.

Apple scheint der Meinung zu sein, dass man mit iPod/iTunes mit der Aus-einer-Hand-Politik sehr gut gefahren ist, und das mit dem iPhone und den Applikationen wiederholen kann. Das Problem: Apple hat bei iTunes nicht gesagt: "Wir haben schon ein Jazz-Album, wir brauchen kein weiteres auf iTunes". Genau diese Willkür bei den Produkten will man jetzt  beim AppStore durchsetzen.

Wenn Apple mit dem AppStore und dem iPhone eine Plattform, auf der ein Markt existiert, aufbauen will (Ich nannte diese Plattformen "Zentren"), muss Apple Konkurrenz und Wettbewerb auf diesem zulassen. Wenn Apple das nicht will, ist der AppStore weder Fisch noch Fleisch. Und Android wird als die Plattform, die die Möglichkeiten der weltweiten Entwicklergemeinde besser anzapfen kann, immensen Erfolg haben und diesen langfristig auch dem iPhone in seinem Segment abgraben können. Dafür benötigt es lediglich eine vernünftige Auswahl an Mobiltelefonen, die es mit dem iPhone hardwaretechnisch aufnehmen können.

Fehlendes Vertrauen und das Ergebnis

Wäre ich Entwickler und ich würde für das iPhone eine Applikation entwickeln, die mehr macht als eine Taschenlampe zu ersetzen, würde ich langsam nervös werden. Ich schrieb es bereits letzte Woche :

Es sind die Entwickler, die eine Plattform erst zu einem Ökosystem machen.

Apple zeigt kein Verhalten, das dem Rechnung tragen würde.

Man weiß erst, ob die Applikation zugelassen wird, wenn sie fertig entwickelt Apple vorliegt. Und dass man im Vorfeld nicht wirklich sicher sein kann, ob die Funktionsweise einer Applikation gegen Apples Bestimmungen verstösst oder nicht, verschlimmert die Lage noch. Dafür sind Apples Bestimmungen nämlich schwammig genug, wie Ryan Block auf engadget ausführlich darlegt .

Block fasst das Ergebnis zusammen:

Rechner, To-Do-Listen, Wörterbücher, Taschenlampen, davon gibt es Hunderte - aber nicht eine einzige Applikation, die sich mit meinem Google Calendar synct, oder hilft, meine mehreren GMail Accounts zu managen, oder die mich Podcasts - der am häufigsten geupdatete Content auf meinem Gerät - on the go empfangen lässt.

Tatsächlich sind diese Applikationen, neben anderen, geblockt oder abgelehnt wurden.

Tatsächlich, so Block weiter, gibt es auch Applikationen im AppStore, die bereits abgedeckte Funktionalitäten anbieten. Warum wurden diese durchgelassen, und andere nicht?

Block kommt zum Schluss: Es geht nicht nur darum, sich an die von Apple aufgestellten Regeln zu halten. Ob es die App in den Store schafft, hängt auch von Glück ab. Je nach dem welche Laune und Ansichten der zugeteilte Begutachter bei Apple just bei Eingang der Applikation hat, kommt man rein oder eben nicht. Diese Unsicherheit wird das Vertrauen nicht gerade steigern.

Das ist kurz und knapp eine ziemlich hässliche Situation.

Blogs und die globale Konversation

Man könnte jetzt fragen, warum das denn so hässlich ist? Die erste Version des iPhones kam ganz ohne AppStore aus. Da ist man jetzt ja bereits weiter. Nun, Android am Horizont zeigt den Leuten, die es interessiert, bereits jetzt, was auch mit dem iPhone möglich wäre, wenn Apple denn wöllte.

Vielleicht wäre das alles noch vor zehn Jahren auch ökonomisch egal gewesen. Kaum ein Kunde hätte je von den vorenthaltenen Möglichkeiten erfahren und sich somit auch keine Gedanken darüber machen können. Aber im Zeitalter der Blogs und anderer digitaler Publikationsformen hat die Konversation auch von Apple-Konsumenten eine neue Dimension erreicht. Die Leute, die es interessiert, die erfahren auch davon. Und das ist langfristig ein Problem für Apple, wenn man nicht umschwenkt. Denn eine Plattform mit zweitklassischem Angebot als Ergebnis dieses Verhaltens wird unzufriedene Kunden erzeugen. Heute schneller denn jemals zuvor.

Man mag seine Datenschutz-Bedenken gegenüber Google haben, aber Google ist nicht so erfolgreich, weil es Daten hortet, sondern weil Google das erste (große) Unternehmen ist, dass das Netz wirklich verstanden hat. Android ist eine mobile Plattform für das Netz. Und es ist genau deswegen so offen wie möglich.

Google ist nicht Microsoft. Google ist auch nicht Nokia. Das wird man in Cupertino noch merken.

Übrigens, der Entwickler der Podcaster-Applikation? Der will künftig für Android entwickeln .

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