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05.11.09

iPhone-Besitzer müssen zahlen: Springers digitaler Amoklauf

Der Axel Springer Verlag will mit dem Start der kostenpflichtigen iPhone-Applikationen von Bild und Welt Online den browserbasierten Zugriff von Apples Smartphone aus unterbinden. Der Schritt ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig.

iPhone

Über den Sinn und Unsinn kostenpflichtiger Medieninhalte lässt sich vorzüglich streiten. Kaum verwunderlich sind es oft die Verlage, die Paid Content im Netz positiv gegenüberstehen, während in den Augen vieler Blogger, Web Worker und emanzipierter Onlinejournalisten häufig die Nachteile überwiegen.

Persönlich tendiere ich zwar auch zu letztgenanntem Standpunkt, sehe aber dennoch die theoretische Möglichkeit für Inhalteanbieter, unter verschiedenen Voraussetzungen Bezahlcontent im Web rechtfertigen zu können. Hochwertige Qualität und herausragende Stories, die sich nirgends sonst online finden lassen, sind solche Voraussetzungen.

Was der Axel Springer Verlag heute dem Medienmagazin DWDL.de bestätigte, gehört meiner Ansicht nach jedoch klar in die Kategorie "fahrlässige Ideen ohne Zukunft". Mit dem geplanten Launch kostenpflichtiger iPhone-Applikationen für Bild und Welt Online soll gleichzeitig der Browser-Zugriff auf die mobilen Sites beider Zeitungen von Apples Smartphone gesperrt werden.

Das heißt im Klartext, dass iPhone-Besitzer in Zukunft nur noch gegen Bezahlung auf die Inhalte von bild.de und welt.de zugreifen können. Andere Smartphones sind von der Entscheidung vorerst nicht betroffen - dazu fehlen noch die entsprechenden Applikationen.

Dass der Springer-Verlag wie viele andere Medienhäuser auch versucht, sich von der nur bedingt erfolgreichen Werbevermarktung von Onlinecontent zu lösen, ist nachvollziehbar. Zumal das Thema mobiler Onlinewerbung noch einmal ganz neue Herausforderungen (aber durch die Kenntnis über den Standort der User natürlich auch Chancen) mit sich bringt.

Doch statt ganz einfach darauf zu setzen, durch eine der mobilen Site in Sachen Anwenderfreundlichkeit, inhaltlicher Vielfalt und Multimedialität haushoch überlegene Applikation die Nutzer freiwillig zur Installation und Nutzung der kostenpflichtigen Applikation zu bringen, begeht Springer den großen Fehler, einfach alle iPhone-Besitzer, die nicht für die Anwendung in die Tasche greifen wollen, auszuschließen.

Der Verlag lässt zwei wichtige Aspekte außer Acht, die den Beschluss meiner Ansicht nach eher zu einem digitalen Amoklauf als zu einem Erfolgsmodell mit Zukunft machen: Zum einen sind die Inhalte der beiden Tageszeitungen nicht annähernd so einzigartig und essentiell, als dass es für iPhone-Besitzer die logische Konsequenz wäre, die angekündigten Apps gegen Entgelt zu nutzen.

Stattdessen wird ein Großteil eben auf die mobilen Sites (oder Anwendungen) anderer Zeitungen und Magazine ausweichen. Es macht den Eindruck, als überschätze man in Berlin die Relevanz von Bild und Welt für iPhone-Besitzer dramatisch - denen man pauschal ohnehin nicht gerade eine Nähe zu den zwei eher konservativ ausgerichteten Blättern nachsagen würde.

Nimmt man nun an, dass in Kürze andere große Verlage nachziehen und für ihre mobil abrufbaren Inhalte ebenfalls Geld verlangen werden, käme spätestens dann der zweite von Springer vernachlässigte Faktor zum Tragen: iPhone-Anwender gehören nach wie vor zu den technisch am meisten fortgeschrittenen Nutzern. Ein nicht geringer Teil nutzt RSS, um sich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten.

Gemäß dem Motto "Wenn eine Meldung wichtig ist, kommt sie zu mir" ist ein direkter, mobiler Zugriff auf Meldungen der großen Onlinemagazine gar nicht notwendig. Themen mit Relevanz werden ohnehin über Twitter und in Blogs diskutiert, oder aber auch im Google Reader geteilt. Ob ich dann die Originalmeldung auf der Website von Bild oder Welt Online lese oder einen Kommentar bzw. eine Kritik an anderer Stelle im Netz, macht keinen großen Unterschied.

Auch wenn die breitflächige Errichtung einer Paywall für mobile Geräte sicherlich zu Einschränkungen für manch einen Nutzer führen würde, so gibt es genug Wege, um dennoch an die den verborgenen Artikeln zugrunde liegenden Informationen zu gelangen. Oder aber man erledigt von unterwegs andere Dinge (unter 99.998 anderen iPhone-Applikationen lässt sich schon etwas finden) und verschiebt die gemütliche Bild-Leserunde mit einer Tase Hagebuttentee auf später, wenn Zugang zu einem stationären Rechner vorhanden ist.

Interessant dürfte Apples Reaktion sein, sollte aus dem Springer-Vorstoß ein Trend werden. Usern eines bestimmten Geräts den Zugriff auf Inhalte zu verwehren, die vom Heimrechner kostenlos verfügbar sind, birgt womöglich (juristisches) Konfliktpotenzial. Schon weil dadurch automatisch die Atraktivität des iPhones Schaden nimmt, was Apple kaum gefallen wird.

Es bleibt zu hoffen, dass andere Verlage mehr Feingefühl und Cleverness besitzen und - sofern sie Paid Content für das mobile Web unbedingt ausprobieren wollen - sich auf die Stärke des Freemium-Konzepts verlassen: Ein kostenloses Basis-Angebot, das von einer kostenpflichtigen Applikation komplettiert wird, die sexy genug ist, um ohne Zwang Leser in zahlende Nutzer zu konvertieren. Damit ersparen sie sich dann auch den Image-Schaden, den Springer seinen Zeitungsmarken mit diesem Beschluss im wahrscheinlich wichtigsten Zukunftsmarkt zufügt.

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