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27.09.13Leser-Kommentare

iOS 7 integriert VoIP: Apples ungewöhnliche Schüchternheit bei FaceTime Audio

FaceTime Audio ist eine der praktischsten Neuerungen von iOS 7. Doch Apple verzichtet darauf, die Funktion anzupreisen. Warum?

FaceTime AudioWie im Vorfeld durchsickerte, hat Apple seine Videotelefoniefunktion FaceTime in iOS 7 um eine Nur-Audio-Komponente erweitert. Diese erlaubt datenbasierte Gespräche mit iOS- und Mac-Nutzern, ohne dass dabei wie bisher bei FaceTime ein Videobild übertragen wird. FaceTime Audio funktioniert sowohl über WLAN als auch mobile Datenverbindungen. Mit der Integration eines videofreien VoIP-Features öffnet Apple FaceTime für zahlreiche neue Anwendungsfelder und Einsatzszenarien im Alltag, in denen am Traffickontingent zehrende, einen Blick auf das Display beziehungsweise in die Kamera erfordernde Videotelefonie eher hinderlich erscheint.

Zwar beschränkt die fehlende Unterstützung für andere Plattformen abseits von iOS und Mac OS X wie schon bei iMessage das maximale Potenzial von FaceTime Audio. Die nahtlose Integration der Funktion in das iOS-Adressbuch jedoch sorgt dafür, dass zumindest bei Anrufen zu Personen, die über FaceTime Audio erreicht werden können, der neue Service konkurrierenden VoIP-Apps wie Skype oder Viber vorzuziehen ist. Der Anrufer erspart sich einige Klicks und kann sicher sein, dass der Angerufene auch tatsächlich über das eingehende Gespräch informiert wird, sofern er verfügbar ist. Skypes App präsentiert sich diesbezüglich auf dem iPhone selbst bei aktivierten Push-Mitteilungen als sehr unzuverlässig. FaceTime AudioMobilfunker-Schreck

Gerade weil FaceTime Audio als kleines Icon direkt schräg unter der Telefonnummer eines Adressbucheintrages auftaucht, ist es damit natürlich auch eine ernsthafte Bedrohung für die Mobilfunkunternehmen. Nachdem ihnen durch mobile Chatmessenger die SMS-Cash-Cow und durch Skype die Umsätze mit Ferngesprächen abhanden gekommen sind, stehen durch eine derartig geradlinige VoIP-Integration in ein mobiles Betriebssystem nun selbst die Erlöse aus der mobilen Alltagstelefonie auf dem Spiel.

Apple tut, als gäbe es FaceTime Audio nicht

Was momentan den Managern der Netzbetreiber noch beim Einschlafen helfen dürfte, ist die Gewissheit, dass viele iOS-7-Nutzer bisher gar nichts von der Existenz von FaceTime Audio wissen, sofern ihnen nicht das Feature beim Herumspielen mit dem neuen Betriebssystem unter die Augen gekommen ist. Denn bisher erspart sich Apple jede prominente Hervorherbung des Services. Weder auf der Produktseite zu iOS 7 noch in der Übersicht zu FaceTime wird die Audio-Komponente überhaupt erwähnt. Nach wie vor positioniert das kalifornische Unternehmen FaceTime allein als Videotelefonie-Produkt. Im redaktionellen Bereich von apple.com taucht "FaceTime Audio" nicht ein einziges Mal auf, wie eine Suche zeigt. Sämtliche rund 180 Erwähnungen stammen aus dem Diskussionsforum. Lediglich in der Pressemitteilung zu iOS 7, die acht Tage vor dessen Launch publiziert wurde, hat Apple FaceTime Audio in einem halben Satz erwähnt.

Auf unsere Anfrage verwies man darauf, dass die Presse auf verschiedene Weise über FaceTime Audio informiert worden sei, etwa während der Keynote zu iOS 7, auch stehe es in den technischen Spezifikationen. In der Tat konnten aufmerksame Pressevertreter und Gerätetester rechtzeitig von FaceTime Audio erfahren. Doch die Abwesenheit der Funktion in Apples an Endkunden gerichteter Marketingkommunikation lässt keinen Zweifel daran, dass das Unternehmen momentan versucht, die Nutzung von FaceTime Audio auf einen kleinen Anwenderkreis zu beschränken. Das ist verwunderlich, gehört die Funktion doch zu den praktischsten Neuerungen von iOS 7.

Zugeständnis an Provider oder technische Gründe?

Warum also gibt sich Apple bei FaceTime Audio so schüchtern? Zwei mögliche Erklärungen fallen mir ein. Einerseits könnte es sich um eine Vereinbarung des Unternehmens mit den Mobilfunkanbietern handeln. Branchenkenner, mit denen ich sprach, halten dies aber für äußerst unwahrscheinlich. "Wo Apple Bedingungen diktieren kann, tut die Firma das auch", so die klare Aussage eines Insiders. Ein anderer Kenner der Materie stieß ins selbe Horn. Er habe noch nie gehört, dass Apple auf die Telekommunikationsfirmen gehört hat. Seine Vermutung für Apples Zurückhaltung bei FaceTime Audio: interne Gründe.

Qualitätsbedenken 

Tatsächlich ist vorstellbar, dass Apple von der Qualität seines neuen Angebots schlicht noch nicht überzeugt genug ist, um es an die große Glocke zu hängen. Wie bei allen VoIP-Angeboten entscheidet nämlich nicht nur die Usability und technische Umsetzung über das Anwendererlebnis, sondern maßgeblich die Stärke der Mobilfunkverbindung. Während ich beim Einsatz von FaceTime Audio über WLAN eine exzellente Gesprächsqualität genießen konnte, ließ die Übertragung mittels mobiler 3G-Datenverbindung in Tests sehr zu wünschen übrig. Selbst wenn dies außerhalb Apples Einflussbereich liegt, so könnte die Frustration der Anwender auf Apple abfärben. Speziell dann, wenn der Konzern FaceTime Audio zentral anpriese.

Hinsichtlich FaceTime Audio erscheint eine auf Word-of-Mouth setzende Lancierungsstrategie deshalb durchaus intelligent. Indem Nutzer FaceTime Audio eher durch Zufall entdecken oder davon in Gesprächen mit Freunden oder durch eingehende FaceTime-Audio-Anrufe erfahren, verhindert Apple (abermals) den Fluch zu hoher Erwartungen. Und sollten sich zu viele Anwender über eventuell schlechte Verbindungen beim Einsatz von unterwegs beklagen, kann Apple immer darauf verweisen, dass es sich um ein experimentelles Feature handele, welches man deshalb bewusst in der Kommunikation ausklammere.

Auf lange Sicht und parallel zur Verbreitung von LTE/4G würde es mich aber allein wegen des Geldsparpotenzials wundern, wenn FaceTime Audio nicht zu einem beliebten Feature avanciert und den Mobilfunkern kräftig Handyminuten stibitzt. Gleichzeitig erhöht Apple den Lock-In seiner Plattform. Denn wer sich erst einmal an bequeme und kostenfreie FaceTime-Calls in allen Lebenslagen gewöhnt hat, für den wird der Wechsel zu einem anderen OS zu einem noch größeren Schritt. /mw

Kommentare

  • Heidi

    27.09.13 (11:55:04)

    Gratis ist es so auch nicht ganz, schliesslich bezahlt man das Datenvolumen.

  • Martin Weigert

    27.09.13 (11:59:02)

    Technisch wahr, aber es hängt vom Tarif ab. Dass der Internetzugang als solcher Geld kostet und mobile Datenverbindungen dabei anders bepreist werden als Festnetzinternet, sollte man im Jahr 2013 meines Erachtens nach nicht mehr explizit erwähnen müssen.

  • Voip Rob

    12.10.13 (10:56:24)

    Das ist ja nicht nur eine Gefahr für die gebräuchlichsten Mobilfunkanbieter, sondern auch für die VoIP Anbieter. Wenn man die Internet-Telefonie/Voip Telefonie von jedem Smartphone aus mit einem App durchführen kann, brauch man definitiv kein voice over IP Tarif eines solchen Anbieters.

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