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02.04.09

Interview von der re:publica: Bloggen in Afrika

Einblicke in afrikanische Netzkultur: Geraldine de Bastion über ausgedruckte Blogeinträge, politische Berichterstattung und Internetanschlüsse für 500 Dollar.

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Geraldine de Bastion arbeitet seit einem Jahr für die newthinking communications GmbH in Berlin. Davor war sie fünf Jahre für die Deutsche Entwicklungshilfe tätig. Schon seit ihrem Studium, das sie 2003 abschloss, lag ihr Schwerpunkt auf Neuen Medien. Für newthinking beschäftigt sie sich nun vor allem mit Open-Source- Communities in Afrika.[/box]

Wie sieht die afrikanische Blogosphäre im Moment aus?

Viel diverser als man vielleicht erwarten würde. Ich kenne nicht jeden Blogger in Afrika, aber ich lese Blogs, die mir persönlich gefallen. Dazu gehören Videoblogs aus dem Kongo genauso wie politische oder technikfokussierte Blogs. Das sind sehr lesenswerte Sachen. Und es gibt natürlich auch Leute, die über Kochrezepte oder Privatangelegenheiten schreiben, das sind sehr unterschiedliche Themen.

Welche Rolle spielen in Afrika denn politische Blogs?

Es gibt durchaus politische Blogger in Afrika. Die nehmen meines Erachtens nach eine ganz wichtige Position ein, insbesondere in Ländern, wo Medien nicht so frei in ihrer Berichterstattung sind wie bei uns. Ich habe mir verschiedene Blogs aus Kenia angeguckt, die 2008 eine wichtige Rolle gespielt haben, als es nach den Wahlen zu Konflikten kam. Es ist ein großes Chaos ausgebrochen, Medien waren eher Mitspieler in dem Konflikt als die vierte Gewalt. Die Blogger haben eine wichtige Lücke gefüllt, weil sie aktuell berichtet haben, was im Land passiert ist. Wenn man wissen wollte, was passiert, hat man sich an die Blogosphäre gewandt und nicht an die traditionellen Nachrichten.

Ist die breite afrikanische Bevölkerung denn technisch überhaupt in der Lage, Blogs zu lesen?

Natürlich gibt es immer noch signifikante Infrastrukturprobleme – von schlechter Internetkonnektivität bis zu Stromausfällen. Es ist also schon so, dass viel weniger Menschen Zugang zum Internet haben als bei uns. Die Internetdurchdringung in Kenia etwa liegt zwischen 7 und 10 Prozent. Dafür gibt es dort sehr kreative Verbreitungswege, zum Beispiel wurden Blogeinträge ausgedruckt, als Flyer verteilt oder per SMS verschickt. Radiostationen, die auch in den ländlichen Gebieten ganz ohne Strom gehört werden, haben Informationen aus Blogs vorgelesen. Oder es gab erst vor kurzem einen Fall, in dem ein Mann auf einem Marktplatz stand und sozusagen auf einer Tafel gebloggt hat. Er hat einfach Wirtschaftsnachrichten, die er per Handy aus dem Internet bekam, auf eine Tafel geschrieben, so dass vorbeigehende Menschen sie lesen konnten.

Wie sieht die Zielgruppe afrikanischer Blogs aus?

Ein kenianische Bloggerin erzählte mir, dass viele Länder natürlich ganz andere Altersstrukturen haben als wir. Da sind geschätzte 70 Prozent der Bevölkerung unter 25, und das sind genau wie bei uns viele Kids, die wie selbstverständlich mit modernen Technologien groß werden. Und zu den Lesern gehören eher gebildete Leute mit Schulabschluss, die lesen können, aber wie gesagt werden die anderen Menschen auf andere Weise erreicht. Natürlich gibt es auch Leute, die noch nie einen Computer gesehen haben. Es wäre schön, wenn der Zugang zum Internet verbessert würde und mehr Menschen Blogs lesen könnten, aber ich würde sagen, die Leserschaft ist schon jetzt recht diversifiziert.

Und wie ist es um Zensur bestellt?

Das ist ein wichtiges Thema. Ich habe dazu schon mit einigen afrikanischen Bloggern gesprochen. Die haben mir gesagt, dass es ein ziemliches Glück ist, dass die Politiker noch nicht dahinter gekommen sind, wie wichtig das Medium Internet mittlerweile ist. Die herkömmlichen Medien leiden viel öfter unter Repressalien als Blogger. Auch das Phänomen der Selbstzensur haben mir die Blogger beschrieben: Man weiß nicht, wie weit die eigene Freiheit geht und in wieweit man sich auf einen Rechtsschutz verlassen kann. Aber die Blogger werden da noch weitestgehend in Ruhe gelassen.

Wie wird es sich entwickeln?

Zum einen tut sich einiges in der Infrastruktur: Es werden gerade ganz viele Tiefseekabel gelegt und es besteht die Hoffnung, dass irgendwann zumindest an der ostafrikanischen Küste High-Speed-Anschlüsse erschwinglich werden. Zur Zeit kostet ein solcher Anschluss in Uganda ungefähr 500 Dollar im Monat. Das ist natürlich erschreckend im Vergleich zu Deutschland. In Afrika gehen die Leute derzeit noch in Internetcafés oder teilen sich Anschlüsse, da muss noch viel passieren.

Auf der anderen Seite glaube ich, in Afrika wurde eine große Dynamik in Bewegung gesetzt, was die Nutzung sozialer Medien angeht. Ein tolles Beispiel ist ushahidi.com, was sich mit Entwicklungen beschäftigt, die sich in Afrika abspielen. Das sind Dinge, von denen wir uns auch ein Scheibchen abschneiden könnten. Also ich erwarte da einige spannende Sachen.

Weiterführende Links zur afrikanischen Blogosphäre:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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