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04.11.13Leser-Kommentare

Internetwirtschaft: Ich hoffe, dass eine Blase platzt

Wieder einmal sehen Beobachter klare Anzeichen für eine sich anbahnende Blase der Internetwirtschaft. Es wäre zu wünschen, dass sie Recht behalten. Eine Korrektur täte der Branche gut.

BubbleSeit 2007 schreibe ich über die Internet- und Startupwirtschaft, und in all den Jahren gab es ein stetig wiederkehrendes Thema in der Technologiepresse: Die Vermutung, die Branche befände sich in einer kurz vor dem Zerbersten stehenden Blase. Doch bis heute hat sich dies nicht bewahrheitet. Entweder, die Blasen-Propheten deuteten regelmäßig die Indizien falsch, oder eine sich tatsächlich bildende "Tech-Bubble" folgte einem anderen, weniger auf das schnelle Platzen hinauslaufenden Lebenszyklus, als man dies während des Dotcom-Booms erleben durfte. Dann wäre die Blase noch immer existent, konnte aber unter dem Schutzmantel einer grundsätzlich gesunden, aus vielen wirtschaftlich agierenden Anbietern und zwei Milliarden Kunden bestehenden Netzökonomie bislang der Entlarvung entgehen. An Indizien für eine Blase mangelt es nicht

Aktuell erreichen die diskutierten Blasensichtungen wieder einmal ein Hoch, gut und ausführlich dokumentiert von Business Insider und New York Times. Wen wundert's, wenn keine Umsätze generierende Social-Web-Dienste wie Pinterest oder Snapchat Bewertungen von fast vier Milliarden Dollar erreichen. Wenn Startups ganz bewusst auf eine Monetarisierung verzichten, um ihre Bewertungen auf Basis von Fiktionen und Träumereien in die Höhe zu katapultieren, Wenn ein in der Entwicklung befindlicher Payment-Dienst namens Clinkle 25 Millionen Dollar einsammeln kann - Seed-Kapital, wohlgemerkt. Wenn eine unprofitable Firma wie Twitter einen Milliardenbörsengang wagt. Wenn dieser IPO eine ganze Stadt gentrifiziert. Wenn die Immobilienpreise im Silicon Valley in nicht gekannte Dimensionen vorstoßen. Wenn der Wachstumszyklus trivialer mobiler Apps im Jahr 2013 stark an den Aufstieg der traurigen Helden des Dotcom-Desasters erinnert. Oder wenn Entwickler im Silicon Valley pro Jahr 50.000 bis 77.000 Dollar mehr verdienen als ihre Kollegen in anderen Regionen der USA.

Angesichts dieser mitunter nur schwer rationalisierbaren Vorgänge sind Befürchtungen einer gigantischen Blase ein natürliches Phänomen. Der Eindruck, dass sich Teile der vorrangig US-amerikanischen Webbranche derzeit vor allem aus der Hoffnung ernähren, Startups mit dem Argument massiver Ertragspotenziale in der Zukunft rechtzeitig (an Yahoo) verkaufen oder an den Aktienmarkt bringen zu können, lässt sich schwer von der Hand weisen. Und - tatsächlich typisch für eine Blase - finden sich derzeit genug Leute, die diese Geschichten glauben, ihrerseits Getrieben von der Vorstellung, zu einem späteren Zeitpunkt jemand zu finden, der noch mehr Geld für einen Startup-Anteil zu zahlen bereit ist.

Ob die momentanen Ereignisse wirklich auf das baldige Platzen einer Blase hindeuten oder nicht, weiß ich nicht. Ich hoffe es aber.

Falsche Anreize für Gründer und Investoren

Ich wünsche mir, dass wir momentan tatsächlich Zeuge einer Technologieblase werden, und dass diese mit einem Knall verschwindet. Ich wünsche mir ein Ende der meines Erachtens nach ungesundenen Überhitzung der Webwirtschaft, welche den Fokus von Unternehmern und Investoren in großer Zahl auf Spielereien wie die eigenwillige Foto-App Frontback, auf die unermüdliche Optimierung von Werbung und auf die Verwandlung von Nutzern in gläserne, leicht manipulierbare Konsumenten lenkt. Ich habe nichts Grundsätzliches gegen werbefinanzierte soziale Netzwerke, die perfekt "Personalisierung" und die ein oder andere Selfie-App. Ich denke aber, dass die derzeitige, auf blumigen Spekulationen fußende Marktsituation falsche Anreize setzt und zu viele Leute davon abhält, die beste Technologie jemals - das Internet - für sinnstiftende Innovationen und Geschäftsmodelle mit wirklichem Problemlösungscharakter zu nutzen. Stattdessen konzentrieren sich tausende Gründer auf die Schaffung von Lock-In-Effekten, Suchtzuständen und Instrumenten zur Maximierung der Ablenkungsbereitschaft der Anwendern von wichtigen Dingen, angetrieben von der Aussicht auf millionenschwere Exits, und gefördert von Venturekapital-Firmen, die ihrerseits darauf hoffen, dass sich irgendeiner Dummer findet, der ihnen jede noch so absurde Spekulation abnimmt.

Korrektur, kein Crash

Wenn ich meine Hoffnung für das Platzen einer Blase zum Ausdruck bringe, mache ich dies mit einem guten Gewissen. Denn im Gegensatz zum Jahr 2000 würde ein solches Ereignis die Internetwirtschaft dieses Mal nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Weite Teile des Ökosystems sind gesund, arbeiten profitabel und bedienen den stetig wachsenden Hunger der weltweiten Webbevölkerung nach digitalen Dienstleistungen, Einkaufserlebnissen, Informationen und Inhalten. Eine aktuelle Blase, sofern sie existiert, überlagert nicht die gesamte Onlineindustrie, sondern beschränkt sich auf bestimmte Segmente, wie das soziale Web sowie wackelige Geschäftsmodelle in Frühphasen, bei denen eine Werbevermarktung die vorrangige Einnahmequelle darstellt.

Das Zerbersten einer eventuellen Blase würde nicht zu einem Crash führen, sondern allein zu einer Kurskorrektur. Es würde allzu spekulativen Akteuren die Augen öffnen, den Kopf waschen und manche Gründer und Kapitalgeber vielleicht dazu bewegen, Projekte zu forcieren, die mehr darstellen als das digitale Äquivalent einer Geld verschlingenden, seichten TV-Unterhaltungsshow, bei der unklar ist, ob sich jemals genug Anzeigenkunden finden werden.

Ich hoffe auf das Platzen einer Blase, weil ich glaube, dass dies dem Netz gut täte. /mw

(Illustration: Drawing a growth on a wall, Shutterstock)

Kommentare

  • Finanzgrund

    04.11.13 (11:48:12)

    Ein klasse Artikel! Du sprichst mir aus der Seele. Der Twitter IPO ist wohl das größte Anzeichen für eine Blase. Es wird bestimmt nicht so ablaufen wie zur Zeit der Dotcom-Blase, allerdings täte der Netzökonomie eine Kurskorrektur gut. Es bleibt spannend, was letztendlich geschehen wird.

  • Tomas Ehmann

    04.11.13 (15:38:23)

    Dazu past eigentlich auch eine Meldung die ich heute im Radio hörte. In einer Stadt [ habe leider den Namen vergessen] verkleiden die dortigen Einzelhändler heute ihre Schaufenster mit Packpapier. Sie wollen damit zeigen wie eine Stadt ohne Läden aussieht, auf die Arbeitsplätze verweisen Service proklamieren usw...Naja....obs wirkt ?

  • Ben

    05.11.13 (07:50:56)

    Klasse Artikel, Martin! Klar ist es so, dass Pinterest und Co teilweise auch zu Recht so hoch bewertet werden. Social Media und Co stehen einfach noch an einem Punkt wo es immer noch die Early-Player gibt, die sich die Reichweite sichern. Dennoch hast Du völlig Recht, dass damit vollkommen falsche Anreize gesetzt werden. Gerade für junge Gründer schafft das ein völlig falsches Bild eines profitablen Unternehmens. Weiter so! Ben

  • Alfons Burtscher

    05.11.13 (15:11:15)

    Sehr guter und kritischer Artikel. Ich hoffe das selbe. Es geht ja schon lange nicht mehr darum, ob einem Börsenwert ein realer Wert gegenübersteht. Die Finanzwelt beweihräuchert sich ja seit Jahren selbst mit astronomischen Zahlen. Vermutlich endet die Fete jeweils in einer Orgie der gegenseitigen Belobigung: "Wir sind doch die Besten!". Bin gespannt, wenn diese "Buchgeldjäger" den realen Boden wieder einmal zu sehen bekommen. Vermutlich nach einer sehr harten Landung, die sehr schmerzen wird und die von ihnen ganz und gar nicht vorher zu sehen war. Alfons Burtscher

  • Roman

    05.11.13 (19:30:02)

    Guter Artikel über eine angebliche Blase. Ja, einige Unternehmen werden gehypt und mit Geld überschüttet, aber nicht jeder mit einer idee und einem Computer wird zum Millionär (wie in 2000) Leidenschaft ist alles! Und die Rechnung ist einfach. Wer Massen von Leute begeistern kann, kann Geld verdienen! Amazon hat Jahre, ja fast eine Dekade gebraucht um profitabel zu werden. Geld lässt sich leicht verdienen mit Millionen von Usern. Das hat Facebook und Google gezeigt. Unternehmen drängen geradezu in Twitter/Vine/Pinterest und Co. Warum??? Weil dort die Konsumenten sind! In Deutschland könnte ein bisschen Optimismus nicht schaden. Aber ich weiss mit Schwarzmalerei lässt sich besser Stimmung machen.

  • frank katzer

    05.11.13 (20:43:30)

    interessanter artikel. auch wenn ich nicht der meinung bin, dass da irgendeine blase existiert. die blase um 2000 war komplett anders: es gab firmen, die allein aufgrund ihrer (meist hahnebüchenen) idee, die irgendwas mit dem internet zu tun hatte, geld bekommen haben. da gab es aber nicht einmal user. genau das, was heute meist eher vorhanden ist, wenn auch die monetarisierung noch nicht steht.

  • Martin Weigert

    06.11.13 (00:05:33)

    @ Ben und Alfons Burtscher Danke! @ Roman E-Commerce ist ein anderes Thema, speziell Amazon. Korrekt, Geld lässt sich mit Millionen Usern leicht verdienen. Das Problem ist, dass die Bewertungen von Facebook, Twitter, Pinterest & Co eben nicht nur ein paar Quartale solide Gewinne voraussetzen, sondern großzügig sprudelnde Gewinne über Jahrzehnte. Ansonsten wird es haufenweise Verlierer geben, die mit ihren viel zu teuer erkauften Beteiligungen schlechte Geschäfte gemacht haben. @ frank katzer Genau, deshalb auch mein vorletzter Absatz.

  • Roman

    06.11.13 (01:03:21)

    @Martin da gebe ich Dir Recht. Hauptsache die Aktionäre sind keine Kleinsparer oder Rentenkassen. Bei Twitter mach ich mir allerdings weniger Sorgen. In Snapchat würde ich nicht investieren und das sag ich als Messenger Start-up Typ! ;) Ich würde mich allerdings freuen, wenn der Glaube an den Erfolg in Deutschland nicht immer so pessimistisch wäre. Dies ist ein Grund warum das Start-up Leben hier in SF aufmunternder ist. Scheitern ist nicht dramatisch und wer Massen begeistern kann, braucht kein Geschäftsmodell (noch nicht). Ich als Deutscher fühl mich allerdings auch wohler ein Geschäftsmodell zu haben. Anyways, der Artikel regt allerdings zum denken an und damit ist der Hauptauftrag erfüllt! Danke Dir dafür!

  • Rob

    06.11.13 (01:31:21)

    Na ja, was ist eine Blase die nicht platzt? Keine. Entweder, es geht nicht nur Twitter, sondern auch noch den anderen Hypern wie Google, Facebook, Pinterest et al an den Kragen, oder gar nichts wird passieren. Aber die wichtigere Frage ist doch: Wer unterstützt denn den Hype, z. B. im Falle von Twitter? Jede/r, die/der einen "FOlge mir auf Twitter"-Button unter ihre/seine Artikel setzt. Immer, wenn ein Facebook-, Google-+1-, Xing oder sonstiger sog. "SocialMedia"-Button gesetzt wird, wird doch suggeriert: "Das ist wichtig, auf T/F/G" musst Du sein, sonst bist Du nichts. Und das ist falsch. T/F/G und die restlichen Web2/3/4.0-Dinger sind irrelevant, aber durch die ständige Erwähnung (und das eigene ständige Erwähnt-Werden) werden sie anscheinend wichtiger und wertvoller - was bei F ebenso wie bei T und bei G nicht stimmt. Also, eigene Nase angepackt und das kalte Gefühl da vorne mal richtig bestimmt, hm? Gruß, Rob

  • Marc Sondermann

    02.12.13 (18:43:03)

    Ich muss gestehen, dass ich ins Grübeln gekommen bin... handelt es sich beim Twitter-IPO wirklich um den Beleg für eine Blase, oder vielleicht eher für ein Anzeichen dafür, dass das Web die Realwirtschaft mit einem Tempo und Ausmaß umpflügt wie niemals zuvor? Wirklich erschreckend (für die Betreffenden) wäre erst die Erkenntnis, dass es sich nicht um eine Blase handelt.. sondern sämtliche Firmen der Old Economy (Medienhäuser, Handelsketten, Banken, etc.) noch hoffnungslos überbewertet sind, weil ihnen das rapide Absinken in die Bedeutungslosigkeit bevorsteht. Bestes Beispiel: Wie Zalando einst unangreifbar aufgestellte Filialisten wie Deichmann in kürzester Zeit an den Rand des Abgrunds getrieben hat.

  • Martin Weigert

    02.12.13 (18:44:26)

    Sehr schön gegen den Strom gedacht.

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