<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

21.02.12

Internetstandort Berlin: Bürgermeister Klaus Wowereit will nicht mit Startups sprechen

Berlins Internetbranche boomt. Grund genug, um mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit über das künftige Potenzial dieses Wirtschaftszweigs zu sprechen, fand 6Wunderkinder-CEO Christian Reber und bat um einen Termin. Doch aus dem Roten Rathaus kam eine Absage.

 

Foto: klauswowereit.deDer New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg trat schon bei Internet-Branchenevents wie TechCrunch Disrupt auf, erklärte den 16. April 2011 zum "foursquare Day" und hat sich für 2012 zumindest aus Spaß das Ziel gesetzt, programmieren zu lernen. Alles mit dem Bewusstsein, durch symbolische und moralische Unterstützung der lokalen Startup-Szene einen der wichtigsten Wirtschaftszweige der Zukunft zu fördern. Auch Londons Bürgermeisters Boris Johnson ist sich dessen Wertes bewusst und setzt sich dafür ein, die britischen Hauptstadt in einen Leuchtturm der digitalen Wirtschaft zu verwandeln.

Und was macht Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister? Obwohl die hauptstädtische Gründer- und Internetszene floriert wie nie zuvor und verstärkt ausländische Entrepreneure und Investoren anzieht, ist der Sozialdemokrat bisher nicht mit nachhaltig motivierenden Auftritten oder pressewirksamen Engagements zur Förderung des digitalen Sektors Berlins in Erscheinung getreten.

Christian Reber, Gründer und CEO des Berliner Startups 6Wunderkinder, wollte dies ändern und hat in einer E-Mail an Klaus Wowereits persönlichen Referenten Falk Branzke sowie an den Chef der Berliner Senatskanzlei Björn Böhning um einen Termin mit dem Bürgermeister gebeten, um ihm Einblick in die Webbranche der Stadt zu geben. Hier die E-Mail, die Reber per Twitter öffentlich gemacht hat:

 

Hallo Herr Branzke, hallo Herr Böhning,

unter vielen Berliner Startups und Investoren gibt es aktuell sehr starkes Interesse mit der Berliner Regierung zusammenzuarbeiten um den Standort zu stärken. Wir würden Ihnen und insbesondere Herrn Wowereit gerne einen Einblick in die Branche geben. Mit dabei wären: Gidsy, SoundCloud, Amen, Wooga, Readmill, Moped, totalCommerce, ezeep, Moviepilot, Xyologic, Upcload, 6Wunderkinder und noch einige mehr...

Wir würden uns freuen wenn wir kurzfristig einen Termin finden.

Viele Grüße

Christian Reber

CEO & Founder of 6Wunderkinder

Doch im Roten Rathaus Berlins scheint man an diesem Angebot kein Interesse zu haben. Folgende Antwort erhielt Reber vom Empfang der Senatskanzlei:

vielen Dank für Ihr Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, der mich gebeten hat, Ihnen zu antworten.

Leider ist es Herrn Wowereit nicht möglich ein Treffen einzurichten da andere Terminverpflichtungen bestehen.

Er bittet um Ihr Verständnis.

Man kann sich darüber streiten, ob die von Reber erbetene Kurzfristigkeit des Termins notwendig war und vielleicht sogar eine ablehnenden Haltung provoziert hat. Auch fehlte in seiner Anfrage womöglich des Politikers wichtigstes Reizwort "Arbeitsplätze" . Dennoch muss man angesichts dieser Reaktion von Wowereit nüchtern konstatieren, dass der Regierende in dem Glauben zu verharren scheint, auf die Digitalwirtschaft nicht angewiesen zu sein. Was angesichts der chronischen Wirtschaftsschwäche der Stadt und der allgemeinen Annahme, Berlin habe das Potenzial, sich zu einem europäischen Silicon Valley zu entwickeln, mehr als verwunderlich ist.

Kritiker mögen monieren, die noch immer vergleichsweise kleine Webbranche Berlins überschätze ihre eigene Bedeutung. Doch gerade wenn dies so wäre, müsste es Wowereit am Herzen liegen, deren Status zumindest durch (öffentliche) Gesten zu stärken. Die Reaktion aus dem Rathaus ist für den Internetstandort Berlin ein Schlag ins Gesicht und lässt befürchten, dass Berlin auch in zehn Jahren noch auf seinen Kultslogan "arm aber sexy" angewiesen sein wird.

Wirklich verwunderlich ist die Absage auch deshalb, weil der Terminkalender auf Wowereits Website gar keine aktuellen Termine enthält.

Christian Reber bleibt unterdessen hartnäckig und hofft, doch noch zu dem angestrebten Termin zu gelangen.

Nachtrag: Christian Reber hat in einem Kommentar konkretisiert, dass der E-Mail eine Diskussion mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung vorausgegangen war. Vom Senat selbst kam demnach bereits die Idee, Klaus Wowereit zu einer Diskussion einzuladen, was bisher jedoch erfolglos blieb.

Nachtrag 23. Februar: Aufgrund des Koalitionsvertrags mit der CDU darf sich Bürgermeister Wowereit nicht mit Unternehmen treffen, sofern diese nicht zuvor Kontakt mit dem Wirtschaftssenat aufgenommen haben - das behauptet zumindest ein Insider .

Foto: klauswowereit.de

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer