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30.08.10

Internetkritiker: Die Unfähigkeit, Etabliertes in Frage zu stellen

Internetkritiker erfüllen eine wichtige Aufgabe. Sie unterminieren jedoch ihre eigene Argumentation, wenn sie nicht in der Lage sind, etablierte Verhaltensweisen und Sichtweisen in Frage zu stellen.

 

Jede Entwicklung braucht ihre Kritiker. Auch die digitale Revolution. Internet-Skeptiker wie Frank Schirrmacher , Jaron Lanier, Andrew Keen oder Gisela Schmalz bilden den notwendigen Gegenpol zu den teilweise euphorischen Befürwortern und Antreibern des technologischen Wandels (zu denen wir sicher auch gehören), selbst wenn man manchmal die Arme über den Kopf zusammenschlagen möchte, wenn man mit ihren Aussagen konfrontiert wird.

Das wirkliche Problem ist meist ohnehin nicht die Kritik sondern die Art der Argumentation, auf welche sich diese stützt. Mein Eindruck ist, dass viele Internetpessimisten die Fähigkeit vermissen lassen, Etabliertes in Frage zu stellen. Genau das aber erfordert der tiefgreifende Wandel, dessen Zeuge wir gerade werden. Wer nicht in der Lage ist, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte praktizierte Verhaltensweisen sowie eingefahrene Routinen in Frage zu stellen, muss zwangsläufig Probleme im Umgang mit dem die Strukturen unseres Zusammenlebens verändernden Wechsel von der analogen zur digitalen Gesellschaft bekommen.

Sehr deutlich wird dies in einem aktuellen Essay eines weiteren Webkritikers, nämlich dem Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz. Auf sueddeutsche.de veröffentlichte er gestern eine Art Rundumschlag gegen verschiedenste Phänomene und Eigenschaften der digitalen Welt ( via ) und wirft dabei ziemlich viele Dinge in einen Topf.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn während Bolz sicherlich in dem ein oder anderen Aspekt berechtigte Kritik an den Dynamiken des Netzes äußert (z.B. das Entstehen von Echokammern oder die grundsätzlichen Risiken, die von einem übermächtigen Unternehmen im Netz ausgehen), offenbart er in dem Beitrag sein Unvermögen, eine bisherige Konvention vorbehaltslos in Frage zu stellen: Wie so viele vor ihm sieht er die Privatheit als das Optimum und Transparenz (was Bolz natürlich lieber als "Überwachung" bezeichnet) als etwas Negatives.

Für Bolz ist Privatheit etwas Bürgerliches, für das man kämpfen sollte. In seinen Worten: "Privatheit ist die Standardeinstellung, die der Bürger im Umgang mit den Medien bewusst wählen muss."

Was Bolz jedoch überhaupt nicht antastet, ist die Erklärung, warum dies so ist. Warum ist Privatheit die Standardeinstellung, die man wählen muss? Warum ist es "bürgerlich"? Und ist "bürglich" gut? Ist es überhaupt noch zeitgemäß, mit Begriffen zu argumentieren, die vor mehreren hundert Jahren entstanden sind, um die Privilegien einer bestimmten Schicht zu definieren?

Die Antwort auf all diese Fragen kann "nein" lauten. Oder "ja". Es gibt durchaus Gründe, sich für die Privatheit einzusetzen. Es gibt Gründe, warum man die Transformation von Bürgern in "Mini-Celebritys" kritisieren sollte. Und es gibt Gründe, warum es nicht nur Vorteile hat, dass Paparazzi zu einem massendemokratischen Phänomen werden.

Aber ich möchte wissen, warum er das denkt. Ich möchte sehen, dass Bolz (oder jeder andere Kritiker auch) nicht nur einfach ein Produkt der Gesellschaft ist, in der er aufgewachsen ist, und deren Werte und Ideale er nun bis zum Ende seiner Tage predigt. Ich möchte wissen, warum Bolz findet, dass Privatheit besser ist als Transparenz, und warum er der Überzeugung ist, dass "erst filtern, dann publizieren" der bessere Ansatz sei als umgedreht.

Solange mir Internetkritiker ihre Sicht der Dinge vermitteln wollen, ohne dabei nur den Hauch einer Bereitschaft zu zeigen, etablierte Prozesse und Haltungen zu hinterfragen, fällt es mir sehr schwer, ihre Bedenken ernst zu nehmen und ihre Argumente zur eigenen Reflexion zu verwenden.

Ein schlagfertiger, überzeugender Kritiker ist einer, der mir nicht nur erzählt, warum das Neue zu Problemen führen kann, sondern der mir erfolgreich erklärt, warum das Festhalten an klassischen Konventionen besser ist als eine Anpassung selbiger an neue Rahmenbedingungen. Warum also die Welt, so wie wir sie bisher kannten, die beste Welt war, die wir jemals bekommen konnten.

Bolz erwähnt mit keinem Wort, welche eventuellen Vorteile es hat, dass vor der Publikation weniger herausgefiltert wird, dass Bürger heute aus eigener Kraft zu Mini-Prominenten werden können oder das Individuen, Organisationen und Unternehmen transparenter sind als bisher. Entweder, weil ihm nichts dazu eingefallen ist. Oder weil er nicht einmal darüber nachgedacht hat; weil er so programmiert ist, nur Neues, Fremdes in Frage zu stellen, jedoch nichts, dass über 50 Jahre seine Lebensweise gesteuert hat.

Neue Entwicklungen und Technologien in Frage zu stellen, beherrschen viele. Etabliertes in Frage zu stellen, scheint dagegen sehr viel schwieriger zu sein. Dabei ist es mindestens genauso wichtig.

(Foto: stock.xchng)

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