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03.06.11

Internetfirmen streben an die Börse: Ein Happy End ist unwahrscheinlich

In den kommenden Monaten werden eine Reihe bekannter Internetfirmen an die Börse gehen, darunter auch Groupon. Eine Spekulationsblase ist nahezu unvermeidlich.

 

Flickr/zoonabar, CC-Lizenz

Als ich Entrepreneur und Business Angel Christoph Janz im Interview fragte, wo er auf einer Skala von -10 (Stimmung im Keller) über 0 (neutral und stabil) bis zu 10 (größtmöglicher Hype) zum aktuellen Stand die Internetbranche sieht, antwortete er mit einem Wert zwischen 2 und 3. Ungefähr dies wäre auch meine Einschätzung gewesen. Allerdings befürchte ich, dass es nicht dabei bleiben wird. Denn jetzt kommen die Börsengänge.

LinkedIn hat mit seinem fulminanten IPO den Startschuss gegeben und einer ganzen Reihe von aufstrebenden US-Web-Firmen signalisiert, dass die Zeit reif für den Gang aufs Parkett ist. Viele Internetunternehmen werden folgen. [Update] Yandex hat den Schritt bereits vor wenigen Tagen getan [Update Ende]Kayak und Zynga und Yandex werden entsprechende Ambitionen nachgesagt. Der Musikdienst Pandora steht ganz kurz vor seinem Börsendebüt, und Groupon hat gestern die notwendigen Unterlagen für einen IPO bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht.

Bisher entschieden allein institutionelle Investoren über die Bewertungen der einstigen Startups. In einigen Monaten jedoch werden selbst Privatanleger ihr Vermögen in diese Firmen pumpen können. Für die bisherigen Anteilseigner und Geldgeber ist dies natürlich positiv, denn sie erhalten ihren Return on Investment.

Betrachtet man jedoch die allgemeine, von einer neuen Euphorie geprägte Verfassung des Marktes und die unglaublich hohen finanziellen Erwartungen in die Börsenkandidaten, muss es fast zwangsläufig zu einem enttäuschenden Ende kommen. Die Frage ist nur, wer die Verlierer sein werden.

Im Januar hatte ich mich festgelegt: Wenn es so etwas wie eine Blase gibt, dann ist es die Rabattplattform Groupon, die dessen Entwicklung vorrangig repräsentiert. Davon bin ich heute fester überzeugt denn je.

750 Millionen Dollar will Groupon mit dem Börsengang erlösen. Die zuletzt gehandelte Bewertung lag bei etwa 25 Milliarden Dollar. Das Ende 2008 gegründete Unternehmen aus Chicago ist die am schnellsten wachsende Firma aller Zeiten: Zweieinhalb Jahre nach dem Launch arbeiten unglaubliche 8.000 Menschen für Groupon, die Hälfte davon im Vertrieb.

Wirtschaftlich sieht es auf der Umsatzseite erst einmal nicht schlecht aus: 2010 lag dieser bei 713 Millionen Dollar und im ersten Quartal 2011 allein bei 644 Millionen Dollar. Dabei handelt es sich um die Erlöse aus dem Verkauf der Gutscheine, die mit dem jeweiligen Händler oder Gastronomen geteilt werden. Groupons Anteil beträgt üblicherweise 50 Prozent oder mehr.

Profitabel ist der globale Shootingstar unter den Webfirmen aber nicht. Im vergangen Jahr bezifferte sich der Verlust auf 456 Millionen Dollar, im ersten Quartal 2011 auf 147 Millionen Dollar. "Wir investieren aggressiv in Wachstum", so die Begründung von CEO Andrew Mason. Groupon hat in den vergangenen Monaten fast im Wochentakt Nachahmer überall auf der Welt aufgekauft - im Sommer 2010 auch das deutsche CityDeal.

Unterm Strich heißt das also, dass ein in bisher nicht gekanntem Tempo expandierendes Unternehmen mit weit über einer Milliarde Dollar Venturekapital im Rücken an die Börse geht, das zwar ordentliche Umsätze vorweisen kann, aber auf absehbare Zeit keinen Gewinn machen wird.

Zumal es wirklich nicht schwer ist, mit stark rabattierten Gutscheinen und einer dafür unter mutmaßlich hohem Druck arbeitenden Vertriebsmannschaft von nahezu 4.000 Personen an ein paar Euro der Internetnutzer zu kommen. Wer im Restaurant einen halben Liter Bier für 50 Cent verkauft und 500 Angestellte ausschenken läst, würde sich auch mit hohen Umsatzzahlen brüsten können.

83 Millionen User sind bei Groupon registriert, 28 Millionen Deals wurden im ersten Quartal 2011 verkauft. Dass Leute sich auf Dinge stürzen, die billig sind, sollte niemanden überraschen. Aber sind sie danach auch zufrieden? Werden sie zu Stammkunden bei dem jeweiligen Händler? Berichten sie ihren Freunden davon, wie toll Groupon ist (auch wenn sie dafür keine Provision bekommen würden)? Das ist bis heute ungeklärt. Und es existieren allerlei Warnzeichen rund um das Phänomen Groupon:

Diese reichen von Zweifeln am tatsächlichen Sinn für Händler und Gastronomen , ihre Leistungen oder Produkte zu Dumpingpreisen über die Rabattplattform anzubieten, über Qualitätsmängel oder Verfügbarkeitsprobleme bei den Angeboten bis hin zu internen organisatorischen Hürden - hunderte neue Mitarbeiter pro Monat auf die Unternehmensvision einzuschwören und an einem Strang ziehen zu lassen, stellt selbst das erfahrenste Management vor eine Herausforderung.

Als auffällig kann auch gewertet werden, dass ein großer Batzen der jüngsten Kapitalspritze in Milliardenhöhe nicht auf Groupons Konto wanderte, sondern an frühe Investoren ging, die einige ihrer Anteile abstießen. Hier entsteht der Eindruck, dass die damaligen Geldgeber selbst nicht daran glauben, dass Groupon die enorm hohen Erwartungen erfüllen können wird.

Ich habe natürlich selbst auch schon einmal Groupon genutzt (jeder spart gerne). Und dennoch halte ich das Konzept Groupon in seiner Form für das Gegenteil eines nachhaltigen und zukunftsorientierten Ansatzes. Statt mit einem soliden ethischen Fundament einen klaren Mehrwert für alle Beteiligten zu schaffen, riecht der Rabattdienst eher nach einer ausschließlich auf kurzfristiges Hyperwachstum ausgelegten Marketingmaschine, bei der vor allem durch extrem hohen Salesdruck Anbieter dazu überredet werden, Waren und Dienstleistungen für Niedrigstpreise zu verscherbeln, in der (unbestätigten) Hoffnung, auf diesem Weg viele neue Stammkunden zu gewinnen.

Vielleicht tue ich Groupon mit dieser harschen Beurteilung unrecht. Offensichtlich jedoch sind die zahlreichen Risiken und Unsicherheitsfaktoren rund um das Unternehmen. Dass dieses nun nach weniger als drei Jahren und im aktuellen, vom Hype getriebenen Klima der Begeisterung an die Börse geht, beunruhigt mich.

Eine bevorstehende Welle an Börsengängen halte ich für unausweichlich. Denn jede mit derartigen Ambitionen ausgestattete Internetfirma weiß ob der realen Gefahr einer Überhitzung des Marktes. Wer jetzt nicht agiert, könnte die Chance auf einen lukrativen Exit verpassen. Entsprechend stark wird der Druck von Investoren sein, den IPO einzuleiten. TechCrunch-Reporterin Sarah Lacy berichtet, wie schwer es plötzlich ist, auf Branchenkonferenzen Gründer und Investoren vors Mikrofon zu bekommen - denn im Zuge der Börsenvorbereitungen will und darf sich niemand zu Details äußern.

Viele der in den letzten Jahren beobachteten Investments in Webfirmen erfolgten mit der Aussicht auf einen Exit. Doch die bereits börsennotierten Big Player wie Google, Apple oder Microsoft können nicht jeden aufkaufen. Der Start am Aktienmarkt ist damit häufig der einzige Ausweg. Und dennoch - oder gerade deshalb - befürchte ich, dass dieser der Internetbranche ein zweites Mal bitter aufstoßen wird. Mit Sicherheit nicht auf die gleiche Weise wie anno 1999/2000 - dazu sind die Rahmenbedingungen zu unterschiedlich - aber trotzdem mit dem Ergebnis monetärer Verlierer und eines angeschlagenen Vertrauens in die Webwirtschaft.

Die menschliche Psychologie und der Drang nach Gewinn sind einfach zu stark, als dass man für die nächsten Monate von einem kollektiv rationalen und "vernünftigen" Handeln ausgehen kann. Zu viel Geld steht auf dem Spiel.

Um es mit den Worten von Michael Arrington auszudrücken: "Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn Facebook heute an die Börse ginge." Mittlerweile möchte ich es mir gar nicht mehr vorstellen.

Das Ende der Aufwärtsentwicklung ist mit Sicherheit noch nicht erreicht. Aber irgendein Ende muss es ja geben, oder? Nach einem Happy End sieht es zumindest nicht aus.

Im Angesichts der jetzigen Dynamik erscheint es schon ziemlich absurd, dass bereits Ende 2007 von einer Blase gesprochen wurde. Womöglich werden wir in einigen Monaten auf den Juni 2011 zurückblicken und ein ähnliches Gefühl haben.

(Foto: Flickr/zoonabar, CC-Lizenz)

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