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03.09.10Leser-Kommentare

Innovationswüste deutsches Internet: Vier Lösungsvorschläge

Das Problem ist bekannt: Web-Startups aus Deutschland sind nicht immer die innovativsten und selten international erfolgreich. Hier sind vier Vorschläge, wie sich dies ändern lässt.

 

Die Problematik der mangelnden Innovationsfähigkeit deutscher Startups sowie der fehlenden internationalen Durchschlagskraft hiesiger Internetdienste haben wir schon oft unter die Lupe genommen (z.B. hier, hier, hier und hier). Zwar gibt es in letzter Zeit vermehrt Anzeichen für einen möglichen Sinnes- und Mentalitätswandel in der deutschen Gründerszene - man denke hier nur an neue Inkubatoren wie HackFwd oder Hanse Ventures - aber im Großen und Ganzen haben wir die strukturelle Misere noch nicht hinter uns gelassen.

Paul Piper, Gründer des Online-Marktplatzes Bazaaria sowie der E-Commerce-Agentur Ilscipio, versucht in einem Gastartikel bei t3n, die Hintergründe der "Innovationswüste deutsches Internet" zu erklären und liefert einen lesenswerten Überblick über die hiesigen Schwierigkeiten und Probleme aus Sicht eines Startup-Gründers.

Er beschriebt die deutsche Tendenz zur Kritik, die nach seinen Erfahrungen leicht von einer gutgemeinten Hilfestellung in Schlechtmacherei übergehen kann und sich auch im privaten Umfeld äußert. Er stellt auch fest, dass der Respekt vor dem mutigen Schritt in die Selbstständigkeit erst mit dem Erfolg der Unternehmung eintritt - "zuvor sei man mit einem 'vernünftigen' Beruf besser bedient", so lautet in seinen Augen die verbreitete Meinung.

Die Folge ist nach Ansicht von Piper ein Mangel an Identifkationsfiguren im deutschen Web. Auch moniert er die verbreitete Angst vor Fehlern und die damit verbundenen Risikoaversion, die BWL-Lastigkeit vieler Gründer (was, so sollte man es fairerweise anmerken, nicht den Wirtschaftswissenschaftlern anzukreiden ist sondern den Ingenieuren und Entwicklern, die sich vor dem Schritt in die Selbstständigkeit scheuen), die fehlende mediale Aufmerksamkeit für innovative Startups sowie die Schwierigkeit, Investoren von neuen, ungeprüften Ideen und Konzepten zu überzeugen.

Pipers Analyse birgt wenig neue Erkenntnisse, fast die Situation aber sehr gut zusammen. Betrachtet man sowohl die in seiner Analyse formulierten Argumente als auch die von uns in anderen Artikeln zusammengetragenen Punkte zu diesem Thema, wird deutlich, dass es einige Faktoren gibt, die sich nur sehr schwer und vor allem nicht kurzfristig justieren lassen (beispielsweise die deutsche Angst und Risikoabneigung), und andere, die sich durchaus zum Vorteil der deutschen Startup-Szene verändern ließen.

Man könnte sicherlich eine Liste von 25 oder mehr Maßnahmen zusammenstellen, die in Deutschland angegangen werden müssten, um der nationalen Gründerszene den benötigten Schub zu geben. Doch ich halte es für klüger, sich auf wenige, dafür sehr wichtige Aspekte zu konzentrieren und an diesen zu arbeiten. Folgende vier Punkte sind es meiner Meinung nach besonders wert, mit Herzblut und Energie von allen Beteiligten angegangen zu werden:

Selbstständigkeit als Prestige

Wenn sich in meiner Wahlheimat Schweden Freunde oder Familie zum Abendessen treffen, ist häufig derjenige am Tisch besonders angesehen, der unternehmerischen Erfolg hat. In Deutschland hingegen - und jetzt kommt eine bewusste Überspitzung - ist es derjenige, der 15 Semester studiert und danach promoviert hat.

Das muss sich ändern. Politik, Medien und Bildungseinrichtungen müssen einen Einstellungswechsel fördern, um Unternehmertum sexy zu machen. Oder, wie es Peter-J. Bisa im Rahmen der Enquete-Kommission zur Netzpolitik formulierte: "Wir müssen junge Unternehmer, die etwas Tolles erfinden, wie Popstars behandeln und in den Medien herausstellen." Das würde nicht nur die Zahl der Gründer erhöhen, sondern bei existierenden Startups auch zu mehr Zuspruch und Unterstützung von außen führen.

Clusterbildung

Als ich den schedischen CEO des Berliner Startups SoundCloud in einem Interview fragte, warum Deutschland sich so schwer tut, Webdienste mit globalem Einfluss hervorzubringen, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Hierzulande fehle der zentrale "Hub", also ein Cluster, an dem sich sämtliche Faktoren für erfolgreiche Startups konzentrieren: Talente, Know-how, Ideen und Kapital. Die USA hat das Silicon Valley, Großbritannien hat London, die Schweiz hat Zürich, Österreich hat Wien - Deutschland hingegen hat München, Hamburg, Köln, Berlin, Düsseldorf etc.

Die fehlende Zentralisierung ist eine Schwäche, da an vielen Orten parallel getüftelt und entwickelt wird, mit Überschneidungen von Ideen und allgemeiner Ressourcenknappheit. Ein echter Technologie-Cluster für Webfirmen würde die Rahmenbedingungen radikal verbessern. Die (für mich als gebürtigen Berliner) erfreuliche Nachricht: Berlin scheint, zumindest was die Anzahl an jungen Startups betrifft, auf einem guten Weg zum deutschen Web-Hub zu sein. Jetzt müssten nur noch Investoren und Seed-Inkubatoren nachziehen und nach Berlin umsiedeln! Profitieren würde am Ende die gesamte Branche.

Internationalität

Ich hatte es kürzlich in diesem Beitrag beschrieben: Deutschland wirkt groß genug, um sich als Startup nur auf diesen einen Markt beschränken zu können. In einem globalen Internet ist dies in einigen Bereichen jedoch eine kurzsichtige Strategie - gerade was Dienste zur Vernetzung von Usern betrifft. Gründer müssten von vorn herein offener für einen globalen Ansatz sein und Ambitionen haben, die weit über den hiesigen Markt hinausgehen. Als postiver Nebeneffektiv würde dies auch ihre Chancen erhöhen, sich für ausländische Investoren attraktiv zu machen.

Für den Twingly Blog interviewte ich kürzlich Sorosh Tavakoli, den CEO von Videoplaza, einem vor zweieinhalb Jahren gelaunchten Dienstleister für Videovermarktung aus Stockholm. Er berichtete mir, dass der schwedische Markt bereits nach einem halben Jahr so gut wie "abgegrast" war und deshalb gar keine andere Wahl bestand, als ins Ausland zu expandieren. Um den internationalen Ansatz zu unterstreichen, forciert Videoplaza eine "No Swedish"-Richtlinie - für die offizielle interne Kommunikation setzt das Unternehmen ausschließlich auf die englische Sprache. Durchaus nachahmenswert, wie ich finde.

Risikokapital

Venture Capital in Deutschland ist knapp. Daten des Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) belegen, dass in Deutschland im Jahr 2008 0,04 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Riskokapital in Startups flossen. Der europäische Durchschnitt lag mit 0,05 Prozent etwas darüber. Spitzenreiter waren Schweden und England, wo 0,15 bzw. 0,09 Prozent des BIPs als Venture Capital in Neugründungen investiert wurden.

Sicherlich sind die Einflussmöglichkeiten der Onlinebranche und Jungunternehmer begrenzt, bestehende und potenzielle Geldgeber zu größeren Kapitalspritzen zu bewegen. Und auch bei den hiesigen VCs kann man von einer gehörigen Portion deutscher Risikoscheue ausgehen (was deren kräftige Unterstützung von Copycats beweist). Der Gesetzgeber könnte jedoch zusätzliche Anreize dafür schaffen, Investments in Form von Venture Capital attraktiver zu machen. Das Problem ist ja nicht, dass in Deutschland das Geld dafür fehlt, sondern, dass es anderweitig eingesetzt und investiert wird.

Wie bewertet ihr diese Aspekte? Gibt es andere Maßnahmen, die in euren Augen höhere Priorität haben sollten?

(Foto: stock.xchng )

Kommentare

  • Stefan Wolpers

    03.09.10 (13:39:12)

    Ich stimme Dir zu, dass Berlin in Deutschland das größte Potential hat, Hub zu werden. Und einige der (Internet-)Unternehmer vor Ort möchte durch ein neues Netzwerk dazu beitragen, dass noch viel mehr nach Berlin kommen und sich an die Verwirklichung Ihrer Idee machen. Und wir wollen unterstützen: Mit Veranstaltungen, Austausch untereinander, dem Lernen voneinander – das Rad muss ja nicht immer wieder neu erfunden werden. Wir starten hierzu am 29. September mit unser ersten Veranstaltungsreihe – „Entrepreneursclub@Frannz – Gründer fragen, Gründer antworten“–. Das Thema lautet: „Howto: ProFIT – Das Eigenkapital-Förderprogramm der IBB Investitionsbank Berlin in der Praxis”: http://entrepreneursclub.de/2010/08/entrepreneurs-club-frannz-gruender-fragen-gruender-antworten/ und stellte die Berliner Besonderheit im Funding von Startups vor: ProFIT. Wir freuen uns auf Vorträgen der IBB (Metaebene) und @Bettenjagd (ProFIT in der Praxis). Die Veranstaltung ist kostenfrei und wir freuen uns über rege Beteiligung...

  • NaDa

    03.09.10 (23:46:46)

    Wittgenstein hatte Recht!

  • Ulrike Langer

    04.09.10 (18:59:06)

    Stimme zu, außer in einem Detail: Auch wenn in Deutschland noch so viel auf angeblich faule Beamte geschimpft wird - "geschafft" hat es hierzulande vor allem derjenige, der einen unkündbaren Beamtenposten mit anschließender Beamtenpension ergattert hat. Und ja, wie Du schon sagst: Nicht derjenige, der mit eigenem oder geliehenem Kapital etwas riskiert. Und schon gar nicht, wer als Untenehmer gescheitert ist und es mit einem neuen Konzeprt noch mal probiert.

  • Jürgen

    06.09.10 (08:36:52)

    Du hast natürich Recht, dass jemand mit Doktortitel hierzulande hohes Ansehen genießt. Ich sehe aber nicht, dass ein Selbständiger demgegenüber schlechter wegkommt. Meiner eigenen Erfahrung nach haben die Leute Respekt davor, wenn einer den Mut aufbringt, den sicheren Hafen des Angestelltentums zu verlassen und sich mit seiner Idee einem Risiko auszusetzen. Und das Risiko ist vor allem finanzieller Natur: Du bekommst die Anfangszeit, die Vor-Venture-Phase, nicht finanziert, es sei denn, du hast dir was gespart, betreibst dein Projekt nebenberuflich (und dann eben nur mit halber Kraft) oder hast reiche Eltern. Die Banken husten dir was, das EXIST-Programm fördert derzeit keine Webprojekte und bei den wenigen Gründungswettbewerben musst du dich gegen die Masse durchsetzen, um ein kleines Preisgeld zu gewinnen. Eine innovative Idee verliert hier aber fast immer gegenüber dem wirtschaftlich tragfähigeren Konzept (sprich: Online-Shop). Schon deswegen hätten Twitter und YouTube niemals in Deutschland erfunden werden können. Als Hochschulabsolvent mit einer Geschäftsidee kannst du vor dem Staat einen Strip hinlegen (Hartz IV) und vor einer Kommission auf die Knie fallen, dass sie dir sechs Monate lang 300 Euro Gründungszuschuss zahlen. Dabei geht es nicht darum, als Gründer in Saus und Braus zu leben, sondern nur für das Anfangsjahr (die Seed- und Pre-Seed-Phase) den Lebensunterhalt zu decken. Und das umfasst vor allem die mindestens 500 Euro Sozialversicherung, die immer anfallen, selbst wenn man keine Einnahmen hat. Das Klima hier ist innovationsfeindlich, wenn es um kleine Gründungen geht. Und das ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, warum in Deutschland bis auf wenige hervorragende Ausnahmen nur Copy-Cats und amateurhafte Projekte erschaffen werden.

  • Frank

    03.10.10 (07:48:39)

    Es fehlt meiner Ansicht nach ein Web Service der es erlaubt z.B. eigene Programme und Produkte, gegen Gebuehr und eigene Verantwortung fuer das Produkt, global zu verkaufen. Das selbst umzusetzen ist extrem schwierig (unterschiedliche steuerliche und rechtliche Anforderungen, Vertretung in dem jeweiligen Land, Fremdwaehrungskonten,...) und fuer viele daher nicht machbar. Desweiteren waere ein Internet Ministerium angebracht, welches alles rund um dieses Thema abdeckt (Netzzugang, Richtlinien, rechtliche Fragen, Foerderung neuer Internet Technolgien sowie Startups und Cluster, Behandlung neuer Medien, Gemeinschaftsprojekte...). Missstaende muessen rasch angegangen werden. Es darf nicht sein, dass ein Anwender der eine Webseite hostet wegen eines Formfehlers auf der Webseite ohne Vorwarnung gleich auf hohe Geldbetraege verklagt werden kann.

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