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05.08.10

Innovationen: Google Wave und die Early Adopter

Mit dem Ende von Google Wave gerät der Early-Adopter-Fokus vieler Onlinedienste in die Diskussion. Doch an diesem ist Wave nicht gescheitert.

 

Gut ein Jahr nach seinem aufsehenerregenden und mit viel Lob aus der Tech-Community flankierten Start wird Google Wave also durchaus überraschend nicht mehr weiterentwickelt . Der dazugehörige Blogpost spricht zwar nicht offiziell von einer Einstellung, aber garantiert ein Fortbestehen des Dienstes lediglich bis Ende des Jahres.

Bei ReadWriteWeb gibt es angesichts der Neuigkeit einen Gedankenanstoss , was die Bedeutung von Early Adopter für die Webwelt und neue Onlinedienste betrifft. Der Tenor des Artikels: Early Adopter, also der Teil der Konsumenten, der (zusammen mit den Innovatoren) als erster und mit Begeisterung neue Produkte und Dienste ausprobiert, hat darin versagt, "herkömmliche" User von Google Wave zu überzeugen.

Damit einhergehend wirft der Beitrag die Frage auf, inwieweit es für Startups überhaupt sinnvoll ist, sich auf Early Adopter zu fokussieren, statt den Schwerpunkt auf die größeren Konsumentengruppen wie die "frühe Mehrheit" ("Early Majority"), die "späte Mehrheit" ("Late Majority") oder die Nachzügler ("Laggards") zu legen (siehe).

Welche Kundengruppe mit einem neuen Webservice angesprochen werden soll, ist in der Tat eine kritische Frage für viele Onlineangebote. Während sich neue Dienste bei den 16 Prozent Innovatoren und Early Adopter relativ sicher sein können, dass sie deren Aufmerksamkeit erhalten und dass die meisten auch fortgeschrittenere, möglicherweise bisher in dieser Form nicht existierende Funktionen geduldig ausprobiert werden, hat diese Zielgruppe den Nachteil, prozentual gesehen vergleichsweise klein zu sein. Zudem gilt sie als sprunghaft, da sie in ihrer Rolle als Trendsetter und Multiplikatoren permanent neue Services und Produkte entdeckt, die ebenfalls getestet werden wollen.

Die verbliebenen 84 Prozent der Konsumenten sind dagegen weniger flexibel, was den Wechsel von Produktpräferenzen oder das Interesse für neue Angebote betrifft. Diesem Nachteil stehen der quantitative Vorteil (es sind einfach viel mehr) sowie die größere Loyalität gegenüber. Wer es nicht als sein Hobby oder seine Aufgabe sieht, permanent mit den neuesten Innovation herumspielen zu müssen, gerät seltener in Versuchung, den Anbietern seines Vertrauens den Rücken zu kehren.

Wer wie wir häufig über neue Startups berichtet, sieht beide Ansätze: Dienste, die sich zu Beginn an die kleine Gruppe der Early Adopter richten, und Dienste, die lieber sofort den Massenmarkt anvisieren. Das Problem bei letztgenannter Strategie: Diese klappt in der Regel nur dann, wenn der angebotene Service leicht verständlich ist und keinerlei größere Einstiegshürden beinhaltet. Ein Beispiel hierfür wäre Groupon.

Web-Startups, die revolutionäre Ansätze haben, neuartige technische Highlights bieten oder etablierte Verhaltensmuster in Frage stellen, haben daher häufig gar keine andere Wahl, als anfangs auf die neugierige, experimentierfreudige, aber kleine Zahl der Early Adopter zu setzen. Nur die sind flexibel und offen genug, um relativ vorurteilslos das Gebotene auszuprobieren.

Hier lag das Problem von Google Wave. Der Dienst war derartig ungewohnt und neuartig in seiner Ausformung, dass nach der anfänglichen Euphorie selbst Early Adopter Schwierigkeiten hatten, Wave einzuordnen und sinnvolle Anwendungsszenarien zu finden.

Deshalb sehe ich keineswegs den Early Adopter-Ansatz - der sich im mehrere Monate andauernden Status der geschlossenen Beta-Phase manifestiert - als den Fehler von Google Wave. Das Tool war einfach selbst für versierte User zu viel des Guten, und nur wenige Nutzer konnten es erfolgreich in ihren Onlinealltag integrieren.

Insofern sehe ich das absehbare Ende von Google Wave nicht als Anlass, um den Early-Adopter-Fokus von Onlineangeboten in Frage zu stellen. Für vielerlei innovative Services ist dies zu Beginn die einzige Zielgruppe, deren Aufmerksamkeit sich gewinnen lässt (beste Beispiele hierfür: Twitter oder foursquare).

Erst nachdem dieser Schritt erfolgreich gemeistert wurde, muss es daran gehen, mit Hilfe der als Multiplikatoren auftretenden Early Adopter die frühzeitige Mehrheit anzusprechen. Google Wave hat es nicht einmal geschafft, die Multiplikatoren dauerhaft bei Laune zu halten. Hier liegt die Ursache für das vorläufige Scheitern des Dienstes. Nicht an der Ausrichtung auf Early Adopter.

Vielleicht werden wir Elemente von Google Wave in anderen Google-Services wiederfinden, zum Beispiel im offenbar geplanten Social Network. Und vielleicht wird es in einigen Jahren eine ähnliche Lösung geben, die ein ganz großer Hit wird. In diesem Fall wird man sich an Google Wave als eines dieser Angebote erinnern, die ihrer Zeit um einige Jahre voraus waren.

Eine kleine Google Wave-Historie gibt's beim GoogleWatchblog.

(Grafik: Wikimedia Commons)

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