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20.03.08Leser-Kommentare

Inhalt war gestern: Die Contentlieferanten

Dieses Wort hat es in sich. Wer den Begriff Contentlieferanten verwendet, degradiert Autoren nicht selten zu bloßen Erfüllungsgehilfen seiner Anzeigenabteilung.

Content (Bild Keystone)
Content? (Bild Keystone)

Irgendwann in den 90er-Jahren ging es los: Statt von 'Medieninhalten' sprachen Menschen, die sich als besonders hip und nerdig verstanden, plötzlich vom 'Content' eines Mediums, womit sie die Text-, Sprach- und Bildinhalte meinten. Und aus Blogs und Wikis wurden 'Content Management Systeme'.

Gut - könnte man sagen - das kennen wir ja: Das ist die überdrehte Sprache einer technischen Avantgarde, die sich kein Butterbrot mehr in den Rachen stopfen kann, ohne lauthals von 'Fingerfood' zu schwätzen. Dann aber kam das Marketing dahergeschlendert, jene geldnasigen Schnüffels mit den flinken Augen also, die hier, in der Neusprachlichkeit, lukrative Geschäftsmodelle witterten. Denn jedes Wort, das wissen sie schließlich am besten, verändert die Welt. Daher ihr unaufhörliches, marketing-typisches Neu-Babbelonisch, 'damit nicht gleich ersichtlich sei, wo irgendein Profit dabei'.

Dass man künftig mit 'Umsonst-Text' einen goldenen Schnitt zu machen gedenke, das hätte ein wenig arg unverfroren geklungen. Zu laut hätte der Dümmste noch die Nachtigall trappsen gehört. Also mussten erst neue Hochglanzvokabeln her. Da kam das flexible Wörtchen 'Content' gerade recht. Ultraschlau sprach man plötzlich von 'User Generated Content': Der Leser solle sich sein Gequatsche gefälligst selber schreiben - so, als ob die Henne jenes Korn erst mal selbst pflanzen müsse, das sie anschließend aufpicken darf.

Den Bauern wiederum - also dem Bauer, dem Burda, dem Holtzbrinck und all den anderen Verlegern - waren solche personalschonenden Modelle natürlich höchst einsichtig. Den Usern weniger. Die schrieben einfach nichts. Oder wenn, dann höchstens für sich. Oder aber schlecht. So dass selbst die selbstgenügsamsten Hühnchen mit ihren Schnäbeln nicht das ersehnte 'Klickklickklick' auf der Tenne des Verlegers machen wollten.

Neuer Versuch also: Für den verehrten Internet-Nutzer erfand man statt schnöder 'Gebühren' den 'Paid Content' nach dem ludenhaften Peep-Show-Prinzip: "Willsu moine Oide gückn, mussu ersn Euro zücken!" Das haute prompt wiederum nicht hin: So erotisch waren selbst Jörges oder Aust nicht, dass ein durchschnittlich veranlagter Medienfreier dafür auch noch Geld rausgerückt hätte. Wer heute im Web-2.0-Marketing noch das Wort 'Paid-Content' erwähnt, bezahlt daher an den meisten Aussichtsplattformen über die neue, grenzenlose Medienlandschaft hundert Euro in das Phrasenschwein.

Für mich aber heißt nachwievor der gefährlichste Neologismus 'Contentlieferant', nicht nur weil hier englisches und geschäftsdeutsches Vokabular so zusammengemanscht wurden, dass dieses Wörtchen aussieht wie ... wie Labskaus. Sondern auch deshalb, weil das Bild, das dieses Wort semantisch generiert, in seinen Implikationen die Medien ihrer Funktion völlig entkleidet. Wenn Medien Medien bleiben wollen, ist das Wort völlig dysfunktional.

Der Reihe nach: Medien sind bekanntlich Produktionsbetriebe, die Medieninhalte als ihr Produkt herstellen - oder 'Content', falls jemand dieses Wort wie Viagra benötigt. Medieninhalte herzustellen, das ist der gesellschaftliche oder systemische Lebenssinn jener 'Marken', die solche Namen wie 'Stern', 'ZDF', 'Endemol' oder auch 'Spreeblick' auf der Stirn tragen. Wenn ich jetzt aus einem solchen Unternehmen die Contentproduktion auslagere und einem 'Lieferanten' übertrage, dann bleibt von dem sendenden Medienunternehmen außer dem Namen nur noch eine leere Hülle übrig. Es verwandelt sich in einen Luftballon; in eine Verwaltung, die nichts mehr außer sich selbst verwaltet. Ähnlich wie ein Stahlwerk, das sich seinen Stahl vom Pizzaservice bringen ließe.

Natürlich kann ich mir die Projektrunden schon vorstellen, die dafür verantwortlich sind. Wo lauter Willi Wichtigs die nächsten Bizziniss-Portale, Lifestyle-Communities oder News-Aggregatoren auskaspern, weil im 'Wäpp Tuh Ouh' doch die goldigen Zukunftschancen liegen, die mit Aktienoptionen belohnt werden: "So, meine Herren", sagt dann bspw der Obermufti CEO, während er den Stuhl zurückschiebt, "das war's dann wohl. An die Arbeit! In drei Wochen ist wieder Termin". "Ä-hem", meldet sich da schüchtern noch einmal Müller-Vier zu Wort, der frischgebackene CMO (Communication Managing Officer), "wir haben doch noch gar nicht über den Content für die neue Be-Totally-You-Community geredet". "Ach, was!", wischt der CEO den Einwand beiseite, "da holen wir uns einfach irgendeinen Contentlieferanten, meine Sekretärin kennt da einen ganz guten, der nicht viel kostet. Das ist doch gar kein Problem". Was wiederum meine Befürchtung bestätigen würde, dass in manchen Medienkonzernen niemand mehr an entscheidender Stelle zu finden ist, der selbst schreiben kann. Vielleicht ist es auch ein Ausschlusskriterium.

Kurzum: Wer seine Begrifflichkeit auf Worte wie 'Contentlieferant' umstellt und entsprechend handelt, der stellt irgendwann nicht mehr das her, was er zu verkaufen vorgibt. Er ist ein reiner Zwischenhändler und ordert im Sweatshop eines vorgelagerten verbalen Nudelfabrikanten jenen Grauwert, den er als Füllsel für sein Anzeigenumfeld benötigt. Der hinzugezogene Lieferant wiederum schubst, mit dem Auftrag in der Hand, seine genügsamen Spaghetti-Maschinchen aus dem Lotterbett des Prekariats, wo die Jungs im blauen Overall dann eine journalistische Pasta produzieren müssen, die abhängig von der Form als 'Artikel', 'Feature', 'Fotostrecke', 'Reportage' oder 'Magazinbeitrag' in kürzester Zeit geliefert werden kann.

Wohlgemerkt - ich behaupte nicht, dass es überall heute schon so wäre. Wer aber mit Begriffen wie 'Contentlieferant' erst einmal gedanklich operiert, der landet über kurz oder lang bei solchen Geisteszuständen. Weil sich die notwendigen Abläufe in seinem Kopf dann so strukturieren. Der Text wird ihm zu einer Sache der Einkaufsabteilung - mit Meinung, Information, Stil, Sinngebung oder gar eigenem Denken hat er fortan nichts mehr am Hut. Die Meinungsindustrie hätte sich unter ihm von jeder ideologischen Funktion verabschiedet: Gemeint wird nur noch, was Awareness oder Klicks bringt und preiswert zugeliefert werden kann.

Leid tut es mir dabei nicht nur um all die 'Schriftsteller', 'Autoren, 'Journalisten', 'Reporter', 'Texter', 'Moderatoren' oder auch 'Blogger', die sich durch diesen Wortgebrauch in eine textliche Zuliefererindustrie verwandeln, wo alle Katzen grau sind und wo um jeden Cent gekämpft wird. Schade ist es auch um die Medien, die bisher ja ein 'Gesicht' trugen, oder ein Marke, die stark vom textlich-journalistischen Profil abhing. Jetzt kommt die große Angleiche, die Differenzen schwinden. Bis wir zum Schluss von jeder Medienart nur noch ein Medium brauchen. Und selbst das 'brauchen' wir dann eigentlich nicht mehr. Die Medien sind im Zustand ihrer Selbstauflösung, weil nur der Unterschied einen Unterschied machen kann (Bateson).

Man mag das alles für 'Kulturpessimismus' halten, an besseren Tagen lache ich mich ja selbst dafür aus. Weil mir aber das Wort 'Contentlieferant' derart gnadenlos missfällt, habe ich es als Kandidaten zum 'Unwort des Jahres' eingereicht:

 

"Guten Tag, mein Kandidat für das Unwort des Jahres lautet ?Contentlieferant?, ein Ausdruck, der inzwischen in der Verleger- und Medienszene allgegenwärtig ist, insbesondere dort, wo sie sich in Online-Redaktionen oder im Web 2.0 tummelt. Begründung: Das Kunstwort ersetzt nicht nur Worte wie ?Journalist?, ?Autor?, ?Schriftsteller? oder ?Texter?, es ersetzt die Schreibberufe und –personen im Denken und Handeln dieser Impressarios des Medienzirkus ganz konkret durch eine Warenvorstellung von der Textentstehung. Es verwandelt damit eine geistige Leistung – den geschriebenen Text - in ein genormtes und industrielles Produkt wie bspw. ?Leberwurst? oder ?Stoßdämpfer?. Ferner: Die Hülle – also die Zeitung, der Sender, die Plattform – wird frei nach McLuhan zum eigentlichen Sinn der medialen Veranstaltung, der Inhalt, der Text aber wird ausgelagert und künftig vom Pizzadienst des Prekariats ins Medienhaus geliefert. Der vormalige Hausautor wird zum Außerhausautor – der Verlag emanzipiert sich von den lästigen Schreibern, die ökonomischen Abläufen nur im Wege stehen. Von ästhetisch-semantischen Gründen, wie der unverdaulichen anglogermanischen Mischung, abstrahiere ich einfach, auch von dem absehbaren ökonomischen Scheitern des Modells, das sich in täglich sinkenden Auflagen und Reichweiten bereits andeutet ? "

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Ugugu

    20.03.08 (10:11:36)

    Moment, ist doch erst Donnerstag? (insider für contentlieferanten)

  • Ole

    20.03.08 (10:53:14)

    Kurze Woche :)

  • Jochen Hoff

    20.03.08 (11:03:21)

    Ich habe einen ganz anderen Verdacht. Erst mit dem Begriff Content wurde das geschaffen was uns heute aus allen Medien entgegenprallt. Content die Brücke zwischen zwei Werbeinhalten. Sozusagen eine optische Werbetrennung. Ich hab mal eine Software für die Plakatwirtschaft entwickelt. Da kam es darauf bestimmte Werbungen voneinander zu trennen, oder an wichtigen Punkten doch Trenner dazwischen zu schieben. Zwischen Schultheiß und Bit passte dann immer ein "Wir sind für sie da" oder "Bauknecht weiß wie es Frauen wünschen!" Genau da sind wir heute Content Werbung in reiner Textform.

  • Wolf-Dieter Roth

    20.03.08 (11:10:09)

    Incontentinenz? :o) Content ist das, was billig beschafft oder ganz geklaut ist. Man muß nur Promi oder Journalist sein, schon wird alles zum "hochwertigen Content", was um einen rum ist und abgestaubt werden kann. Und sei es der Inhalt der persönlichen Mailbox oder des Mülleimers. Ist sicher schon 20 Jahre her, als die Pizzaschachteln in Thomas Gottschalks Tonne fotografiert wurden und irgendwelche Hochglanzseiten aufmachten, war aber perfektes Content-Recycling, weit seiner Zeit voraus. Das mit den CMS war aber eigentlich andersrum: Erst gab es komplizierte und sauteure Content Management Systeme, damit die Redakteure nicht mehr mit dem HTML-Editor hantieren mußten. dann wurden schlankere Versionen für den Privatgebrauch entwickelt, und die Blogs blühten auf. "Contentproduktion"? Das einnert mich an einen Dialog aus der Zeit, als Zeitschriften noch aus Satzfahnen mit Schere und Fixogum zusammengeklebt wurden, so auch unser Blatt, und ein Kollege reichlich im Weg rum stand und schließlich fragte "Kann ich hier noch irgendwas Produktives tun?" "Ja, geh' doch mal aufs Klo!" Bei industrieller Contentproduktion kommt also ...genau... raus.

  • gis

    20.03.08 (11:30:16)

    Meinungsindustrie. Wenn ich das Wort nur schon höre! Wo, bitte schön, bleibt denn die Meinung in dieser Industrie?! Seit sich die Medien - allen voran Print - vom Meinungs- und (Gott sei Dank!) Parteijournalismus verabschiedet haben, finden sich überall dieselben, eingemitteten "Meinungen" - Mainstream Media eben. Man will ja niemandem mehr auf die Füsse treten. Und wenn, dann nur, wenn man sicher ist, die "Mehrheit" hinter sich zu haben. Es ist doch heutzutage so, dass die einzigen, die wirklich noch Medieninhalte produzieren, die Agenturjournalisten sind. Der Rest auf dem ach so hohen Ross schustert, flickt und kopiert zusammen. Langer Rede kurzer Sinn - Unwort des Jahrzehnts: Meinungsindustrie.

  • H.G. Hildebrandt

    20.03.08 (13:41:03)

    Grossartig formuliert. Aus dem Donnerstags-Insider bin ich leider nicht schlau geworden. Bitte um Aufklärung.

  • Jean-Claude

    20.03.08 (15:05:05)

    Ja, Jarchows Text ist eben nicht Content, das ist Handwerkskunst. Mit sowas kann man punkten und findet seine Leser. Ob damit Geld zu verdienen ist? Auf Dauer schon (nur im Moment vielleicht nicht gerade bei medienlese ...), weil es immer weniger davon gibt. Wenn das Wort Content missfällt, könnte man das Phänomen auch Heinekisierung nennen. Oder Heinekerei oder Heinekismus; engl. to heinek. Und die Verursacher: the heineks. Heineken ist ein Weltbier, dessen Geschmack im Labor so lange austariert wurde, bis es am Hamburger Jungfernstieg genau gleich schmeckte wie im Urwald von Papua-Neuguina oder in der Wartehalle von Nowosibirsk, obwohl Heineken weltweit in Dutzenden Brauereien gebraut wird und Bier, je nach Aussentemperatur, sich im Geschmack verändert. Noch gibt es wenige Produkte, die weltweit so einheitlich genormt sind. Coca Cola zum Beispiel. Beide Marken sind sehr erfolgreich bei der Egalisierung des Global-Geschmacks. Das Aergerliche daran ist: Heineken schmeckt überhaupt nicht schlecht. Nur gleich. Nun ist das web auch global. Zwangsläufig findet dadurch eine gewiss Egalisierung statt. Die "Einmittung" von Meinung - wie es hier im Blog erwähnt wird - ist eine Folge davon. Dieser Trend wird sicher noch viel, viel stärker werden. Wir sind ja erst ganz am Anfang der Entwicklung. Aber das ist dann wieder die Chance von Querköpfen à la Jarchow, die unter all den heinekisierten Salatköpfen auffallen. Noch wollen Medienmanager nichts davon wissen, weil sie glauben, sie könnten sie einfach irgendwo einkaufen und dort einpassen, wo sie gerade gebraucht werden. Noch ein wenig warten. Der Preis für - gute - Querköpfe steigt.

  • Thinkabout

    20.03.08 (16:11:38)

    Diese Content-Schieberei finde ich allerdings in Printmedien noch bemühender, wo Agenturmeldungen praktisch in jeder Zeitung seitenweise deckungsgleich gelesen werden. Im Internet scheint mir das etwas nachvollziehbarer zu sein - typische Blogs dafür gibt es genug und leider auch sehr erfolgreiche. Nur ist die Büschelung, Auswahl und Aufbereitung von "fremdem" Content auch schon eine Leistung, denn zunehmend wird es uns schwerer fallen, in der Flut noch die eigenen News zu strukturieren. Übrigens gibt es Gegenmittel: Den wirklichen Content-Erzeugern Liefermöglichkeiten und Portale schaffen, auf dass wir sie finden und wirklich Urheber rechten. Und entdecken und beachten. In diesem Sinn sind wir doch alle auch Möchtegern-Content-Lieferanten.

  • Thinkabout

    20.03.08 (16:20:27)

    Ich hätte noch eine Anregung: Damit der besagte Content besser bei uns Lesern ankommt, bitte ich um folgende Dienstleistung: Wäre es Ihnen möglich, die zahlreichen Links mit einem Titel zu versehen? Es schadet nämlich der Aufnahme des Contents, wenn man, um zu entscheiden, ob man nun dem Link folgen wolle, immer mit dem Auge nach unten in die Adresszeile des Browsers folgen muss, statt im Text bleiben zu können - mal abgesehen davon, dass ein paar Links weniger manchmal vielleicht mehr wären?

  • Ralf Bendrath

    20.03.08 (19:30:44)

    Dazu John Perry Barlow schon vor knapp drei Jahren: "I can not stand the use of the word ?content? for human expression. It is no coincidence that this term is becoming used at exactly the moment in history when the containers are disappearing."

  • Wolf-Dieter Roth

    20.03.08 (19:41:39)

    Hehe, der 'Container' ist auch so ein Unwort..."da haben wir leider kein passendes Gefäß für"...der Ausdruck kam eigentlich aus der Schweiz (zuerst habe ich ihn von Roger Schawinski gehört), aber inzwischen ist er auch in D gebräuchlich...

  • Ole Reißmann

    20.03.08 (19:44:57)

    @H.G. Hildebrandt: Ugugu hat neulich hier eine Häufung von Klaus Jarchows Beiträgen an Samstagen festgestellt ...

  • Klaus Jarchow

    20.03.08 (20:14:06)

    @ Ralf Bendrath: Um J.P. Barlow zu paraphrasieren: "Content surely makes nobody content". Bester Detlef Gürtler, als feinsinniger Betreiber von 'Wortistik' solltest du wissen, dass 'freier Texter' und 'Contentlieferant' eben keine Synonyme sind (gibt's Synonyme überhaupt?). Und falls jemand sich tatsächlich ohne Gänsehaut 'Contentlieferant' schimpfen lässt, dann kann ich ihn nicht mehr für einen textsensiblen Chopin des Buchstabenmetiers halte. Vielleicht bin ja auch Allergiker. Das 'Babbelonisch' aber schenke ich dir mit den besten Wünschen zu Ostern. @ Thinkabout: Das mit den 'Reitern' für die Links halte ich auch für eine gute Idee, wenn's denn 'sensitiv' ist und nicht so nervig daherkommt wie bspw bei den Popuppern von Snap. Ich reiche den Hinweis hiermit an die technische Abteilung im HTML-Maschinenraum weiter. Dieses 'Mash-uppen' von 'Fremd-Content' ist übrigens eine notwendige Folge der Verächtlichmachung von Textarbeit. Wer beim Pizzaservice bestellt, verliert die Kontrolle darüber, ob eventuell recycelter Gammel-Schinken auf der Torte duftet. Recht geschieht's ihm! @ Wolf-Dieter Roth: Wenn hier im Norden jemand 'abgeht in'n Container', dann kannst du ihn im Knast besuchen. Dort hat er sich dann in Content verwandelt. Dieser 'Diebstahlsfaktor' spielt beim Content tatsächlich eine große Rolle, Notwendigerweise, wenn man die ärmlichen Produktionsbedingungen betrachtet. Da wird die halbe wikipedia kopiert, frischweg mit dem Mauslasso werden ganze Artikel gekapert und dann nur notdürftig mit eigenen 'Federn' geschmückt usw. Der Effekt: Du liest überall das Gleiche, jedes 'Autortum' - das sich ja vom 'Selbst' ableitet - hängt mausetot überm Zaun. @ Jean-Claude: 'Heinekismus' ist ein gutes Wort, ganz anders als 'Content'. Nur die PR-Abteilung von Heinekens hat vermutlich etwas dagegen. ;-) @ Jochen Hoff: Der 'Entropietod' für alle Meinungen wird die Folge sein. Ein Grau-in-Grau und ein Buchstabenbrei, der nur noch daherplappert wie Mäusekino, aber nicht mehr aufklärt, unterhält, anleitet, verändert, umdenken lässt - und was für Allotria Texte einstmals mit den Lesern anstellen konnten.

  • Frank

    20.03.08 (23:08:10)

    Ein echter Texter kann nie und nimmer ein Contentlieferant sein. Für das, was in den Medien Content genannt wird benötigt man lediglich Leute, die STR + COPY-Tasten betätigen können.

  • Detlef Guertler

    21.03.08 (11:52:41)

    @Frank: Ein echter Texter kann nie und nimmer ein Contentlieferant sein? Jaja. Und ein echter Komponist kann nie und nimmer Schlager komponieren. Und ein echter Dichter kann nie und nimmer Werbetexte schreiben. Und ein echter Musiker kann nie und nimmer in den Charts landen. Und ein echter Blogger kann nie und nimmer Sinnvolles absondern. --- Für das, was in den Medien Content genannt wird benötigt man lediglich Leute, die STR + COPY-Tasten betätigen können? "Die Medien" reichen von diesem Blog über die FAZ und Suhrkamp bis zu Sexheftchen und Neues Deutschland. Für einiges von dem, was dort Content genannt wird, bekommt man Journalisten-, Literatur- oder Nobelpreise. Falls Ihresgleichen versuchen wollen, eine Grenze zwischen gutem Inhalt und bösem Content zu ziehen - viel Spaß dabei.

  • Klaus Jarchow

    21.03.08 (14:13:43)

    Ein echter Texter wird sich nie als einen Contentlieferanten betrachten können. So ist es unmissverständlicher formuliert. Bspw. hat Schiller nie Content für die 'Räuber' geliefert: Die 'Räuber' wären nämlich ohne seinen Content schlicht nicht existent, gar nicht in der Welt. Der Text auf einer schöpferischen Stufe ist mithin immer integral, also 'Container und Content zugleich'. Bei der 'Abschreibe' - oder von mir aus Content - ist dagegen keinerlei schöpferische Fallhöhe gegeben, sie unterscheidet sich vom Text wie das Puzzle vom Gemälde ...

  • Thinkabout

    21.03.08 (15:41:14)

    @Klaus Jarchow: Hat Schiller nie eine Auftragsarbeit verfasst? Einen Bericht für eine Zeitung, eine Jahreschrift, irgend so was, weil er schlicht mal was zu essen brauchte? Und wenn nicht er dann doch andere. Ist dann eine solche Schreibe eines solchen Kalibers für ein anderes Gefäss nur noch Content? Ich finde diese Diskussion, wenn wir bei eigens entstandenen Texten angekommen sind, schlicht müssig. Und es ist einigermassen typisch, dass vor allem Blogger sich in solche Diskussionen endlos hinein steigern können: Denn das ist unter ihnen, unter uns offensichtlich "THEMA" und bringt Leser, Klicks und Traffic. Und darauf sind wir nun mal geil. Können wir uns nicht endlich darauf einigen, einfach gute Texte schreiben zu wollen - und darauf die Energien zu verwenden? Punkt.

  • Detlef Guertler

    21.03.08 (18:28:20)

    Dummes Zeug, mein lieber Jarchow. Nehmen wir einmal Deutschlands wohl "echtesten" Komponisten aller Zeiten, Johann Sebastian Bach, dessen Musik vermutlich noch Menschen in aller Welt verzaubern wird, wenn von unseren "echten" Texten kein einziges Bit mehr erhalten ist. Als Kantor in Leipzig (ab 1723) musste er für jeden Sonntag eine neue Kantate komponieren - und für die Feiertage natürlich auch. Insgesamt kamen so etwa fünf Jahrgänge Kantaten zusammen, danach wurden die Stücke auch schon mal wiederholt. Nach allen hier vom hohen Ross des echten Texters herabdiktierten Kriterien war Bach damals als Contentlieferant tätig. Aber er hatte ja auch einen ganzen Stall voll Kinder zu ernähren und auszubilden - was ihn nicht davon abhielt, herausragende Stücke zu komponieren. Eher im Gegenteil: Hätte ihn nicht sein Arbeitgeber zur Fließbandproduktion von Kantaten gezwungen, hätte die Menschheit heute wesentlich weniger großartige Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Etwa ab dem dritten Kind, lieber Herr Jarchow, werden Sie vielleicht auch etwas milder, also klüger, über die Relation zwischen Textproduktion und Broterwerb urteilen.

  • Klaus Jarchow

    21.03.08 (19:43:51)

    @ Thinkabout: Sogar Goethe hat zu hohen Geburtstagen den textenden Grüßaugust spielen müssen. Wegen dieser Texte würde er aber nicht zu jenem Goethe aus unserer Literaturgeschichte geworden sein. Da wäre er ein ganz kleines Licht. @ Gürtler: Gut, Sie haben mich überzeugt - wegen Ihres Kinderglaubens warte ich jetzt also geduldig auf den ersten Großdichter aus den Reihen unserer Contentlieferanten, derer mit dem schnellen Mauslasso. Im übrigen malten auch die frühen Meister im Auftrag der Kirche, Goya im Auftrag des spanischen Hofes etc. Sie wurden aber - das ist der Unterschied - hinzugezogen, weil sie die anerkannten Meister resp. sogar Hofmaler waren. Sie waren die besten ihres Fachs, ein Nonplusultra, das für Geld zu haben war. Bei Werbetextern resp. 'Gebrauchsschriftstellern' für Agenturen wie z. B. Springer & Jacobi gilt das gleiche Prinzip residuell übrigens heute noch. Im Web 2.0 und bei den Online-Medien aber eben nicht. Bach hätte keine einzige Kantate für die berühmte Thomaskirche komponieren dürfen, wenn er nicht Kontrapunkt und noch so einiges andere meisterlich beherrscht hätte. Auch Masereel, van der Velde erhielten unbestritten 'Aufträge' von Auftraggebern. Aber der Auftrag für einen 'Freelancer' oder 'Hofangestellten' macht doch nicht den Kern des Content-Problems aus. Das Problem mit dem Content besteht doch darin, dass er vor allem billig und nicht länger gut sein muss, dass die Auftraggeber meinen, ihren Text nicht mehr beim Schreiber (Journalisten, Texter etc.) bestellen zu müssen, sondern dass für ihre Zwecke auch der Bönhase genügt. Hauptsache cheapo! Und dass für das blöde Publikum der Effekt schon der gleiche sein wird, ist dabei ihre unbegründete Hoffnung. Sie bemerken den Unterschied selbst nicht mehr, weil in dem wild zusammenkopierten und -gekasperten Zeug zwar kein eigenständiges Wort mehr zu finden ist, es aber trotzdem klingt wie all der andere Schrott beim Nachbarnmedium auch. Kein neuer Gedanke kommt in diesen Textbrei mehr hinein, weil alles voneinander abgeschrieben ist: Stillstand, Rotation auf der Stelle, Versinken im Sumpf. Die Auftraggeber, weil sie meist außer BWL nichts mehr gelernt haben, sind dennoch völlig mit diesem 'me too' zufrieden, Hauptsache, Geld gespart und Rendite gesteigert. Tscha - und dann kommt eben der Exitus. Milchmädchenrechner ... Ist der Unterschied jetzt klar ... ?

  • Thinkabout

    21.03.08 (20:02:52)

    Vielen Dank, Herr Jarchow, dass Sie mir so nachdrücklich und reich referenziell alimentiert auf die Sprünge helfen. Wissen Sie, was das Schönste ist? Als Blogger können Sie es trotzdem so halten, wie Sie wollen. Immer und auch weiterhin. Denn Christoph Lüscher, the Keepter of the Facts2.0, hat es sehr nett gesagt: Bloggen ist wohl eine der unökonomischsten Tätigkeiten im Netz. Und auch: Es gibt verschiedene Arten von Lohn für ehrliche Textarbeit, letztendlich muss jeder mit sich selber ausmachen, ob das, was er gibt sich in etwa aufwiegt mit dem, was er zurückbekommt. Ein aufstrebender Journalist schätzt vielleicht die Möglichkeit, von uns, oder von anderen Nutzern Inputs zu seinen Texten zu erhalten. Ein anderer zieht aus einem Kommentar die Idee für seinen nächsten Artikel. Der Philosoph schätzt einfach eine kluge Antwort auf seine kluge Frage. Der Altruist möchte nur helfen. Ein Blogger will nur einen Link. Ein anderer wiederum gibt mehr als er nimmt, will etwas Geld für das was er tut, und kriegt es auch, oder sehr viel Geld, und kriegt es nicht. Es ist interessant, dass gerade Blogger sich bei der "Citizen Journalism"-Debatte oft auf die rein monetären Aspekte der Diskussion konzentrieren - ist doch Bloggen eine der denkbar unökonomischsten Tätigkeiten im Netz. (aus der Diskussion bei Facts2.0 über diesen Artikel)

  • Klaus Jarchow

    22.03.08 (09:20:10)

    Das ist klar - Thinkabout: Wenn ich drüben in meine Sargnagelschmiede blicke, dann habe ich für etliche tausend Texte, die dort inzwischen stehen mögen, noch nie auch nur einen Cent gesehen. 'Unökonomischer' geht es wahrlich nicht. Und auch hier in der 'medienlse' schreibe ich ja nicht gerade deshalb, um mir eine goldene Nase zu verdienen, sondern weil mich bestimmte Themen in einer höchst wandelbar gewordenen Medienlandschaft wirklich interessieren. Hinzu kommt eine gewisse Resonanz für diese Sicht der Dinge. Zumindest geht es hier - wie man sieht - oft hoch her und man hat als Schreiber seinen Spaß. Ich fahre in diesem Text auch an keiner Stelle Angriffe gegen 'die Blogger'. Von denen nennt auch selten jemand dasjenige 'Content', was er in sein Blog stellt. Wer so daher redet, der hat - im Gegensatz zu den Bloggern - immer die Verwertbarkeit im Auge. Mir geht es also mehr um die Community-Betreiber, um die Online-Verleger, um die Portaleröffner, um die SEO-Marketeere, um die - kurz gesagt - kapitalistischen Verwerter der Web-2.0-Veranstaltung, die an alles denken, vor allem an sich, aber nie daran, wie der Mensch, der das alles schreibt, halbwegs menschlich entlohnt werden könnte. Das sind nämlich diejenigen, die unaufhörlich von Content reden, 'damit nicht mehr ersichtlich sei, wo irgendwo ein Mensch dabei ...'

  • Klaus Jarchow

    22.03.08 (09:34:36)

    Nachtrag: Wo er recht hat, hat er ja recht. Darum geht's, um eine neue Form der 'Verschweinung dieser Welt', manche sprechen auch von 'allseitiger Ökonomisierung' - un dim Zentrum des Geschehens steht der 'Content', der den Text längst ersetzt hat: "Blogger haben nichts zu gewinnnen, Journalisten viel zu verlieren - so könnte man das alles zusammenfassen. Gesucht werden contentliefernde Vermarkter zur Bespassung derer, die sich mit diesem Mix zugunsten der Kundschaft ködern lassen. Knallharte Ansage, im Prinzip wie Prostitution. Und es sieht nicht so aus, als würden den Medien recht viel bessere Angebote einfallen. Vielleicht ist es auch ganz gut so."

  • Jean-Claude

    22.03.08 (12:02:26)

    @ Detlef Guertler, Johann Sebastian Bach war ein Jahrtausend-Genie. Im Journalismus oder unter Bloggern sind wir doch schon froh, wenn wir auf Tages- oder Halbtages-Genies stossen. Also: Der Vergleich zieht irgendwie nicht. Was aber natürlich stimmt: kurzgehaltene Content- und Wasauchimmer-Produzenten sind produktiver als wohl ausgestattete. Das gilt selbst für Genies wie Bach, Mozart und die Beatles. Damit würde wir dann aber eine tiefgreifende Oekonomiedebatte eröffnen...

  • Klaus Jarchow

    22.03.08 (12:49:20)

    Immerhin - der Name ist richtig geschrieben. Schon mal über Sinn und Zweck von Anführungsstrichen nachgedacht, bester Herr Gürtler? ;-)

  • Detlef Guertler

    22.03.08 (13:48:32)

    Na klar: Anführungsstriche sind Zeichen für wörtliche Rede bzw. für ein Zitat. Für "Verschweinung dieser Welt" habe ich bei Google keinen Treffer gefunden, auch nicht beim von Ihnen verlinkten Don Alphonso, also konnte es sich nicht um ein Zitat handeln, sondern um eine von Ihnen geprägte Formulierung, die Sie zwecks Ironisierung in Anführung gesetzt haben. Bei letzterem handelt es sich allerdings um ein Stilmittel, das seiner Missverständlichkeit und Gekünsteltheit wegen echte Texter niemals verwenden, sondern allenfalls verschweinte Contentlieferanten...

  • Klaus Jarchow

    22.03.08 (14:09:53)

    Ach so - Dieter Dehm selbst zitieren ... *man fasst es ja nicht*

  • Thinkabout

    22.03.08 (21:00:24)

    @ Klaus Jarchow: Ich habe es befürchtet. Bei aller Sympathie, aber dass auch hier der in solchen Diskussionen unvermeidliche Hinweis auf einen Beitrag von Don Alphonso kommen musste, den ich hiermit, auc noch verlinken muss, um der Bogi-Netiquette zu entsprechen, nehme ich Ihnen persönlich üblich. Figuren wie er haben nämlich längst über eine Art reflexartig zwanghaft reaktives Bashing, das sich vordergründig der Blogkultur verschreibt, eine Content-Geilheit eindimensionalen Zuschnitts entwickelt, die einfach nur noch bemühend ist.

  • Klaus Jarchow

    23.03.08 (08:21:21)

    Nanana - wenn das der Don Alphonso hört!

  • Detlef Guertler

    23.03.08 (11:35:37)

    @Klaus Jarchow: Keine Sorge, wird nicht passieren. Vergangenen Juni hat er mich "mieser Trafficlutscher" genannt und wegen mir sein taz-Abo gekündigt. Seither sind wir uns blogmäßig nicht mehr über den Weg gelaufen...

  • Frank

    24.03.08 (02:15:10)

    Werter Herr Guertler: also bezeichnen Sie sich selbst als Contentlieferant? Als Texter erscheint mir das peinlich, dieser gewollt-modernistische Engleutsch- oder Denglish-Verschnitt, dieses geschmacklose Zusammenschnipseln von Wortteilen (um nicht zu sagen: Worthülsen), der dann "Contenlieferant" ergibt. Da grauselts mich.

  • Detlef Guertler

    24.03.08 (11:00:46)

    @Frank: Ich habe mich nie als Contentlieferant bezeichnet, und werde mich auch nie als solcher bezeichnen - in eigener Wortwahl bin ich Publizist, Journalist, Texter oder Autor. Ich hätte allerdings überhaupt kein Problem damit, für jemanden zu arbeiten, der mich als Contentlieferanten bezeichnet, solange für mich das Kosten-Nutzen-Verhältnis dabei stimmt. So wie ich beispielsweise bei einem meiner Kunden "für die Witzischkeit zuständig" bin, und auch das mit Fassung trage. Aber ich halte es für abgeschmackte Bigotterie, wenn man versucht, zwischen den Begriffen "Texter" und "Contentlieferant" einen Qualitätsunterschied zu konstruieren, der direkt zum Untergang des Abendlandes führt.

  • kazak

    25.03.08 (18:21:03)

    Der Nutzer muss unterscheiden können, was gelieferter Content oder journalistisch hochwertiger Text ist ... "Die Medien" veröffentlichen Beides. Wie wär´s denn mit einem EU-Warnhinweis: "Dieses Medium enthält gekaufte Inhalte. Sie genügen keinen journalistischen Kriterien und stellen auf jeden Fall die Meinung des Anbieters dar", o.s.ä. ... ?

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