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12.03.12Leser-Kommentare

Informationsverbreitung im digitalen Zeitalter: Der Kony-Effekt

Unglaubliche 90 Millionen Mal wurde die von der Hilfsorganisation Invisible Children verbreitete, heftig kritisierte Video-Dokumentation innerhalb von einer Woche abgerufen. Der Fall zeigt, wie viel Verantwortung mittlerweile auf den Schultern der Anwender liegt - und wie sich diese nicht immer darüber im Klaren sind.

 

Der Film der US-Non-Profit-Organisation Invisible Children, "Kony 2012", wird zweifellos in die Geschichtsbücher der digitalen Welt eingehen. Noch nie zuvor gelang es einer Kampagne, in derartig kurzer Zeit eine globale Bekanntheit zu erreichen. Fast 90 Millionen Mal wurde der Clip bei Vimeo und YouTube innerhalb von knapp einer Woche abgerufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die mit 30 Minuten auch ungewöhnlich lange Produktion damit das bis dato viralste Onlinevideo jemals.

Eine Reihe von in den letzten Tagen veröffentlichten Artikeln werfen ein kritisches Licht auf die Kampagne von Invisible Children - einer Organisation, die zwar seit 2005 eine Sichtbarkeit im Netz aufweist, die aber den meisten in den letzten Tagen mit ihr in Kontakt gekommenen Menschen bisher kein Begriff gewesen sein dürfte. Moniert wird unter anderem der prozentual geringe Anteil der Spendengelder, der in die eigentliche Hilfsarbeit fließt, sowie die Tatsache, dass der Film Sachverhalte falsch darstellt und durch Manipulation und das Betätigen der Tränendrüse versucht, Betrachter zu einer monatlichen Spende zu bewegen.

Kony 2012 ist deshalb nicht nur ein bisher einzigartiges Beispiel für die Distributionskraft von Social Media, sondern auch ein Beleg für das Desinformations- und Propagandapotenzial der vernetzten, durch die Nutzer "beherrschten" Welt.

Dutzende Male tauchte der Link zum Film in der vergangenen Woche in meinem Facebook-Newsfeed auf. Häufig wurde er von dem Aufruf begleitet, man solle ihn unbedingt weiterverbreiten. Mehrfach entwickelten sich in den Kommentaren Diskussionen über die Integrität der Organisation und über den Wahrheitsgehalt des Streifens.

Nutzer tragen Verantwortung

Ein Kommentar klagte darüber, dass es so anstrengend sei, eigenmächtig nachrecherchieren zu müssen - und beschrieb damit die große Herausforderung für alle, die sich aktiv an der Verbreitung von Informationen im Internet beteiligen: Wer einen in puncto Qualität und Dramaturgie an eine Hollywood-Produktion heranreichenden Spendenauruf in Videoform einer bisher weitgehend unbekannten Hilfsorganisation weiterempfiehlt, ohne sich zumindest kurz bei externen Quellen über die Macher und den im Film dargestellten Sachverhalt zu informieren, handelt verantwortungslos. Nur sind sich viele dieser neuen Verantwortung gar nicht bewusst. Sie begreifen nicht, dass sie in der Gemeinschaft eine Reichweite besitzen, die denen der größten Medienkonzerne dieses Planeten gleicht.

Propaganda, absichtliche Irreführung und Manipulation hat es schon immer gegeben. Doch in einer Zeit, in dem jeder Mensch gleichzeitig Empfänger und Sender von Informationen sein kann, verändern sich die Spielregeln und öffnen sich Tore für neue Akteure mit eigenen Agenden, die an den bisherigen Gatekeepern - den klassischen Massenmedien - nicht ohne Weiteres vorbeigekommen wären.

Der Kony-Effekt

Barbara Streisand hat vor neun Jahren mit ihrem misslungenen Versuch, Informationen zu unterdrücken, einem für das Internet äußerst charakterischen Phänomen einen Namen gegeben.

Gut möglich, dass bei künftigen Analysen zu typischen Eigenheiten und Dynamiken der digitalen Welt neben dem Streisand-Effekt auch der Kony-Effekt Erwähnung findet. Dieser tritt in Aktion, wenn eine hochemotionale, aber inhaltlich potenziell fragwürdige Illustration eines Problems, Missstands oder Ereignisses, die mit einem Handlungsaufruf verbunden ist, Millionen von Menschen zeitgleich mobilisiert oder dazu bewegt, diese Information weiterzuverbreiten.

Kony 2012 ist mit Sicherheit nur der Anfang.

Kommentare

  • Andreas Weck

    12.03.12 (09:23:32)

    Hab dazu auch mal einen kleinen Besinnungsaufsatz geschrieben. http://www.netzpiloten.de/2012/03/09/von-pr-propaganda-und-dem-hype-um-einen-schlachter/

  • Vincent

    12.03.12 (17:54:12)

    Denn Beitrag trifft es sehr gut! Wobei ein Stück Wahrheit dahinter schon steckt, ihr seht es etwas zu kritisch. Doch das verbreiten ohne sich zu informieren ist blöd, ich würde dafür nicht spenden und auch nicht irgendwelche Fanartikel kaufen.. aber prinzipiell find ich den Ansatz interessant. Joseph Kony hat zwar schon seit 2005 Anklagen (laut Wikipedia) und lieht grad in Kongo im sterben, aber da lässt sich nix ändern wenn das Videomaterial teilweise 10 Jahre alt ist! Grüße, Vincent

  • Axel

    13.03.12 (00:57:47)

    Bei aller Kritik sollte man aber auch mal abwägen, was besser ist: Auf seinem Hintern sitzen und an den Aktivitäten anderer herummäkeln, oder selbst mal die Initiative ergreifen und dabei vielleicht auch den einen oder anderen Fehler machen. Gerade die Kritik an dem geringen Anteil der Gelder, die vor Ort ankommen, ist absurd. Explizites Ziel dieser Kampagne ist es, im Westen das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen (und zwar nicht nur in Bezug auf Kony). Logischerweise wird dann auch ein Großteil des Geldes im Westen ausgegeben. Warum wird hier schon wieder schwarz-weiß gemalt? Warum kann man nicht sagen, hey, toller Ansatz, kann aber noch verbessert werden?

  • Martin Weigert

    13.03.12 (06:05:04)

    Es geht ja weniger um den eigentlichen Inhalt sondern mehr um die um das Video herum entstandene Dynamik. Meine Absicht ist es nicht, zu werten, sondern darzustellen, dass eine unklare Faktenlage der Viralität des Videos keinen Abbruch getan oder sie sogar befördert hat. Klar ist es gut, wenn Aufmerksamkeit für die Probleme in Afrika geschaffen wird. Doch sollte dies imo nicht bedeuten, nicht die dafür eingesetzten Mittel zu hinterfragen. Zumal überhaupt nicht klar ist, wie nachhaltig dieser Klick- und Share-Aktionismus der Nutzer ist. Sprich, wie viele Menschen künftig tatsächlich mit einem anderen Bewusstsein für die Problematiken des Kontinents durchs Leben gehen. Und wie viele nur (vielleicht fälschlicherweise) denken, Uganda sei der absolute Schurkenstaat.

  • Martin Bredl

    13.03.12 (08:37:17)

    Danke für diese ausgewogene Darstellung. Ich stimme nicht überein, dass die Nutzer die Verantwortung tragen, denn wie du richtig schreibst sind sich die Nutzer der Verantwortung nicht bewusst.

  • Urs Steiner

    13.03.12 (08:47:46)

    Danke für diese sehr interessante Analyse! Well done! Ich selber hab' das Video auch weiterempfohlen, ohne gross darüber nachzudenken ob die Organisation die hinter der Aktion steht auch glaubwürdig ist und seriös agiert.. Die Produzenten haben mit ihrem "emotionalen" Video einen perfekten Job gemacht, die virale Verbreitung ist dafür der beste Beweis. Hoffen wir nur, dass dieser Rebellengeneral am Schluss dann auch tatsächlich dingfest gemacht wird ..

  • Sven Busse

    13.03.12 (13:23:07)

    Nur weil sich jemand seiner Verantwortung nicht bewusst ist, bedeutet das doch nicht, dass er sie nicht hat?!

  • Mark Müller

    14.03.12 (09:49:08)

    Das Video ist ziemlich Einseitig. Die ugandische Regierung hat das Video kritisiert und als gezielte Missinformation kritisiert. Ueberhaupt haben viele Ugander im internet das Video kritisiert. Kony ist nicht mehr in Uganda. Zudem glauben viele aus der Region das er schon tot ist. Es ist einfach nur komisch das ein solch gut gemachtet Video dem US-Bürger darum bittet in einem Land zu intervenieren wo gerade viel Öl gefunden wurde. Wenn man genügend recherchiert weisst man auch das das US-Militär seit 2008 in der Region in nicht gerigem Masse operiert. Zu dem ist der ugandische President der seit den 80er Jahren an der Macht und benutzt selber Kindersoldaten. Die Regierung ist selber bei der Bevölkerung verhasst und von den US unterstützt. Ihr müsst nichts glauben. Macht euhre eigene Recherchen und ihr werdet zum Schluss kommen das es wieder mal nur um Oel geht. Logisch ist oder war Kony ein schlimmer Finger. Aber was machte ihm zu dem? Wie eliminieren wir die sozialen faktoren die einem Mensch so werden lassen? Ist den eine Intervention nochmals nötig? Ich finde es gut das sich mehr und mehr Menschen für das Schicksal anderer Menschen interessieren. Jedoch bin ich persönlich gegen nochmehr Krieg in dieser Region. Wir im Westen sind selber das Problem. Wir brauchen zu viele Rohstoffe und die Grossverdiener sowie auch die Politiker manipulieren uns in Kriege um die Dritte Welt zuberauben die wir schon seit mehr als 500 Jahren ausbeuten. Konys werden gefragt und werden von Unseren Geselschaft kreirt.

  • Tom

    20.03.12 (13:37:25)

    Und nicht zuletzt: Müssten die unzähligen Verbreiter des Videos nicht sehr vorsichtig sein – als Atome der "Schwarmintelligenz", die nunmehr ein gewaltiges Spendenaufkommen in ganz andere Bahnen lenkt? Im Blog medienlese.de bringt es Martin Weigert auf den Punkt: "Wer einen in puncto Qualität und Dramaturgie an eine Hollywood-Produktion heranreichenden Spendenaufruf in Videoform einer bisher weitgehend unbekannten Hilfsorganisation weiterempfiehlt, ohne sich zumindest kurz bei externen Quellen über die Macher und den im Film dargestellten Sachverhalt zu informieren, handelt verantwortungslos. Nur sind sich viele dieser neuen Verantwortung gar nicht bewusst." [http://polkomm.net/blog/?p=581] Das gilt natürlich mehr noch für die US-Celebrities, die sich von der Kampagne vereinnahmen ließen. Wenn man 10 oder 20 Millionen Follower hat, dann trägt man defintiv Verantwortung. Künstler neigen ja oft dazu, den Gutmenschen zu mimen, statt die Klappe zu Dingen zu halten, von denen sie nichts verstehen. In Zeiten des Social Web wird das dann zum politischen Problem. Mehr Fakten dazu hier: http://polkomm.net/blog/?p=581

  • Martin Weigert

    20.03.12 (16:14:10)

    Unser Blog heißt netzwertig.com, nicht medienlese.de ;)

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