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18.08.08

Infoflut im Web 2.0: Überfliegen statt lesen

ZeitdruckMit der stetig steigenden Zahl von Informationen im Web sind Nutzer immer häufiger gezwungen, Inhalte nur zu überfliegen, statt sie sorgfältig zu lesen. Diese Entwicklung birgt Risiken.

Das Web 2.0 ist in vielen Aspekten eine Bereicherung für Internetnutzer. Ab und an stellt es Menschen aber auch vor große Herausforderungen. Eine davon ist die enorme Informationsmenge, mit der wir uns konfrontiert sehen. (Redaktionelle) Inhalte kommen nicht mehr nur von journalistischen Angeboten, sondern werden auch über Millionen von Blogs, soziale Netzwerke, Microblogging-Dienste und Lifestreaming-Services publiziert.

Während Kritiker des Social Webs gerne anprangern, eine Armee schreibender Amateure würde das Web mit schlechtem Content überfluten, liegt das Problem eigentlich ganz woanders: Wissbegierige User haben pro zu lesendem Artikel immer weniger Zeit zur Verfügung, weshalb sie verstärkt Texte scannen müssen, statt diese sorgfältig zu lesen.

Mit einem ordentlichen Zeit- und Informationsmanagement sowie der Fokussierung auf die von persönlichen Kontakten und Meinungsführern veröffentlichten Inhalte lässt sich zwar die Anzahl täglich verfolgter Quellen auf ein mehr oder weniger gesundes Maß begrenzen, aber das ist noch lange keine Garantie dafür, dass man auch tatsächlich sämtlichen Content in Ruhe verinnerlichen kann.

User, die beruflich oder privat aktiv am Social-Web-Geschehen teilnehmen, stehen meist unter Zeitdruck. Selbst wenn sie die Zahl der verfolgten RSS-Feeds, Twitter- und Friendfeed-Streams sowie Nachrichtenseiten minimieren, bleibt ihnen häufig nichts anderes übrig, als die einzelnen Artikel schnell zu überfliegen, um sie irgendwie abzuarbeiten. Notlösungen wie das "Markieren aller Feeds als gelesen" helfen, um sich temporär vom Druck des Newsflows zu befreien. Langfristig sinnvoll sind sie aber nicht, denn letztlich folgt man diesen Quellen ja, weil sie einen interessieren.

Gerade die Star-Blogger der US-Blogosphäre scheinen Experten darin geworden zu sein, eine enorme, tagesaktuelle Informationsmenge verarbeiten zu können. Ich weiß nicht, ob Michael Arrington oder Robert Scoble die Technik des Schnelllesens beherrschen, aber selbst damit würden sie es nicht schaffen, jedem gelesenen Artikel eine hundertprozentige Aufmerksamkeit zu schenken. Laut Wikipedia können Schnellleser bis zu 1000 Wörter und mehr pro Minuten aufnehmen. Der durchschnittliche, geübte Leser erfässt in diesem Zeitraum dagegen "nur" 200 bis 300 Wörter. Da ist es keine Überraschung, dass wir häufiger überfliegen müssen, je mehr Beiträgen wir lesen wollen.

Warum bezeichne ich die Entwicklung als problematisch? Superhirne ausgenommen, steigt mit dem verstärkten Scannen von Texten das Risiko, dass man wichtige Informationen überliest. Im Endeffekt könnte dies dazu führen, dass Menschen ihre Wissensgebiete zwar erweitern, diese jedoch lückenhafter werden. In vielen Fällen würde dieses nicht vollständige Know-how über Blogs und andere Kanäle weitergegeben werden, wovon die unter Zeitnot stehenden Empfänger wiederrum lediglich einen bestimmten Prozentsatz mitnehmen. Davon abgesehen macht es auch einfach mehr Spaß, wenn man sich in Ruhe einem spannenden Artikel widmen kann, ohne das Gefühl zu haben, innerhalb von 30 Sekunden das Wichtigste erfassen zu müssen.

Bleibt die Frage nach Wegen, um dieser Entwicklung gegenzusteuern. Generell dürfte es sich wohl für jeden Web-2.0-Freund lohnen, seine Lesekapazität und -geschwindigkeit zu erhöhen. Auch ein knallhartes Entfernen von Quellen und Content-Streams, die sich in der Vergangenheit als wenig relevant erwiesen haben, wird helfen, Raum und Zeit für die wirklich wichtigen Inhalte zu schaffen.

Und natürlich reicht es manchmal auch tatsächlich aus, Artikel lediglich zu scannen. Dennoch kann sich in jeder mittelmäßigen Ausführung irgendwo eine wissenwerte Information verstecken, die einem dann mit großer Wahrscheinlichkeit entgeht. Eventuell müssen wir uns im Zeitalter des sozialen und partizipativen Webs aber ganz einfach mit der Situation abfinden und abwarten, ob die Menge täglich veröffentlichter Informationen auch in den nächsten Jahren weiter steigen wird, oder ob die Evolution des Netzes am Ende eine Konzentration auf weniger, dafür hochrelevante Inhalte mit sich bringt.

Überfliegt ihr häufig Texte, die ihr im Web findet? Stört euch dies? Wie stellt ihr sicher, trotz Scannings alles Wichtige mitzubekommen?

(Grafikquelle: Iconfinder)

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