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17.10.13Leser-Kommentare

Im Zuge von Medienkrise und Überwachungsskandal: IT-Milliardäre entdecken ihre Liebe zum Journalismus

eBay-Gründer Pierre Omidyar nimmt den Überwachungsskandal und den Druck auf diesen enthüllende Journalisten zum Anlass, ein neues liberales Nachrichtenmedium zu gründen. Nach Jeff Bezos engagiert sich damit abermals ein IT-Milliardär im Mediensektor. Es könnten mehr werden.

Pierre OmidyarWenige Monate sind vergangen, seit Edward Snowden mit seinen Enthüllungen zur Überwachungspraxis von NSA und anderen Geheimdiensten begann und allen die Augen darüber öffnete, in welchem Ausmaß Bürger in der digitalen Welt unter ständiger Beobachtung stehen. Dass diese Erkenntnisse Konsequenzen haben würden, war abzusehen. Mit einer Folge dürften aber die wenigsten gerechnet haben, als im Juni die Veröffentlichung von Details zum Überwachungsprogramm Prism die Welle an Snowden-Leaks eröffnete: die Entstehung einer neuen Medienorganisation. Pierre Omidyar, der Gründer von eBay, nimmt den im Zuge der Berichterstattung über die Geheimdienstpraktiken von Regierungen auf Journalisten ausgeübten Druck zum Anlass, eine neue Nachrichtenpublikation in die Wege zu leiten. Wie gestern bekannt wurde, hat er für dessen Team Glenn Greenwald verpflichtet - den in Brasilien lebenden Journalisten, der das Vertrauen von Whistleblower Snowden erlangen konnte, daraufhin zahlreiche Exklusivberichte zu den Leaks verfasste und sich sowie seinen bisherigen Arbeitgeber, das britische Zeitungshaus The Guardian, damit viel Aufmerksamkeit verschaffte. Auch Greenwalds Partnerin im Fall Snowden, die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, wird Omidyars neuem Projekt zur Seite stehen.

"Aus 'Mainstreamlesern' engagierte Bürger machen"

Omidyar, in Frankreich geborener, im Kindesalter in die USA übergesiedelter Sohn iranischer Eltern, hatte 1995 eBay gestartet und 1998 erfolgreich an die Börse gebracht. Mit seinem jetzt bekannt gewordenen Vorhaben einer neuen liberalen Digital-Only-Publikation reagiert er auf die sich abzeichnenden Einschränkungen journalistischer Arbeit in demokratischen, bisher von weitgehender Pressefreiheit charakterisierten Ländern. Dies erläutert der Omidyar-Vertraute Jay Rosen, der frühzeitig in Omidyars Pläne eingeweiht wurde. Das neue Medienunternehmen sei profitorientiert, werde aber Unabhängigkeit und den nach Ansicht von Omidyar für funktionierende Demokratien unabdinglichen investigativen Journalismus als oberste Prioritäten sehen. In einem Statement verkündet Omidyar, sein Ziel sei es, aus "Mainstreamlesern" engagierte Bürger zu machen.

Auch wenn Omidyar, dessen Vermögen auf 8,5 Milliarden Dollar geschätzt wird und der bis heute eine nicht-operative Rolle als Chairman des eBay Boards bekleidet, nach eigenem Bekunden schon vor der Causa Snowden mit dem Gedanken eines neuen Nachrichtenprojekts liebäugelte, so waren es die Ereignisse des Sommers, die ihn bestärkten und schließlich zu einem Entschluss brachten. Zuvor hatte er bereits Möglichkeiten ausgelotet, die Washington Post zu erwerben. Diese ging letztlich jedoch an Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Erst Bezos, nun Omidyar

Omidyars Pläne, die dank der Verpflichtung des hochangesehenen Reporter-Gespanns Greenwald und Poitras nicht nur nach spontanen Träumereien eines neue Spielerein suchenden Milliardärs klingen, erscheinen speziell im Lichte der Washington-Post-Übernahme signifikant. Diese war Bezos 250 Millionen Dollar wert. Es zeichnet sich eine Bereitschaft der Schwergewichte der Webindustrie ab, in durch finanzielle und politische Faktoren unter Druck geratenden Journalismus zu investieren; in eine kostenintensive, unabhängige Berichterstattung, die alteingesessene Verlage entweder nicht stemmen können, oder von der sie ihre Nähe zu politischen Lagern abhält. Lediglich Greenwalds ehemaliger Arbeitgeber, The Guardian, positioniert sich bisher erfolgreich und glaubhaft in dieser Domäne. Während bei Bezos, dem sowohl liberale als auch konservative Werte nachgesagt werden, noch unklar ist, wie er die Post ausrichten wird, muss sich Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger bei Omidyars kommendem Nachrichtenangebot auf neue Konkurrenz einstellen. Vielleicht ist er aber auch froh darüber, sich nicht mehr weitgehend allein in die Schusslinie verärgerter Regierungen und Geheimdienste stellen zu müssen.

Das Interesse von Bezos und Omidyar am Journalismus lässt viel Raum für Gedankenspiele. Heute erscheint nicht unwahrscheinlich, dass auch andere finanziell gut situierte Persönlichkeiten aus dem IT-Geschäft Verlage übernehmen oder neue Medienprojekte anschieben. Finanziell angeschlagene und damit günstige Akquisitionsobjekte gibt es zuhauf, zumal selbst hunderte Millionen investierte Euro für Leute wie Mark Zuckerberg, Bill Gates, Larry Page oder Larry Ellison Peanuts sind. Als Rendite winken nicht in erster Linie sprudelnde Gewinner sondern Meinungsmacht und Möglichkeiten subtiler Einflussnahme. Mit ihrer stetig wachsenden wirtschaftlichen Macht schaffen sich die Facebooks, Googles und Apples dieser Welt und ihre steinreichen Lenker viele Feinde. Sich stärker im journalistischen Bereich zu betätigen, mag da eine effektive Ergänzung zu den bereits existierenden Lobbymaßnahmen darstellen.

Das heißt aber nicht, dass der Journalismus zwangsläufig darunter leiden muss. Was Pierre Omidyar plant, der sich seit langem als Philanthrop betätigt und 2010 in Hawaii eine mehrfach ausgezeichnete Nachrichtenwebsite startete, kann man nur begrüßen. /mw

Kommentare

  • Michael

    17.10.13 (13:51:41)

    Das zeigt wohl um ein weiteres, dass Ehrgeiz und Herausforderung der großen Internet-Unternehmer vor allem kreativer Natur ist - zumal sie es finanziell sowieso nicht mehr nötig hätten. In Sachen Onlinejournalismus ist es um so aussichtsreicher, weil sie im Gegensatz zu den alten Printverlagen bereits einschlägige Internet-Erfahrungen haben. Kann von mir aus gerne Schule machen, zumal sie damit mehr systematisches inhaltliches, gesellschaftliches Engagement zeigen als "nur" Algorhitmen und Waren verkaufen.

  • mark

    17.10.13 (19:43:29)

    Gab es nicht Verlage bzw. deren Lobbyisten, die drohten, wenn das Leistungsschutzrecht nicht komme. Wird halt Coca Cola in Zukunft die Nachrichten bringen. Hatten wohl ungewollt recht. Nur das es höchstens für die Verlage ein Alptraum ist. Für Leser scheint die Konkurrenz eher ein Segen zu werden.

  • Michael

    19.10.13 (13:03:50)

    Es ist sowieso ein großer Trugschluss des journalistischen Medienwandels, dass er nur von bisherigen alten Medienmonopolisten wie Presse oder TV bewältigt werden könnte. Dabei ist es ja nur zu natürlich, dass mit Entstehen eines neuen riesigen Medienkanals wie dem Internet auch neue Medienakteure, darunter auch neue Online-Medienmonopolisten entstehen. Dass das den alten Medien-Platzhirschen nicht gefällt und sie darüber anfangs am lautesten wehklagen, ist natürlich klar, wird das Publikum mit weiterem Fortschreiten des Medienwandels aber immer weniger scheren.

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