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12.03.08Kommentieren

Im Test: WWE-Magazin

Nachdem sich die Bravo eher als Mädchenzeitschrift herausgestellt hat, nehmen wir uns ein echtes Jungsheft vor. Es geht um Schlägereien und Muskeln, Kampf und Show, aber auch um Klatsch und Lebenshilfe: Das Wrestling-Magazin WWE Magazin.

WWE-MagazinIm Test: Ausgabe 3/2008, März 2008.

Allgemeiner Eindruck

Vermutlich liegt es an meinem einfachen Gemüt, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich beim erstmaligen Durchblättern einer Zeitschrift so oft gelacht habe. Handelt es sich bei Wrestling schon um eine absurde Sportart, so ist eine Zeitschrift darüber noch einen Tick absurder. Das Heft ist zu einem grossen Teil eine Übersetzung des US-Originals WWE Magazine USA, das von dem börsenkotierten Medienunternehmen WWE - World Wrestling Entertainment herausgegeben wird (Umsatz 2007: 485.7 Millionen US-Dollar). WWE lief übrigens gemäss Wikipedia bis 2002 unter dem Namen World Wrestling Federation (WWF), musste sich dann aber dem unter dem Kürzel WWF bekannteren World Wide Fund For Nature beugen.

 

Zielgruppe

Die allgemeine Zielgruppe für Wrestling ist gemäss Wikipedia zwischen 10 und 30 Jahren und hauptsächlich männlich. Interssanterweise wird das Publikum aufgeteilt in Marks (Fans, die nicht wissen, dass Wrestling inszeniert ist) und Smart Marks (Fans, die sich der Tatsache, dass Wrestling eine inszenierte Show ist, bewusst sind und Wrestling als Unterhaltungsshow sehen):

Viele Wrestlingfans waren einmal Marks, und viele nennen diese Zeit die schönste Zeit, da sie sich damals am meisten mit den Kämpfern identifizieren konnten. Durch die verbesserte Informationsverbreitung mit Hilfe des Internets sind erwachsene Marks heute nur noch selten anzutreffen.

WWE-Magazin

Anspruch

Über die deutsche Ausgabe ist online nichts in Erfahrung zu bringen, aber über das seit 25 Jahren erscheinende Magazin in den USA heisst es:

WWE Magazine is a leading men?s lifestyle publication that delivers unique, behind-the-scenes content to WWE fans and new enthusiasts. Packed with features, photos, exclusive interviews and access, the publication focuses on what fans won?t see on television. Read by more than four million readers every month, WWE Magazine is ranked ?top-5? in retail revenue for the men?s category with more than $1 million in newsstand sales every month. In October 2007, the magazine celebrated its 25th year by publishing its 500th Issue Anniversary Special.

Titelseite

Farbig überstellt, ganz Boulevard. Der Ringer auf dem Titelbild, Jeff Hardy, gibt ab Seite 53 ein längeres Interview. Ein Mann mit farbigen Haaren, der sich unter Wasser entfesselt. Von den schwarzgefärbten Fingernägeln abgesehen - was für ein Kerl.

WWE-Magazin

Aufmachung

Sehr boulevardmässig: Alles in Hochglanz, viele Bilder, unzählige grafische Ideen, unzählige Farben und Varianten. Immer schön ist das nicht, aber überraschenderweise auch nicht sehr daneben. Etwas störend ist die vielfach verwendete extrem kleine Schrift, doch ok, ist ja kein Seniorenmagazin in Grossdruck.

WWE-MagazinVerlag

Sports Action Entertainment Verlags GmbH, Düsseldorf.

Auflage

Nicht dabei bei IVW.

Erscheinungsweise

monatlich

Seitenanzahl

84

Preis

5.50 Euro (Deutschland), 6.30 Euro (Österreich), 10.50 CHF (Schweiz). Im Abonnement 6 Ausgaben kosten 30 Euro, 12 Ausgaben 60 Euro. Als Zusatzleistung kriegt der Abonnent, die Abonnentin das Heft eine Woche bevor es im Zeitschriftenhandel erhältlich ist.

Preis / Leistungsverhältnis

Die Bravo ist von der Seitenanzahl vergleichbar, kostet aber nur 1.30 Euro. Jungs zahlen also für eine Publikation, die ihren Interessen entgegenkommt, also mehr als vier Mal mehr als die Mädchen. Das ist unfair. Nicht nur, weil bei der Bravo noch Gadgets beiliegen. Es ist einfach viel zu viel für ein durchschnittliches Taschengeld.

WWE-MagazinOnlineauftritt

Die Website wwe-magazin.de bietet kaum mehr als drei E-Mail-Adressen und zwei pdf-Files, ein schwacher Auftritt. Da muss der Bub erst englisch lernen, um wwe.com zu verstehen. Aber verknüpft mit Interesse klappt ja lernen am Besten.

Inhalt

Viele tragen vermutlich das Vorurteil mit sich, Wrestling sei ein dumpfer Sport. Doch sieht man sich mal diese lesenswerte Liste "bekannter" Wrestling-Begriffe durch, dann kommt man fast nicht umhin, zuzugeben, dass sich auch in diesem Sport eine Art von Kultur herausgebildet hat - ich glaube nicht, dass eine solche Liste beim Fussball oder beim Ballett länger wäre. Und über diese "Kultur" schreibt ein Wrestling-Magazin - über den schmalen Grat zwischen Ernst und Spass. Nicht vergessen sollte man, dass sich die gesamte Gesellschaft und gerade die Medien dem Niveau, auf dem sich die Wrestler schon immer, ohne selbst gross Aufheben darum zu machen, befanden, in den letzten Jahren stark angenähert haben.

Tiefgründig ist das Magazin nicht - was es aber mit Unterhaltsamkeit wett macht. Zudem geht es nicht nur um Wrestling, es sind auch Ratgeberrubriken eingebunden - jedoch so subtil, dass es der pubertäre Leser gar nicht merkt. Zum Beispiel stellen Leser in der Rubrik "Wissenswertes - Perlen der Weisheit von den schlausten WWE-Superstars" zwei Girls in Glitzerbikinis Fragen und kriegen Lebenshilfe zurück. Dem Leser, der die Frage "Meine Freundin hatte früher einen tollen Körper, doch in letzter Zeit verwandelt sie sich zunehmend in ein unförmiges Etwas. Sollte ich das ansprechen?" stellt, wird geraten, nie! den Ausdruck "unförmiges Etwas" in ihrer Anwesenheit zu verwenden (sowie einen gemeinsamen Workout und eine gemeinsame Diät vorzuschlagen).

WWE-MagazinAndere Beispiele für Lebenshilfe im Heft sind die Tipps der WWE-Superstars ab Seite 56, "wie man alles hinkriegt": Sie erklären, wie man seine Gesichtsbehaarung verfeinert ("Wasche den Bart genau so wie deine Haare. Verwende täglich Shampoo und Conditioner. Ansonsten wird's schnell jucken"), wie man sich beim Chef einschleimt ("Falls es gemeinsame Interessen gibt, baue darauf auf. Aber spiele ihm nichts vor - jene, die sich plötzlich für Golf interessieren, nur weil es der Chef spielt, sind immer sehr verdächtig") und wie man es schafft, am Buffet möglichst viel zu essen ("Wenn du so langsam das Gefühl bekommst, dass das Essen wieder oben raus möchte, ist natürlich ein kritischer Punkt erreicht. Du musst jetzt tief in dich gehen. Denke jetzt an alles, nur nicht an den riesigen Klumpen in deinem Magen").

Ab Seite 62 wird die Körpersprache von tanzenden Frauen erklärt - verschiedene Typen werden analysiert: Die "Hands up in the air"-Braut, die "Angeberin", die "Keine Blicke"-Lady, die "Selbstberüher", der "Roboter"-Sonderling, die "sie hat zwei linke Füsse"-Verliererin.

WWE-Magazin

Highlights

Das herausnehmbare Poster in vierfacher A4-Grösse. Auf der einen Seite ist es zu zwei Dritteln schwarz und am Rand mit einem lebensgrosen Bauch mit anschliessenden Boxershorts und Jeans bebildert, offenbar ein Teil einer Starschnittserie. Auf der anderen Seite kann man sich seinen eigenen Superstar erschaffen:

Wir haben Dutzende Superstars seziert und ihre Körperteile auf diesem Poster platziert, damit du Dr. Frankenstein-artige Experimente machen kannst. Vermische die Teile und füge sie so zusammen, dass du den nackten Wrestler so gestaltest, dass er wie ein richtiger Superstar aussieht. Bastle den grossartigsten oder vielleicht auch unheimlich schlechtesten Wettbewerber in der Geschichte des Sports-Entertainment zusammen. Du hast die Macht!

Ich werde natürlich eine der beiden Seiten aufhängen, ich weiss nur noch nicht welche.

WWE-MagazinLowlights

Die mit He-Man-Figuren nachgestellten "wahren Geschichten", "wie sie uns von den Superstars höchstpersönlich zugetragen wurden". In dieser Folge geht es darum, dass der eine Wrestler dem anderen den Schluss eines Films verrät, was diesen derart ärgert, dass er ihm ein Glas Wasser über den Salat kippt.

Sex-Appeal

Das Blatt sprüht nur so von Testosteron, was vermutlich, je nach Fall, besonders sexy oder besonders abstossend wirkt. Die abgebildeten Frauen sind oft spärlich und figurbetont bekleidet. Es sind aber Frauen, denen man kein Mangel an Selbstbewusstsein vorwerfen kann. Beth Phoenix, "the Glamazone", sagt über sich:

Ich bin eine sehr gut aussehende Frau, die grösser, stärker und besser als alle anderen Diven ist, die vor meiner Zeit im Rampenlicht standen. Ich bin die Göttin des Schmerzes. Ich bin die Über-Diva. Ich bin der nächste Schritt in der Evolution der WWE-Diva.

Werbung

Werbung? Gute Frage, hab ich noch kaum welche gesehen - die sind so gut eingebaut, dass sie nicht auffallen, nicht mal als Schleichwerbung. Ah ja, doch, hier: DVDs auf Seite 2, DVDs auf Seite 39, doch das sind WWE-Produkte. Auf der letzten Seite macht Premiere Werbung - für einen WWE-Event. Nicht WWE-Werbung hat die WWE offenbar nicht nötig - es ist schlicht keine drin.

Fazit

Handwerklich ist das Heft einwandfrei gemacht. Ich habe nicht einen Tippfehler gefunden, es überzeugt grafisch und inhaltlich, es ist frisch, frech und witzig, es spricht die Sprache seiner Leser. Abzug gibt es eigentlich nur dafür, dass es ein übersetztes US-Heft ist und dass es offenbar nicht sehr aktuell ist (Seite 75: Der Monat in Zahlen. Alles was im September wirklich eine Rolle spielte). Eigentlich traurig, dass deutschsprachige Medien etwas lernen könnten von einem US-amerikanischen Showringerkonzern.

Bewertung

7/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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